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Die Wahrheit · 1937-09-05 · Heft 35-36 (5.9.1937) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 35-36 (5.9.1937)
Date
1937-09-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 35/36 — 5. Septemberl937 Seite 13 ww Redaktion und Administration Die Wahrheit" entbieten allen Mitarbeitern, Abonnenten und Inserenten die herzlichsten Wünsche mit der Bitte, auch im neuen Jahre dem Blatte gleich treue Gefolgschaft wie bisher zu leisten. Ein jüdischer Buchhändler macht Propaganda für „Mein Kampf". Von vertrauenswürdiger Seite wird uns rhit- -geteilt, daß die bekannte Buchhandlung Moritz Perles, Wien I., Seilergasse 4, deren Gründer — wie der Name schon sagt — ein Jude war, im Schaufenster für Hitlers ,,Mein Kampf" Propaganda -macht. Wir wollen vorläufig kein Wort weiter über diese beschämende Tatsache verlieren. Herrn Dr. Perles scheint es nicht in den Sinn zu kommen, .daß sein Unternehmen, falls sein Vater zufällig von -Preßburg nach Berlin ausgewandert wäre, nach dem bekannten Göbbels'schen Erlaß nur Bücher jüdischer Autoren verlegen dürfte, nur in Antiqua- Druck oder in hebräischen Lettern, daß der Verkauf an Nichtjuden ihm verboten wäre und daß er beileibe den „Kampf" nicht einmal an Juden -verschleißen dürfte. Wir fordern aber die jüdischen Inhaber der Firma auf, dieses Buch, das sich unter anderem als Quelle für die den Juden angedichteten Gesinnungen und Eigenschaften der als Fälschung und Plagiat gerichtsordnungsmäßig entlarvten „Protokolle der Weisen von Zion" bedient, unverzüglich aus dem Schaufenster zu entfernen! Judengeld riecht nicht. Im vorigen Monat fand in vielen österreichischen Tageszeitungen, insbesondere aber in den bekannt antisemitischen eine Innsbrucker Nachricht Aufnahme, wonach der Innsbrucker Likörfabrikant Egon D u b s k y, ein Judenstämmling, wegen Nazipropaganda zu einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten seitens der Verwaltungsbehörde verurteilt wurde und das Strafverfahren wegen Hochverrat beim Landesgericht Innsbruck bereits anhängig sei. Hierzu konnte man dann hoch die verschiedensten Ausführungen und Kommentare lesen, die von Schreibern stammen, die wohl als "begeisterte Antisemiten mit Freude diese Berichte verfaßten, die aber keineswegs Egon Dubsky oder seine Verhältnisse kennen konnten, da sie sich sonst wohl mehr Zurückhaltung auferlegt hätten. In Wirklichkeit verhält sich der Fall nämlich wie folgt: Egon Dubsky, schon von Natur ein schwächliches und krankes Kind, lebte in seiner Heimatstadt Innsbruck als Sohn reicher Eltern ein beschauliches, nicht allzu arbeitsreiches Leben. Seine körperlichen, vor allem aber seine, geistigen Mängel ließen es nicht zu, daß er in dem Unternehmen seiner Eltern eine ernstere Rolle spielte und wurde er lediglich zu nebensächlichen Wegen und Kommissionen verwendet, wenn man ihn dies auch nicht fühlen ließ. Seine geistige Qualität ist wohl am besten dadurch gekennzeichnet, daß er im Alter von 25 Jahren sich vorwiegend mit Seifenblasen u. dgl. beschäftigte, und wäre er nicht das Kind so reicher Leute gewesen, so wäre er bestimmt, spätestens mit Erlangung der Großjährigkeit entmündigt worden. So aber lebte er bis zum Tode seiner Mutter wohlbehütet im Familienkreise und konnte daher seinen Mitmenschen in keiner Weise Schaden zufügen. Mit dem Tode seiner Mutter, vor zirka 2 Jahren — der Vater lebt noch, ist aber bald 90 Jahre und bereits hochgradig senil — wurde nun Dubsky mit einem Male selbständiger Machthaber eines großen Unternehmens und Vermögens. Nichts ist da verständlicher, als daß sich sofort ein großer Kreis niedriger Elemente findet, um aus der Unfähigkeit und Krankheit des „mächtigen" reichen Schwächlings Nutzen zu ziehen. Neben Privatleuten fanden sich natürlich auch die vor nichts zurückschreckenden illegalen Nazi, die Dubsky leicht zu ihrem Werkzeug machen konnten. So kam es, daß Dubsky sich taufen ließ und bald, nachdem er sich von seiner seit Jahrzehnten in Innsbruck ansässigen und hoch geachteten Familie losgelöst hatte, ein begeisterter Nazi wurde. Heute fühlt sich der kranke Mensch als Märtyrer und ist angeblich stolz auf seine Tat. Er wird wahrscheinlich längere Zeit im Gefängnis leben, obzwar der richtige Ort für ihn eine andere geschlossene Anstalt wäre, das Vermögen aber, das sich eine jüdische bodenständige Familie in Innsbruck in jahrzehntelanger, ehrlicher Arbeit erwirtschaftete, wird oder ist vielleicht schon von den Illegalen zu ihren Zwecken verwendet worden. Dr. Ernst Abeles. Lord Lionel Walter Rothschild gestorben. Der hervorragende Finanzmann und Gelehrte Lord Lionel Walter Rothschild ist am Freitag, den 27. August, auf seinem Landsitz in Tringpark, Hertfordshire, nach langer Krankheit im Alter von 60 Jahren gestorben. Lord Lionel Walter Rothschild, der „zweite Lord Rothschild", wurde 1868 als Sohn von Nathaniel Mayer de Rotschild, dem „ersten Lord Rothschild", dem intimen Freunde des Königs Eduard VII. und Gouverneurs der Bank in England, dem als dem ersten Juden die englische Peers-Würde verliehen wurde, geboren. Der Großvater des jetzt verstorbenen Lord Rothschild war Lionel Nathan Baron de Rothschild, Vorkämpfer der Emanzipation der Juden in England, der als erster Jude Mitglied des englischen Unterhauses wurde. Die Mutter des Verstorbenen, Emma Luise, geborene von Rothschild, stammte aus der .Neapeler Linie des Hauses. Lord Lionel Walter Rothschild studierte in Cambridge und Bonn und promovierte zum Dr. phil. Er war eine Autorität auf dem Gebiete der zoologischen Wissenschaft. Er gründete in Tring ein zoologisches Museum, welches auch seine entomologische Sammlung aufnahm. Von 1899 bis 1910 war er liberales Mitglied des Unterhauses, 1916 folgte er seinem verstorbenen Vater als Mitglied des House of Lords. Er war Mitglied der Royal Society, die seit 1660 besteht und Herrenhutspezialitäten Fetsenburq I.Rotenturmstr.26 (Eckhausic» Größte Auswahl in Hüdkel Qualität*» erzeugnissen. Billigste Preise. der alle englischen Prinzen, Staatsmänner und Gelehrte von Ruf angehören. 1932 überließ er seine berühmte Vogelsammlung vor zirka 500.000 Exemplaren dem Naturhistorischen Museum in New York. Er war Mitglied des Kuratoriums des British Museum. Seinen Titel als Dr. h. c. der Universität Gießen legte er 1933 nach dem Machtantritt Hitlers zurück. Wie sein Vater und Großvater setzte sich Lord Lionel Walter Rothschild für verfolgte Juden überall in der Welt ein und spielte auch im innerjüdischen Leben Englands eine hervorragende Rolie. Besonders berühmt war Lord Lionel Walter Rothschild als der Empfänger der Balfo ur¬ Deklaration. Lord Rothschild war jahrelang Vizepräsident des Board of Deputies und hat damit die traditionellen Beziehungen seiner Familie zu dieser Körperschaft aufrecht erhalten. Daß er in die Tagesarbeit des jüdischen öffentlichen Lebens nur selten eingriff, war zweifellos nicht nur der Inanspruchnahme durch die Wissenschaft, sondern auch einer angeborenen Zurückhaltung zuzuschreiben, die ein für ihn kennzeichnender Charakterzug war. Am Sonntag, den 29. August, fand auf dem Jüdischen Friedhof zu Willesden die Beisetzung in der Familiengruft der Rothschilds statt. Die Trauerzeremonie wurde von Rev. H. Mayerowitsch und von Rev. Ephraim L e v i n e geleitet. Zu dem Begräbnis hatten sich sehr viele Trauergäste, unter ihnen die Angehörigen und Freunde des Verstorbenen, Lord Nathaniel Meyer Victor Rothschild, Lionel und Anthony de Rothschild, der Präsident des Board of Debuties Jews Neville Laski, der Direktor des Naturhistorischen Museum Dr. C. Täte Regan. sowie die Vertreter zahlreicher jüdischer und nichtjüdischer philanthropischer und wissenschaftlicher Gesellschaften eingefunden. Der Lordtitel des Lord Lionel Walter Rothschild geht nunmehr, da dieser unverheiratet starb, auf seinen Neffen, Nathaniel Meyer Victor Rothschild, über. Der neue Lord ist 26 Jahre alt; er ist, ebenso wie sein Onkel, Wissenschaftler und Absolvent des Trinity College in Cambridge. LESET DIE WAHRHEIT! jgMiiiiiinMMimiHUMmiUM 1 JOSCr LEHMANN vorm. Paul Planer A.6., | wich II Pralerstr IT, Tel.»41 -510 Elekttomaterial / Radioapparate / Beleuchtungskörper / Dauerbrandöfen / Gasapparate / Sprechraaschinen / Blektrokosmetik / Etektroapparaie Glühbirnen in allen Starken stets lagernd / Betagte Radio-Reparaturwerkstätte / Günstige Tauschgelegenheit / Bequemes Teilzanlungssystem Regine Ulmann-Feier der „Weiblichen Fürsorge". Unter ungemeiner Beteiligung aller an der Wiener Wohlfahrt interessierten Kreise fand am 1. September, dem 90. Geburtstag der greisen Philanthroprn, im schönen Saale des Hauses der Kaufmannschaft die Gratulationsfeier statt, welche die „Weibliche Fürsorge" ihrer Präsidentin gewidmet hat. Leider erwies sich der große Saal als viel zu klein, um alle Gratulanten zu fassen. Nachdem Frau Vizepräsidentin Hermine K a d i s c h die Anwesenden begrüßt, Frau Vizepräsidentin Helene Stein die Glückwunschtelegramme verlesen und Frau Vizepräsidentin Margarethe G r u n w a I d die der Jubilarin gewidmete Adresse der „Weiblichen Fürsorge" überreicht hatte, begrüßte Altbundespräsident Dr. Michael H a in i s c h, der seinen Sommeraufenthalt wegen der Feier unterbrochen hatte, die treue Arbeits- und Kampfgefährtin seiner unvergeßlichen Mutter. Der Vizepräsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Josef T i c h o hob in großangelegter Rede die Verdienste der seltenen Frau um die gewerbliche Ausbildung und Erwerbsfähigmachung von 8000 jüdischen Mädchen hervor, von denen viele hunderte, meist schon Greisinnen in den Siebzigern, den Saal füllten. Oberrabb. Dr. Taglicht und Beirat Rabb. Dr. G r u n w a I d priesen die seltenen menschlichen Eigenschaften der Jubilarin, Bundeskuhurrat Hofrat Frankfurter ihre stete Hilfsbereitschaft, die Enkelin von Ignaz Kuranda, Fräulein Dr. phil. et juris Hedwig Kuranda, Direktor Khuner und Frau Natalie Beran sprachen für den Mädchenunterstützungsverein, Frau Obermedizinalrat Krüger verkündete, daß sie einen Freiplatz zum ewigen Andenken an Regine Ulmann gestiftet habe, Komm.-Rat Alexius S a I z e r feierte namens der „Union" herzlich die karitative Tätigkeit der Jubilarin, die nicht weniger als 71 Jahre umfaßt. Zum Schluß ergriff Frau U 1 m a n n selbst das Wort und wir dürfen ruhig behaupten, daß noch nie eine Neunz'gjährige nicht nur so gemütvoll und zu Herzen gehend, sondern so rhetorisch vollendet sprach, so daß man sie bis in den letzten Winkel der beiden Säle (denn es mußte ein zweiter geöffnet werden) vernehmen konnte. Die Jubilarin pries sich glücklich, die Entwicklung Wiens und der Wiener Kultusgemeinde miterlebt zu haben, neunzig Jahre Wiener Leben, und so treue Mitarbeiterinnen und so anhängliche Schülerinnen gefunden zu haben. In gewohnter Bescheidenheit überwies sie das Lob für ihre Leistungen auf die Mitarbeiterinnen, sie sei nur das Band, das die Kolleginnen zusammenhalte. Wie viel Takt, Vornehmheit, Weltklugheit dazu gehört, dieses Band zu sein, vermag aber vielleicht niemand so zu beurteilen, wie die Schreiberin dieses. Unter den Anwesenden konnte man bemerken: Frau Johanna v. Wertheimstein, Herr Paul Schiff, Direktor Bronner, Else Tauber, Thekla Blech-Mervin, General Sommer und Frau, die Rabbiner Dr. Rosenmann und Dr. Kaminka, Frau Großrabbiner Fredmann, Dr. Walter Federn, Virtuosen Grünschlag, Komm.-Rat Kadisch, zahlreiche Vereinspräs.dien. Unter den Beglückwünschungsschreibern waren Frau Bundespräsidentin M i k I a s, Frau Emy H a i n i s c h; in überschwänglicher Weise gaben Frau Generalpostdirektorswitwe Marie v. H o h e i s e I, Herr Altpräsident Dr. Jakob O r n s t e i n, Frau Hofrar Leop. W i n t e r in Schreiben ihrer Bewunderung Ausdruck. Wir wollen nun hoffen, daß Freunde und Verehrer den Regine Ulmann- Fonds der „Weiblichen Fürsorge" in einer Weise stärken, daß die gütige Frau weiter viel Elend mildern und viele Tränen trocknen kann. C. Benedikt. Der „Jüdische Frauenverein Leopoldstadt", II, Ferdinandstraße 19 (Postsparkassakonto Nr. A-158.517), appelliert an das jüdische Herz seiner Glaubensgenossen, anläßlich der Hohen Feiertage der von ihm betreuten Aermsten des Bezirkes durch Spenden gedenken zu wollen.

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