Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 29 (23.7.1937)
- Date
- 1937-07-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 29 — 23. Juli 1937 Seite 5 Jüdische Männer und Frauen! Gedenket bei Antritt Eurer Sommer-Erholung der armen Jüdischen Kinder und spendet reichlich für die Ferienaktion der Kultusgemeinde „KINDER AUFS LAND" Spenden erbeten an: Fürsorgezentrale der Kultusgemeinde Wien /., Seitenstettengasse 2 Postsparkassen-Konto: B 29-659. dieser Zeit soll eine auf Volksvertretung beruhende Re- Sierung gleich der im Irak unter vollem Schutz der britischen Interessen eingesetzt werden. Nach einigen Jahren, wenn die Stimmung weniger erbittert sein wird, soll Transjordanien mit Palästina verbunden und das Bevölkerungsverhältnis von 30 Prozent Juden und 70 Prozent Arabern auch auf dieses Gebiet ausgedehnt werden. Arabische Demonstration in Bagdad. 50.000 Araber aller Schichten und Stände demonstrierten am 16. Juli in Bagdad gegen die vorgeschlagene Teilung Palästinas. Im Zuge wurden Transparente mit antüüdischen Aufschriften und Texten, in denen die englische Politik verurteilt wird, mitgefülirt. Die Geschäfte der etwa 60.000 in Bagdad lebenden Juden waren seit dem frühen Morgen geschlossen. Im Anschluß an die Protestdemonstration kam es zu schweren antijüdischen Ausschreitungen. Zahlreiche Juden wurden verletzt und eine große Anzahl jüdischer Geschäfte geplündert. Dreißig Juden wurden in bedenklichem Zustande ins Krankenhaus gebracht. Es verlautet, daß zwei von ihnen ihren Verletzungen erlegen sind. Die Demonstration wurde von dem Mitglied des Obersten Arabischen Ausschusses in Palästina und Führer der Istiklal- Partei, Auni Bey Abdul Hadi, geleitet. Die Polizei konnte nur mit Mühe die Demonstranten davor zurückhalten, in das jüdische Stadtviertel einzudringen. Sämtliche jüdische Geschäfte in Bagdad waren geschlossen. Das „Schwarze. K o r p s", das Organ der S. S., vom 27. Mai, teilt mit, in einer deutschen Großstadt habe sich „jemand die Mühe gemacht, festzustellen, wer die würdevollen Volksgenossen und -genossinnen sind, die ihre körperlichen Nöte von jüdischen Aerzten untersuchen lassen". Das war nicht alles: „Als die Liste beisammen war — und es war eine recht stattliche Liste —, hat man sich die noch größere Mühe gemacht, den würdigen Volksgenossen auf den Zahn zu fühlen, weshalb sie denn eigentlich nicht ewas mehr Anstandsgefühl aufbrächten. Das Ergebnis dieser ,Umfrage' war recht interessant, denn es beweist, daß die Schuld nicht unbedingt und nicht immer bei dem betreffenden Volksgenossen liegt." „Recht interessant" erscheint bereits die Tatsache, daß eine solche „Umfrage" veranstaltet wurde. Sie bestätigt von neuem die von uns seit jeher vertretene These, daß man dem deutschen Volk regelrecht Gewalt antun muß, um es „antisemitisch" zu machen. Wenn noch heute, nach viereinhalb Jahren gewalttätigster Rassenhetze, über eine „recht stattliche" Frequentierung jüdischer Aerate durch deutsche Volksgenossen geklagt werden muß, so ist das in der Tat ein Beweis, wie kläglich die Streichersche Propaganda versagt hat. „In einigen Fällen" führt das „Schwarze Korps" die arische Bevorzugung jüdischer Aerzte auf „Böswilligkeit" zurück, also wohl auf demonstrative Abneigung gegen den Anti- -semitismus; „in anderen Fällen" sollen „Dummheit und Indolenz" verantwortlich sein. Für den übrigen Teil aber gibt das SS-Organ als Ergebnis «der .JJrafrage" folgende Ursache an: Die Stellung Polens. Der Jüdischen Telegraphen-Agentur wird aus polnischen politischen Kreisen die folgende Erklärung über die Stellung Polens zu dem im Zusammenhang mit dem Bericht der Kgl. Kommission und dem Statement of Policy der englischen Regierung aktuell gewordenen Palästina-Problem übermittelt: Die positive Stellung der polnischen Regierung dem Zionismus gegenüber ist bei verschiedenen Gelegenheiten auf internationalem Forum zum Ausdruck gebracht worden. Ein Plan der Teilung Palästinas könne daher nur insoweit begrüßt werden, als er die Entstehung eines unabhängigen jüdischen Staates tatsächlich beschleunigt. Das kleine Gebiet; das gemäß dem Bericht der Kgl. Kommission für den jüdischen Staat vorgesehen ist, wird jedoch dessen Aufbaumöglichkeiten stark beschränken. Die projektierten Grenzen sind für die Juden, die ein rühriges Element darstellen, ungünstig ausgefallen. Die Juden werden wohl in den ersten Jahren der Eigenstaatlichkeit eine größere Einwanderung in ihre Heimat lenken können; sehr bald jedoch werden sie gezwungen sein, die Einwanderung ganz einzustellen, jedenfalls sehr zu begrenzen. Daher erscheint die starre und unelastische Grenzziehung vom Standpunkt einer allmählichen jüdischen Expansion unerwünscht. Es ist noch verfrüht, zu sagen, was Polen in Bezug auf das Statement of Policy der britischen Regierung vor dem internationalen Forum unternehmen wird. Der Inhalt des Peel-Berichtes und der Regierungserklärung wird gegenwärtig sorgfältig studiert. Es.; werden auch die Stimmen und Vorschläge der interessierten Parteien, insbesondere der polnischen Juden, gesammelt. Das gesammelte Material wird genau bearbeitet und den polnischen maßgebenden Kreisen, die zu dem ganzen Fragenkomplex endgültig Stellung zu nehmen haben werden, zur Orientierung dienen. „Eine Anzahl von Kassenpatienten hatte b e i arischen Kassenärzten üble Erfahrungen gemacht. Nun weiß man, daß jüdische Aerzte (Anwälte usw.) in dem Bestreben, sich die .Kundschaft' zu erhalten, sich Renommierpatienten heranzüchten. Sie behandeln diese mit ausgesuchter Zuvorkommenheit und in denkbar .uneigennütziger' Weise. Mit dem Erfolg, daß die also Beglückten mit lautem Geschrei den jüdischen Wohltäter preisen und den Singsang vom .anständigen Juden' anstimmen, wobei es ihnen leider nicht schwerfällt, die Schreckgespenster arischer Gegenstücke an die Wand zu malen. Der Erfolg: Auch andere Volksgenossen versuchen es mit dem Juden." Kurzum: raffinierter- und gemeinerweise behandelten jüdische Aerzte ihre arischen Patienten so gut, daß das „Schwarze Korps" zu der Einsicht gelangt: „Aufklärung allein tut es nicht. Denn man kann von einem Volksgenossen, der statt Mark Haferschleim im Rückgrat hat, nicht ohne weiteres verlangen, daß er zu einem Kassenarzt gehen müsse, der ihn schlecht behandelt hat, nur weil der Mann Arier ist.'*" Dergleichen ist offenbar eben nur von „markigen" Volksgenossen zu fordern, und um auch die Haferschleimigen zu gewinnen, hält das SS- Organ es für nötig, daß „der arische Arzt, eben weil er Arier ist, sich zu höherer, veraawortungsbewußterer Leistung verpflichtet" fühlt. Die katholische „Salzburger Chronik" veröffentlicht zu dem gleichen Gegenstand — Ablehnung des Antisemitismus auf Kommando auch heute nach vier Jahren wüster Streicher-Propaganda — einen Bericht, in dem folgendes ausgeführt wird: „Ueber Verfügung des Bürgermeisters von Laufen wurde vor einigen Tagen der Boykott über drei Laufener Geschäftsleute verhängt und im Zirkulationswege allen Mitgliedern der Partei verboten, bis auf weiteres mit diesen drei Geschäftsleuten in Geschäftsverbindung zu treten. Der Grund für diese Maßnahme ist darin zu suchen, daß die Genannten mit dem seit langen Jahren in Laufen ansässigen jüdischen Kaufmann Friedmann in Geschäftsverkehr standen, und zwar: Der eine hat ihn rasiert, der andere hat ihm Benzin für sein Auto geliefert und die notwendigen Montagearbeiten verrichtet, und der dritte hat ihm eine Garage für sein Auto vermietet. Man möchte wirklich hiezu fragen, warum wird nicht auch das Stadtamt Laufen boykottiert, das von Herrn Friedmann die öffentlichen Abgaben und den Wasserzins annimmt, warum nicht die Deutsche Reichspost, mit der Herr Friedmann ebenso in geschäftlicher Verbindung steht. Warum nicht die Deutsche Reichsbahn, die dem Herrn Friedmann Fahrkarten ausfolgt, wie jedem anderen?" Mit Recht weist das Blatt auf die Einseitigkeit hin, die jeder Verfolgung von Menschen um ihrer Nationalität, ihrer Rasse oder ihres Glaubens willen anzuhaften pflegt. Dennoch verzichtet der Staat, der alle diese Maßnahmen verfügt oder doch zumindest duldet, keineswegs darauf, die Verfolgten zu finanziellen Leistungen heranzuziehen, ohne daß er sich durch die Inkonsequenz, die in diesem Verhalten liegt, beschwert fühlen würde. Der Staat darf eben geschäftlichen Verkehr mit Juden pflegen, nicht aber seine Beamten. Erstmalig hat der Diszipiinarhof in Karlsruhe einen Beamten wegen Umganges mit Juden mit Dienstentlassung bestraft. Es handelt sich um den Bürgermeister einer mittelbadischen Landgemeinde, der sich dadurch strafbar gemacht hat, daß er geschäftlichen Verkehr mit einem jüdischen Viehhändler pflog. Parteiamtlich wird auf die grundsätzliche Bedeutung dieser Entscheidung hingewiesen, so daß mit weiteren Verfahren dieser Art gerechnet wird. Die griechischen Juden danken der Regierung. Das Präsidium der jüdischen GemeindeAthenhatandieNationaleRegter u n g eine Ergebenheitsadresse gerichtet, in der dieser derDankdergriechischen Juden für die Wiederherstellung von GesetzundOrdnungim Lande und vor allem für die besondere Aufmerksamkeit, die die Regierung jüdischen Problemen schenkt, zum Ausdruck gebracht wird. „Niemals", heißt es in der Kundgebung, „werden die Juden die Sympathie vergessen, die die Regierung uns entgegenbringt." Premierminister General John Metaxas richtete an die Jüdische Gemeinde Athen ein Antwortschreiben, in dem es heißt: „Ihr Dank bewegt mich tief. Er verleiht mir die Kraft, mein schweren Aufgaben fortzusetzen." Die gesamte griechische Presse befaßt sich mit der Loyalitätskundgebung der Jüdischen Gemeinde Athen und lobt den Patriotismus der griechischen Juden. Die Bezirksorganisation Leopoldstadt der „Union österreichischer Juden" gratuliert ihrem eitrigen Ausschußmitgliede Salo Pick herzlichst zum 68. Geburtstage und wünscht ihm noch viele Jahre Glück und Gesundheit. Alle Schulbucher richtige Auflagen, für antiquarische allerbüligste Preise. Grö&te Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart, wer kauft im SCHULBÜCHERANPQUAÄIAT HERMANN TUCHMK Wien IL, Edce Taborsfraße 52 Telephon R 41-4-20 Der kommandierte Antisemitismus.