Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 27 (9.7.1937)
- Date
- 1937-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064663-3064689--21212-3086543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Nr. 27 — 9. Juli 1937 Seite 3 Wehe den Siegern, Im zionistischen Lager herrscht größte Bestürzung. Man steht dort fassungslos der drohenden Gefahr gegenüber, einen unerwarteten Sieg zu feiern und das Streben nach einem unabhängigen Judenstaat mit einem unverhofften Erfolg belohnt zu sehen. Düster erinnert man sich des Schiller-Verses: „Mög Euer Lohn nicht Eure Strafe werden!" Diese Gefahr liegt in vieler Hinsicht vor. Zunächst droht eine katastrophale Enttäuschung der jüdischen Massen, die heute nicht auf Romantikerweise die blauen Blumen eines politischen Ideals suchen, sondern vor allem eine Auswanderungsmöglichkeit, die ihnen den in der Heimat tückisch geraubten Raum zum Atmen und Schaffen bietet, eine Gelegenheit, sich durch Arbeit ein Minimum ah Brot und Lebensfreude zu erwerben. Es soll gern zugegeben werden, daß auch die Schöpfer des modernen Zionismus dieses Ziel verfolgten, als sie vorauszusehen glaubten, daß eines Tages der wachsende Antisemitismus eine jüdische Emigrationswelle von größter Dimension in Europa auslösen würde. In diesem tragischen sehen, der mit Transjordanien vereinigt werden und den der Judenstaiat subventionieren soll. Es soll also „ernst" mit dem Judenstaat werden. Wie hoch dieses „ernst" einzuschätzen ist, geht schon daraus hervor, daß es ein J u d e nstaat ohne Jerusalem werden soll! Jerusalem ist eine Stadt mit überwiegend jüdischer Bevölkerung. Nach dem Weltkrieg erklärte Wilson, der Schöpfer des Völkerbundes, daß die Völker nie wieder wie willenlose Schachfiguren verschoben werden, sondern ihre staatliche Zugehörigkeit selbst entscheiden sollen. Aber für die in jedem Sinne jüdische Stadt Jerusalem braucht das in einem Mandatland des Völkerbundes natürlich nicht zu gelten! Die jüdische Einwanderung nach Jerusalem soll an ein verschärftes Bewilligungsrecht der Engländer gebunden sein. Das heißt daß a n der jüdischen Universität auf dem Oelberg in Hinkunft der numerus clausus für jüdische Hörer und Dozenten gelten wird! Während also der erste Teil der Balfour- Dekiaration in Palästina parodiert wird, wird auch der zweite Teil, der davon spricht, daß durch den SCCfeltl TIROLnoom Pension Geschwister Seheer jetzt Haus Waldruhe, am See ws& 9 herrliche Lage mitten im Walde 9 beste Verpflegung und Unterkunft 0 streng orthodox Palästina-Aufbau die Position der Juden in ihren europäischen Heimatländern nicht rangiert werden -soll, brüchig. Denn man kann sich lebhaft vorstellen, welche Wirkung die Errichtuv.g dieses ,.vom Zionismus ursprünglich gesteckten Zieles", dieses „Judenstaates", auch wenn er nur ein Miniaturstaat sein wird, bei den Antisemiten aller Herren Länder auslösen dürfte. Die erste Wirkung scheint mach den letzten Berichten, die gewaltige Sicherheitsmaßnahmen melden, die Gefahr eines Ausbruches neuer Unruhen im Heilig;r. Lande zu sein. Die dortige Judenschaft, die wohl von allen zuständigen Faktoren vor unüberlegten Handlungen gewarnt wurde, steht dank der unklugen Politik der Nationalzionisten, die alles auf die Karte Englands setzten, wieder einmal vor schweren Tagen. JCucacl Sauec&unn Ausflugsort u. Sommerfrische.Kohlensäurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigen Preisen. Auskünfte orteilt die Kurkommisslea Sauerbrunn, die herbestelle des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wien /., Nibelungengasse 1 Jüdisdinatfonale WinkeladwoKaieniricfcs. Momente sollte nicht erst mühselig eine Antwort auf die bange Frage „Jude, wohin?" gesucht, sondern die Frucht des vorbauenden Zionismus geerntet werden. Wo diese Frucht blühen sollte, das war Herzl und Nordau gleichgültig. Sie haben eine Zeit lang die Sinai-Halbinsel für diesen Zweck in Aussicht genommen und später dankbar das von den Engländern angebotene Uganda- Projekt . befürwortet. Die Antwort des ianatisierten Anhangs war ein Revolverschuß auf Nordau in Paris. Er traf nicht den ..Verräter", aber umso tödlicher das Uganda-Projekt... Seither hat der engstirnige Fanatismus der zionistischen Politik die Richtung gewiesen. Herzl hat dieses Diktat akzeptiert, er war herzkrank und velleicht hat er auch nach Verebbung der Dreyfus- Erregung die jüdische Zukunft nicht mehr so pessimistisch empfunden wie als der Pariser Korrespondent der „Neuen Freien Presse" zur Zeit der antisemitischen Kampagne in Frankreich. Wirklich gefährdet sah er damals nur die russischen Juden. Die mochten, soweit sie unternehmungslustig und arbeitsfreudig waren, in Palästina Zuflucht finden. Leider infizierte Herzl sein im übrigen weit vonaussehendes Projekt mit dem Krankheitskeim der politischen Fundamentierung. Dieser Bazillus droht jetzt der ganzen Sache den Garaus zu machen. Die Mitglieder der Königlichen Kommission, die England mit der Mission betraut hat, die jüdische Heimstätte zu Tode zu kurieren, haben sich als findige Aerzte entpuppt. Ihrem scharfen Auge entging nicht die von uns wiederholt aufgezeigte tödliche Stelle des jüdischen Aufbauwerks in Palästina, nämlich die Gleichzeitigkeit der Versprechungen, die England während des Weltkrieges sowohl den Juden als auch den Arabern gegeben hat. Die Kommission glaubt, ihrer Regierung, der die Balfour-Dekltaration schwer im Magen liegt, keinen besseren Rat geben zu können als den, das zionistische Judenstaatsprojekt zu — verwirklichen. Den Jüdischnätionalen wurde bei dieser Kunde schwer ums Herz und sie entluden ihren Groll gegen die — Assirrrilanten, die aus angeblicher Ignoranz in jüdischen Dingen falsche Nachrichten in die Welt setzen. Inzwischen hat es sich aber herausgestellt, daß es die Jüdischnationalen selber sind, die nichts wissen, weil ihnen das Wissen Kopfweh machte. Heute, am 8. Juli, bekommt die Kunde aus England, daß die Mandatarmacht das Land entsprechend seiner Heiligkeit für drei Konfessionen in drei Sttaten gliedern welle. In einen christlichen, den es selbst behält, mit den christlichen heiligen Stätten einschließlich Jerusalem, einen jüdischen („Erez Israel") und einen arabi- Da die Judenstaat-Zionisten über ihren gewonnenen Prozeß in Palästina, wo nun tatsächlich ein Judensiaat erstehen soll, wie wir an anderer Stelle erörtern, keine rechte Freude empfinden können, suchte sie ihr Wiener Organ, die „Neue Welt", vor kurzem mit der Darstellung zu trösten, daß der jüdisch -assimilatorische Kampf um die Gleichberechtigung „e i n verlorener Prozeß" sei. Das Stricker-Blatt leugnet nicht, daß die Assimilanten den Prozeß gegen die Antisemiten sehr eifrig führen. „Aber sie führen diesen Prozeß so, daG er von vorn- Restaurant Stefanie Hugo u. Julie Herlinger, geb. Zollner II., TaborstraBe 12 Tel. R 48-4-46 "lki'D Erstklassige renommierte Küche, große Auswahl. Reichhaltige Menüs von S 1.60 aufwärts. Exakte Bedienung. Schöner schattiger Garten. Angenehmer Aufenthalt. herein als verloren anzusehen ist." Es ist sehr drollig, daß ausgerechnet Herr Oberbaurat Stricker, der einzige N i c h t - Advokat unter allen Wiener Zionistemührern und jüdischnationalen Kultusräten, sich zum Sachverständigen über richtige und falsche Prozeßführung aufwerfen will. Das Resultat ist demnach! Hören wir, was der jetzige Prozeßgewinner wider Willen an den Assimilanten, deren historische Siege .in der ersten Instanz einst den Grund , zu all dem gelegt haben, was an jüdischer Gleichberechtigung heute noch in der Welt vorhanden ist, zu tadeln hat. Wir wissen ja alle, daß die Antisemiten gegen die weltgeschichtliche Entscheidung zugunsten der Gleichberechtigung all dessen, was Menschenantlitz trägt, Berufung eingelegt und in manchen Ländern auch schon bedauerliche Erfolge davongetragen haben. Aber als bewußte Juden stärkt uns die Ueberzeugung, daß es noch einen Appell an die oberste weltgerichtliche Instanz gibt, und werden uns nie und nimmer von unseren grimmigsten Feinden jene materialistische Weltanschauung aufdisputieren lassen, in deren Namen heute das größte Unrecht gegen die Juden sich austobt: die intransigente Weltanschauung des rein blutmäßig gedeuteten Nationalismus. Durch die begeisterte Akzeptierung dieses neuen Götzen und durch die lustvolle Beteiligung an dem Tanz um das goldene Kalb des Rassenmythos, angesichts dessen immer wieder die Zertrümmerung der Gesetzestafeln, auf denen Recht und Sitte basiert, erfolgt, hofften die Jüdischnätionalen von den betont Nationalen der anderen Rassen Anerkennung als Gleiche unter Gleichen: „Gleiche Narren, gleiche Kappen!" Aber ihre Hoffnung ward grausam enttäuscht: die Antisemiten sahen es zwar sehr gern, daß sich die „nationalen" Juden von ihnen aufs Glatteis der zoologischen Begriffsdeutung der Nation locken ließen, aber anstatt sie dafür zu ehren, benutzten sie diese freiwillige Gefolgschaft erst recht zur Diffamierung der Gesamtjudenheit. Die eigene Nationalität wurde den Juden mit größtem Vergnügen zugebilligt, lieferte sie Herrn Hitler doch ein hochwillkommenes Argument zur Begründung seiner Judengesetze, deren Tenor auf der „wissenschaftlichen" Erkenntnis beruht: ..Zwischen einem deutschen Arier und einem deutschen Juden ist ein viel größerer Unterschied, als zwischen einem Untermenschen und einem Affen." Diesen zweiten Teil des Satzes hat Herr Strick :r merkwürdigerweise überhört. Sonst könnte er nicht dozieren: „Aus dem Anderssein wird den Juden der Strick gedreht. Wohlgemerkt: aus dem Anderssein, nicht etwa aus dem S c h 1 e c h t e r sein!" Wer so etwas schreibt; gleicht dem Würdigen, der, wenn man ihn anspuckt, erklärt: „Es regnet". Weil aber solche Selbsttäuschung nach außen hin das innere Mißbehagen nicht zu bannen vermag, entlädt Herr Stricker das seinige gegen die Assimilanten, die, hellhöriger, den diffamierenden Vergleich nicht ställschweigend einstecken, sondern zu seiner Entkräftung auf die Tatsache hinweisen, daß zwischen einem österreichischen Juden und einem österreichischen Arier, etwa einem Tiroler, ein weit geringerer Unterschied besteht als zwischen einem Westjuden und einem Juden aus dem Jemen. Diese These mißfällt Herrn Stricker. Weil wir beweisen, daß es zwischen Juden und Nichtjuden eines Landes von religiösen Anschauungen abgesehen keinen Unterschied gibt, mutet uns Herr Stricker die Anerkennung des antisemitischen Grundsatzes zu, daß das Anderssein rechtlos mache! Und er doziert tiefsinnig: „Es ist der schwerste Fehler, wenn man sich vom Prozeßgegner die Beweisführung um sein Recht vorschreiben läßt. Die Assimilationsjuden aber begehen diesen Fehler." Also nicht die Jüdischnätionalen, die die Mentalität der Phrase „Blut und Boden" willig von den Deutschvölkischen übernahmen, die alldeutschen Studentenverbindungen sklavisch nachahmten und sich den Assimilanten gegenüber sogar des rüden Antisemitenstils befleißen, lassen sich vom Prozeßgegner die Beweisführung vorschreiben, sondern die Assimilanten sind es. die diesen Fehler begehen ... Ein besonders schlimmer Geselle unter ihnen ist aber der ungarische Abgeordnete J a n o s V a s-