Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 29 (23.7.1937)
- Date
- 1937-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seitg 2 Nr. 29 — 23. Juli 1937 DIE WAHRHEIT SedU^erut KJklcUvv^y- -Ji^u 3tertrt£/i^,KW&ert/ u..rCUvete/t Z/w, % k£iU*\£vv (JVtÄ/JTJ^ wvvc J&e-L ■ S.'btAS&X, fe(&^eni£e/t$ W^i Durch die Publikation langer Listen von jüdischen Familiennamen, zusammengesucht aus 75 Jahrgängen der Zeitung „Israel", konnte die „Tevere" bei einigen Lesern die Meinung hervorrufen, daß gegen die Menschen, die diese Eigennamen tragen, „etwas" geschehen würde. In Wirklichkeit geschah nichts, aber die sehr sporadisch vorkommenden Judengegner in Italien, zu denen eben der Chefredakteur der „Tevere" gehört, haben Vergnügen an diesem Spielchen und finden es amüsant, den Juden einen Schreck einzujagen. Ab und zu findet man wohl in einigen größeren Zeitungen, in Rom, z. B. in der„T r i b u n a", Artikel, die kommunistische, staatsgefährliche und politische Ansichten behandeln, als deren hauptsächlichste .Träger und Propagandisten die Juden angesehen werden. Diese Artikel zeigen einige Verwandtschaft mit den antisemitischen Lehren, die in Deutschland und anderswo verkündet werden. Nun ist es aber vielbezeichnend, daß Artikel dieser Art niemals in den Redaktionsräumen der Blätter geschrieben werden, sondern immer als Arbeiten von ausländischen! Korrespondenten einiger italienischer Zeitungen erscheinen. Ihre Verfasser sind nicht, wie man erwarten sollte, die Berliner Mitarbeiter dieser Blätter, sondern in der Regel die Pariser Korrespondenten. Auch die übrigen Berichte der Pariser Mitarbeiter der meisten italienischen Blätter sind so abgefaßt, daß man den Eindruck erhält, sie suchten fast ausschließlich ihren Verkehr in den Rechtskreisen der französischen Hauptstadt (Action Francaise; Croix de Feu usw.), wo scheinbar die Opposition gegen Leon Blum zu einem Nährboden für antisemitische Tendenzen geworden ist In Italien selbst ist der Antisemitismus, das können wir mit voller Ueberzeugung sagen, ein fremdes Gewächs. Das italienische Volk ist verträglich bis zum Aeußersten. Judenhaß ist hier unbekannt, und es kann auch keine Rede von einem Qefüh! der Minderwertigkeit oder des Mißtrauens gegenüber den Juden sein. Venetien und Toskana (Livorno) waren von jeher Gebiete, in denen die Juden wenig verfolgt wurden, wenn auch Venetien sein „Ghetto" hatte. Die Verträglichkeit ist dort seit Jahrzehnten zur Gewohnheit geworden. Eine wichtige Tatsache ist ferner, daß die Juden in Italien sehr alte Bürgerrechte besitzen. In der Stadt Rom z. B. bestand schon eine jüdische Kolonie zwei Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung. Ferner fehlen soziale und ökonomische Bedingungen für den Judenhaß. Die Anzahl der Juden ist gering; es gibt nur ungefähr 60.000 im ganzen Land. Man kann auch keineswegs von einem großen jüdischen Einfluß im Bank- und Finanzwesen sprechen, ebensowenig von einer übergroßen Anzahl Juden m intellektuellen Kreisen, wenn es auch eine größere Reihe jüdischer Aerzte gibt Die einzige Branche, in der die Juden stark in den Vordergrund treten, ist der Textilhandel. Das ist aber auch das einzige. Die übergroße Masse der Juden ist arm: Markthändler, kleine Antiquare. Ausnahmegesetze gegen die Juden kennt Italien nicht Dort gibt es jüdische Offiziere im Heer, jüdische Beamte in den Ministerien, in den Banken usw. Ein „numerus clausus" an den Universitäten besteht nicht, und unter den Hochschullehrern findet man ebenso Juden wie unter den Studenten. Als Hitler in Deutschland zur Macht kam, wanderte eine Anzahl deutscher Juden! nach Italien aus, wo sie gastfrei empfangen worden sind. Die jüdischen Gemeinden in Italien haben aus ihren bescheidenen Mitteln einen Unterstützungsfonds für die notleidenden deutschen Brüder gestiftet und die Regierung liat hiergegen niemals Besehwerde eingelegt. Die Tatsache, daß an den italienischen Universitäten Fremde gegen die Hälfte des Unterrichtsgeldes studieren und nach ihrer Promotion auch den Beruf als Arzt, Anwalt usw. ausüben konnten, ohne die italienische Nationalität zu erwerben, gab Veranlassung, daß z ah 1 rei c h e j üdische Studenten aus Deutschland nach Italien gegangen sind. Vor 2 Jahren wurde diese Bestimmung aufgehoben. Hierin darf man jedoch keine antisemitische Maßregel erblicken. Die Ursache liegt ganz einfach darin, daß der Zulauf der Fremden (ob das nun Juden oder Nichtjuden waren, ohne Unterschied) so groß wurde, daß die niedergelassenen Italiener durch zuviel Konkurrenz arbeitslos blieben. Hieraus können wir den Schluß ziehen, daß von einer kleinen Gruppe bestimmter Personen Bestrebungen ausgingen und noch ausgehen, um die faschistische Regierung, vor allem Mussolini selbst, für eine antisemitische Politik zu gewinnen; ferner daß diese Bestrebungen' im Zusammenhang mit den engen Beziehungen zwischen Berlin—Rom an Stärke zugenommen, daß sie aber bis jetzt keinen Erfolg gehabt haben und auch weiter w o h 1 k e i n e n Erfolg haben werden, denn Mussolini weiß sehr gut, daß ein derartiger Fanatismus kein Gehör finden 'kann. In ökonomischer und sozialer Hinsicht gibt es keine Gründe für den Antisemitismus, und was die Rasse anbetrifft, sind die Italiener dermaßen vermischt, daß sie die „Reinrassigkeit" nicht als Ideal ansehen. Ueberdies sind Heiraten zwischen Juden und Italienern sehr selten. Eine wichtige Tatsache ist weiter die Haltung der katholischen Geistlichkeit. I HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Es gab eine Zeit — die Zeit der Gegenreformation —, in der Päpste besonders strenge Maßregeln gegen die Juden trafen, und zwar aus religiösen Motiven. Augenblicklich verurteilt die Kirche den Antisemitismus, und der Vatikan sieht die deutsche Rassentheorie als eine verderbliche Lehre an. Der Papst hat nicht gezögert, verschiedene jüdische Gelehrte, die aus Deutschland stammen, in den vatikanischen». Kunstsammlungen, Archiven und" Bibliotheken zu beschäftigen. Diese Haltung der Kirche hat natürlich Einfluß auf die des Volkes und der Regierung in Italien. Der prominente italienisch-amerikanische Verleger Generoso Pope, der kürzlich, wie wir in einer unserer letzten Nummern berichteten, anläßlich seines Aufenthaltes in Italien ein Interview mit Mussolini und mit Außenminister Graf Ciano hatte, erklärte unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten in einem Vertretern der Presse gegebenen Interview, Mussolini habe sich ihm gegenüber zur Stellung der Juden in Italien mit folgenden Worten geäußert: „Solange die italienischen Juden die Gesetze beachten, wie es die anderen italienischen Bürger tun, brauchen sie keinerlei Verfolgung zu befürchten. Sie können Ihren Brüdern in Amerika sagen, daß den Juden in Italien stets die gleiche Behandlung widerfahren ist wie den anderen italienischen Bürgern." Der Bericht der Peel-Kommission. (Fortsetzung aus Nr. 28 vom 16. Juli 1937, Seite 3.) Die tieferen Ursachen der Palästina-Unruhen. Unter den Aufgaben, die der Kgl. Kommission für Palästina gestellt waren, stand bekanntlich an erster Stelle eine Untersuchujig der tieferen Ursachen der Unruhen. Das Ergebnis dieser Untersuchung wird in dem Kommissionsbericht in Abschnitt 3 des vierten Kapitels dargelegt. Nachdem in den Punkten 31 bis 42 der wesentliche Inhalt der von jüdischer und arabischer Seite gemachten Aussagen über diesen Gegenstand wiedergegeben wurde, folgen in den Punkten 43 bis 45 die durch die Kommission gezogenen Folgerungen. Sie lauten: 43. Nach Prüfung' dieser und anderer Bekundungen und nach dem Studium der Ereignisse in Palästina seit dem Kriege haben wir keinen Zweifel über „die tieferen Ursachen der Unruhen" des letzten Jahres. Sie waren: a) der Wunsch der Araber nach nationaler Unabhängigkeit; b) ihr Haß gegen und ihre Furcht vor der Errichtung des Jüdischen Nationaiheims. 44. Wir geben folgende Kommentierungen zu diesen beiden Ursachen: a) es waren dieselben tieferen Ursachen, die die Unruhen von 1920, 1921, 1929 und 1933 hervorgerufen haben. b) Sie waren stets unauflöslich miteinander verknüpft. Die Balfour-Deklaration und das Mandat, dnrch das jene erfüllt werden sollte, schlössen von Anfang an die Verneinung nationaler Unabhängigkeit in sich. Das spätere Wachstum des Nationalheims schuf ein praktisches Hindernis, und zwar das einzige ernste für die spätere Gewährung nationaler Unabhängigkeit. Man glaubte, daß ein weiteres Wachstum die politische und wirtschaftlich e* Un t e r w e rfun g d e r Araber unter die Juden bedeuten könnte, so daß es schließlich nach Beendigung des Mandates und der Erlangung der Unabhängigkeit Palästinas keine nationale Unabhängigkeit in dem arabisdien Sinne, sondern Selbstregierung durch eine jüdische Mehrheit geben würde. c) Dies waren die einzigen „tieferen" Ursachen. Alle übrigen Faktoren waren nur ergänzende oder zusätzliche, die die beiden Ursachen verstärkten oder dazu beitrugen, die Zeit zu bestimmen, in der die Unruhen ausbrachen. 45. Die übrigen Faktoren können folgendermaßen zusammengefaßt werden: a) Der Eindruck, den die Erlangung der nationalen Unabhängigkeit zuerst durch den Irak, in weniger vollständigem Umfang durch Transjordanien, dann durch Aegypten und schließlich unter kurzem Aufschub durch Syrien und den Libanon auf die arabische öffentliche Meinung in Palästina gemacht hat. Das Gewicht dieses Faktors wurde erhöht durch den engen Kontakt zwischen den Arabern in Palästina und den Arabern in Syrien, dem Irak und Saudi-Arabien und durch die von den arabischen Herrschern gezeigte Bereitwilligkeit, alles zu tun, um ihnen beizustehen. b) Der von der Weltjadenheit im Hinblick auf dfe Leiden und Sorgen der Juden in Mittel- und Osteuropa auf Palästina ausgeübte Druck. Die Vermehrung dieses Druckes ab Anfang 1933 und die späteren hohen Ziffern jüdischer Einwanderung haben die Furcht der Araber vor jüdischer Herrschaft über Palästina sehr gesteigert. c) Die Ungleichheit der Arabern und Juden gegebenen Möglichkeit, ihre Sache der (Regierung Eurer Majestät, dem Parlament und der öffentlichen Meinung dieses Landes vorzulegen; und der Glaube der Araber, daß die Juden ihr Ziel stets durch Mittel erreichen können, die den Arabern verweigert werden. Dieser Glaube, der sich im allgemeinen auf den Status der Jewish Agency in Jerusalem und in London stützte, wurde durch die Veröffentlichung des iBriefes Mr. MacDohalds an Dr. Weizmann im Jahre 1931 und durch die Debatten im Parlament über die Vorschläge zur Einsetzung eines Legislative Council Anfang des vergangenen Jahres außerordentlich gestärkt. d) In Verbindung mit diesem letzten Faktor das Anwaohsen des bis auf die Zeit des MoMahon-Versprechens und der BaKour-üeklaration zurückreichenden