Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 27 (9.7.1937)
- Date
- 1937-07-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 27 — 9. Juli 1937 JJIE _WAHRHEIT zonyi. Die „Neue Welt" behauptet, daß seine letzte Reichstagsrede auf die Behauptung hinauslief, „daß die ungarischen Juden nicht vom jüdischen Volke abstammen, also mit anderen Juden stammesmäßig nichts zu tun haben. Vot tausend Jahren sei das innerasiatische Reitervolk der Magyaren als Eroberer nach Ungarn gekommen und mit ihm noch ein zweites innenasiatisches Reitervolk, die Chabaren. Die Chabaren aber waren ein Zweig der Chazaren, die kurz vorher zufällig den jüdischen Glauben angenommen hatten." Daraus folgt, nach der Interpretation des Stricker-Blattes: „Ungarische Juden gibt es nicht, sondern nur--Chabaren mosaischen Glaubens., Die Vermutung, daß auch die israelitischen Kultussteuerzahler in Budapest und Szegedin vom alten Volke der Bibel abstammen dürften, ist glücklich als Irrtum enwiesen." In Wirklichkeit war die Rede Vaszonyis, die wir uns in genauen Wortlaut beschafften, eine m utige und geistvolle Widerlegung aller antisemitischen Schlagworte, mit denen trotz ihrer Abgedroschenheit rechtsradikale Elemente ihre Suppe warm zu halten suchen. Vaszonjl, der würdige Sohn seines großen Vaters, zeigte, daß "die ungarische Judenheit weder sozial noch politisch eine homogene Einheit bilde: „Das Judentum", sagte er, „kann nicht im Körper eines Landes als Einheit aufgefaßt werden, so auch nicht im Körper Ungarns. Es gibt politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Unterschiede und Schichtungen unter den verschiedenen jüdischkonfessionellen ungarischen Staatsbürgern, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Unterschiede, welche große Mängel, große Tiefen und große Risse zwischen den einzelnen Schichten zei- ' gen, weil es doch selbstverständlich ist, daß man doch nicht in einem Zug über den Generaldirektor eines Großunternehmens und über den nichtshabenden Kleinhändler, Kleingewerbetreibenden oder auf die B-Liste gesetzten Beamten urteilen kann. Aus diesem Grunde kann man genau so wenig mit einem Urteil und als Einheit den ungarischen Katholizismus, den ungarischen Reformatismus und Evangelismus betrachten, genau so wenig kann man weder wirtschaftlich noch politisch das ungarische Judentum als eine Einheit betrachten. Als Konfession ist es eine Einheit, aber weder als politisches noch als wirtschaftliches Ganzes ist eine einzige Religion als eine Einheit aufzufassen. Ich habe öfter von der jüdischen Solidarität gehört; das ist eine antisemitische Erfindung und existiert nicht" Vaszonyi befaßte sich mit der Frage: „Rasse oder Konfession? Die Emanzipation und das Receptionsgesetz entscheiden diese Frage. Aber entschieden hat auch das Urteil der Königlich-ungarischen Kurie, die erklärt hat: Die ungarischen Juden sind eine Konfession. Auf Grund dieser Gesetze müßte ich auch nicht weiterreden, wenn das Gesetz Erfolg hätte, wenn in jedem Fall gegen die Hetzerei das Verfahren eingeleitet würde, wenn die Rechtsprechung antisemitische Vergehen strenge ahnden würde. Aber gleichzeitig werden antisemitische Reden gehalten ohne Bestrafung, Plakate, Flugzettel erscheinen entweder ungestraft oder mit minimalen, gerade nur sichtbaren Strafen und eine Legion Zeitungen, bekannt als die Blätter der Regierung und deren finanzielle Quellen politisch durch die Gunst der Regierung und so aus den Hellern der Steuerträger, also auch aus den Hellern der ungarischen Staatsbürger jüdischer Konfession und aus den nicht abzuschätzenden Zuflüssen von den unter jüdisch-konfessioneller Führung stehenden Unternehmungen begründet sind. Auf Grund dieser Agitation ist das Judentum keine Religion, sondern eine Rasse. Demgegenüber kann ich sagen, daß ich auf diese Agitation mit keinem anderen Argument als mit den Worten der heiligen Schrift antworten kann: „Verzeih' Ihnen, Herr, denn sie wissen nicht was sie tun!" Rasse oder Nationalität? Also die unter der tschechoslowakischen und rumänischen Besetzung lebenden Juden sollen wir als Rasse oder als Nation betrachten? Diese sind die Kämpfer und Grenzfestungen des Ungartums, dort in den Enden, und ohne diese schwächt sich das dortige Ungartum. Aus der jüdischen Konfession eine neue Nation zu kreieren, bedeutet den Dienst in anti ungarisch er Propaganda." Schließlich kam der Redner auch auf die Hetze gegen die eingewanderten Galizianer zu sprechen. Dabei sagte er wörtlich: „Es gab eine Einwanderung aus Galizien während des Krieges, nach dem Einbruch1 der Küssen. Zu der Zeit, wo -verschieden Konfessionelle, unter ihnen auch sehr viel in Galizien lebende jüdisch-religiöse Flüchtlinge nach Ungarn kamen, um sich vor dem russischen Einbruch zu retten. Aber nicht nur einige Juden sind aus Galizien hierhergewandert, sondern dasganze Ungartum ist in der Zeit der Völkerwanderung durch Galizien gekommen, zusammen mit den Chabaren, einem Stamm der Chazaren, die Juden waren und dann 1000 Jahre hier gelebt haben, als Juden, die zusammen mit den Urmagyaren gekommen sind." Auf skeptische Zwischenrufe antisemitischer Abgeordneter gab Vaszonyi ein seriöses wissenschaftliches Organ als seine Quelle an, worauf die Zweifler verstummten. Der Redner führte noch aus, daß die Chabaren in Ungarn ihr Blut im Laufe der Zeit mit dem anderer Juden vermischten. Schon daraus geht hervor, wie unbegründet die Sorge des Stricker-Blattes ist daß Ungarns Juden jetzt samt und sonders als Nachkömmlinge mongolischer Steppenreiter dastehen. Aber selbst wenn dem so wäre — will dann Herr Stricker etwa Theodor Herzl und Max Nordau, die bekanntlich beide aus Budapest stammten, nicht mehr als richtige Juden anerkennen? Diese naheliegende Frage enthüllt die ganze Lächerlichkeit der Auffassung, daß das Judentum keine religiöse, also geistige, sondern nur eine blutbedingte, das heißt physische Verbundenheit darstellt. Und Herzu. f räuentieübad Taizmannsdorf Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäure-Sprudelbäder I Elektro-Kardiographisches Institut I Röntgen-Institut Tief reduzierte Pensionspreise einschließlich aller Heilbäder Ü M. U. Dr. I: H. Körner — Reisebüro „CITY", Wien /., Kohlmarkt 8 / Telephon U 26-4-29 mit einer so skurrilen Irrlehre will uns die „Neue Welt" den Prozeß gegen die Antisemiten gewinnen helfen, wo doch beispielsweise in Italien eben jetzt den Juden die Akzeption der jüdischnationalen Ideologie als Vaterlandsverrat angekreidet wird. Die Tips der „Neuen Welt" sind Tricks und Kniffe von Winkeladvokaten, mit denen man vielleicht gelegentlich einer schlechten Sache zu einem vorübergehenden Scheinerfolg verhelfen, aber die moralische Unschuld nur kompromitieren kann. Wir Assimilanten verschmähen solche Mittelchen und bauen einzig und allein auf die Güte unserer Sache. Wir fürchten nicht unseren Prozeß zu verlieren, denn wir teilen die Ansicht Vaszonyis: „Wo das Recht herrscht und das Gesetz volle Geltung hat, dort gibt es überhaupt keine Judenfrage." Das polnische Judentum von heute. (Schluß von Nr. 26, Seite 5.) VI. Jüdisches Bildlingswesen in Polen. Trotz Not und Elend pulsiert das jüdische geistige Leben sehr stark. Ein weitverzweigtes Schulwerk aller Parteien, die jiddische und hebräische Presse, jiddische Bibliotheken, jiddische Verlagsanstalten, zahlreiche Volkstheatervereine, Jugendklubs usw. versuchen, die jüdische Bevölkerung auf dem Wege der menschlichen und kulturellen Entwicklung zu fördern. In etwa 400 Städten und Städtchen bestehen zirka 1000 Bibliotheken. Oft findet man in einem Nest Die besten [isEiHirfl-iilSeltvaiei 3 mal täglich frisch bei IMMiiiUiiMiaM Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. ] von 200 bis 300 Einwohnern 2 bis 3 Bibliotheken; manche Bibliotheken zählen bis zu 5000 Nummern. Es sind erschienen: im Jahre 1930 nichtjüdische Bücher 5801, jüdische 354, im Jahre 1931 nichtjüdische Bücher 5141, jüdische 327, im Jahre 1932 nichtiudische Bücher 5061, jüdische 222, im Jahre 1933 nichtjüdische Bücher 5325, jüdische 237, im Jahre 1934 nichtjüdische Bücher 2628, jüdische 281. Im Jahre 1933 sind 572200 Exemplare jüdischer Bücher herausgebracht worden, davon: 30.300 wissenschaftliche, 52.600 belletristische, 6500 Schulbücher und 482.800 populär-wissenschaftliche Bücher. Im Jahre 1934 sind 597.400 Exemplare erschienen, davon 125.400 wissenschaftliche, 57.300 belletristische, 6100 Schulbücher, 408.600 populär-wissenschaftliche. Außerdem erscheinen in einer sehr hohen Auflage periodische Schriften und Bücher jüdischen Inhalts in polnischer Sprache. In Warschau besteht eine jüdisch-wissenschaftliche Lehranstalt die ihre Arbeiten in hebräischer und polnischer Sprache herausgibt. Die Sektionen für Wirtschaft, Statistik, Geschichte, Psychologie, Pädagogik und Philologie des jiddischwissenschaftlichen Instituts in Wilna, sowie die Zentralstelle für Bibliographie, das Archiv, die Bibliothek und das Theatermuseum des IWO tragen sehr viel zur Entwicklung des jüdischen Kulturlebens bei. VH. Jüdische Auswanderung. In den Jahren 1920 bis 1927 sind aus Polen in verschiedene Länder 259.125 Juden ausgewandert Etwa 25.000 Juden wandern . jährlich aus Polen aus.. P a 1 ästina hat in den Jahren 1922 bte . 1929. zusammen 85.143 polnische Juden aufgenommen. Im Jahre 1933 stellten die Juden etwa die Hälfte der polnischen Auswanderung nach Uebersee, unter 42.563 polnischen Auswanderern waren im Jahre 1934 zirka 47 Prozent Juden. Von 1918 bis 1934 sind 404.000 Juden aus Polen ausgewandert, hiervon 360.600 nach Uebersee. Gegen die in letzter Zeit entstandenen Evakuierungsprojekte Jabotinskys nehmen die Juden in Polen folgende Stellung ein: Die Warschauer jüdische Gemeinde und verschiedene jüdisch-politische und gesellschaftliche Verbände sowie das große jüdische Wirtschaftskomitee, dem die wirtschaftlichen Organisationen des Judentums angehören, haben sich in scharfer Weise gegen die Pläne einer jüdischen Zwangsauswanderung aus Polen gewandt. In einer kürzlich gefaßten Entschließung heißt es: „Die auf polnischer Erde geborenen, ihre Bürgerpflichten durch Entrichtung an Steuern von Blut und Vermögen wie alle anderen Bürger Polens erfüllenden Juden in Polen haben gleichen Anspruch auf Hilfe und Schutz durch den Staat als Bürger gleichen Ranges, auf gleichen Genuß derGüter des Bodens und gleiches Recht auf allen Gebieten des Staats leben s. Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung ist eng verknüpft mit der wirtschaftlichen Lage und der Wirtschaftspolitik des Staates; Hebung der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Bevölkerung ist eines seiner inneren Probleme. Die utopische Anregung, den Boden, auf dem sie seit 1000 Jahren lebt und an dessen wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung sie generationenlang mit ganzer schöpferischer Kraft mitgewirkt hat mit dem sie gleich allen anderen Einwohnern verknüpft, und auf dem sie gleichberechtigt ist, zu;1^erlassen, um anderen Platz zu machen, kann von ' der jüdischen Bevölkerung nicht beachtet werden. Ohne zu verkennen, daß ein Emigrationsbedürfnis — übrigens auch in einer ganzen Reihe anderer Länder, sogar solcher, in denen der Prozentsatz der Juden -ein minimaler ist — besteht, muß festgestellt werden, daß das Auswanderungsproblem, soweit es Polen angeht, allgemein demographischen und nicht ausschließlich jüdischen Charakter trägt; es betrifft alle Teile der Bevölkerung des Staates, die vor der Gründung des Staates und sogar noch im erneuerten Polen zahllose Auswanderer gestellt haben ... Um jedoch einen so bedeutenden Teil der Bevölkerung des Landes, wie ihn die jüdische Bevölkerung darstellt, gesunden zu lassen, ist die aktive Hilfe und Mitwirkung des Staates unbedingt erforderlich. Die Losung der Gleichberechtigung ist die Losung der gesamten jüdischen Bevölkerung Polens; sie wird sie solidarisch mit ganzer Energie verteidigen, da sie in; der tatsächlichen Gleichberechtigung und in der "Zulassung der Juden zu allen Zweigen des Wirtschaft-