Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 38 (24.9.1937)
- Date
- 1937-09-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064663-3064699--21310-3086651- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Nr. 38 — 24. September 1937. Seite 3 Warum Herr Stricker in Wien bleibt! In einer der letzten Nummern der „Neuen Welt" verrät Herr Oberbaurat Stricker, daß .auch beim Zionisten-'Kongreß in Form eines Zwischenrufes an ihn die indiskrete Frage gerichtet wurde, warum er bei seiner leidenschaftlichen Einstellung für Palästina, den jüdischen Nationalismus und Judenstaat noch weiter in Wien bleibt und es vorzieht, tausende Kilometer von seinen Idealen entfernt für diese zu wirken, da es doch viel einfacher wäre, „sieh', das Gute liegt so nah", an Ort und Stelle sich zu betätigen, die konnationalen und arabischen Gegner zu bekämpfen und der englischen Palästina-Verwaltung Ratschläge zu geben, wie es gemacht werden muß, und im Falle der Nichtbefolgung das große Britische Reich scharf anzugehen. Emphatisch rief Herr Oberbaurat Stricker auf dem 20. Zionisten-Kongreß in der Debatte über den Teilungsplan aus: „Wir Neinsager glauben, daß unsere Kinder und Enkel" und weiterkam er vorläufig nicht, weil der Zwischenrufer fortsetzte, „auch weiter in Wien bleiben werden." Der beabsichtigte Schluß des Satzes, „unsere Namen mit Stolz nennen werden", ging laut „Kongreß-Zeitung" in der allgemeinen Heiterkeit unter. In der erwähnten Nummer der „Neuen Welt" gibt nun Herr Oberbaurat Stricker die triftigen! Gründe an, warum er und seine Nachkommen in Wien bleiben und nicht nach Palästina auswandern werdem Da heißt es zunächst, daß man auf ein „Zertifikat" Anspruch erhebt, welches wegen der Gegnerschaft zum Präsidenten Dr. Welzin a n n nicht zu bekommen ist, weil dieser zu allererst seinen nächsten Parteiangehörigen und deren Familienmitgliedern die Zertifikate geben wird, so daß den „patriotischen Zionisten" — was meint man mit dem Rätselwort —, die ohne Protektion der Histadruth dastehen', der Weg nach Erez Israel verwehrt ist. Neu ist, daß Herr Oberbaurat Stricker erst dann nach Palästina geht, bis er ein Zertifikat bekommt. Wir haben immer geglaubt, daß die Zertifikate in erster Linie für die vermögenslosen. Chaluzim da sind, die als Pioniere mit ihrer Hände Arbeit den Boden urbar machen, ihn entwässern und dem Anbau zurückgewinnen. Wir haben1 immer geglaubt, daß Herr Oberbaurat Stricker entweder selbst oder mit Hilfe seiner Parteifreunde die tausend Pfund, die vorgeschrieben sind, aufbringen kamv und wird, mit denen man auch ohne Zertifikat einwandern kann, und daß er nicht darauf reflektiert, einem mittellosen Einwanderer das Zertifikat wegzunehmen und für sich zu verwenden. Aber es kommt noch besser. Herr Oberbaurat Stricker und seine Parteifreunde wollen nur nach Palästina gehen, wenn sie — einträgliche Posten erhalten! Die „Neue Welt" schreibt: „Und. was die zionistischen Posten (im Original gesperrt, Anmerkung der Redaktion) anlangt, so sind sie bereits ebenfalls von den nächsten Parteiangehörigen Dr. Weizmann's, den Linken und ihren Mitläufern, besetzt. Wie da die Kinder und Enkel der Neinsager nach Palästina kommen sollen, ist rätselhaft." Also nur, wenn man ein Zertifikat und einen einträglichen Posten in Palästina im Sack hat, dann wolle.i die „patriotischen Zionisten" Oesterreich den Rücken kehren und in Palästina den Judenstaat gründen helfen. Die Ideale in Ehren, aber sicher ist sicher. Diese „Bekenntnisse einer schönen Seele" werden wir noch öfters der österreichischen Judenstaats-Partei (oh, welch blühender Unsinn liegt in diesen drei Worten!) und ihrem Führer vorhalten. Neue Mattzkurse Tel. U 20-7-24 für Anfänger, auch Studentenkurse beginnend ab 29. September l. J., 7,5 Uhr abends. Einschreibung täglich HatlZSchule tedstein, L, Werdertorgasse Nr. 7 lin zireistfineidiges fdkwpewt. Bekanntlich ist es im Leben häßlich eingerichtet, daß neben Rosen gleich die Dornen stehen, eine Erfahrung, die nicht bloß der Trompeter von Säckingen machen mußte, sondern die auch den Trommlern des Antisemitismus manchmal nicht erspart bleibt. So leitartikelten jüngst die „Wiener Neuesten Nachrichten" über „die Juden in Jugoslawien", wobei sie mit sichtlicher Genugtuung feststellten, daß in den katholischen Landesteilen des südslavischen Staates die Judenhetze blüht. Besondere Anerkennung zollte das Blatt den Slovenen, die alle jüdischen Studenten aus Polen, die wegen des in ihrer Heimat herrschenden numerus clausus an der Laibacher Uniersität hatten studieren wollen, kurzer Hand auswiesen. Welch ein Triumph der Kultur, daß dasselbe Schicksal, welches frühere, zurückgebliebene Zeiten bloß arbeitsscheuem Gesindel bereiteten, jetzt auch strebsamen jungen Leuten, die allen Schwierigkeiten zum Trotz etwas lernen wollen, droht! Aber die Freude der „Wiener Neuesten Nachrichten" dauerte nicht lange. Schon 24 Stunden später beklagten sie sich mit bitteren Worten darüber, daß sich die Unduldsamkeit der Slovenen auch gegenüber den Deutschen bemerkbar macht, deren Ansprüche auf ein eigenes nationales Leben vollständig ignoriert würden. Das ist Pech! Wie soll man fremder Borniertheit froh werden, wenn einem diese plötzlich ins eigene Antlitz fährt, statt sich auf die Mißhandlung der Juden zu spezialisieren. Das betont nationale Blatt mag sich trösten: es ergeht der betont katholischen Presse in dieser Hinsicht keineswegs besser. Diese hat noch nie sich veranlaßt gefühlt, gegen Pauschalverdächtigungen der Juden moralische Bedenken auszusprechen. Wenn aber das „Schwarze Korps", das reichsdeutsche Organ der S.-S., „sich nicht scheut, den katholischen Klerus im Pauschal zu beschimpfen und schließlich überhaupt die katholische Bevölkerung großer Staatsgebiete als moralisch minderwertig abzutun", dann ärgert sich die „Reichspost" kräftig über „solchen Geschichtsklimbim, der berechnet ist für Unwissende oder blinde Fanatiker". Uns Juden hat Hillel als die sittliche Grundlehre unserer Religion den Spruch achten gelehrt: „Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg' auch keinem andern zu!" Die Beherzigung dieser Tendenz von den „Wiener Neuesten Nachrichten" und der „Reichspost" zu verlangen, hieße ihre Verjudung fordern. Das geht natürlich nicht. Man muß schon froh sein, wenn diese Organe zeigen, daß sie wenigstens auf dem moralischen Boden des „Schwabenspiegels" stehen, der (in der Nachschrift zum Lehensrecht) bemerkt: „Es ist niemand so ungerecht, den es nicht unbillig dünkt, wenn man i h m Unrecht tut . . .". Ein neues „Nürnberger Gesetz". Der diesjährige Nürnberger Parteitag konnte keine „Judengesetze" mehr annehmen, weil alle die Juden entsprechenden und diskriminierenden Gesetze bereits von früheren Parteitagen beschlossen' wurden. Die Korrespondenz der Nationalsozialistischen Partei verkündet nun im Zusammenhang mit dem jetzigen Parteitag das folgende Gesetz: „Jeder Deutsche kann, wenn er es für richtig hält, einen Juden ablehnen, kann ihm den Verkauf von Lebens- oder anderen Artikeln des täglichen Bedarfs oder die Vermietung eines Wohnraumes verweigern." Zunächst wird die Ausübung dieses „Rechtes" dem Deutschen freigestellt, allein in Anbetracht der bisherigen nationalsozialistischen Praxis ist zu befürchten, daß im Wege eines turbulenten Terrors dieses „Recht" zu einem Zwang werden wird. ffiittfcftaftttcfte j^eratungsftefle in der „Union" unter Leitung des Obmannes des Organisation - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEXIUS SALZER: jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" 1., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A 19-2-77. Jedes Mitglied der „Union" erhält in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen u. kaufmännischen Angelegenheiten, Steuerberatung oollhommen unentgeltliche Auskunft. Decfid)etungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbruch, Glas, Haftpflicht Unfall, Transport, Polizzenprüfung etc Die Mitglieder der „Union" erhalten eine namhafte BegUnatiaunm der Ptämlensäiz». Gefängnisstrafen bis zu vier Monaten für dänische Antisemiten. Das Gericht in Kopenhagen hat jüngst das Urteil im Prozeß gegen fünf wegen Verbreitung von Schmähschriften und Verleumdung der jüdischen Religionsgemeinschaft angeklagte dänische nazistische Literaten gefällt. Der Redakteur der „Nationalsozialistischen Monatshefte" und der Zeitschrift „Bavnen" (Bergieuer), N. Olsen, wurde wegen eines Artikels über „Schändung nicht jüdischer Frauen und Mordgelüste der Juden" zu 80 Tagen Gefängnis, der „Führer" einer der drei Gruppen der dänischen NSAP, Aage Andersen, wegen dreier von ihm verfaßter und herausgegebener Broschüren, in welchen die Juden aufs gröblichste beschimpft und besudelt werden, zu 60 Tagen Gefängnis, und der Angeklagte Lemvig-Müller wegen Herausgabe einer von ihm aus dem Deutschen übersetzten Broschüre „Die Moral der Juden" zu 40 Tagen Gefängnis verurteilt Im Falle des Redakteurs des „Stormen" (Sturm), Vald. Jensen, ist die Strafe bereits in der wegen zu gleicher Zeit veröffentlichter Hetzartikel über den Ministerpräsidenten Stuning und andere Regierungsmitglieder erfolgten Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis enthalten. Der Angeklagte N. Möller wurde wegen Anbringens eines Plakates mit schmähenden Bemerkungen über das Alte Testament zu 20 Tagen Gefängnis verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es u. a.: „Das Gericht findet, daß die in der Anklageschritt angegebenen Aeußerungen im allgemeinen als für die hier im Lande ansässigen Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft ehrenkränkend anzusehen sind und daß nicht der Beweis erbracht worden ist, daß die Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft gemäß der in diesen Aeußerimgen bezeichneten, nach allgemeiner Ansicht verwerflichen Moral, handeln und leben oder daß eine solche Moral in Uebereinstimmung mit ihrer Religion stehen oder in ihrer Gemeinschaft gelehrt werde. Das Gericht erachtet es als bedeutungslos, daß die Angeklagten in den mosaischen Schritten Sätze nachgewiesen haben — über deren Auslegung übrigens Meinungsverschiedenheiten bestehen —, in welchen Lebensregeln gegeben werden, die gegen die allgemeine gesellschaftliche Moral verstoßen sollen, da die Angeklagten, wie angeführt, nichts vorgebracht haben, was bestätigen könnte, daß die Mitglieder der hier lebenden jüdischen Religionsgemeinschaft nach diesen Regeln leben; das Gericht findet im Gegenteil keine Bedenken, das für richtig anzusehen, was Oberrabbiner Dr. F r i e d i g e r in einem zu diesem Zweck abgefaßten Gutachten anführt, nämlich, daß Juden in den Ländern, wo sie sich angesiedelt haben, .sich überall vollkommen, selbstverständlich und natumotwendig nach den Gesetzen des Landes richten'." „Simchas Thora-Feier." Der in der jüdischen Oeffentlichkeit bestbekannte Cafetier S. Buchsbaum veranstaltet in seinem modernst eingerichteten Lokale, II., Kleine Pfarrgasse 21, am Dienstag, den 28. September, um y.9 Uhr abends, eine Simchas Thora- Feier. bei welcher u. a. die Künstler Otto Grosse, Baby Po 1 a, Mundi Hausknecht mitwirken. Die Musik besorgt die Kapelle Merkur. Für verschiedene Belustigungen und angenehme Unterhaltung ist vorgesorgt. Normale Preise.