Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 37 (17.9.1937)
- Date
- 1937-09-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 37 — 17. September 1937 DIE WAHRHEIT SedU^ut K&^diw^- -JvUt 3te^ii6rv,KW^ri/ a.KXWfi^t zx/t, % kJrju^Uvv (Taj^äm, rwvt S.ü^tfett/ &. toto&enfce/t$ wu^i .,^>tf e$.3 brauchen, hatte er die Gewohnheit angenommen, jedem Juden, dem er begegnete, aui die Hände zu schauen, ob nicht Blut an ihnen klebe. Aber einmal, als er Zeuge war, wie Gassenjungen einen jüdischen Hausierer hetzten und beschimpften, und er kurz darauf in diesem Juden einen gütigen Menschen kennen lernen durfte, wurde er zum Teil von seinen antisemitischen Wahnvorstellungen geheilt. Eine zweite Episode: Die Realschule in Göding, an der Masaryk studierte, hatte einen Ausflug in die Pollauer Berge unternommen. Professoren und Schüler rasteten, um die Jauiäe einzunehmen. Die Schüler sprachen dem Bier und Wein tüchtig zu, rauchten, und die Professoren tollten mit ihnen. Wie immer, war auch jetzt der einzige jüdische Schüler Leopold Prilisauer die Zielscheibe des Spottes für die Knaben. Die Sonne war vor dem Untergehen und Leopold verschwand unauffällig. Man ging ihn suchen und fand ihn abseits beim Gebet Alle Knaben liefen herbei, um ihn zu beobachten und beim Gebet zu necken. Masaryk erzählt: „Auch ich ging mir ihn ansehen. Niemals werde ich versessen, wie mich Leopold verblüffte: er stand hinter einem Tor, um nicht gesehen zu werden, verneigte sich stets und betete. Mit einemmal versing mir alle Lust zum Scherzen. Während wir tollten, vengaß Leopold seines Gebetes nicht; von diesem Augenblick angefangen, war mein Antisemitismus untergraben, wenn auch nicht ganz überwunden." Noch in seinen Jünglings- und späteren Mannesjahren konnte sich Masaryk, weil noch im Banne der ersten Jugendeimdrücke, nicht ganz von dem antijüdischen Vorurteil befreien, er mußte seine ganze Logik und Denkkrait zusammennehmen, um es zu überwinden. Testament eines jüdischen Schülers befreit Masaryk von Sorgen. 1878 heiratete Masaryk die Amerikanerin Charlotte Qarrdgue. Die Neuvermählten hatten mit schweren materiellen Sorgen zu kämpfen. Sie zogen nach Wien, wo sich Masaryk als Dozent der Philosophie habilitierte. Er zählte eine Reihe begabter junger Juden zu seinen Schülern. Einer derselben war Isidor FI e s c ih, Sohn eines Brünner jüdischen Industriellen, der in seinem Lehrer einen RetteT aus seelischer Bedrücktheit sah. Als er «ich später von Masaryk trennte, um seine Studien in Berlin fortzusetzen, erlag er seiner Sohwermut und beging Selbstmord. Sein Vermögen im Betrage von 62.000 Gulden, damals eine sehr beträchtliche Summe, vermachte Flesch seinem geliebten Lehrer Masaryk, der dadurch von den ^drückendsten wirtschaftlichen Sorgen beireit wurde. Er konnte seine Schulden bezahlen, seinem Bruder Ludwig eine Druckerei einrichten und seinen Eltern in Auspitz ein Häuschen bauen. Auch hatte er endlich das ersehnte Kapital, um oine wissenschaftliche Zeitschrift „Athenaeum" herausgeben zu können. Masaryk und die Ritualmordaffäre Hiisner. Rühmlich bekannt ist Masaryks Eintreten für Leopold Hiisner; ausführlich berichtet darüber Dr. J. 0 r n s t e i n in der Festschrift zum 50jährigen Jubiläum der „Union österreichischer Juden", die in ihrem Kampfe gegen den Ritualmordglauben in Masaryk einen der vornehmsten Mitstreiter fand. Unter allgemeinem Jubel hatte das Kuttenberger Gericht Hiisner schuldig gesprochen und verurteilte ihn zum Tode. Die Presse spendete Beifall. Nur ein Blatt, die von Prof. Masaryk in Prag herausgegebene „C a s" („Zeit"), sprach das Bedauern darüber aus, daß just das tschechische Volk und Land der Welt dieses beschämende Zeugnis von Unkultur gebe. „Wehe Euch", rief Prof. Masaryk den Ritualmordagitatoren zu, „daß ihr das Volk in einen solchen Sumpf zieht. Ein abergläubisches Volk wird sich nie aus der Knechtschaft befreien." Masaryk beginnt nach dem Kuttenberger Urteil eine Prüfung des Materials und ist erschüttert. Nun läßt es ihm, dem Forscher, keine Ruhe. Er muß der Sache auf den Grund kommen. Er liest das stenographische Protokoll der Kuttenberger Verhandlung, fühlt sich zutiefst getroffen und — beleidigt. Alle diese Prozeßakte erscheinen ihm als ein einziges Dokument der Unwissenheit, Lüge und Bosheit. Und nun widmet er dem Fall Hiisner die ganze Konzentration seines Geistes. Er geht exakt und kritisch ans' Werk. Jede mit dem Mord zusammenhängende Tatsache spricht gegen Ritualmord. Masaryk beschloß zu handeln. Er veröffentlichte eine Broschüre „Die Notwendigkeit der Revision des Po Inaer Prozesse s", die auf das Gewissen der verantwortlichen Kreise stark wirkte und zu stürmischen Debatten im österreichischen Reichsrat Anlaß gab. Die Wiener C a ff 6 Pension CBCSTEDNh ■| SEMMERIN6 d Alle Schulbücher richtige Auflagen, für antiquarische allerbilligste Preise. Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart, wer kauft im SCHULBÜCHERANTIQUARIAT HERMANN TUCHNER Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Telephon R 41-4-20 deutschen und die Prager tschechischen Antisemiten fallen vereint über Masaryk her. Er ist Gegenstand einer gefährlichen Hetze. Die antisemitische Studentenschaft der Prager Univensität erzwingt die Einstellung der Vorlesungen. Masaryk läßt sich nicht beirren. Er begibt sich unter Gefahr seines Lebens nach Polna, um persönlich alle Umstände des Mordes an der Hruza an Ort und Stelle zu studieren. Er weist den Gerichtsärzten und den Untersuchungsbehörden direkte Fälschungen nach. Bei der neuerlichen Verhandlung vor dem Kreisgericht in Pisek ist die Atmosphäre antisemitisch noch mehr verseucht als die in Kuttenberg. Ein neues Lügennetz wird gewoben. Hiisner wird ganz unmotiviert mit einem zweiten Mord, dem an einer gewissen Marie Klima, in Verbindung gebracht. Beide Morde werden zu Ritualmorden gestempelt. Der zweite Fall ist noch absurder und haltloser als der erste. Die Piseker Geschworenen bekommen in Deutschland hergestellte Ritualmordbroschüren zugeschickt, und für sie gilt der Ritualmord als erwiesen. Sie sprechen Hiisner des zweifachen Mordes schuldig, der Gerichtshof verurteilt ihn zum Tode. Das Todesurteil wurde in lebensläng- 1 ich es Zuchthaus umgewandelt. Alle weiteren Revisionsbemühungen, insbesondere der „Union", blieben, wie in deren Festschrift ausgeführt wird, erfolglos. Erst im Frühjahr 1918 wurde Leopold Hiisner begnadigt. Restaurant Stefanie Hugo u. Julie Herlinger, geb. Zollner II., Taborstraß« 12 Tel. R 48-4-46 "^tW Erstklassige renommierte Küche, große Auswahl. Reichhaltige Menüs von S 1.60 aufwärts. Exakte Bedienung. FEUILLETON Mayer Amschel Rothschild. (Zum 125. Todestage am 19. September.) Die Judenfeinde haben in unserer unruhigen Gegenwart wieder mächtig ihr Haupt erhoben. Beschuldigungen und Verleumdungen, Anwürfe und Anklagen, die man längst unter dem Schutte und Gerolle vergangener Zeiten vergraben glaubte, werden aufs neue gegen Juden und Judentum erhoben und vorgebracht. Wieder spricht man von dem zersetzenden Geiste Israels und behauptet, daß das jüdische Volk ein gefährlicher Schädling der menschlichen Gesellschaft sei. Wohl wissen wir nur zu gut, daß alle diese Behauptungen eine bösartige Erfindung sind, ersonnen, um uns in unserer bürgerlichen und sozialen Stellung zu schädigen; wir wissen, daß unsere Gegner mit unehrlichen Waffen kämpfen, und darum dürfen wir nicht schweigen. Wir sind es •uns selber schuldig, unserer großen Vergangenheit und unserer ruhmvollen Geschichte, solche Anklagen mit der vollen Entrüstung, die uns deren Grundlosigkeit einflößt, von uns zu weisen. Eine Handhabe hiefür bieten uns die großen, verdienstvollen Geister und jüdischen Männer, die durch ihr hervorragendes Wirken im Dienste der Menschheit «sich ■unvergängliche Lorheeren errungen und zum allgemeinen Fortschritt und der Gesittung und Veredlung der Menschen ihren angemessenen Teil beigetragen haben. Unsere Geschichte ist fürwahr nicht arm an solchen genialen Geistern und führenden Persönlichkeiten. In jedem Jahrhundert und in jedem Staate und Lande weist das jüdische Volk epochale Größen auf, die ein segensreiches Schaffen auf den verschiedensten Gebieten menschlicher Kultur entfalteten. Zu den klangvollsten Namen der jüdischen Geschichte der neueren Zeit zählt gewiß auch der Name „Rothschild". Bei der bloßen Erwähnung dieses Namens tönt auch jetzt noch der machtvolle Klang ihrer vielen Millionen mit. Schon Heine nannte die Rothschilds, die mehr als ein Jahrhundert die Fäden des finanziellen Lebens der alten Welt in Händen hatten, die ersten Bankiers Europa«. Der Stüter und Begründer des so reichen und mächtigen Hauses Mayer Amschel Rothschild verschied am •19. September 1812 und die Wiederkehr seines 125. Todestages legt uns den Gedanken nahe, der Nachwelt ein Bild dieser eigenartigen, mit mannigfachen Vorzügen ausgestatteten Persönlichkeit, die aus ganz kleinen Anfängen sich zu einer so großen epochalen Bedeutung entwickelt hat, zu zeichnen, um hiemit unser jüdisches Selbstbewußtsein zu stärken. Ein armer, zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Frankfurt am Main geborener Handelsmann, waT der Stammvater der nachmals weltberühmten Rothschilddynastie. Seine Eltern, die an dem Knaben Spuren besonderer Fähigkeiten bemerkten, verwendeten, so viel in ihren Kräften lag, auf die Erziehung des jungen Mayer Amschel. Sein Vater ließ den jungen Burschen in die damals berühmte Fürther Talmudschule einschreiben, starb aber bald darauf. Der Knabe hätte wohl, um den Willen des Verstorbenen zu ehren und dem eigenen inneren Drange zu genügen, das Tabbinische Studium fortsetzen mögen, doch fehlten ihm die Mittel dazu, und so mußte er dieser Laufbahn entsagen. Er kehrte nach Frankfurt zurück und begann nun seine Aufmerksamkeit dem kaufmännischen Berufe zuzuwenden. Er erwarb sich tüchtige Komptoirkenntnisse und warf sich mit besonderem Eher auf die Kenntnis alter Münzen. Doch scheint es, daß er in seiner Vaterstadt wenig Glück hatte. So schnürte er denn, auf seine jugendliche Kraft vertrauend, sein Bündel und sing nach Hannover. Dort trat er eine bescheidene Stellung im Bankhause Oppenheimer an, wo er durch seinen Fleiß und seine Bescheidenheit bald das volle Vertrauen seines Chefs gewann. Dieser betraute den ehemaligen Rabbinatskandidaten mit der Abwicklung verschiedener wichtiger Angelegenhenten, welche dieser in so umsichtiger Weise erledigte, daß Oppenhetmer ihn schließlich an der Führung des Geschäftes teilnehmen ließ. Doch fühlte sich Mayer Amschel zu etwas Besseren berufen, als ein Leben hindurch im Dienste eines anderen zu stehen. Er verließ Hannover, wo er sich durch Fleiß und Sparsamkeit bereits ein kleines Vermögen erworben hatte und zog nach Frankfurt. Hier gründete er ein eigenes Wechselgeschäft. Tüchtigkeit, Fleiß und Gediegenheit des Charakters erwarben ^Ihm schnell bedeutende Aufträge und wachsenden Kredit. Durch seine Kenntnisse im Münzwesen kam er in Berührung mit dem Hanauer Landgrafen Wilhelm IX., dem späteren Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen, und dieser Bekanntschaft verdankte es der unermüdliche Mayer Amschel, daß er fortan mit größeren Kapitalien arbeiten und so zu einem ansehnlichen Vermögen gelangen konnte. Da sich Rothschild immer mehr branchbar, tüchtig und verläßlich erwies, erwarb er das vollste Vertrauen des Landgrafen und wurde von ihm zu seinem Hofagenten ernannt. Seitdem begann der Ruf seines Hauses sich mehr und mehr zu verbreiten "Und er fing an, manche andere Fürsten aus geldlichen Verlegenheiten zu ziehen. Im Jahre 1802 verschaffte Rothschild dem dänischen