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Die Wahrheit · 1937-09-05 · Heft 35-36 (5.9.1937) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 35-36 (5.9.1937)
Date
1937-09-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 35/36 — 5._Septgmber_J937 DIE WAHRHEIT Zweite Konferenz des Weltverbandes polnischer Juden. In Polen terrorisiert man jüdische Bürger, in Polen boykottiert und hungert man die Juden aus, aber das polnische Judentum lebt. Das war der leitende Eindruck dieser Konferenz, in Antwerpen, auf der die Vertreter von 19 verschiedenen Ländern zusammengekommen sind, um sich über die Probleme der polnischen Juden zu unterhalten. Es ging nicht <Iarum — das sei von vornherein betont —, sich in die innere Politik Polens einzumischen, wohl aber darum', das Bindeglied der im Auslande lebenden polnischen Juden zu den geknechteten jüdischen Brüder in Polen zu sein. Die Eröffnungssitzung der Konferenz fand in feierlicher Form in der „Harmonie" in Anwesenheit des. Antwerpener Oberrabbiners Dr. Schapiro, des Volksvertreters Jaraar und verschiedener anderer Antwerpener Persönlichkeiten statt. Nach der Begrüßungsrede des Herrn Lieber, Vorsitzenden der belgischen Föderation polnischer Juden, hielt Benjamin Winter, der Vorsitzende des Weltverbandes aus New York, sein Eröffnungsreferat. Er äußerte seine Freude, diesen Kongreß in dem freien Belgien abhalten zu können, und betonte die Verbundenheit der amerikanischen Juden mit den Juden in Polen. In sehr warmen Worten begrüßte dann der Antwerpener Oberrabbiner die Delegierten des Kongresses. Die Tagesordnung des Kongresses enthielt zwei Referate über aktuelle Themen, die einen nachhaltigen Eindruck bei den Delegierten hinterließen. Dr. Taubes aus Amsterdam sprach am ersten Konferenztage über diesozial-ökonomische Lageder Juden in Polen. Unter Heranziehung des gesamten Ziffernmaterials gab der Redner einen vollkommenen Ueberblick über die wirtschaftliche Lage der in Polen lebenden 3 Millionen Juden. Die Industrie ist für den jüdischen Arbeiter verschlossen, d e Wirtschaftspolitik gegenüber den polnischen Juden führt zu ihrer systematischen Ausschaltung. Die Kreditpolitik der Staatsbanken untergräbt das gesamte Wirtschaftsleben der Juden. Abgesehen von diesem Wirtschaftsboykott herrscht in Polen eine permanente Pogromstimmung, -60 daß die Selbstmorde allmählich zu einer täglichen Erscheinung werden. „Die jüdische Gefahr" ist eines der beliebtesten Themen aller polnischen Autoren, und ungezählt sind diejenigen Broschüren, die sich mit der Losung der polnischen Judenfrage durch Evakuierung beschäftigen. Mit allem Nachdruck wandte sich Taubes gegen jegliche Evakuierungspläne, die, bei Licht besehen, nur ein Zugeständnis an die gegnerischen Tendenzen bedeuten, und gab im Anschluß daran einen genauen statistischen Ueberblick über die berufliche und soziale Zusammensetzung des polnischen Judentums, aus dem sich ergab, daß der Verarmungs- und Ausschaltungsprozeß in ständigem Zunehmen begriffen ist. Die polnische Judenfrage, so schloß der Redner, ist nicht durch Evakuierung zu lösen, sie kann auch nicht mit philantropischen Mitteln zu einem positiven Resultat geführt werden. Notwendig ist in erster Linie die Beendigung der mit Duldung der Regierung geführten judenfeindlichen Politik und eine Zusammenarbeit mit den Kräften in Polen, die trotz maßloser Hetze sich auch heute noch von der Judenfeändschaft frei halten. Ilm Mittelpunkt des zweiten Konferenztages stand das Kulturreferat von Dr. J. Mei11 is aus London. Ist das polnische Judentum eine organisch gewachsene Gruppe oder ist es eine zufällige Verbindung von Menschen? Von dieser Frage ausgehend, analysierte er die ganze kulturelle Entwicklung des polnischen Judentums, das schon seit fast 1000 Jahren mit dem polnischen Boden verwurzelt ist und schon seit dem 15. Jahrhundert einen geschlossenen polnischen Kulturkreis mit eigener Autonomie gebildet hat. Die jiddische Sprache, eine Sprache wie jede andere, nicht schlechter oder minderwertig, wie so oft behauptet wird, ist eine eigene Kulturschöpfung des polnischen Judentums. Der Chassidismus, eine der größten geistigen Revolutionen, ist im Schöße des polnischen Judentums geboren, das auch in unseren Tagen täglich neue Kulturwerte schafft. Eine Unzahl führender Geister sind aus seinen Reihen hervorgegangen und haben gerade in der modernen Zeit die jüdische und europäische Kultur fruchtbar beeinflußt. Der Redner schloß sein mit großem Beifall aufgenommenes Referat mit der Verlesung eines jiddischen Gedichtes, aus dem die tiefe Verbundenheit des polnischen Judentums mit der polnischen Erde sprach. Man fühlte in diesem Moment, daß auch noch größere Not und noch blutigere Verfolgung die Kraft des polnischen Judentums nicht vernichten könne, nicht mit Gewalt und nicht mit Gesetz. Der Schwerpunkt der sachlichen Arbeit wurde in den Kommissionen geleistet. Aus dem lebhaften Debatten ergab sich, daß der Weltverband nicht die Absicht hat, sich in innerpolitische polnische Angelegenheiten zu mischen. Er will auch nicht nur ein neues phllantropisches Hilfsunternehmen werden. Wohl hat er im Anschluß an die politische und wirtschaftliche Resolution beschlossen, einen Fonds von einer Million Dollar zu schaffen, doch bezweckt er hiermit nicht eine übliche Unterstützungsaktion, sondern er will sich aktiv an der Lösung konstruktiver Fragen beteiligen, indem er mit dem polnischen Judentum an der ökonomischen Arbeit in Polen mitarbeiten will. Der Weltverband will die außerpalästinensische Wanderung in jeder Weise fördern und verlangt unter Ablehnung aller Evakuierungspläne eine Zusammenarbeit mit all denjenigen Stellen, die das Wanderungsproblem auf konstruktiver Grundlage behandeln. Die Konferenz stellte in ihrer politischen Resolution fest, daß die Situation der dreieinviertel Million Juden in Polen sich von Tag zu Tag verschlimmert. Die antisemitische Propaganda hat sich im ganzen Lande ausgebreitet und hat zu blutigen 'antijüd'schen Unruhen in Städten und Dörfern geführt. Sie geht Hand in Hand mit dem systematischen ökonomischen Boykott, der gegen Juden gerichtet ist und nicht nur seitens antisemitischer Kreise, sondern leider auch mit der Zustimmung gewisser Regierungsfaktoren geführt wird. Der polnische Jude, der Arbeiter, der Handwerker, der Kaufmann, der Arzt, Advokat, Ingenieur oder Lehrer steht vor einem vollkommenen Ruin. Es wurde nicht nur der numerus clausus eingeführt, sondern die Hochschuljugend wird mit brutalen Mitteln in ein mittelalterliches Ghetto hineingestoßen. Die Konferenz verurteilt die traurige Tatsache, daß die polnische Regierung nicht die genügenden Mittel ergriffen hat, um die antisemitischen Unruhen im Keim zu ersticken, sowie den ökonomischen Boykott, der Im Gegensatz zur Verfassung steht, sich gegen Juden richtet, aber nicht nur die Existenz der luden, sondern auch die Wirtschaft des ganzen Landes ruiniert. Wir drücken, schließt die Resolution, die Hoffnung aus, daß das polnische Volk treu seiner hundertjährigen Tradition sich mit seiner ganzen Kraft dem Antisemitismus entgegenstellen und in einer harmonischen Mitarbeit, zusammen mit dem polnischen Juden, zur Entwicklung der polnischen Republik streben wird. Die Konferenz wählte eine Exekutive für Europa, die aus 12 M:tgliedern (5 aus London, 5 aus Belgien- Holland, 2 aus Frankreich) besteht, eine Exekutive für Amerika aus 6 Mitgliedern, eine für Palästina, ebenfalls aus 6, und eine für Argentinien aus 3 Mitgliedern. Dieses Gremium zusammen bildet die Welt-Exekutive, an deren Spitze der bisherige Präsident des Weltverbandes, Benjamin Winter aus New York, steht. Zur Durchführung der laufenden Arbeiten wurde ein Direktorium gewählt, das aus 4 Mitgliedern besteht, und zwar je ein Mitglied aus Frankreich, England, Belgien, Holland, wo auch der Sitz des Ehrengeneralsekretariats ist. 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Zwanzig Jahre lang redigierte er die „Juristische Wochenschrift", das führende juristische Organ Deutschlands, 1933 mußte er die Leitung der Redaktion niederlegen, seine vielseitige und fruchtbare Lebensarbeit wurde plötzlich abgebrochen, nachdem jetzt jede Mitarbeit von Juden am Rechtsleben und der Rechtswissenschaft in Deutschland unterbunden ist. Justizrat Magnus wurde nicht einmal gestattet, von den Lesern und Mitarbeitern der „Juristischen Wochenschrift" in einem Schlußwort Abschied zu nehmen. Er legte auch den stellvertretenden Vorsitz in der y,Union internationale des Avocats" nieder. Mit der Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft bleibt sein Name dauernd verbunden, die Anerkennung seiner Leistungen in der Welt bleibt unberührt. Justizrat Magnus, ein führendes Mitglied des ,,Zentralvereines der Juden in Deutschland" und ein Gegner des jüdischen Nationalismus, gehörte längere Zeit dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin an und betätigte sich auch führend an der Arbelt der jetzt verbotenen Bne Briss^Logen. Constantin Brunner gestorben. Im Haag verstarb, einen Tag vor seinem 75. Geburtstag, der Philosoph Constantin B r u n n e r, der Schöpfer der „Lehre von dem Gelstigen und vom Volke". Unter diesem Titel erschien 1908 sein erstes Hauptwerk, das aber nur den ersten Teil der Gesamtdarstellung seines Völlig eigenen, original geprägten Denksystems enthält und seine Fortsetzung in späteren Werken („Unser Christus oder das Wesen des Genies"; „Liebe, Ehe, Mann und Weib"; „Materialismus und Idealismus") fand. Das letztgenannte Werk, .das vielleicht die Vollendung der Brunner'schen Philosophie darstellt, ist zugleich auch ein völlig neuartiger Kommentar zur Philosophie (insbesondere zur Attributenlehre) Spinozas. Auch mit Schriften jüdischen Inhaltes ist Brunner wiederholt hervorgetreten; er vertrat einen extrem antizionislischen Standpunkt, seine philosophische Lehre und seine von ihm immer wieder betonte Uebereinstimmung mit Spinoza, schließlich auch seine neuartige Auffassung von der Person Jesu, wiesen ihm außerhalb jeder der verschiedenen jüdischen Richtungen und Parteien seinen eigenen Platz an. Trotz dieser unabhängigen und eigenwilligen Stellung ging von der Persönlichkeit Brunners stets eine weitreichende und tiefe Wirkung aus; unter den vielen begeisterten Anhängern seiner Lehre befindet sich auch eine große Zahl von Juden, bemerkenswerterweise auch in Osteuropa und in Palästina. In neuerer Zeit hat sein Werk auch in französischen und amerikanischen Gelehrtenkreisen viel Beachtung gefunden: seine Schrift „Spinoza gegen Kant" ist ins Französische übersetzt worden, und das Spinoza-Institute of America hat ein großes Werk „The Philosophy of Spinoza and Brunner" von Prof. Walter Bernhard erscheinen lassen. Constantin Brunner, am 28. August 1862 in Altona (Elbe) geboren, entstammt einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie. Unter seinen Vorfahren ist u. a. sein Großvater, der berühmte Altonaer Oberrabbiner Akiba Wertheimer, zu erwähnen. Ein peinlicher Irrtum. Im Budapester „E g y e n 1 ö s e g" veröffentlicht der jüdische ungarische Pfadfinder Paul L e n g y e 1 Einzelheiten über den Empfang der ungarisch'en Pfadfindergruppe bei Julius Streicher, dem auch er selbst beigewohnt hat. Danach habe sich Streicher zunächst erkundigt, ob es unter seinen jungen Gästen auch Siebenbürgen gebe und als einige der 400 Jungens sich meldeten, habe er sie mit „meine deutschen Brüder" angeredet. Das habe bei den Pfadfindern, besonders natürlich bei den jüdischen, peinliche Gefühle ausgelöst. Der Antisemitenführer sei dann g egen die Juden losgezogen und habe zum Schluß, als er die eisige Atmosphäre wahrnahm, gefragt, ob sich unter seinen Gästen auch Juden befänden. Die jüdischen Pfadfinder seien durch die Hetzrede jedoch so bestürzt gewesen, daß sie nur schwach ein „Oh ja" zu stammeln vermochten. Die Sensation, schreibt das Blatt, kam aber zum Schluß, als Streicher zwei ungarische Pfadfinder auswählte, um sie als Prototypen der gemeinsamen arischen Abstammung der Deutschen und der Ungarn im „Stürmer" abzubilden, und dabei neben dem Markgrafen Pallavacini den jüdischen Peter S c h m i d e k herausgriff, dessen Vater der glaubenstreue Jude Eugen Schmidek in Budapest ist und dessen Mutter der berühmten Familie Wolff in Eisenstadt entstammt. Eingesendet. Ein trauriges Jubiläum. August 1917. Es ist Mittag, ganz Wien befindet sichin festlicher Stimmung. Soeben wurde der feierliche Militärgottesdienst, der aus Anlaß des Geburtstages. Sr. Majestät Kaiser Karte stattgefunden hatte, mit der Kaiserhymne beendet. Die letzten Soldaten, welche dem Gottesdienst beigewohnt harten, haben das Gotteshaus verlassen. Plötzlich ertönten Feuersignale, die Bewohner der sonst so stillen Umgebung dieses großen Gotteshauses eilen erschreckt auf die Straße, welche in Rauch gehüllt ist. Was ist geschehen? Man sieht Männer und Frauen weinen und wehklagen, ein Strom von Menschen eilt zum Gotteshaus. Der altehrwürdige Leopoldstädter Tempel war auf bis heute noch ungeklärte Art in Brand geraten, fast scheint es, als fiele die gesamte Inneneinrichtung samt Bundeslade den Flammen zum Opfer. Nur durch heroische Arbeit der Feuerwehren gelingt es, den Brand auf die eine Hälfte des Gotteshauses zu beschränken. Ein Aufatmen geht durch die jüdischen Menschenmassen, das Feuer ist gelöscht, die heilige Bundeslade gerettet. Die Feuerwehr zieht nach erfolgreichem Kampfe mit den Flammen ab. Zurück bleibt ein Trümmerhaufen,, der einem das Herz erstarren läßt.

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