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Die Wahrheit · 1937-09-05 · Heft 35-36 (5.9.1937) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 35-36 (5.9.1937)
Date
1937-09-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 35/36 — 5. September 1937 DIE WAHRHEIT Rückblick auf 5697. Bei einem Rückblick auf das Jahr 5697 drängt sich unwillkürlich das Schlagwort „ruhige Entwicklung" in die Feder. Nur sind es leider nicht die angenehmen Assoziationen von Friede und Ordnung, die sich, wie unfehlbar in normalen Zeitläuften, mit diesem Schlagwort verbinden, sondern das Charakteristische an der verstörten Zeit, in der wir jetzt leben, ist es gerade, daß es die Elemente des Hasses und der Verwirrung sind, auf die es heute paßt „Ruhig" tobt der Bürgerkrieg in Spanien weiter, „ruhig" häufen sich auch anderwärts in aller Welt die Zündstoffe und selbst dort, wo sie bereits zur Explosion geführt haben, wie momentan in; China, ist wenigstens offiziell die „ruhige Entwicklung" keineswegs unterbrochen: Das Bombardement von Schanghai mag sich für die davon unmittelbar Betroffenen, darunter viele jüdische Existenzen, sehr unangenehm auswirken, aber diplomatisch herrscht mangels einer formellen Kriegserklärung auch dort noch Friede! Gewiß: ein etwas heruntergekommener Friede, aber was soll man tun? Es ist eben der Friede von 5697! Der echte Friede scheint das Schicksal des echten Ringes in des weisen Nathan berühmter Parabel erlitten zu haben: Er ging vermutlich 1914 verloren und der Ersatz bringt die segensreichen Ausstrahlungen des Originals: „vor Gott und Menschen angenehm zu machen", nicht zustande. MM® Pension HIRSCH, FQrstenhof Während der hohen Feiertage Gottesdienst, "ieo Diejenigen, die den Weltkrieg an der Front mitgemacht haben, stehen allerdings noch heute unter seiner abschreckenden Wirkung und gerade das jetzt zu Ende gehende Jahr hat eine ganze Reihe von Verbrüderungsmanifestationen von Frontsoldaten aus einander damals feindlichen Ländern zu Gunsten der Erhaltung des Friedens gesehen, insbesondere in der letzten Woche in Wien, wobei von katholischer Seite manch kluges, der Sache des Friedens dienendes Wort zu hören war. Auf die jüdischen Frontsoldaten hat man nicht nur niemals gehört, sondern man will im Dritten Reiche auch nichts von ihnen sehen und hat deswegen die Namen der jüdischen Kriegsgefallenen aus den Heldengedenktafeln ausgemerzt, während man gegen die Ueberlebenden eine systematische Hetze entfaltet und ihnen das tägliche Brot raubt Als das Jahr 5697 anbrach, hatte ein damals zwei Monate alter Pakt ein erträgliches Verhältnis zwischen Oesterreich und Deutschland anbahnen wollen. Heute, am Ende des Jahres 5697, sehen wir diesen guten Willen nicht über tastende Versuche hinausgediehen, die schließlich zum Abschluß eines neuen Vertrags führten, der dafür sorgte, daß die in allen übrigen Belangen längst gleichgeschaltete Presse des Dritten Reiches nunmehr auch in ihren Aeußerungen über Oesterreich an strengere Zuchthaltung gewöhnt wird. Das ist das politische Ergebnis. Der vom selben Pakt angebahnte Kulturaustausch zwischen den beiden deutschen Staaten sieht in der Praxis so aus: Der Salzburger Sender, der in der Festspielzeit der ganzen Welt erlesene Kostproben der österreichischen Kultur bot, wurde einzig und allein von Deutschland beharrlich boykottiert. Dagegen hat das Dritte Reich den Export seines erlesensten Kulturwerkes, nämlich des Hitler-Buches „Mein Kampf", nach Oesterreich durchgesetzt, ja wir genießen sogar vor dem gesamten Ausland den Vorzug, dieses „Werk" unverkürzt geliefert zu bekommen . . . Womöglich noch groteskere Formen als dieser Austausch geistiger Güter pflegt der persönliche Kontakt der Einwohner der beiden Paktstaaten anzunehmen. Während Oesterreichs Fremdenverkehr aus allen anderen Nachbarländern, ja sogar aus Frankreich und England erfreulich wächst, und sich vollständig reibungslos vollzieht, gibt es fast bei jedem Besuch von Reichsdeutschen in Oesterreich und von Oesterreichern im Dritten Reich ein Malheur. Ob nun deutsche Handballspieler in Wien oder österreichische Sänger in Breslau ihre an sich gewiß nicht aufreizende Kunst zeigen, immer bekommt die österreichische P o- 1 izei — allerdings nur die österreichische Polizei — Arbeit. Wer ist daran schuld? Natürlich der J udM Die deutschen Nationalsozialisten propagieren unentwegt den totalitären Antisemitismus und haben diesen auch in ihrer Verfassung durch die Nürnberger Gesetze verankert. Die österreichische Verfassung betont die Gleichberechtigung aller Konfessionen. Trotzdem ließen manche österreichische Politiker über diesen Punkt gern mit sich reden. Aber wenn es zur Entscheidung kommt trennen sich die Wege des konsequenten Judenhasses der Prägung Hitlers von dem konzilianteren Antisemitismus aus der Schule Luegers, der gesagt hat: „Wer ein Jud' ist, entscheide ich!" Die österreichischen Judenfeinde, soweit sie nicht auf illegalen Nazi-Pfaden wandeln, haben also den beiweiten schwierigeren Weg. Einerseits renovierten sie in Lienz die Grabinschrift eines Knaben, der dort im 15. Jahrhundert angeblich einem Ritualmord zum Opfer fiel, so daß jetzt die englischen Touristen zu ihrem größten Befremden den mittelalterlichen Spuk, der sie Deutschland meiden ließ, auch in Tirol lebendig finden. Anderseits bangen sie vor der für den bevorstehenden Nürnberger Parteitag angekündigten „Entjudung" des Christentums, die logischerweise die Umkehrung seines humanen Geistes in dessen' Gegenteil bedeutet. Wer ist schuld an diesem schweren seelischen Dilemma? Wie man sieht: der Jud'! Die nationalsozialistische Parole „Juden hinaus!" erobert sich mit der „ruhigen Entwicklung", die wir eingangs als Charakteristikum des Jahres 5697 bezeichneten,, die Welt, insbesondere in Polen und Rumänien ist sie zum „Schlag"- Wort im wahrsten Sinne geworden. Mit Staunen sehen die Zionisten, daß ihnen diese Parole auch schon ihr Welterlösungskonzept verdirbt, weil sie sogar in'Palästina zur Anwendung .kommt. Die dort bewiesene Verwaltungskunst der Man- Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehungen von in- und ausändischen Hausbesitzern datarrnacht einschließlich des jetzt von ihr ausgetüftelten Judenstaatsprojektes dient in der Praxis unübersehbar nur der Tendenz: Juden hinaus! Aber vielleicht ist mit diesem groteskem Entwicklungsstadium der Jüdischen Heimstätte ein Kulminationspunkt für die siegreiche Nazi-Parole erreicht. An Anzeichen beginnender Vernunft fehlt es nicht. Es ist sicherlich symptomatisch, daß ausgerechnet Herr Stefan Friedrich, der erste christlichnationale Ministerpräsident von Ungarn, der als solcher den exzessiven Siegeszug des magyarischen Rassenschützlertums und die Einführung des numerus clausus an den ungarischen Hochschulen zu decken hatte, im abgelaufenen Jahre 5697 wiederholt, zuletzt noch am vorigen Sonntag im „Neuen Wiener Tagblatt", der jetzigen Regierung seines Landes tüchtig den Text liest weil sie dem Antisemitismus der extremen Rechtsparteien nicht genug energisch entgegentritt. Vielleicht erleben wir noch Aehnliches im Dritten Reiche, dessen beherrschende Partei ja als Schülerin des magyarischen Rassenschützlertums gilt. Vorläufig droht Herr Göring den ausländischen Juden für den Fall einer Verschärfung des Boykotts mit Repressalien an den deutschen Juden. Das ist der Neujahrsgruß des Dritten Reiches an seine Juden. Villenpension Kreuzberg fireittnstein am Semmmna er Leitung T- -r t n -, . n, JCtiitr. Brei Frau Lola Sduff verlanger, i Hohe Feiertage geöffnet. Auskunft: Wien II.. Krummbaumgasse 1 Telephon: A44-4-62. U 10-800 und Lola 5diiff. Breitenstein a/S Telephon Ii. Auf Prospekt. Gespannte Lage in Palästina. Die letzten Tage waren in mehreren Teilen Palästinas durch eine Verschärfung des arabischen Terrors gekennzeichnet. Die blutigen Terrorakte, bei denen drei Juden getötet und mehrere Juden verletzt wurden, haben die Befürchtung geweckt, daß Palästina am Vorabend neuer Unruhen steht. Angesichts der äußerst ernsten Lage sind die militärischen Kommandanten der in Palästina stationierten britischen Streitkräfte zu einer Besprechung zusammengetreten, um die Maßnahmen zu erörtern, die im Falle des Ausbruchs neuer Unruhen ergriffen werden sollen. Es verlautet, daß auch die Möglichkeit der Verhängung des Kriegsrechtes erörtert wurde. Der Konferenz wohnten der bisherige Oberkommandierende in Palästina, Generalleutnant Sir John Dill und der vor wenigen Tagen erst im Lande eingetroffene neuje Oberstkommandierende, Generalmajor Wav e 11, bei Mit Rücksicht auf die allgemeine Unsicherheit im Lande hat High Commissioner Sir Arthur Wauchope, der am Dienstag einen zweimonatigen Urlaub antreten sollte, seine Abreise nach England verschoben. Am Sonntag, den 29. August, haben in der Nähe von Arza auf der Strecke Jerusalem—Tel Aviv arabische Terroristen auf einen Autobus der Egged-Gesellschaft einen Ueberfall verübt, bei dem ein jüdischer Passagier getötet wurde. Es handelt sich um den aus Aegypten stammenden 45jährigen Schneider Berkovsky aus Tel Aviv. Augenzeugen schilderten den Hergang des Ueberfalls wie folgt: Ein kleiner arabischer Wagen, der dem Autobus bereits einige Kilometer weit gefolgt war, kam in der Nähe von Arza an einer schmalen Stelle der Straße nahe an den Autobus heran, wobei blitzschnell aus dem Wageninnern von einem Araber mehrere Schüsse auf den Autobus abgegeben wurden. Der Wagenlenker und der Schütze sprangen vom Wagen ab und flüchteten. Am Montag, den 30. August fand in Tel Aviv das Begräbnis des erschossenen jüdischen Schneiders Abraham Berkovsky statt. Das Begräbnis, an dem weit über 6000 Personen teilnahmen, gestaltete sich zu einer jüdischen Manifestation. Berkovsky hinterläßt eine Frau und sieben Kinder. Bei einer Brunneninspektion in der Nähe von K a r k u r sind aus dem Hinterhalt zwei jüdische Arbeiter, der 32jährige Daniel Staniecki und der 30jährige Iser Bankus, die beide aus Grodno in Polen stammen, erschossen worden. Die Leiche von Bankus war von den Arabern in den Brunnen geworfen worden. Die heutige feiertagsnummer ist als Doppelnummcr 16 Seifen sfarh »le nächste Nummer unseres Blattes erscheint am rreltass, den 17. September Am Mittwoch sind vier Araber getötet worden. Damit betragen die Verluste an Toten seit Sonntag neun Araber und drei Juden. Die Polizei hat eine Prämie von 500 Pfund für die Aufklärung der verschiedenen Mordfälle in den letzten Tagen ausgeschrieben. Eine Delegation des Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) hat beim Distriktskommissar Keith Roach vorgesprochen und scharfen Protest gegen die jüngsten Terrorakte erhoben. Der Distriktskommissar erklärte, die Regierung sei noch nicht in der Lage, festzustellen, wer die Verantwortung für die Zwischenfälle trage. Der unmittelbare Anlaß sei ein Angriff auf arabische Arbeiter aus Um ei Chald gewesen. Die Mitglieder der Delegation erwiderten, der Jischuw habe zu der Palästinaverwaltung kein Vertrauen. Sie habe sich entweder nicht fähig oder nicht willens erwiesen, die Unruhen im

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