Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 37 (17.9.1937)
- Date
- 1937-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 37 — 17. September 1937 DIE WAHRHEIT die Fuchtel des Hakenkreuzes geraten und vermehrt die ohnehin schon katastrophal große Zahl der Emigranten. In Polen, das im Völkerbundrate die Forderung nach möglichst großer Aufnahme . von Juden in Palästina erhob, in Rumänien und anderen Ländern weckt die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft gleichfalls die Sucht auszuwandern. England mag Zeit haben und die Gründung eines souveränen Judenstaates kleinsten Formats ist wirklich nicht die dringendste Notwendigkeit des Augenblicks. Wohl aber ist die Gewährung von Lebensraum für heimatlose Juden eine solche. Wir können nicht "warten, bis die Verhältnisse sich zum Besseren gewendet haben. Denn dann wird ja das Bedürfnis nach einer jüdischen Heimstätte in Palästina automatisch sehr herabgemindert sein und höchstens noch als politische Forderung der Jüdischnationalen fortbestehen. Heute ist. sie aber eine Forderung der Menschlichkeit und eine solche auf die lange Bank zu schieben, wäre eine der britischen Tradition wesensfremde Kulturwidrigkeit. Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Der braune Parteitag, Mit dem Begriff „Parteitag" war bis zu Hitlers Machtantritt die Vorstellung leidenschaftlicher Diskussionen weltanschaulich zwar gleichgerichteter, aber in Einzelfragen selbständig denkender und daher oft zu den divergierendsten Meinungen gelangender Köpfe verbunden. Nicht eine aufoktroyierte Harmonie, sondern die oft mit Verbissenheit verfochtene Differenziertheit des Urteils gab den nichtnationalsozialistischen Parteitagen ihr Gepräge und ihren Wert. Denn oft genug, wenn die Hitze der Debatten die aufhorchenden Gegner der betreffenden Partei auf deren baldigen Zerfall hatte hoffen lassen, stellte sich alsbald die Erfahrung ein. daß gerade die ungehemmte Freiheit der Aussprache zur Bereinigung aller inneren Gegensätze und zur Festigung der Parteisolidarität nach außen führte. Der Nationalsozialismus hat, zur Herrschaft gelangt, mit dieser Methode gründlich aufgeräumt. Seither trat nicht nur innerhalb der braunen Partei, sondern auch im ganzen von dieser Partei beherrschten Dritten Reiche an die Stelle politischer Debatten jene Gleichschaltung, die ihren sinnfälligsten Ausdruck im militärischen Gleichschritt findet. Daher geben dem Nürnberger Parteitag weniger die dort gehaltenen Reden sein Gepräge, als vielmehr die Aufmärsche der militärischen Formationen, von der staatlichen Wehrmacht und Polizei bis zu den eigentlichen Parteitruppen der N. S. D. A. P., der S.-A., der S.-S., des N.-S.-Kraftwagenkorps und des neugeschaffenen N.-S.-Fliegerkorps, nicht zu vergessen der Arbeitsdienst-Bataillone, die, obzwar die Anregung zu ihrer Schöpfung auf den Juden Popper-Lynkeas und die von ihm propagierte „allgemeine Nährpflicht" zurückgeht, laut Hitlers höchstpersönlich in Nürnberg an sie gehaltener Ansprache aus dem neudeutschen Leben nicht mehr hinwegzudenken sind. Es bleibt abzuwarten, ob Hitlers Parole „Nichtjuden, erwache t!" ebenso wie seine heißen Bemühungen, das diplomatische Korps zum Parteitag nach Nürnberg zu bringen, von Erfolg begleitet sein wird. Es wäre nämlich gar kein Wunder, wenn die Herren, die diese Einladung aus unerfindlichen Gründen angenommen haben, statt zu erwachen, nur noch viel schläfriger geworden wären. Denn wer nicht in militärischen Defilees den höchsten Ausdruck des menschlichen Daseinszweckes erblickt, auf den wirken die fortwährenden Aufmärsche mehr ermüdend als begeisternd, und die auf dem Parteitag gehaltenen Reden boten auch nicht viel Neues, sondern waren nur mühselig an den Haaren herbeigezogene Variationen des alten Parteischlagers: „Der Jude ist unser Unglück." Immerhin fehlte es auch nicht an erheiternden Ueberraschungen. So als Goebbels, der wieder eine seiner blutrünstigen Brandreden gegen den „jüdischen" Bolschewismus hielt, das Dritte Reich als den Hort wahrer Pressefreiheit und die gleichgeschaltete Nazi-Presse als Prototyp der journalistischen Anständigkeit pries. Der „Stürmer" und der „Völkische Beobachter" als Ideale journalistischer Anständigkeit! Kann es einen besseren Witz geben? Viel näher der Wahrheit kam Alfred Rosenberg, als er die heutige Weltsituation folgendermaßen malte: „Es ringen gestaltende Kräfte gegen blutiges Chaos, schöpferische Arbeit gegen schillernde und unschöpferische Demagogie . . ." Richtiger kann man den Kampf der Zivilisation gegen den Nationalsozialismus nicht schildern. Allerdings identifiziert Rosenberg das blutige Chaos und die nnschöpferische Demagogie mit den — Gegnern des Hakenkreuzes! Rosenberg ist zwar ein unversöhnlicher Feind des Christentums, aber mit dem zitierten Auspruch hat er gegen seinen Willen die Wahrheit des Christus-Wortes bewiesen, daß man immer nur den Splitter im fremden Auge, aber nie den Balken im eigenen sieht! Dasselbe gilt von seinem Ausspruch: „Die Regierung, die uns verfolgt hat, windet sich hoffnungslos im Staub der Vergessenheit. Wo wir einst die Erniedrigten und Verfolgten waren, sind wir heute die stolzen und rücksichtslosen Verfolger." Ein triumphierender Rückblick des siegreichen Nationalsozialismus auf die überwundenen Zeiten seines mühevollen Ringens um die Macht? Weit gefehlt!. Rosenberg zitiert diese Worte aus einem angeblichen Zwiegespräch zwischen dem jüdischen Schriftsteller Samuel Roth und dem zionistischen Politiker Israel Zangwill über die Juden in Rußland! Es scheint, daß er mit diesem angeblichen Zwiegespräch einen Ersatz für die nicht mehr zugkräftigen „Protokolle der Weisen von Zion" zu liefern hofft, während der Verleger dieser Protokolle, der Erfurter Oberst Fleischhauer, eben jetzt wieder einen verzweifelten Versuch unternimmt, für die Echtheit der in Bern als Fälschung erwiesenen Protokolle einzutreten, weil doch die Juden überall nach den Weisungen dieser Protokolle leben ... Zu allem Ueberfluß hat jüngst auch noch Herr Hitler wieder einmal erklärt, daß die Nürnberger Rassengesetze dem jüdischen Geiste des. Esra entstammen, der gleichfalls keine Mischehen duldete. Derselbe Hitler hatte auf einem früheren'Nürnberger Parteitag ausdrücklich erklärt, es sei der Stolz der Nationalsozialisten, daß an ihren Satzungen keine Juden mitwirkten. Wir Juden waren damals dankbar für diesen authentischen Alibibeweis künftigen Verleumdern gegenüber, die uns, wie für a 1- 1 e s Schlechte, am Ende auch noch für den Nazismus verantwortlich machen könnten. Nun scheint diese Gefahr früher einzutreten, als wir ahnen konnten. Hitler selbst beschwört sie herauf. Wir haben im Laufe der Jahrhunderte schon genug unter Verleumdungen zu leiden gehabt. Eine so gefährliche Belastungsprobe wie die Unterstellung, daß w i r den Nationalsozialismus erfunden haben, könnte aber das Judentum kaum noch ertragen. Der Nürnberger Trichter. Interessanter als der Nürnberger Parteitag, der, wie wir an obiger Stelle darlegen, mangels •irgend welcher Opposition eine langweilige Angelegenheit war, erscheint das Echo, das er im Ausland weckte. Es soll nicht geleugnet werden, daß es Leute gibt, denen der glänzend aufgezogene Rummel und die Sache, die in seinem Rahmen verfochten wird, sehr gefällt — irgend ein „Allrussischer Faschistenverband" hat sogar aus lauter Be- ^| Die besten Eisen Warstniii SelAvares 3 mal täglich frisch bei ■ABEL. Wien Ii., Pratersfrafie 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. geisterung dieser Tage Herrn Julius Streicher zum Ehrenmitglied ernannt, eine große Deputation ungarischer Pfeilkreuzler hat sich in voller Kriegsbemalung in Nürnberg eingefunden und dort im Geiste der Häkenkreuzmoral: „Schwören wir halt ein bißchen!" den verlangten Eid, daß sie arischer Rasse seien, geleistet, obwohl die Magyaren bekanntlich mongolische Nichtarier sind, und sogar aus dem Lande, das bisher keinen Antisemitismus kannte, sind zur Behebung dieses Mankos einige italienische Journalisten nach Deutschland gefahren, um sich von dem durch seine Blamage als Sachverständiger im Berner Prozeß berühmt gewordenen Oberstleutnant Fleischhauer in antisemitischer Propaganda unterweisen zu lassen. Der Nürnberger Trichter macht das Studium leicht und angenehm. Wer am wenigsten weiß und am schwersten begreift, kann es dank diesem Zauberinstrument rasch zu den höchsten akademischen Würden bringen, der ungeschickteste Stümper künstlerische Lorbeeren ernten, der geistesärmste Tintenkleckser leitender Redakteur, ja sogar preisgekrönter Dichter werden, sobald er seine Kleckse systematisch gegen die jüdische Ehre zu spritzen versteht. Denn diese Zielsicherheit ist das einzige, was man von den strebsamen Adepten des Hakenkreuzes verlangt. Der Nürnberger Trichter kann den Dummen nicht gescheit, den Unwissenden nicht gelehrt, den Stümper nicht talentiert machen, aber er eröffnet den Dummen, den Unwissenden und den Stümpern die glänzendsten Karrieren, indem er ihnen die Gescheiten, Gelehrten und Talentierten aus dem Weg räumt, wenn sie keine arische Großmutter nachweisen können. Das ist der ganze Zauber, den er übt, aber der ist groß genug, um jene Jugend in seinen Bann zu ziehen, die der ernsten Arbeit den Studentenulk, der geistigen Nahrung die geistigen Getränke vorzieht und so in Gefahr gerät, sich von „Rassefremden" den Rang ablaufen zu lassen. Das Eldorado dieser Jugend ist das Dritte Reich; aber auch außerhalb dessen Grenzen, in Polen, Rumänien, Ungarn usw. fehlt es nicht an gewissenlosen Demagogen, die die Ambitionslosen an sich zu fesseln suchen, indem sie ihnen den numerus clausus oder lieber gleich den numerus nuflus der Ambitionierten in allen Berufen in Aussicht stellen. Aber diesen modernen Nachfolgern des Rattenfängers von Hameln stellen sich jetzt erfreulicherweise Männer von geistigem und sozialem Format entgegen, die mit klarem Blicke die Gefahren dieser Jugendverführung für Vaterland und Nation erkennen und auch gleich die richtigen Mittel nennen, diesen Gefahren zu begegnen. Wir haben schon öfter mit Genugtuung festgestellt, daß gerade aus Ungarn, wo vor 18 Jahren der weiße Terror der Rassenschützler das Vorbild und der Lehrmeister des braunen Terrors von heute geworden ist, immer eindrucksvollere Stimmen laut werden, die zur Abkehr von jeder konfessionellen oder rassischen Differenzierung der Staatsbürger und zur Rückkehr zu jenen Idealen mahnen, in deren Zeichen Ungarn einst zu Blüte und Wohlstand gelangt ist: zu jenem Liberalismus, der nur die Leistung und nicht die Konfession als Maßstab des Menschen gelten ließ. Solche Mahnungen sind umso wertvoller, wenn ihre Künder politisch keineswegs dem liberalen Lager entstammen, wie z. B. der erste christlichnationale Ministerpräsident von Ungarn, Stefan Friedrich, und der Führer der kleinen Landwirte Tibor Eckhardt, die beide in der letzten Zeit immer heftiger gegen den extremen Rassismus der Pfeilkreuzler agitieren, dem sie früher programmatisch die Wege geebnet hatten. Immerhin handelt es sich bei diesen beiden Persönlichkeiten um parlamentarische Führer, die sich durch die ungeahnt radikale Entwicklung ihrer eigenen Ideen in den Hintergrund gedrängt fühlen mögen und daher schon einem begreiflichen politischen Egoismus zuliebe zur Umkehr mahnen.