Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 28 (16.7.1937)
- Date
- 1937-07-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 28 16. Juli 1937 Seite 7 If9tet(iii(f"(ai$w Wien I.» Seitenstettenoasse 2 XI., Zentralfriedhof neben dem L Tor Samstag geschlossen 1 Aufruf erlassen, in dem gegen die britische Politik in Palästina protestiert w?rd. Die Vorschläge der Kgl. Kommission werden als, „wertlose leere Versprechungen" bezeichnet. Welter wird in dem Aufruf behauptet, ganz Palästina gehöre der mohammedanischen und arabischen Welt und könne daher nicht geteilt werden. Der Oberste Arabische Ausschuß hat weiters folgenden Appell an die vier arabischen Könige, zahlreiche arabische Körperschaften, die Präsidenten von Libanon und Syrien, sowie an die mohammedanischen Qlaiibensgemetinden von Indien, Tunis und Marokko gerichtet: - Auch Polen hat seinen Rohling und . . . seinen Delitzsch. Niemojewski heißt der polnische Rohling und Zaderecki der polnische Delitzsch. Zuerst in seinem Buche „Die Geheimnisse des Talmud" und dann in „Der Talmud im Feuer der Jahrhunderte" tritt Zaderecki mutig für das jüdische Schrifttum ein. Indem Frau Dr. Saiier das letztgenannte Buch aus der polnischen in die deutsche Sprache übertrug, hat sie nicht nur uns Juden, vielmehr auch der polnischen Nation einen großen Dienst erwiesen. Das deutsch lesende Publicum hat nun die Möglichkeit, nicht nur von den „Helden" von iMinsk-Masawiecki und Brest-Litowsk, sondern von einem wahren polnischen Helden, von dem Kampf des Taddäus Zaderecki für Wahrheit und Gerechtigkeit zu erfahren. Ein Kampf, würdig der Nation, die einen Chopin hervorgebracht hat. In der Einleitung des nun im Verlage der Victoria - Druckerei, Wien, erschienenen „Der Talmud im Feuer der Jahrhunderte" stellt Zaderecki zunächst fest, daß er ein Pole, dessen Ahnen und Urahnen dem Christentume angehörten, ist. Weiters berichtet er, daß die Abhandlungen Niemojewskis, besonders sein Werk „Die jüdische Seele", ihn zutiefst bewegt und zum Studium der jüdischen Wissenschaft angeregt haben. Dies um so mehr, als er davon träumte, einmal die Führung auf diesem Gebiete zu übernehmen. Es kam aber anders. Je mehr sich Zaderecki im Talmud vertiefte, desto stärker wurde er von der Wahrheit desselben und von der Niedertracht jener, die den Talmud verleumden, überzeugt. Zuletzt waren es die gegen den Talmud gerichteten Schriften des Prälaten Ignatz Charszewski, die Zaderecki endgültig aus der Ruhe brachten und ihn, wie er schreibt, zwangen, für den Talmud einzutreten. Mit den Worten: „Nun möge dieses Büchlein in die Welt gehen, um die Begriffe möglichst zu berichtigen, die bisher bei uns durch Jahrhunderte systematisch entstellt wurden. Das ist seine Aufgabe. Im Namen des guten Rufes der polnischen Wissenschaft, im Namen der Gerechtigkeit, im Namen der Wahrheit", schließt Zaderecki das Vorwort. In den eisten zwei Kapiteln „Der Talmud im Feuer der Jahrhunderte" und „Das weitere Schicksal des Talmud", des fast hundertfünfzig Seiten starken Buches skizziert Zaderecki kurz die Geschichte der Anklagen wider den Talmud Iim Laufe 'der Jahrhunderte und seine Rehabilitierung. Schon hier zeigt Zaderecki sein profundes Wissen in jüdischen Belangen. Seine ausgezeichnete Einführung in das komplizierte Werk des Talmuds sowie den Ernst, mit welchem er an dessen Probleme herantritt, sollen wir jedoch ,, erst in den weiteren Absätzen richtig kennen und?l schätzen lernen. .(Bei dieser Gelegenheit wollen wir auf das apologetische Werk „igereth milchemeth mizwah" („Brief . des Pflichten-Krieges" nennt Dr. H. Graetz diese Schrift, wir würden eher „Brief des heiligen Krieges" sagen.) des berühmten Rabbi Satomo Duran (Algier, 1400—1467) hinweisen, welches er als Antwort auf die lügenhaften Anklagen wider den Talmud des Geronimo de Santa- Fe (Seite 18) verfaßte Von dieser im Umfange wohl kleinen, inhaltlich aber sehr tiefen Schrift wird in jüdisch-apologetischen Kreisen leider viel „Der Bericht der Kgl. Kommission und die Politik der britischen Regierung enthalten Vorschläge zur Aufteilung des Heiligen Landes von solcher Art, daß d<e wichtigsten und fruchtbarsten Landstriche an der Küste und Nordpalästinas, darunter Haifa, Akko. Safed und Tiberiaa. den Juden zugesprochen werden, mit der Absicht, dort eine jüdische Regierung aufzurichten. Der Regierung dieses jüdischen Staates werden 300.000 Araber unterworfen sein. Jerusalem mit seiner Moschee El Aksä und die anderen heiligen Städte Betlehem und Nazareth verbleiben unter permanentem Mandat Die Araber werden 'm den Rest des verbliebenden Landes verwiesen, in das kahle und nackte Hügelland und nach Jaffa. Das Land wird in der schlechtestmöglichen Weise aufgeteilt werden und dies trotz der Versprechungen der britischen Regierung an die arabischen Köri?ge und trotz den Zusicherunsen, daß den Arabern Gerechtigkeit widerfahren werde. Die arabische Nation bittet Ihre Majestäten um Rat und Hilfe in der schwierigen Lage, in der sie sich befindet. Das Votk ruft Ihre Majestäten an im Namen des Islam, des Heiligen Landes und unserer refigiösen Pflichten, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um das Land vor den Ungerechtigkeiten der Kolonisation des Judentums und der Aufteilung zu bewahren." zu wenig Gebrauch gemacht Käme dieser Brief mehr zum Worte, so manches apologetische Werk, zumindest der letzten Zeit, wäre ganz anders ausgefallen, wenn nicht überhaupt entfallen.) „Fälschungen" heißt das nächste Kapitel. In diesem zeigt Zaderecki, mit welcher Böswilligkeit, mitunter aber auch Lächerlichkeit die sogenannten „Judenkenner" ihr teuflisches Werk der Talmud-Verleumdungen verrichten, und schreibt: „Eine Legion von Beispielen solcher (angeführter) Fälschungen verschiedensten Charakters könnte man anführen. Die Voraussetzung für ihre große Zahl waren: viele Jahre Arbeit eines „bösen" Willens bei Unkenntnis des Gegenstandes." — Zu weit geht die Behauptung Zadereckis (Seite 62): Ein Jude darf einen Eid, in eigentlichem Sinne dieses Wortes, überhaupt nicht ablegen. „Den Herrn, Deinen Gott, fürchte, ihm diene und ihm hange an, und bei seinem Namen schwöre" heißt es in Moses V, 10, 20. -Diese Weisung ist unseres Wissens nirgends im Talmud aufgehoben worden. Allerdings ist die Ablesung eines Eides bei gläubigen Juden, wegen der hiemit verbundenen Verantwortung, sehr unbeliebt und Zaderecki hat recht, wenn er auf den an Stelle des Eides üblichen „tekiath kaph" (eine andere ähnliche Eidesformel heißt „Kabalath kinjan") hinweist. Die letzten zwei Kapitel „Die Charakteristik des Talmuds" und „Die Ethik des Talmuds" sind die interessantesten und lehrreichsten des Buches. Mit der einem wahren Polen eigenen Offenheit und Ehrlichkeit entwirft Zaderecki ein Bild des Talmuds, das jeden Unvoreingenommenen von der Erhabenheit und Redlichkeit desselben überzeugen müßte. Mit voller Beweiskraft zeigt Zaderecki, welche ungeheure Hochschätzung die Arbeit im Talmud genießt, spricht er von den keuschen und vorbildlichen Ehe- und Familiengesetzen, von den Lebensweisheiten des Talmuds. Die Juden Polens und mit ihnen die Juden der ganzen Welt werden Zaderecki für seinen mutigen Kampf für Wahrheit und- Gerechtigkeit Dank und Ehrerbietung zu zollen wissen. Dies auch dann, obwohl wir einige seiner Aussprüche in Bezug auf den Talmud nicht ganz billigen. Wenn Zaderecki meint: — „In Wirklichkeit findet man in seinen Büchern erhabene und weise Gedanken, Lehren von allgemein menschlichem Wert, ethische Grundsätze und herrliche, in Schönheit strahlende Legenden; daneben aber auch seltsame, abergläubische, banale, manchmal abstoßende, manchmal in ihrer Kleinlichkeit langweilige Stellen, die verärgern, verblüffen oder in Erregung setzen", — so liegt dies auf derselben Linie, auf der auch Herder sich bewegt, wenn er schreibt: — „Es täte mir leid, wenn man nicht etwas Scharfsinniges, Geistiges und Feines in diesen Dichtungen (talmudische Hagadä) fände, sehr lieb aber wäre mirs, wenn ich einen Weisen, einen Gelehrten der Nation selbst veranlaßte, die Perlen aus dem Grunde des Meeres, die Goldkörner aus dem schlechten Staube hervorzuziehen und uns reichere, schönere Sarnirdungen zu geben, wie Moses Mendelssohn teils mit einigen Gedichten und Fabeln, teils mit Sprüchen, und Gedichten der Weisen seines Volkes schon getan hat". Solche Meinungen beweisen eben die Schmflckung von Grüften und Grauem LeopoIdDßutschJißnXI. einzige jüdische Gärtnerei beim Zentraliriedhoi I. Tor, Tel. U 13-0-40 Zentralfriedhof IV. Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Hallnren bekannte Tatsache, daß man beim besten Willen in ein fremdes Werk nur bis zu einer gewissen Grenze eindringen kann. Für uns glaubenstreue Juden, dies sei ein für alle Mal gesagt, ist das Tüpfchen eines talmudischen Buchstabens heilig und für die Verbindlichkeit oder Unverbindlichkeit eines jeden talmudischen Wortes die traditionelle Interpretierung maßgebend. Der areligiöse Jude hat leider auch für jene tatmudischen Stellen, die einen Herder oder Zaderecki begeister-. ten, nicht viel übrig. Ausgezeichnet charakterisiert Zaderecki die Zustände im Lager des sogenannten „modernen" Judentums, indem er schreibt (Seite 49): „Die Gleichgültigkeit gegen den Talmud wirkte sich in bedrohlicher Weise aus, denn die jüdische Intelligenz kümmerte sich in ihrer Ignoranz um den Talmud nicht und begann sogar selbst zum Teil an die Rohlingschen Verleumdungen zu glauben." Diesen jüdischen Kreisen wollen wir vor allem Zadereckis Buch empfehlen, damit sie von einem Nichtjuden über den Talmud eines Besseren belehrt werden. Zuletzt wollen wir noch bemerken, daß sich das Buch, dank der ausgezeichneten Uebersetzung der Frau Dr. S a f f e r, sehr leicht liest und allgemein verständlich ist. Und indem diese edle jüdische Frau zur Feder griff, war sie unbewußt eins mit jenen eifrigen jüdischen Töchtern, von welchen der Talmud (pesachim 89a) erzählt, daß sie ihren Brüdern zuvorkamen. M. B. Morgenstern. Der Papst für die Gleichheit Aller. X i d o v e 1 i s t y", das Blatt der cechischen Katholiken, bringen eine Meldung aus Rom unter dem Ttel: „Warum ernannte Pius XI. auch protestantische und jüdische Gelehrte der Akademie?", in der es unter anderem heißt: „Durch die Ernennung auch protestantischer und jüdischer Akademiker wollte der Heilige Vater dartun, daß die .Bemühungen um die Erkenntnis der Wahrheit in Religion und Wissenschaft ein göttliches Gut sind, das der ganzen Menschheit onne Unterschied der Rasse, der Weltanschauung und der Religion anvertraut wurde'____ Das Gründungsstatut der Päpstlichen Akademie ist ein bewußtes Bekenntnis zu allem, was im Menschen edel und gut ist, und eine beispielgebende Veranschaulichung, wie der Unverträglichkeit und der politischen Verdunkelung des Geistes auf der Welt zu begegnen ist". Anerkennung der jüdischen Verdienste um die Wissenschaft. Bei der Eröffnung der zweiten Tagung der österreichischen Röntgenologen würdigte Bundesminister Resch. in einer längeren Ansprache die unvergänglichen Verdienste des Pioniers der Röntgenheilkunde, Professor Dr. Leopold Freund, der vor mehr als vierzig Jaht^n die Röntgentherapie begründet hat. Der Minister teilte mit, daß der Bundespräsident in Anerkennung der Forschertätigkeit und unermüdlichen Arbeit Freunds auf dem Gebiete der Röntgenkunde diesem den Titel eines Hofrates verleiten habe, und sprach die Hoffnung aus. daß es dem Gelehrten noch lange vergönnt sein möge, im Dienste der leidenden Menschheit erfolgreich zu wirken. An der Tagung der Röntgenologen nahm eine Reihe jüdischer Gelehrter teil, unter ihnen Primarius Borak, Prof. Sgalizer, Dr. Koppstein, Dozent Fleischner, Dr. Krautfuchs, Prof. Schwarz und Dr. Presser aus Wien, ferner Prof. Herrnhauser aus Prag, Dr. Herzig aus Mährisch-Ostrau und Dr. BKihbaum aus Krakau. •# Anläßlich der Tagung des Kurzwellenkongresses gab die „Wtener Medizinischen Wo- „Der Talmud im Feuer der Jahrhunderte.46 Von Taddäus Zaderecki. Deutsch: Dr. Minna Safier.