Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 30 (30.7.1937)
- Date
- 1937-07-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 30 — 30. Juli 1937 Seite 5 Famikien auf. Aber weit mehr Juden sind durch die Taufe dem Judentum verloren gegangen als durch die Prozesse der Inquisition. Der Katholizismus hat auf die immerhin verhältnismäßig spärlichen jüdischen Elemente eine außerordentliche Anziehungskraft gerade in diesen Ländern ausgeübt So zeugen nur noch die Namen, und darüber hinaus das in vielen Familien lebendige Bewußtsein, aus jüdischem Blute hervorgegangen zu sein, von dieser ersten jüdischen Siedlungswelle. Das Judentum in seiner jetzigen Form ist verhältnismäßig jung. Wie sich schon aus der im ganzen nur vierhatnderrjährigen Geschichte seit der Entstehung •ergibt, viel jünger als die verschiedenen jüdischen Ge- . meinschaften in Europa. Zum erheblichen Teil handelt ■es sich sogar um eine Einwanderung des letzten halben Jahrhunderts, die in verschiedenen Wellen gekommen ist. Die Zahlen stellen zum Teil nur Schätzungen dar. iNur für Argentinien liegt die ausgezeichnete Arbeit des Direktors der ICA, Simon Weil, vor, deren Weiterführung angesichts der genauen Aufzeichnungen, <lie die Hilfsorganisationen über die Zuwanderung machen, keine Schwierigkeiten macht. Danach kann die Zahl der jetzt fn Argentinien lebenden Juden mit 260.000 angenommen werden. Es folgt das räumlich um so Viel größere Brasilien, dessen jüdische Bevölkerung heute zwischen 55.000 und 60.000 beträgt Dem Prozentsatz nach ist die jüdische Einwohnerzahl etwas höher in Uruguay, das 30.000 Juden zählt. Die drei Länder an der atlantischen Küste bergen mit etwa 350.000 Juden den ganz überwiegenden Anteil der jüdischen Bevölkerung in sich. Die Länder an der entgegengesetzten westlichen Seite treten demgegenüber ganz zurück. Ch'ile mag 15.000, Peru 1500, Ecuador 750. Columbien höchstens 2500, Bolivien noch nicht einmal 100 Juden haben. Das ergibt iür die von uns besuchten Länder 350.000 in den drei östlichen und rund 20.000 in den übrigen Ländern. Nicht besucht haben wir Paraguay, dessen jüdische Einwohnerzahl das ausgezeichnete Heft des „Hilfsvereins" für das Jahr 1930 — im Einklang mit dem Buch Wischnitzers über „Die Juden in der Welt" — mit 1200 angibt; zu dieser Zahl ist eine gewisse Einwanderung hinzugekommen, aber auf der anderen Seite hat die Regierung von Paraguay nicht wenige der Zugewanderten wieder ausgewiesen; viele sjind auch freiwillig abgewandert, weil sie in dem Lande eine Existez nicht haben finden können. Das andere Land, in das wir nicht gekommen sind. Venezuela, zählt nach der gleichen Quelle etwa 1000 Juden. Die südamerikanischen Republiken erreichen also insgesamt nicht einmal 375.000 Juden. Ihre Gesamtbevölkerung mag um 90 Millionen liegen. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung beträgt also wenig mehr als ein Drittel Prozent. (Fortsetzung folgt.) IjtiM JCucact Sauedkimn Das Judentum und die jubilierende Gesellschaft der Arzte. Die Verdienste der aus dem Judentum stammenden Aerzte um die zur 100-Jahr-Feier jubilierende Gesellschaft der Aerzte sind in den aus diesem Anlaß erschienenen Aufsätzen etwas zu kurz gekommen, obwohl sich selbst die „Reichspost" veranlaßt gesehen hat, einige ganz hervorragende von ihnen zu .nennen; die jüdischen Zeitungen können ihnen aber nicht gerecht werden, weil ein gutes Drittel von ihnen den Lockungen nicht widerstanden ist, vom Judentum abzufallen. Trotzdem sei mir gegönnt, an diesem Platze die Nachforschungen zu veröffentlichen, die ich in der vom damaligen Bibliothekar der Gesellschaft ganz objektiv zur ,50-Jahr^Feier verfaßten Geschichte der Körperschaft angestellt habe. Ich bin dabei auf die merkwürdige Tatsache gestoßen, daß die ganze Gründung der Gesellschaft durch den jedem in Ischl wohlbekannt gewesenen Professor Wirrer von Retrenbach auf eine Privatgesellschaft meist jüdischer, damals junger Aerzte .zurückgeht, die sich jede Woche zuerst in der Wohjru'irjf dei'°Grrxl^ig~j^itto'äniii' dann des Dr. Ludwig yori Mauthner-Majithstein in dem, wie ich glaube, noch heute der Familie gehörigen Hause Walfischgasse 1 versammelte und denen von großen Professoren wie Skoda und Wirrer Privatvorlesungen gehalten wurden. In diesem Kreise befanden sich die Juden Dr. Kuh, Dittel, jgnaz von Hoffmansthal, von Herzfelder. Unter den 9 Präsidenten, welche die Gesellschaft bis zum heutigen Tage gehabt hat, befinden sich zwei VoUMutjuden, der Prager Bamberger und der Galizianer Dittel, während Hebra und Exner jüdisches Blut in den Adern gehabt haben. Der große Dermatologe Isidor von Neumann war Jahrzehnte erster Vizepräsident, im Vorstand finden wir die Juden Heinrich Auspitz, Dr. S:gmund Wahrmann, David Winternitz, Goldberger de Buda, Adolf Hoffmann und andere. Es ist bekannt, daß Eduard Suess die Hochquellenleitung nie durchgesetzt hätte, wenn die Gesellschaft der Aerzte unter Skodas Führung ihn nicht so sehr gestützt hättei Im Komitee, welches dies durchsetzte, befanden sich die Juden Julius Mauthner, der so tragisch einem Unfall jz.um Opfer fiel, und der Psychiater Leidesdorf. Das Geschichtswerk des Bibliothekars führt nur sämtliche Redner auf, die in ihren Demonstrationen . irgend etwas für die Weiterentwicklung der österreichischen Wissenschaft geleistet und Grundlegendes dort vorgetragen haben. Darunter befinden sich unter den praktischen Aerzten Dr. Mandl, Isidor Schwarz, Emil Kohn, Dr. Richter, der Vater der heutigen Universitätsprofessorin, Dr. Abeles, Dr. Jakobowitsch, Dr. Benedikt- Schulz, dessen unvermählte Tochter jahrzehntelang den berühmtesten Wiener Salon führte, Dr. Federn; von auswärts Dr. Pserhofer aus Oedenburg und Hofoptiker Waldstein aus München sowie der sogenannte Perser- Pollak,«Leibarzt des Schahs Nasreddin; die Primarien Bernhard Wölfler und Gustav Wertheim, die Professoren und Dozenten der Ohrenheilkunde Adam Pollitzer, Josef Gruber, Dr. Bing, die Dermatologen Zeissl, den weltberühmten Kaposi, alias Kohn, den Sohn des Schames von Kaposvar, Ehrmann, Josef Grünfeld, Paschkis und den Begründer der Lupusheilstätte, Eduard Lang; die Chirurgen Neudörfer, Anton Wölfler und Emmerich Ullmann, der die Pasteurimpfung unter Lebensgefahr nach Wien verpflanzte, die Laryngologen Professor Stork, W. Roth, den glücklicherweise noch lebenden Markus Hajek und dessen Schwiegervater Johann Schnitzler, dessen Sohn der bekannte Chirurg Julius noch heute dem Vorstand der Gesellschaft angehört; die Internisten von Bäsch, den Leibarzt des Kaisers Max von Mexiko, Prof. Dr. Stern, der überhaupt der erste jüdische Professor an der Wiener Universität war; die Dozenten Breuer, Bettelheim, Heitier, Teleky, Pa|; die Ophtalmplogen Hock, Hofrat Schnabel, Klein, Königstein und vor allem Professor Kohn aus Breslau; den Erfinder Professor Gärtner, den großen Pathologen S. Stricker, den Physiologen Fleischl von Marxon, den Anatomen Emil Zuckerkandl, den Embryologen Schenk, die Kinderärzte Herz, Fürth, Kassowicz, Eisenschütz, den Gynäkologen Max Funk, die Balneologen Seegen und Wilhelm Wfnternitz, die Nervenärzte Benedikt, Freud, Rosenthal, Breslauer, Dr. Julhis und den so tragisch dahingeschiedenen Doktor Nathan Weiss; den Krebsforscher Adamkiewicz. Wie gesagt sind nur diejenigen in jenem Buche erwähnt, die etwas Wesentliches durch ihre Vorträge zum Fortschritt iri der, Medizin beigetragen i)ab>n,, An sie reihen sich eine Anzahl von Journalisten arf, die das Gedeihen der Gesellschaft wesentlich gefördert haben, so Dozent W. Schlesinger und Richard Wiiftelshöfer. Es AI le Schulbücher antiquarische allerriditige Auflagen, billigste Preise. Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeidinisse umsonst. — Zeit spart, wer kauft im SCHULBÜCHERANT QUARIAT HIEIMAtM WHNIil Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Telephon R 41-4-20 mag auch erwähnt werden, daß Billroth nur imstande war der Gesellschaft ein neues Haus zu bauen, weil ein in Lissabon lebendes korrespondierendes Mitglied, der Maranne Don Pedro Francesco Dacosta* im Jahre 188S der Gesellschaft zu diesem Zwecke ein namhaftes Legat als ersten finanziellen Grundstock vermachte, und daß die heurige so vortreffliche Bibliothek auf eine erste Schenkung des auch sonst so hoch verdienten Dr. Ludwig Mauthner-Mauthstein, dem das Wiener Krippenwesen so viel zu verdanken hat, zurückgeht. Die ganze hochinteressante Bildersammlung der Gesellschaft geht auf das Legat des Dr. Ignaz von Hoffmannstha! von mehreren hundert Bildern hervorragender medizinischer Zeitgenossen zurück, was beweist, daß der Arzt, der im Leben der Kultusgemeinde eine so große Rolle spielte, auch weites Verständnis für die Wiener Allgemeinheit hatte. Was die Juden im zweiten Abschnitt der Geschichte der Gesellschaft geleistet haben, kann erst nach Erscheinen der Festschrift zur 100-Jahr-Feier festgelegt werden und wird wohl hinter den Leistungen des ersten halben Jahrhunderts nicht zurückstehen. Clothilde Benedikt. LESET DIE WAHRHEIT! Ausflugsort u. Sommerfrische,Kohlensäurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigen Preisen. Auskünfte orteilt die Kur Kommission Smuorbrunn, die V/erbestelle des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wie* /., ' Der Terror der Nazi in Deutschland gegen Juden. Ein Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der soeben von einer Reise durch Deutschland zurückgekehrt ist, hat feststellen können, daß die Lage der Juden in Deutschland infolge des wirtschaftlichen Vernichtungsfeldzuges, den die Nationalsozialisten ohne Unterbrechung gegen die Juden führen, eine weitere Verschlechterung erfahren hat. Besonders erbarmungslos wirkt sich der Nazi-Feldzug in der Provinz aus; in zahlreichen Städten werden die letzten jüdischen Inhaber von Geschäftsläden durch Terror gezwungen, ihre Läden an „Arier" abzutreten. Wiederum sind zahlreiche Fälle bekannt geworden, in denen Juden, die sich weigerten, ihre Läden an Arier zu verkaufen, von der Gestapo festgenommen und solange in Haft gehalten wurden, bis sie dem Verkauf, das heißt der Verschleuderung, zustimmten. Besonders ungeheuerlich ist folgender Fall: Ein jüdischer Kaufmann wurde in Haft genommen, weil er sich geweigert hatte, sein Geschäft zu verkaufen. Seiner Familie war es verboten worden, ihn zu besuchen oder sonstwie einen Kontakt mit ihm aufrechtzuerhalten. Einige Tage nach seiner Verhaftung erhielt die Frau von der Gestapo eine Urne mit der Ascha ihres Mannes samt der Weisung, die Beisetzung habe so unauffällig wie möglich zu erfolgen. Tatsächlich war bei der Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof außer den engsten Familienangehörigen nur der Ortsrabbiner anwesend. Kurz nach der Beisetzung wurde der Witwe ein von ihrem Manne eigenhändig unterschriebenes Dokument vorgezeigt, laut welchem er das Eigentumsrecht an seinem Geschäft einem Arier überträgt. In Bamberg, Oberfranken, haben die Nazi-Behörden im Zusammenhang mit dem Tod eines 8jährigen deutschen Kindes das Ritualmordmärchen wiedererstehen lassen. Unmittelbar nach dem Ableben des Kindes verbreiteten sie das Gerücht, daß das Kind von Juden zu rituellen Zwecken ermordet worden sei. Nach einer gerichtlich durchgeführten Untersuchung stellte sich jedoch heraus, daß das Gerücht jeder Grundlage entbehrt. Hierauf griffen die lokalen Nazi-Stellen den Fall auf, und achtjuden wurden verhaftet. Drei von ihnen wurden bald darauf wieder freigelassen, die anderen fünf befinden sich noch immer in Haft. Offizielle Persönlichkeiten der Nationalsozialistischen Partei besuchten das Grab des Kindes; es wurde beschlossen, alljährlich an seinem Todestage einen Demonstrationszug zum Grabe zu veranstalten. Besonders unhaltbar hat sich d i e Lage der staatenlosen Juden in Deutschland gestaltet, von denen die meisten seinerzeit aus Rußland vor den Bolschewiken geflohen waren. Auf Grund der bestehenden internationalen Rechtsvorschriften und auch weil kein Land sie aufnehmen will, können Staatenlose nicht ausgewiesen werden. Dennoch wenden die Nazis alle möglichen Mittel an, um diesen Juden das Leben so schwer zu machen, daß ihnen nichts übritf bleibt, als das Land zu verlassen. In Berlin werden staatenlose Juden immer wieder verhaltet, manche von ihnen vier- und fünfmal in kurzer Folge. Stets werden sie aufgefordert, aus dem Lande zu gehen. Einigen drohte man, sie in ein Konzenlrationslag.-r zu bringen, falls sie dieser Aufforderung nicht bis zu einem bestimmten Termin nachkommen. Das Arbeitsrecht wurde diesen Judenganz entzogen. Die einzige Hilfsorganisation für jüdische Flüchtlinge aus Rußland, der Verein russischer Juden in Deutschland, ist von der Gestapo aufgelöst worden. Durch die Beschlagnahme des Vermögens der aufgelösten Bne Brith-Logen haben die Nazi-Behörden einige Millionen Mark hereinbringen können. In Berlin hält die S. A. die Gebäude der Bne Brith-Logen nach wie vor besetzt. In Stuttgart hat der von den Nazi-Behörden eingesetzte Liquidator des Vermögens der Bne Brith-Loge an alle Mitglieder, die Beiträge schuldig waren, ein Rundschreiben versandt, in welchem er sie zur prompten Begleichung der Rückstände auffordert. Die einfließenden Beträge wandern natürlich in die Nazi-Kasse.