Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 38 (24.9.1937)
- Date
- 1937-09-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 38 — 24. September 1937. beziehiing der Minderheiten in den Staatsgedanken. Das eben bedeutet den Verzicht auf nationalstaatliche Ideologie. Bin Nationalstaat, der für seine konnationalen Volksgruppen in anderen Staaten Rechte beansprucht, setzt sich zu sich selbst in Widerspruch und alle seine Bemühungen müssen als unwahrhaftig empfunden werden. Deshalb kann Minderlieitenpolitik immer nur von den Minderheiten selbst geführt werden, niemals von einer Zentrale im konnationalen Staate. Der nationalstaatliche Politiker ist gar nicht imstande, das Minderheitenproblem zu begreifen, dessen eigentlicher Sinn der Kampf gegen den Nationalismus und nicht seine Aufrüstung ist. Die Interessen der Außenpolitik des Staates fallen mit denen der konnationalen Minderheiten nicht zusammen. Bs gibt doch wohl zu denken, daß die Lage der deutschen Minderheiten am trostlosesten in den Ländern ist, die in einem freundschaftlichen Verhältnis zum Deutschen Reich stehen. Wo aber die Beziehungen gespannte sind und die deutsche Außenpolitik in der Lage ist, für die deutschen Minderheiten einzutreten, wie in der Tschechoslowakei, verhindert die außenpolitische Beunruhigung eine endgültige Lösung des Problems. Nur eine Minderheit, die sich selbst für ihr Schicksal verantwortlich weiß und aus ihrer eigenen Situation heraus die Richtlinien ihres Verhaltens bezieht, kann sich für Lebensbedingungen einsetzen, die unabhängig von jeder außenpolitischen Konstellation, zu dauernden Rechtsverhältnissen führen. Deshalb ist eine eigenständige Minderheitenpolitik, die vom konnationalen Staate ausschließlich kulturell-karitativ unterstützt wird, die Voraussetzung einer friedlichen Lösung der Minderheitenfrage. Solange die nationalistische Bewegung in allen europäischen Staaten ein entscheidender Machtfaktor ist, werden allerdings die Minderheiten zu ihrem Rechte nicht gelangen können, solange sie nicht in einer überstaatlichen Organisation einen Rechtsschutz genießen. Als solcher Rechtsschutz war der Völkerbund gedacht. Es ist heute schon eine Banalität, sich über die Ohnmacht des Völkerbundes lustig zu machen. Und niemand wird bestreiten wollen, daß der Völkerbund fast auf allen Tätigkeitsgebieten versagt hat. Es beruht aber auf einem Denkfehler, wenn man den Völkerbund als eine völlig gesonderte Institution darstellen will, auf die die einzelnen Staaten voll Ueberbeblichkeit jede Verantwortung für alle Mißerfolge der internationalen Politik abschieben können. Der Völkerbund ist doch nichts anderes als die Gesamtheit dieser Staaten. Und wenn der Völkerbund versagt hat, so liegt das nicht an den Grundgedanken, die zu seiner Begründung führten, sondern an der Tatsache, daß die einzelnen Staaten selbst sich in Gegensatz zu diesen Grundgedanken gestellt haben. Im Jahre 1929 schrieb ich über die Hoffnungen, die die Minderheiten auf den Völkerbund setzen: „Wir werden warten müssen, bis die Zeit den Völkern Staatsmänner beschert, die sich nicht nur vor ihrer Partei, sondern vor ihrem Lande, nicht nur vor ihrem Lande, sondern vor Europa, nicht nur vor Europa, sondern auch vor der ganzen Welt verantwortlich fühlen." Diese Wahrheiten sollten sich die jüdischnationalen Minderheitsrechtschwärmer hinter die Ohren schreiben. Die besten Elsen Wirstauf SelAvarea 3 mal täglich frisch bei 1A6EL, Wiei ll.9 Praterstralie 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Herbert Danby, Oxford: Unmoral des Herrn Dr. Alfred Rosenberg In der Reihe der Publikationen der Londoner Gesellschaft „Friends of Europe" erschien jüngst eine Broschüre (Nr. 54), die sich mit dem Alfred Rosenbergschen Pamphlet „Unmoral im Talmud" beschäftigt. Die Einleitung wurde von dem Kanonikus Dr. Herbert Danby, Professor des Hebräischen an der Universität Oxford, geschrieben. Wir bringen sie hier mit einigen Kürzungen in deutscher Uebersetzung. Es gibt nichts Mystisches über den Talmud. Während langer Zeit wurde er vom Christentum verdächtigt als eine Quelle blasphemischer Fabeln, und diese Verdächtigung, die von christlicher Unwissenheit verbreitet und aufgeblasen wurde, hat die Juden heftigen Verfolgungen ausgesetzt die begleitet waren von Konfiskationen des Talmud und Zerstörung seiner Abschriften. Aber seit dem 16. Jahrhundert war es ein offenes Buch für alle Hebräisch-Studierenden, die sich die Mühe machten, die Schwierigkeiten der talmudischen Sprache und Methode zu überwinden. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts war das Werk in seiner Gesamtheit in Uebersetzungen in die eine oder andere moderne Sprache erfaßbar. Somit kann jeder, der arbeitsam genug ist, die Erklärungen widerlegen, die in Dr. Alfred Rosenbergs „Unmoral im Talmud" enthalten sind. Man kann die Inhalte im Licht der Gesamtbedeutung nachlesen, man kann sich ein Bild machen von dem großartigen Gesamtwerk, das als Talmud bekannt ist, und so kann man sich eine eigene Meinung bilden von der Ehrlichkeit und Mentalität dieses Dr. Rosenberg, dessen Mission es sein soll, die Meinung der neuen deutschen Jugend zu führen und zu bilden. Leider werden nicht viele von denen, die Rosenbergs Pamphlet lesen, seinen Inhalt überprüfen. Obwohl der Talmud nicht mehr unerreichbar ist, so ist sein Studium nicht leicht: es ist zu umfangreich, die Einzelheiten sind vielfach chaotisch und der Stil ist zu seltsam, gewunden und konstruiert, um ihn zu einer einfachen Lektüre zu machen. Es ist vollends unmöglich, in wenigen Sätzen einen Eindruck der Natur des Talmuds zu übermitteln . . . Worin jene Leute irren, die glauben, den Talmud als einen Stedten benutzen zu können, mit dem man auf die Juden einschlagen kann, oder als ein Mittel, mit dem man die Juden verurteilen kann, ist die Unterstellung, daß der Talmud für die Juden das sei, was die Bibel für die Christen oder der Koran für die Mohammedaner ist. So ist das nicht Der Talmud wird von den Juden ausgelegt und studiert, weil er eine Arena ist, die sich über sechs Jahrhunderte jüdischen Geisteslebens erstreckt und die sich mit der Torah, den Schriften und dem Familienleben beschäftigt. Es gibt da ganze Abschnitte, die sich mit „Sportplatz" besser bezeichnen ließen als mit „Arena". Das Familiäre (in doppeltem Sinn) mit dem Schrifttum ist ein besonderer jüdischer Zug, das Schrifttum kann sowohl als ein erleichternder Führer zum göttlichen Willen benutzt werden, als auch als ein dialektisches Material für Dialektik als solche und dieses, ohne Gefühl für Inkongruenz, wenn von ernstester Exegese zu leichten, allegorischen Auslegungen übergegangen wird. Diese charakteristischen Züge des Talmud muß man kennen, wenn man sich mit den „Erklärungen" des Talmud des Herrn Rosenberg befassen will. Ein Punkt, der für Beobachter der deutschen National-Pathologie von besonderem Interesse ist, ist die offene Tendenz zum Typisieren, die in des Herrn Rosenberg „Unmoral im Talmud" aufgewandt wird. Die Benutzung herausgerissener Texte aus alten jüdischen Schriften, um die Juden nach mehr als tausend Jahren zu diskreditieren und lächerlich zu machen, ist eine Praxis, die in Deutschland ihre lange Geschichte hat. Es begann mit der Reuchlin-Pfefferkorn-Kontroverse vor der Reformatiön, es wurde von Martin Luther in seinen späteren Jahren fortgesetzt (er schrieb ein Buch „Von den Juden und ihren Lügen", worin er vom Talmud als einem Werk von Lügen, Gottlosigkeit und Flüchen spricht), es setzte sich in mehr akademischer Form mit Wagenseils „Tela Ignea Satanae" („Satans feurige Geschosse") fort, 1681, einer Sammlung angeblich antichristlicher jüdischer Schriften, und es erreichte seine monumentalste Form mit Eisen mengers „Entdecktes Judentum", 1700, mehr als 2000 Seiten Auszüge aus jüdischen Schriften und allem möglichen anderen Material, das dazu dienen sollte, die Juden zu diffamieren. Das Rosenbergsehe Pamphlet ist nur eine ärmliche Imitation von Eisenmengers riesigem Band, aber der Geist ist der gleiche und genau wie bei Eisenmenger auch hier das völlige Fehlen der Genauigkeit typisch. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden christliche Studenten mit jüdischer Literatur besser bekannt und die Eisenmengersche Methode geriet in Verruf. Deutschland brachte einige der bedeutendsten Geister auf dem Gebiet des jüdischen Studiums hervor und diese Männer taten ihr Bestes zur Verteidigung ihrer jüdischen Mitbürger gegen die alte und maliziöse Art, mit der der deutsche Antisemitismus vielfach arbeitete. Es schien fast als ob der Eisenmengersche Geist völlig ausgetrieben sei. Der verstorbene Israel Abrahams erzählt die Geschichte, wie er kurz vor dem Kriege August Wünsche — den hervorragenden Uebersetzer jüdischer Werke — besuchte, der über die Windstille im deutschen Antisemitismus sich so beklagte: „Als ich begann, rabbinische Texte zu übersetzen, war der Antisemitismus in schönster Blüte. Meine Uebersetzungen wurden zu Tausenden gekauft. Die Antisemiten kauften sie, um sie anzugreifen. Die Juden kauften sie, um sie zu verteidigen. Aber jetzt liest man mich auf beiden Seiten nicht mehr . . ., der Antisemitismus ist nicht mehr, was er war." Aber immerhin beweist Herr Rosenberg jetzt daß Wünsches Arbeit nicht umsonst war. Ein paar Worte müssen gesagt werden über Herrn Rosenbergs Art der Textauswahl. Sie geschieht, es braucht kaum gesagt zu werden, im Geiste der Bosheit und Niedertracht. Uns geht ein Typ nichts an, der es für sauber hält ein altes Dokument lediglich zu dem Zweck zu benutzen, um Absurditäten zu konstruieren, die mit heutigen Bräuchen nicht übereinstimmen. Das gleiche könnte man mit irgend welchen anderen orientalischen oder klassischen alten Literaturen tun. Aber das ist eine Methode, die keine Bewunderung verdient sondern charakteristisch ist für m i ß g eleitete, krankhafte Schülerhaftigk e i t und nicht für objektives Studium. Was man aber nicht übergehen kann, das ist die ständige Ignoranz und verantwortungslose Boshaftigkeit mit der — wie es vielfach geschieht — Auszüge in einer Weise vorgebracht werden, daß der beabsichtigte schädigende Zweck wie folgt erreicht wird: a) durch Mißverständnis in sich, b) durch Interpretierung eines falschen Sinns infolge der Abtrennung vom Gesamttext, c) durch falsche Zitate. Es wäre ermüdend, sich mit einer Reihe solcher Zitate auseinanderzusetzen. Es steht jedem Leser frei, die meisten Rosenbergschen Zitate zu widerlegen an Hand von Goldschmidts Deutschem Talmud oder des Soncino English Talmud. Wo der Talmud Gebrauchsanweisungen gibt für den Verkehr zwischen Juden und Andersgläubigen im zweiten Jahrhundert, so können diese offenkundig nicht als Gesetze ausgelegt werden, deren sich die Juden im Verkehr mit ihren heutigen Zeitgenossen bedienen. Das ist nicht nur selbstverständlich, es wird auch durch die Folgen späterer jüdischer Kommentatoren bewiesen. Ein talmudisches Grundgesetz, das für das Judentum unverändert in Kraft geblieben ist lautet: „Das Gesetz des Staates ist auch das Gesetz für die Juden". * H. Kraft, der Autor des Artikels „Schach der Vermeyerung", erschienen in der „Wahrheit", Nr. 15 vom 16. April 1937, schreibt uns: Das war aber nett von den Nazi, daß sie einen jüdischen Vorschlag so raSch der Verwirklichung zuführten: Ich war nämlich derjenige, der bald nach Aussetzung des Nazi-Nationalpreises den Rosenberg als liter-arischen Preisträger nominierte, u. zw. in meinem oben erwähnten Aufsatz in der „Wahrheit". Ich habe nun in Erfahrung gebracht, daß die Ueberreichung des Preises am jüdischen Neujahrstage als diskrete Aufmerksamkeit für mich aufzufassen war. u berweisen Sie noch heule Ihr Abonnement!