Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 35-36 (5.9.1937)
- Date
- 1937-09-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 35/36 — 5. September 1937 DIE WAHRHEIT In diesem Zusammenhange sei auf eine Aeußerung des Präsidenten des Indischen Nationalkongresses, Pandit Nehru, gegenüber Pressevertretern in Bombay über die gegenwärtige Lage in Palästina verwiesen. Er stellte dabei fest: „Das Palästinaproblem kann nur durch eins gelöst werden: durch direkte Verständigung zwischen Arabern und Juden. Wenn ich das sage, schloß Nehru, so habe ich dabei die Unterstützung prominenter Araber und Juden." * 35.000 Pfund für die Hinterbliebenen der Unruhen-Opfer. Die Regierungskommission, die zur Prüfung der Ersatzansprüche von Hinterbliebenen von Opfern der palästinensischen Unruhen des Jahres 1936 eingesetzt worden ist, hat beschlossen, daß 35.000 Pfund aus Regierungsmitteln für Ersatzansprüche bereitgestellt werden. Es ist, so lesen wir dn der Berliner „C.V.-Zeitung", ein grauer Tag, die Sonne hält sich versteckt. Im Wartezimmer sitzen fünf Menschen, sie sind still; um jeden schließt sich die Hülle eigener Gedanken, eigener Sorgen. Es ist vor 11 Uhr, die Sprechstunde hat noch nicht begonnen. Das Schweigen verdichtet sich in der Luft. Ein fünffaches Schweigen. Gleichsam als hätten sich fünf abgeschlossene Körper, glatte und undurchdringliche Kugeln, in einem Raum zusammengefunden. Die unruhige Wartezimmerruhe, das beredte Wartezimmerschweigen, die hörbare Wartezimmerstille währt minutenlang. In der äußersten Ecke der Bank sitzt ein Mann. Er ist vielleicht fünfzig, vielleicht sechzig Jahre alt; wie Jahresringe in den Baumstämmen lagern sich die Falten um seine Augen und auf seiner Stirn, aber es sind ihrer zu viel, als daß man sie zählen könnte. Sein Winterrock, seine Schuhe, der Hut, der Anzug, alles zeigt ähnliche Falten, in irgend einer seiner Taschen knistert manchmal Papier, es ist ein bekümmerter Laut, fast unhörbar. Müde greift dann die große Hand in die Tasche, so als ob sie sich besinnend, etwas herausholen wollte, jedesmal aber kommt sie entschlußlos aus der Tasche wieder zum Vorschein und bleibt zwischen den Falten des Mantels liegen, gerade dort, wo eine besonders abgenutzte Stelle sichtbar ist. Die Hand will sie nicht verdecken, nein, das scheint ihr angestammter Platz zu sein. Von dieser abgenutzten Stelle gehen zwei glänzende Streifen ab, quer über die Vorderteile, deutlich wird ein helles Rechteck in dem grauen Stoff, und über den Schultern verraten vollends zwei abgewetzte Stellen die Ursache ihrer Albnutzung. Das ist das Aussehen eines Mantels, über den seit Jahr und Tag ein Hausiererkasten umgeschnallt wurde, hier an der Stelle hält die große Hand den Kasten und hier hängen über den Schultern die Riemen. Die Schuhe sind weite Wege über die Landstraße gegangen, in der Tasche knistert erinnernd, immer wieder vergeblich erinnernd, das Papier, in dem das Frühstücksbrot eingepackt ist, aber die Hand ist zu müde. Daneben sitzt ein junger Mann. Helle, überraschte Äugen, sie wandern von einer Zhnmerecke zur anderen, immer im gleichmäßigen Takt, .ungefähr auf der Hälfte des Weges machen sie einen kleinen Bogen nach oben, dann wieder geradeaus. Die Lippen, etwas .geöffnet, begleiten die Augenwanderung mit regelmäßigen Schwingen, und wenn man genauer hinsieht, dann bewegt sich der ganze Kopf, der ganze Körper bis zu den Fußspitzen hinunter in demselben Rhythmus. Der junge Mann ist sehr jung und sehr abwesend, unbekümmert sitzt er auf der Bank, die Beine etwas gespreizt, wie auf einem Klavierschemel, die Füße stemmen sich gegen unsichtbare Pedale. Neben ihm unverkennbar sein Vater. Dieselben hellen, überraschten Augen, dieselbe Haltung im Sitzen. Nur der Rhythmus ist älter, reifer, er schwingt tiefer. Einmal, als er näher an seinen Sohn heranrückt und das leise Vibrionen der Schultern zu spüren bekommt, gehen auch seine Augen denselben Weg an der Zimmerdecke. Nachher streicht er mit einer schnellen Handbewiegung ein Lächeln aus seinem Schnurrbart. Abseits, die tiefliegenden Augen unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet, ein liebes Frauengesicht. Geduldig halten ihre Arme ein Paket, geduldig beugt sich der Rücken etwas nach vorn und geduldig, nicht starr, blicken diese Augen. Geduldig müssen die Gedanken immer nur um einen Punkt kreisen, um einen GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht das ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Wunsch, eine Sorge, sie schweifen nicht ab, sie werden nicht irre. Der Fünfte in diesem Wartezimmer, ein großer Mann, hatte sich auf einmal unruhig von seinem Platz erhoben, sich aber gleich wieder hingesetzt, erschreckt über das Knarren seines Trittes. Jetzt zieht er seine Aktenmappe hervor, blättert viele Bogen durch, sieht auf seine Uhr, putzt sich die Brillengläser, faltet ein Blatt zusammen und legt es in seine Brieftasche. Welcher Gegensatz zu der geduldigen Frau. An den durchsichtigen Schläien zeichnen sich die zarten blauen Aderlinien ab, dieselben, die die schmalen Hände noch schmaler erscheinen lassen. Die nervösen Finger tasten an der Brusttasche, vergewissern sich von neuem, ob Briefschaften und Dokumente da sind, zerren aus der glatten, edlen Zigarettendose eine Zigarette, klammern sich ums Streichholz, lassen es fallen. Das fünffache Schweigen der letzten drei Minuten wird unterbrochen: Die Sprechstunde hat begonnen. Die Tür öffnet sich, und der Herr von der Anmeldung bittet den alten Mann mit dem faltigen Gesicht heraus. Er steht auf, die Gestalt strafft sich, der Hausierermantel mit den abgenutzten Stellen fällt glatt, und die bisher müde Hand greift rasch nach dem Hut. Es ist eine eilige, zuversichtliche Geste, sie ist hoffend und kräftig. Die Tür fällt hinter dem grauen Rücken ins Schloß!, ein Ruck, — alle Zurückbleibenden haben auf einmal den Kopf gewendet, in jedes Gesicht kommt eine Spannung, gleichgerichtet zur Tür und dann sich wieder umblickend, sich ansehend, sich gegenseitig zur Kenntnis nehmend, wie wenn ein elektrischer Strom sie zur gleichen Zeit und in der gleichen Stärke durchfahre, sind die vier zurückgebliebenen Menschen nicht mehr vier Einzelschicksale, die sich gegenseitig nichts angehen, sie haben etwas gemeinsames bekommen. Gemeinsam sitzen sie im Wartezimmer, gemeinsam warten und' hoffen sie. ,JFtemd und merkwürdig sah der Mann aus, der eben hinausging", beginnt der Junge und sieht seinen Vater an. „Gar nicht fremd und merkwürdig," sagt der Vater, „im Rheinland kannst du viele solche Gesichter sehen, er stammt bestimmt von Bingen oder Boppard, er mag sicherlich «wischen Rüdesheim und Aßmannshausen herumgewandert sein, hast du nicht an seinem ,Ja, ich komme schon', den rheinischen Tonfall gehört? . . . und Sorgen wird er haben, viel Sorgen", fügt der Vater nach einer Weile hinzu — „so wie wir alle eben." Und er blickt zu dem nervösen Herrn hinüber, der endlich sein Streichholz in Brand gesetzt hat. Auch die geduldige Frau hat ihre Augen erhoben, und man merkt, daß sich zum erstenmal ihre Gedanken von ihrem bisherigen Kreislauf lösen, daß sie in eine andere Bahn gelenkt werden. „Ein jüdischer Hausierer von der Rheingegend", wiederholt sie sinnend und dann seufzt sie auf. „Hoffentlich wird ihm hier geholfen werden, man ist jetzt in vielen Dingen so ratlos, und es tut einem 'gut, einmal in aufrichtige und wohlmeinende Augen sehen zu können." — „Ach, es sin'd nicht nur die wohlwollenden Augien", entgegnet schnell der Nervöse, „die Leute hier kennen sich doch in den Verfügungen aus, sehen Sie, ich habe hier einen Stoß Akten, ich finde mich einfach nicht mehr darin zurecht, obwohl ich alles sorgfältig geordnet und verfolgt habe. Man selbst wird täglich nervöser, ja es ist schon gut, daß man hierher kommen kann, ich bin schon viermal dagewesen, und wenn ich ehrlich sein soll, wäre ich der Referent, der mich behandelt, ich '.. hätte mich, .längst hinausgeworfen. Aber Alle Schulbücher richtige Auflagen, für antiquarische allerbilligste Preise. Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart, wer kauft im SCHULBÜCHERANTIQUARIAT KliRMÄEW TGKIKIINIIR Wien IL, Edce Taborsfraße 52 Telephon R 41-4-20 was meinen Sie, der da drinnen verliert weder Geduld noch Güte, immer wieder sieht er meine Eingaben, die ich an die Behörden wegen meiner Zulassung machen muß, durch, immer wieder informiert er mich und bringt meiner Sache so viel Interesse entgegen, die ich nicht einmal aufbringe, ein wahrer Segen . . ." Der Nervöse blättert wieder in den Akten, durchsucht wieder seine Brieftasche, macht sich neue Notizen. „Es ist wohl kein leichter Fall", fragt teilnehmend der Vater von gegenüber den Nervösen. „Wahnsinnig kompliziert", der Nervöse schaut nicht von seinem Notizbuch auf, „aber, wie gesagt, der drinnen findet sich in allem zurecht, ich meine den Doktor, na wie heißt er eigentlich, sehen Sie, ich bin schon so durcheinander, nicht einmal den Namen kann ich mehr behalten, zum Donnerwetter, wie heißt denn der . . ." und noch aufgeregter kramt er in seinem Notizbuch. „Sind Sie Vater und Sohn?" fragt die geduldige Frau, „Sie sehen einander so ähnlich!" „Ja," sagt der Vater, „das ist mein Sohn", und legt seine Hand dem Sohn auf die Schulter. Der hält nun in seinem Schwung inne, auf einmal muß er lachen. „Vater, ich habe eine entzückende Melodie im Kopf gehabt, so ging sie," und er tippt mit drei Fingern auf des Vaters Knie einen Takt. „Was für eine Melodie?" fragt überrascht die geduldige Frau. „Ach, mein Sohn ist nämlich Pianist, das heißt, er möchte gern einer bleiben, und deswegen sind wir hier," sagt der Vater, und brummt dann noch etwas in seinen Schnurrbart, das vielleicht heißen kann: „Der Junge hat nur die Takte im Kopf, an alles andere denkt er nicht, man muß sich wie eine Kinderfrau um ihn kümmern." Die geduldige Frau muß lächeln. „Ja, das ist so mit den Kindern, ich bin wegen meiner Tochter da, sie hat vorläufig ihre Stellung noch behalten, aber nun will sie auch fort, und will auswandern, weit weg, — ich bin eigentlich wegen keiner sachlichen Auskunft hier, ich will nur hören, ob es richtig ist, seine Tochter so weit wegzuschicken, ich will wissen, ob ich mitfahren soll, ob ich hierbleiben soll, ich werde mit der Entscheidung nicht fertig, ich muß Rat haben, mit jemand sprechen, zu dem ich Vertrauen halben kann. Man sagte mir, daß ich mir hier auch gewissermaßen seelische Arznei holen kann, aber vielleicht ist es Unfug, mich mit Privatangelegenheiten an eine solche Organisation zu wenden. „Gar kein Unfug," mischt sich wieder der Nervöse ein, „ich sagte Ihnen doch schon, daß sich der Doktor . . . Herrgott, wie heißt er denn nur, also es ist ja Nebensache; alle hier, und das ist die Hauptsache, kümmern sich mehr um Ihr Privatleben, als es ihnen in früheren Zeiten überhaupt nur geziemt hätte. Mir kommt es immer vor, als käme ich hier in die eigene Familie. Da sitzt entweder der Onkel oder der Bruder, irgend ein guter Freund, und sieht für dich in Gesetzbüchern nach, und telephoniert für dich und setzt dir deine Briefe auf, und ist für dich gescheit und überlegt für dich und denkt für dich nach, kurz, er nimmt deine Sache für die eigene, er fühlt sich für dich verantwortlich." Der Nervöse hat sich ordentlich ruhig geredet. Die irrenden Glanzlichter seiner Brillengläser haben sich gesammelt und verharren in abgerundeten Flächen. Selbst der Rauch seiner Zigarette verteilt sich in gleichmäßigen, sanften, graublauen Wolken, ein beschwichtigender Schleier, der die schweigenden Seufzer, die bisher fühlbar m der Wartezimmerluft hingen, einhüllt. Was sich noch vor ein paar Minuten schroff, peinigend, beklemmend auf Brust und Lunge legte und das Atmen erschwerte, mildert und löst sich. In die Wartezimmeratmosphäre kommt ein warmer Ton. Er klingt von den letzten Worten des großen schlanken Herrn wieder. Wie sagte er? „Ein guter Freund." Das sind Zauberworte. Sie schwingen durch den Raum, sie vervielfältigen sich, tönen aus allen Winkeln, von den Wänden und der Decke. Eindringlich und herzlich stnecken sie dirdie Hand entgegen und rufen dir zu: Gute Freunde erwarten dich, es erwartet dich unsere Bereitschaft, dir zu helfen, dich zu stützen, —..—. du darfst Vertrauen zu uns haben. G. H. „Jissimilanteri'-Jlibeit im heutigen SfreutsMand. 3m "Wartezimmer des "Centraf-Vereines.