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Die Wahrheit · 1937-07-30 · Heft 30 (30.7.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 30 (30.7.1937)
Date
1937-07-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 30 — 30. Juli 1937 DIE WAHRHEIT SecLu^e^ue- K£ucUv*a^- -gwu dt&uiZrr^^KYiaJbvri ^.KaWca. taa, , kJ&U'Uvv (5>t£/J£2vi, hwi ße/u S-l^viSex, ^Wcu^qyJUk%^i.,^o^^Z tungen als Mitgliedsstaaten des Völkerbundes einhalten werden." Selbstverständlich! Die bisherigen Erfahrungen zeigen ja, wie großartig sich die Verpflichtungen von Völkerbundstaaten gegenseitig im pazifistischen Sinne bewähren! Wäre Herr Ormsby-Gore nicht Mitglied der britischen Regierung, müßte man annehmen, er habe noch nie etwas von Kriegen zwischen zwei südamerikanischen Staaten, die beide dem Völkerbund angehören, zwischen Völkerbundstaaten, z. B. Italien und Abessinien gehört. Nur in den letzterwähnten Krieg hat bekanntlich der Völ-* kerbund auf Englands Betreiben tatsächlich zugunsten des schwächeren Teils einzugreifen versucht. Aber das Experiment ist keineswegs so befriedigend für England ausgegangen, daß es sich nochmals zu dieser Taktik ermutigt fühlen könnte. Man muß also die Hoffnung des Koloniahninisters, daß England, das nach wie vor in Palästina bleibe, nach der Teilung die Befriedung des Heiligen Landes besser gelingen würde als vorher, ziemlich skeptisch beurteilen. Und das geschah auch sowohl im Unterhaus wie im Oberhaus. Als erster Debatteredner im Unterhaus sprach der Abgeordnete der Arbeiterpartei Morgan J ones. Er trat für Einberufung einer Round-Table- Konferenz ein, auf der sowohl die Juden wie die Araber vertreten wären, und erhob Protest dagegen, daß Jerusalem außerhalb des jüdischen Staates fallen solle, Jerusalem sei das Herz unddieSeele aller jüdischen Hoffnungen. Außerhalb der Stadtteile, in denen sich die heiligen Stätten befinden, gebe es 75.000 Juden, die man nicht in ihrem eigenen Staate leben lassen wolle. sprach, vollends das Abwegige der jüdischnationalen Hoffnungen und Pläne auf. Er hält es für notwendig, die Haltung Englands gegenüber den Juden zu verteidigen: „Von welchen Ländern erfahren die Juden eine so gerechte Behandlung wie von dem unsrigen? Niemand hat mehr Mitgefühl als ich mit den Juden in ihrer Lage in Europa; aber es ist ein ganz phantastischer Gedanke, daß das Problem durch Palästina allein gelöst werden kann." Damit ist endlich einmal auch von maßgebendster Seite das ausgesprochen worden, was wir in den Spalten unseres Blattes seit jeher immer wieder erörtert haben. Palästina, so innig es mit dem religiösen und historischen Gefühl der Juden verbunden bleibt, kann unmöglich die Lösung der Judenfrage bewirken. Noch weniger als vor zwei Jahrtausenden vermag das Heilige Land heute alle Juden der Welt, deren Zahl inzwischen auf über 15 Millionen angewachsen ist, aufzunehmen und zu ernähren. Ein Massen-Emigrationsbedürfnis unter den europäischen Juden ist derzeit dank der antisemitischen Politik gewisser Staaten unzweifelhaft vorhanden. Aber diese Massen-Sehnsucht auf ein Land zu konzentrieren, das sich mehr ideologischen als praktischen Erwägungen empfiehlt, ist und war immer Unsinn. Die jüdischnatio- C a ff 6 Pension fSBCSTIIIINI- SEMMERING Herzl und Qberrabbiner Dr. Güdemann.** (Aus den unveröffentlichen „Erinnerungen" Dr. Güdemanns.) Auch alle anderen Redner stimmten in der Autfassung überein, daß die Aufrechterhaltung des gesamten Mandats wünschenswert gewesen wäre. Dieser Meinung wurde auch im Oberhaus kräftig Ausdruck gegeben. Namens der Arbeiterpartei richtete L o r d S n e 11 an die Juden mit ihrer großen ethischen Tradition und an die Araber mit ihrer ritterlichen Ueberlieferung noch einmal den Appell, einen Weg in friedlichem Zusammenleben zu finden. Dieser Versuch müßte noch einmal gemacht werden, bevor er ganz aufgegeben wird. Marquis Dufferin and Ava erklärte, die Regierung sei nicht geneigt, auf irgend welche umfassende oder wesentliche Aenderungen des Teilungsplanes einzugehen, falls nicht von Juden und Arabern nach einem gegenseitigen Uebereinkpmrnen Vorschläge unterbreitet werden, die der Regierung annehmbar erscheinen. Auf einen Zwischenruf von Lord Strabolgi, ob die Regierung mit der Durchführung des Teilungsplanes fortfahren werde, auch wenn sich Juden und Araber zu vollständiger Ablehnung des Planes vereinigen, erwiderte der Marquis, er glaube, die Regierung werde die Hindernisse nehmen, wenn sie an sie herankommen. Auch hieraus erhellt also die klare und deutliche Absicht der Regierung, am Teilungsplan festzuhalten. Angesichts dieser Tatsache kommt auch der gewiß sachverständigen Kritik des Viscount Samuel, der selbst von 1920—1925 High Commissioner von Palästina gewesen ist, an den von der Verwaltung begangenen Fehlern und seinen Vorschlägen für die Zukunft, wie er selbst konstatierte, kaum eine praktische Bedeutung zu. Ermeint, daß die Juden bereit sein müßten, ein Opfer zu bringen. Sie müßten auf eine Einschränkung der Einwanderung eingehen. Die jüdische Bevölkerung solle einen bestimmten Prozentsatz der Gesamtbevölkerung, etwa 40 Prozent, nicht überschreiten. Zweitens müßten die Juden die Tatsache der arabischen nationalen Aspirationen anerkennen, sowie, daß diese Asprirationen Anspruch auf Achtung und die Kooperation der Juden haben. Tragen schon diese Ausführungen Samuels den jüdischnationalen Aspirationen keine Rechnung, so deckte Lord Winterton, der für die Regierung Dr. Moriz Oüdemann, im Jahre 1866 als 31jähriger Mann von Magdeburg nach Wien berufen, hat es verstanden, sich hier durch seine Gelehrsamkeit und Frömmigkeit eine besondere Position zu verschaffen. In seinem Wesen zugeknöpft, aber nach jeder Richtung hin unabhängig, verstand er es auch, diese Unabhängigkeit gegenüber dem Ku1tusvorstand zu wahren. Dies bewies er besonders durch die Rücksendung eines vom Kultusvorstand an ihn gerichteten Briefes, in welchem ihm wegen einer an das österreichische Parlament in Sachen des Kultusgemeindegesetzes gerichteten Petition eine Ausstellung gemacht wurde. Güdemann nahm dabei den Standpunkt ein, daß, wenn ..jedem Hausbesorger das Recht eingeräumt sei, mit einer Petition an das Parlament heranzutreten, so könne dies ihm, dem Rabbiner, nicht verwehrt werden". Seine unangefochtene unabhängige Stellung erlaubte es ihm, sogar die Wahl oppositioneller, der Majorität des Kultusvorstandes nicht genehmer Kandidaten durch seinen Einfluß durchzusetzen, oder aber erbgesessene, ihm nicht genehme Kultusvorsteher herauszudrängen. Sensationell war der Durchfall des langjährigen Kultusvorstehers und Landesschulrates Emanuel Baumgarten, der auf die Agitation Güdemanns und der mit ihm verbundenen „Dr. Bloch'sohen Woschenschrift" zurückzuführen war. Merkwürdigerweise hat sich Herzl, bevor er daran ging, den „Judenstaat' zu veröffentlichen, in vollständiger Verkennung der deutsch-liberal-assimilatorischen Einstellung der Wiener Judenschaft und ihres geistlichen Führers bemüht, dieUnterstützungGüdemanns zu gewinnen. Zu diesem Zwecke hat er ihn wiederholt zu einer Besprechung eingeladen. Zuerst in einem Briefe vom 11. Juni 1895 nach Caux am Genfer See. Diese Einladung hat Güdemann telegraphisch abgelehnt. Es folgen *) Soeben wird vom bekannten Vorläufer und (Mitarbeiter Herzl's Dr. S. R. Landau ein Werk, betitelt: Sturm und Drang im Zionismus. Rückblicke eines Zionisten. Vor, mit und um — Theodor Herzl. veröffentlicht, welchem wegen des am 3. August 1. J. in Zürich stattfindenden Jubiläums-Zionisten- Kongresses eine besondere Aktualität zukommt. Für die Leser unseres Blattes entnehmen wir daraus ein besonders aktuelles Kapitel „Herzl und Oberrabbiner Dr. Güdemann". in dem zum ersten Male auf Grund der noch nicht veröffentlichten „Erinnerungen" Güdemanns die Beziehungen beider Persönlichkeiten im Zusammenhange mit der Veröffentlichung des „Judenstaat" eingehend geschildert werden. In diesen „Erinnerungen" bestreitet Güdemann auf das Entschiedenste verschiedene, in den „Tagebüchern" Herzl's enthaltene Behauptungen in Be^ug auf seine angeblichen Aeußerungen. iÄPöÄSYiOINI IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang nale-zionistisch-politische Ideologie mag einen Triumph verzeichnen: Der Judenstaat soll Tatsache werden. Leider ist dieser durch die. Abtrennung Jerusalems schon vor der Geburt verstümmelt worden. Wem die Gründung eigentlich willkommen ist, zeigt die lebhafte Anteilnahme des „Völkischen Beobachters" an der Sache, der er bereits drei Artikel gewidmet hat, deren letzter in die nur allzu verständliche Drohung ausklingt: „Die Reaktion (auf die Schaffung des Judenstaatesi) wird nicht ausbleiben. Der Antisemitismus wird eine weitere Steigerung erleben. Das Wort Herzls, des Begründers des Zionismus, daß eine Zeit kommen wird, da es nur zweierlei Staaten geben wird, solche, die die Juden aus ihrem Volkskörper abstoßen und solche, die sie nicht aufnehmen wollen, gilt zwar heute schon in größerem Umfang, wird aber nach der Errichtung des jüdischen Staates erst seine eigentliche Bedeutung erlangen. Ein jüdischer Staat mit einem Galuth-Judentum in allen Ländern der Erde, das die vollen Rechte aller Mitbürger genießt, die nur einem Staat unterstehen (?), kann für einige Staaten, denen das Judentum verpflichtet ist, von großem politischen Nutzen sein, für die Mehrzahl der Völker wird er jedoch eine unerträgliche Belastung innerpolitischer Art mit sich bringen." Hier wird von den geeichten Judenfeinden in alle Welt hinausgeschrien, was wir als Folgen des politischen und nationalen Zionismus für die große Mehrheit der Juden in ihren Heimatländern immer befürchtet haben. nun weitere Briefe Herzls an Güdemann. vom 16. Juni und 17. Juni 1895, in.welchen zum Ausdrucke gebracht wird, daß Herzl die Lösung der Judenfrage gefunden habe. Güdemann wird gebeten, eine 68 Seiten lange. Rede dem damaligen Chef des Wiener Hauses Rothschild, Baron Albert Rothschild, vorzulesen, zu welchem Zwecke sich Baroji Rothschild einen ganzen Tag reservieren möge. Auch dazu kam es nicht. Endlich fand im Beisein des Berliner Bankiers Dr. Heinrich Meyer-Cohn, eine Zusammenkunft zwischen allen dreien in München statt. Herzl schildert in seinen Tagebüchern sehr eingehend diese Zusammenkunft omd die geradezu begeisterte, an Lobeshymnen überreiche Aufnahme seines „Judenstaaf'-Entwurfes durch Güdemann; dann aber auch das spätere, für ihn unerklärliche Verhalten Güdemanns nach der Publikation des „Judenstaat", das in der Herausgabe einer polemischen Schrift „Das Nationaljudentum" publizistischen Ausdruck gefunden hat Wie ist dieser Widerspruch, diese plötzliche Sinnesänderung Güdemanns zu erklären? Von mancher Seite wollte man darin eine Nachgiebigkeit gegenüber dem durch das Erscheinen des „Judenstaat" ganz verblüfften Kultusvorstand oder gar einen Akt der Liebedienerei gegenüber den Rothschilds sehen . . . Aber das waren nur Vermutungen von Personen, die den Charakter Güdemanns nicht näher kannten. Der Mann ließ sich von niemandem anschaffen. Und so blieb vorerst sein Verhalten in München, wie es in den Herzl'schen Tagebüchern geschildert wird, ein Rätsel. Dieses Rätsel hat nun doch seine Lösung gefunden. Güdemann hat ..Erinnerungen" hinterlassen, die noch nicht gedruckt sind und von seiner Witwe, Frau Ida Güdemann, behütet werden. Die Dame war so freundlich, mir diese „Erinnerungen" (zwei starke Manuskripthefte) zur objektiven Auswertung in meiner Publikation m überlassen. Das erste, was ich darin suchte, sind Aufschlüsse über die Beziehungen Güdemanns au Herzl. Und es findet sich auch ein besonderes Kapitel darüber, da Güdemann, wie er selbst erklärt, das Bedürfnis hatte, hierüber Klarheit zu schaffen. Allerdings hat Dr. Güdemann. wie er angibt, mit der Niederschrift seiner Erinnerungen erst "in seinem 64. Lebensjahre begonnen. Vergleichen, wir nun diese G ü d e m a n n's c h e n Erinnerungen mit den Herzl'schen Tagebüchern, so muß auffallen, daß in vielfachen Punkr ten und insbesondere über die Stellungnahme Güdemanns in München zwischen beiden sehr wesentliche Widersprüche bestehen. Herzls „Tagebücher". Herzl weiß in seinen Tagebüchern zu erzählen, daß Dr. Güdemann anläßlich der Zusammenkunft in München am 18. August 1895 nach Anhörung seiner Vor-

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