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Die Wahrheit · 1937-09-24 · Heft 38 (24.9.1937) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 38 (24.9.1937)
Date
1937-09-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 38 — 24. September 1937. Seite 3 Hitlers Nürnberger Schlußrede. Als wir unseren in der vorigen Nummer erschienenen Bericht über den diesjährigen braunen Parteitag schrieben, war noch eine kleine Sensation ausständig: Hitlers Abschlußrede. Die braune Propagandaleitung nennt diese Rede einen „Warnruf an die ganze Welt vor dem zersetzenden jüdischen Bolschewismus", und schon daraus ersehen unsere Leser, daß wir unser zusammenfassendes Urteil über die auf dem Parteitag gehaltenen Reden nicht zu revidieren brauchen. Wir schrieben damals, daß diese Reden nichts Neues boten, sondern nur mühselig an den Haaren herbeigezogene Variationen des alten Parteischlagers waren: „Der Jude ist unser Unglück." Auch die Abschlußrede des Führers und Reichskanzlers enthielt nichts anderes, und wenn wir sie trotzdem eine Sensation nennen, so geschieht dies nicht wegen ihres substantiellen und geistigen Gehalts, sondern wegen der grotesken Diskrepanz zwischen diesem Gehalt und der Stellung des Redners. Als Dr. Lueger mit hemmungsloser Ausnützung antisemitischer Schlagworte Bürgermeister von Wien geworden war, überließ er die rüde Judenhetze, die seine Partei verlangte, den auf diesen Ton spezialisierten Unterläufein, wie dem berüchtigten Ernst Schneider. Auch Hitler besitzt solche Partisane, z. B. den Nürnberger Gauleiter Julius Streicher. Aber er distanziert seinen eigenen Ton auch jetzt als Reichsoberhaupt nicht von dessen „Stürmer"-Stil, sondern zeigt den seitsamen Ehrgeiz, mit ihm zu wetteifern. Und so erlebte Nürnberg, einst der Schauplatz künstlerischer Kämpfe der Meistersinger, seit das Dritte Reich seine nationalsozialistischen Parteitage dort abhält, den Wettbewerb politischer Meisterschimpfer. Hitler ist noch immer derselbe „Trommler", als der er sioh früher feiern ließ. Bloß bei der Auswahl seines Auditoriums zeigt sich der höhere Ehrgeiz des Staatsführers, der er vor vier Jahren geworden ist. Statt der Münchner Kleinbürger lädt er jetzt das diplomatische Korps zu Gaste und anstatt zu dem in jedem Sinne beschränkten Wirtshauspublikum seiner Kampfzeitreden spricht er heute „richtungweisend" zur -ganzen Welt. Aber seltsamerweise glaubt er, diesem höheren und erweiterten Auditorium keine bessere geistige Kost schuldig zu sein, als einst seinem Zulauf im Bürgerbräu. Seine Parteitag-Abschlußrede ging davon aus, daß im Lebenskampfe der Völker Naturgesetze und nicht Paragraphen des Völkerbundes maßgebend sind. Das stimmt! Wir können Herrn Hitler ein solches Naturgesetz nennen: das von dem Literarhistoriker Wimelm Scherer entdeckte unheimliche Gesetz, dem zufolge die deutsche Kultur alle 600 Jahre einen Höhepunkt erlebt, .sodann aber jedesmal rapid einem unaufhaltsamen Abstieg zu trostlosen Niederungen des geistigen Daseins verfällt. Und zwar sind es nach Scherer die Vorkämpfer des nationalen und konfessionellen Hasses, die Pioniere der rassischen und religiösen Unduldsamkeit, die diesen Niedergang herbeiführen. Wir bezweifeln, daß Hitler, der sich ja für einen großen Erneuerer der deutschen Kunst hält, gerade dieses Scherersche Naturgesetz im Auge hatte, als er sprach, aber er verwirklicht es jedenfalls durch seine Handlungen. Ebensowenig gedachte er der freien Aufstiegmöglichkeit der Juden in Frankreich und England zu den höchsten Staatsämtern und des segensreichen Gebrauches, den sie — in Frankreich Gambetta, in England Disraeli — von dieser Freiheit gemacht haben. Auch in den jetzigen Regierungen von Frankreich und England sitzen bekanntlich Juden. Trotzdem behauptet Hitler: „Eine brutale Diktatur einer fremden Rasse übt die Herrschaft über das eigentliche Russentum restlos aus. Insoweit aber dieser jüdische Rassenkern nun auch in anderen Völkern nach derselben Auswirkung strebt und dabei im heutigen Rußland seinen bereits eroberten Stützpunkt und Brückenkopf für eine weitere Ausdehnung sieht, ist dieses Problem zu einer Weltfrage geworden, die so oder so entschieden wird, weil sie entschieden werden muß." Ob sich dadurch England überzeugen läßt, daß sein jetziger Kriegsminister, der Jude ist, zur „Eroberung" seiner Stelle des russischen Stützpunkts und Brückenkopfs bedurfte, .steht dahin. Jedenfalls ist es von Hitler eindringlich gewarnt. Er deklariert die Juden als Träger eines „miserablen intellektuellen Wissens", als durchaus minderwertige, schöpferisch durchaus unbegabte Rasse von Stümpern, die es nicht durch Leistungen, sondern nur durch — blutige Ausrottung der bisherigen intellektuellen Oberschichten zu etwas bringen kann. Offenbar war der 30. Juni 1935 eine jüdische Angelegenheit zugunsten der Weltherrschaft der Weisen von Zion! Trotz der Verächtlichkeit dieses Gegners feiert es Hitler doch als einen mächtigen Triumph des Nationalsozialismus, daß er mit ihm fertig geworden ist. Dieser Sieg bestand bekanntlich in der Verdrängung der jüdischen Künstler und Wissenschaftler aus Deutschland, so daß die siegreichen Führer, wenn sie ihre kranken, von den arischen Aerzten des Dritten Reiches aufgegebenen Kinder kurieren lassen wollen, den jüdischen Aerzten ins Ausland nachlaufen müssen, weil halt die Juden lauter Stümper sind ...Alssolche „konnten sie natürlich nicht die Elemente der Die große Sensation 3ec £tste jiddische JumfUm Jidl mU'u 5idl mit Mali JUCOH Ur- und Alleinaufführung in jiddischer Sprache mit deutschen Fußtiteln. Auyaxien - JCina IL, Hütete AuQMteHSttaße 28 3jäep!um A 40*5-98 wird alle interesdas Grundelement Sachseis — QualitätshUte S 9.80 U. 12.— Feine fiaarfilzhüte S 19.— u. 23.— Borsalino Ant. Casa S 32.— II., TaborstraBe Nr. 39 XIV., SechshauserstraBe. Nr. 39 XVII., Katvarienberggasse Nr. 34 Kultur schaffe n". Das sieren, die die Judenbibel für der Kultur halten. Einen Beweis seines eigenen, natürlich nicht miserablen, sondern gediegenen Wissens lieferte Hitler mit der-Behauptung, daß, wie überall, auch in Spanien, das bekanntlich seit 1493 judenrein ist, die Juden den Bolschewismus propagieren. Und so sei es auch in Deutschland und in Ungarn gewesen. Hitlers „Warnungs,ruf" hat bereits ein sehr bezeichnendes Echo gefunden, und zwar gerade in Ungarn, wo man mit der bolschewistischen Gefahr schon einige Erfahrung gemacht hat, momentan aber die Gefahr einer vom deutschen Nationalsozialismus ausgehenden Weltrevolution für aktueller hält. Der ehemalige Ackerbauminister von Ungarn, Nikolaus K a 11 a i, hielt im Rahmen einer katholischen Landesversammlung eine Rede gegen den Mythos des Blutes und sagte u. a.: „Was können wir hier mit dem Mythos des Blutes anfangen, den die Deutschen nach dem verlorenen Krieg zu ihrem eigenen Trost erfunden haben? Die Betonung jeder Rassentheorie wäre hier nur geeignet, die seelische Einheit des Landes zu zerstören." Der Redner warnte seine Landsleute vor einer Nachäffung der nationalsozialistischen Methoden und erklärte: „Die Staaten, deren Freundschaft wir suchen, brauchen Männer, nicht — Affen!" Der ehemalige Minister, der auch jetzt in seinem Lande eine wichtige öffentliche Stelle bekleidet, vertritt also die Ansicht, daß jeder, der die nationalsozialistische Rassenpolitik des Dritten Reiches anderswo einschleppen will, ein — Affe ist. 1-64 Wahre Worte über das „Recht' der nationalen Minderheiten. Niemals noch, weder vor noch nach dem Weltkriege, schreibt Paul Schiemann im „Christlichen Ständestaat", ist die Lage der nationalen Minderheiten, d. h. der Volksgruppen, die in europäischen Staaten mit andersnationaler Mehrheit zusammenleben, eine so verzweifelte gewesen wie heute. Das braucht nicht weiter bewiesen zu werden. Jede flüchtige Zeitungslektüre bringt dafür immer neue Belege. Daß diese Entwicklung keine zufällige ist, erkennt man ohne weiteres, wenn man sich über die Voraussetzungen klar wird, die allein eine erträgliche Lage der nationalen Minderheiten möglich machen würden. Ich möchte von diesen Voraussetzungen nur drei Forderungen als völlig unumgänglich in den Vordergrund rücken: 1. Verzicht aller europäischen Staaten auf eine nationalstaatliche Ideologie. 2. Trennung der Minderheitenpolitik von staatlicher Außenpolitik. In «allem Versicherungsangelegenheiten — zuerst 75ß^5k/baof^«sfe££e ^■^^ der „Union", I., Schottenrtng 25, Telephon A 19-2-77, jeden Montag und Freitag von 10 bis 12 Uhr vormittags. / Leiter: Komm.-Rat Alexius Salzer. Für Lebensversichernngsberatang haben wir einen Spezialf achmann bestellt, welcher unsere Mitglieder besonders günstig beraten wird. 3. Eine aktivistische, streng auf dem Rechtsboden fußende Politik des Völkerbundes. Die Forderung eines Verzichtes auf die nationalstaatliche Ideologie bedeutet selbstverständlich nicht, daß die völkische Mehrheit in den einzelnen Staaten nicht mehr eine ausschlaggebende Rolle in der Verwaltung der staatlichen Aufgaben spielen solle. Diese ausschlaggebende Rolle der Mehrheit ist das natürliche Ergebnis eines demokratischen Entwicklungsgesetzes, das sich unabhängig von der Staatsform in jedem Gemeinschaftsleben durchsetzt. Die nationalstaatliche Ideologie beginnt erst in dem Augenblicke, wo als staatliche Aufgabe nicht mehr die Wahrnehmung der Interessen des gesamten Staatsraumes und seiner Bewohner, sondern der eines einzelnen Volkstums, eben der völkischen Mehrheit, gilt. Diese Ideologie schließt alle Minderheiten vom Staatsgedanken aus und führt sie damit selbsttätig dem Staatsgedanken ihrer konnationalen Länder zu. Eine Minderheitenautonomie auf staatsrechtlicher Grundlage ist unter solchen Umständen nicht mehr möglich. Es bliebe nur eine auf der völkerrechtlichen Grundlage eines völkischen Selbstbestimmungsrechtes aufgebaute Autonomie, die jede ideelle Bindung mit dem eigenen Staate aufgibt und die Minderheiten dadurch wirklich zu einem Staat im Staate mit eigenen außenpolitischen Bindungen macht. Also zu einer völligen Zersetzung des Staatswesens führt. In solcher Lage widerspricht auch jede nationale Toleranz der Staatsraison. Deshalb ist die Voraussetzung für jede staatsrechtliche Lösung der Minderheitenfrage die Ein-

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