Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1937-07-30 · Heft 30 (30.7.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 30 (30.7.1937)
Date
1937-07-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064663-3064692--21239-3086573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Nr. 30 — 30. Juli 1937 Seite 3 lesung aus einem Manuskript, enthaltend eine Rede an die Rothschilds, überwältigt war: „Ich sah es an Güdemanns glänzenden Augen." „. . . aber Güdemann, der Antizionist. war schon gewonnen." Er sagte: „Wenn Sie Recht haben, bricht meine ganze bisherige Lebensanschauung zusammen." „Dr. Güdemann war wieder hingerissen." Güdemann sagte: „Sie kommen mir vor wie Moses." Beim Abschied am Bahnhoi habe ihm Güdemann in ernster Begeisterung .gesagt: „Bleiben Sie wie Sie sind, vielleicht sind Sie der von Gott Berufene," Merkwürdigerweise unterläßt es Herzl nicht, die Rothschilds, also auch Edmund Rothschild, mit folgenden Worten zu charakterisieren: „Wir kamen zum Resultat, daß die Rede nicht an die Rothschilds kommen dürfe, die niedere, schnöde, eigensüchtige Menschen seien" (ßd. 1. S. 266). Dies berührt sehr eigentümlich, denn es ist kaum anzunehmen, daß Oberrabbiner Dr. Güdemann und Dr. Meyer-Cohn zu diesem „Resultat" gekommen sind. Güdemanns „Erinnerungen". Nun lesen wir nach, was Güdemann in seinen „Erinnerungen" dazu sagt. Da heißt es anders: „ . . .Ich reiste am Freitag ab und Samstag früh trafen wir uns in Herzls Zimmer, wo d'eser sogleich die Vorlesung eines an das Pariser Haus Rothschild abzusendenden Briefes begann. Es waren lauter kleine Zettel in Duodezformat, von denen Herzl länger als eine Stunde ablas. Ich saß dabei wie ein aus den Wolken Gefallener, kaum fähig, der Vorlesung Gehör zu' schenken, denn ich wußte nicht, wo Herzl hinauswollte und wie die Pariser Rothschilds imstande sein sollten, uns Wiener Juden aus unserer Bedrängnis zu helfen, worauf es doch nach meiner vorgefaßten Meinung hauptsächlich ankam. Allmählich begriff ich, daß es sich gar nicht um diesen Punkt handelte, sondern um die Bildung eines Judenstaates, denn was Herzl nachmals in seiner unter diesem Titel erschienenen Schrift ausgeführt hatte, davon waren in dem Briefe bereits die Grundzüge entworfen. Einer von den Rothschilds sollte zum Fürsten gewählt werden, da dieses Bankhaus seine Bedeutung als Geldmacht ohnehin einbüßen würde. Sehr viel war vom Trust die Rede, e"nem Ausdruck, dessen Bedeutung mir damals noch unbekannt war, usw. Nach Beendigung der Vorlesung erschien ich mir wie ein sich selbst abhanden Gekommener, ich war stumm und wußte nichts zu sagen. Nur Dr. Heinrich Meyer-Cohn entgegnete Herzl ein Langes und Breites, aber auch dafür fehlte mir das Verständnis und Interesse und ich vermochte kaum, aus den entlegenen Fernen, in die meine Gedanken versprengt waren, wieder zu mir zu kommen. So hatte ich vollständig meine Besinnung und die Herrschaft über mich selbst verloren." „Ich erwähne diese meine Haltung ausdrücklich, weil viele Jahre nachher Rabbiner Dr. Werner in München mich fragte, ob es wahr sei, daß ich. Herzl nach seiner Vorlesung um den Hals gefallen sei und ihm gesagt habe: Sie sind unser Messias!" „Niemals ist eine größere Unwahrheit als dieses erfunden worden." „In einem von München aus an meine Frau gerichteten Briefe, der mir jetzt, 1915, also nach 20 Jahren, zufällig in die Hände gefallen ist, schrieb ich wörtlich: „Herzl ist ein Poet, aber die Sache, so "Interessant sie ist. undurchführbar" Dies also war der frische Eindruck der Vorlesung. „Nach der Vollendung der Vorlesung begaben wir drei uns in die jüdische Restauration zu gemeinsamen Mittagsmahl, ohne daß weiter von dem Gegenstand der Vorlesung die Rede war. Nachmittags ging jeder von uns seiner Wege, erst am anderen Tage, Sonntag, hatte ich wieder Gelegenheit, Herzl zu sprechen. Er begleitete mich auf den Bahnhof und auf seine Frage, was ich zu seiner Idee sage, antwortete ich, daß er ähnlich dem damals erschienenen „Freiland"*) auch seine Ideen in einem Roman verarbeiten solle. Da würde es sich zeigen, welche praktische Wirkung die Idee auszulösen vermöge. Herzl hörte mich ruhig an, wie einer, der den Vorschlag nicht ganz von der Hand weise. Ich fragte ihn auch, wieso er dazu gekommen sei. sich mit soviel Wärme der Juden anzunehmen, worauf er mir seinen Vater als denjenigen bezeichnete, der ihn in diese Richtung gedrängt habe. Er erzählte mir auch, daß er an einen Rothschild geschrieben, aber nicht einmal Antwort erhalten habe, was ihn ärgerte. Darauf erwiderte ich: „Was wollen Sie, diese Leute sind erblich damit belastet, nicht zu antworten", worauf er lachte und bemerkte: „Das ist gut." So waren wir allmählich zum Bahnhof gekommen und ich reiste ab nach Baden, wo ich über den Sommer wohnte." Das Verhältnis der beiden Männer zueinander wurde immer lauer, zumal das Ersuchen Herzls, die Judenstaat-Idee von der Kanzel aus zu unterstützen, bei Güdemann kein Gehör fand. Besonders deprimiert wurde aber Güdemann, als er anläßlich eines Besuches vom 24. Dezember 1895, nachdem er sich verpflichtet erachtete, Herzl einen Gegenbesuch abzustatten, zu seiner großen Ueberraschung — wie Güdemann selbst erzählt — im Empfangszimmer Herzls einen großen Christbaum vorfand. Hiezu bemerkt Güdemann: -Die Unterhaltung — in Gegenwart des Christbaumes — war schleppend und ich empfahl mich bald. Weitere häusliche Zusammenkünfte habe ioh meines Wissens mit Herzl nicht mehr gehabt."**) *) Eine im Jahre 1890 erschienene soziale Utopie von Theodor Hertzka, Chefredakteur der von ihm begründeten „Wiener Allgemeinen Zeitung". **) Diese Szene schildert auch Herzl in seinen Tagebüchern mit (olgenden Worten (Bd. I. S. 328): „Eben zündete ich meinen Kindern den Weihnachtsbaum an, als Güdemann kam. Er schien dmch den „Christin nähere Beziehungen treten die Herren wieder, als Herzl an Güdemann die ersten Aushängebogen des „Judenstaaf mit einem Briefe übersandte. Diesen Brief, datiert vom 26. Jänner 1896. hat tierel in seinen Tagebüchern nicht veröffentlicht, während seine sonstigen Briefe an Güdemann 'veröffentlicht erscheinen. Dagegen iindet sich eine Abschrift dieses Briefes in Güdemanns „Erinnerungen" mit dem Bemerken, es sei der einzige von den Briefen Herzls. den er noch besitze. Dieser bisher unveröffentlichte Brief Herzls hat folgenden Wortlaut: „Neue Freie Presse'* Redaktion: Wien, Kolowratring, Fichtegasse Nr.;M. 26. I. 96. Hochverehrter Freund! In Eile zwei Worte. Im „Jewish Chronicle" ist vorige Woche der erste Aufsatz erschienen. Beifolgend die ersten Bürstenabzüge der zweieinhalb Druckbogen meiner Broschüre, die zu Ende der Woche fertig sein wird. Ich bitte Sie, mir Ihre Bemerkungen zu machen und sie mit den Abzügen morgen vormittag in die Redaction zu schicken. Sie werden natürlich sämtliche Abzüge erhalten, bevor ich das Imprimatur gebe. Nur muß ich Sie bitten, das sofort zu erledigen, damit bei der Drucklegung keine weitere Verzögerung eintrete. Als ich zur Geburt Ihres (Kindes gratulieren kam, waren Sie nicht zuhause. Man hat es Ihnen •doch gemeldet? loh hoffe, die gnädige Frau und das gnädige Kind befinden sich wohlauf! In herzlicher Ergebenheit Ihr Herzl." Ueber den Eindruck dieses Briefes und der beigelegten Aushängebogen schreibt lierzl in seinen Tagebüchern, Band I, S. 329. folgendes: „Güdemann hat die ersten Druckbogen gelesen, schreibt mir begeistert. Er glaubt die Schritt werde wie eine Bombe wirken, werde Wunder wirken." Privat - Pension 3ifd>er Restaurant Stefanie Hugo ff. Julie Herlinger, geb. Zollner II., TaborstraB« 12 Tel. R 48-4-46 Erstklassige renommierte Küche, große Auswahl. Reichhaltige Menfls von S 1.60. aufwärts. Exakte Bedienung. Schöner schattiger Garten. Angenehmer Aufenthalt. Dieses Schreiben Güdemanns -wird racht veröffentlicht. Dagegen können wir uns aus den Erinnerungen Güdemanns eine Meinung bilden, wie seine Begeisterung für den „Judenstaat" beschaffen war. Güdemann erzählt: „Man ersieht aus diesem Briefe, daß wir damals auf einem freudlichen, jovialen Verhältnis zueinander standen. Ich habe mich auch über die mir zugesendeten Aushängebogen lobend ausgedrückt, wie es in solchem Falle woFl jeder gegenüber einem befreundeten Autor tut Nach Erscheinen des .Judenstaaf begegneten wir einander im Prater, wir waren beide in Gesellschaft, aber ich -winkte Herzl lächelnd zu und sagte so etwas, wie „ich gratuliere'. Darauf verließ Herzl seine Umgebung, kam auf mich zu und sagte eilends zu mir: .Aber Sie werden mir zugeben, daß ich meinen Freidenker- Standpunkt gewahrt habe', worauf ich lächelnd Ja* sagte und weiterging. Ich erwähnte diese Momente, weil Herzl später nach Erscheinen meines .Nationaljudentum' in einer Entgegnung in der .Blochschen Wochenschrift' mich unter Hinweis auf mein Urteil über den Judenstaat des Widerspruchs geziehen hat. Ein solcher war aber gar nicht vorhanden. Ich habe gar nicht geglaubt, daß Herzl aus seinem .Judenstaat' Ernst machen wolle. Ich ließ mir die Schrift als eine Anregung, als einen Weckruf gefallen und so ließ ich auch den Freidenker-Standpunkt hingehen, von dem keiner glauben wird, daß er meine Billigung gefunden hat." liehen" Brauch verstimmt. Na. drücken lasse ioh mich nicht! Aber meinetwegen soll's der Chanukahbaum heißen — oder die Sonnenwende des Winters?" Wer schimpft! Die „Stimme", die als national-zionistisches Blatt wenig Ursache hat, sich über die gegenwärtigen Errungenschaften und die Aussichten für die Zukunft zu freuen, versucht jetzt ihr Glück mit Ausgrabungen aus der Vergangenheit. So fiel ihr jüngst das Kondolenzschreiben in die Hände, das die „Union" im Juli 1904 anläßlich des Ablebens von Dr. Theodor Herzl an das Zionistische Aktionskomitee gerichtet hat und das, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, pietätvoll die guten Eigenschaften und Verdienste des Verstorbenen rühmte, ohne sich in eine Polemik gegen jene politischen Forderungen einzulassen, die uns von den Jüdischnafionalen trennen. Dieselbe1 Courtoisie hat seinerzeit der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde beim Mödling, Scheffergasse 2 An dar Goldenen Stiege Streng "WD Erstklassige Küche Güdemanns Streitschrift gegen den „Judenstaat", betitelt „N a t i o n a 1 j u d e n t u m", wurde nicht nur von Herzl in „Dr. Bloch's Wochenschrift" kritisch besprochen, sondern auch später in der „Weit" von Nordau scharf angegriffen und; widerlegt. Damit hörten auch alle Beziehungen zwischen Herzl und Güdemann auf. Hier sei noch aus den „Erinnerungen" Güdemanns ein höchst interessantes Detail erwähnt, weil esi „Zion" betrifft: Im Jahre 1871 war mittels Beschluß des Wiener Kultusvorstandes über Anregung Dr. Jelfineks der Zions- Gedanke aus den Gebeten ausgeschaltet worden, was Jellinek damals in einer veröffentlichten Predigt „Jerusalem, die Opfer und Orgel" ausführlich behandelt hat Dazu erzählt Güdemann: „Hier in Wien ließ dreißig Jahre später der Vorstand mich anfragen, ob ich gegen die Wiederaufnahme der lauten „Schmoneh-Esre" etwas einzuwenden hätte; ich, der ich sie nie unterdrückt, sondern die von dem damaligen Vorstande gewollte Unterdrückung nur wohl oder übel zugegeben hatte. Aber jetzt war Zion wieder modern geworden und selbst Nichtzionisten schämten sich seiner nicht mehr." Auffällig ist, daß Güdemann in seinen Erinnerungen von seinen Beziehungen zum Herausgeber der „Doktor Blochs Wochenschrift", Dr. Josef S. Bloch, mit dem ihn durch Jahrzehnte politisch-religiöse Interessen und freundschaftliche Beziehungen verbunden harten, nicht spricht'- Die Bevölkerung Palastinas. Das statistische Bulletin der Palästina-Regierung gibt die Bevölkerungszahl Palästinas, die im Jahre 1931 66.553 Seelen umfassende Nomaden-Bevölkerung und die Angehörigen der britischen Armee nicht mit eingerechnet, am 31. März 1937 mit 1,316.142 an. Die Bevölkerung bestand aus 805.173 Mohammedanern, 389.390 Juden, 110.146 Christen und 11.433 Angehörigen sonstiger Bekenntnisse, unter denen die Drusen am zahlreichsten waren. Verhältnismäßig entfallen somit auf die Mohammedaner 61,2%, auf die Juden 29,6%, auf die Christen 8,4% und auf die übrigen 0,8%. Die Bevölkerungszunahme im ersten Vierteljahr betrug schätzungsweise 15.991, davon 11.231 natürlicher Zuwachs und 4760 neu Eingewanderte. Die mohammedanische Bevölkerung hat um 8996 Personen zugenommen, 8566 durch natürlichen Zuwachs, 430 durch' Zuwanderung; bei den Juden ist die Bevölkerungszahl um 5307 (1807 durch natürlichen Zuwachs, 3500 durch Einwanderung) gestiegen; der Zuwachs von 1633 bei de« Christen setzt sich aus 890 Personen durch Geburtenüberschuß und 843 durch Einwanderungsiiberschuß zusammen. Die Zunahme durch Einwanderung ergibt sich aus dem Ueberschuß der Einreisen über die Ausreisen und ist daher durch saison maß igen Touristenverkehr usw. beeinflußt. Die Zahl der registrierten Einwanderer im ersten Vierteljahr betrug 3643, also last um 100O weniger als der aus der Differenz von Ausreisen uml Einreisen sich ergebende Bevölkerungszuwachs. Im April kamen 22.474 Personen nach Palästina, etwas mehr als im April 1936; verlassen haben Palästina 20.303 Personen, um 2221 mehr als im April 193«. Die Zahl der registrierten Einwanderer betrug 1464 (1340 Juden und 124 Nichtjuden) gegenüber 3524 im April 1936. Von den jüdischen Einwanderern sind 503 aus Polen und 486 aus Deutschland gekommen. 1153 Personen, davon 1135 Juden, wurden im April eingebürgert. Der früheren Staatsangehörigkeit nach waren von ihnen 572 Polen, 121 Deutsche, 80 Russen und 73 Rumänen. Ableben des christlichsozialen Bürgermeisters Doktor Lueger bekundet, ohne daß man den Repräsentanten der Wiener Juden dies als ein Bekenntnis zur christlichsozialen Weltanschauung ausgelegt hätte. Dagegen scheint die „Stimme'' allen Ernstes beflissen, die Beileidskundgebung des damaligen „Union"-Vorstands anläßlich Herzls Tode als eine politische Bindung an das jüdischnationale Parteiprogramm zu deuten und es dem jetzigen Präsidenten der „Union" als eine persönliche Schuld anzulasten, daß diese Organisation erst unter seiner Führung ihrem ursprünglichen Ziele: der Verwurzelung der österreichischen Juden im Heimatlande, treu geblieben ist. Fürwahr,.ein kurioser Vorwurf! Die „Union" hat getreu ihrem Programm seit Aufkommen der iüdischnationalen Bewegung diese als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.