Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 26 (2.7.1937)
- Date
- 1937-07-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 26 — 2. Juli 1937^ Seite 5 Oeefdfr in Tirol 1200 m ü. d. M. Haus Sonneck (unter jüdischer- Leitung) In zentraler sonnigster Lage, mit prächtiger Aussicht und allem Komfort. Neu renoviert. Mäßige Preise- Näheres auch IX.. Porzellangasse 5 / Tür 9* stört vor sich gehen darf, dann ist es bloß eine Zeitfrage, wann der Antisemitismus mit allen seinen peinlichen Konsequenzen auch bei uns aufflammt." Auch das beruht auf einem Irrtum: In Deutschland hat nicht die Einwanderung jüdischer Elemente, die als Ausländer noch heute an den deutschen Hochschulen promovieren dürfen, sondern die Einwanderung antisemitischer Elemente zur Entrechtung der bodenständigen Juden geführt. Wäre nicht Hitler aus Oesterreich, Rosenberg aus dem Baltikum, Heß aus Kairo und Darre aus Brasilien in Deutschland «ingewandert, dann könnten die deutschen Juden in ihrer Heimat noch immer dasselbe Ansehen genießen wie die schwedischen Juden heute noch in Schweden, und eingeborene Deutsche, wie Herr Ribbentrop, hätten es nicht nötig, mit ihren kranken, von den arischen Heilkünstlern aufgegebenen Kindern jüdischen Aerzten nach Holland nachzufahren. Erst den hier aufgezählten, von auswärts zugereisten Führern des Dritten Reiches ist es gelungen, uralten antisemitischen Schlagworten eine derartige Suggestionskraft zu verleihen, daß sich nicht nur das deutsche Volk der Dichter und Denker von ihnen betören ließ, sondern auch ein Sven Hedin unter ihrem dämonischen Eindruck verkündet, „daß die Juden die einzigen sind, die an einem Kriege verdienen; alle anderen verlieren dabei". Der weitgereiste Mann will also nirgends, auch nicht in seiner schwedischen Heimat und deren nordischen Nachbarländern, die infolge ihrer Neutralität im Weltkrieg reich geworden sind, andere als jüdische Kriegsgewinner gesehen haben. Darauf möchte man ihm gern auf Wienerisch zurufen: Erzählen Sie das Ihrer Großmutter! Leider ist aber dieser Rat bei Herrn Sven Hedin ganz unangebracht. Denn gerade seine Großmutter würde ihm das, falls sie noch lebte, am wenigsten glauben, weil sie selbst — Jüdin gewesen ist. Dr. H. Sp. Jüdisches Kinder-Ferienheim Spitai *' Semmerb>£ (s2°1 _ . — _ Modernst •t1^ * muw Rituell MH^HMBHB Erstrangig Inhaber und pädagogischer Leiter: A. Taglicht Ständige ärztliche Kontrolle Glänzende Erholungserfolge Ärztereferenzen Sekretariat: IX.,Schwar2spanierstr.l2/3. Tel. A 26-3-73 Feinheit und Unfeinheit im Spott. Aus Sportkreisen wird uns geschrieben: Bei dem am vergangenen Sonntag im Wiener Dreherpark durchgeführten Länderkampf der österreichischen und deutschen Schwerathleten vermochten die Oesterreicher bloß einen Punkte- Sieg zu erringen oder besser gesagt: zu erstemmen, während;die Deutschen die größere Gesamtsumme der von ihnen gehobenen Gewichte erzielten und den Sieg deshalb für sich reklamieren. Diese Unklarheit wäre vermieden worden, wenn die Mehrheit der heimischen Stemmer ihre reichsdeutschen Gegner so überlegen hätten abzufertigen vermocht wie der Wiener Jude Robert Fein, der bekanntlich aus der letzten Olympiade die goldene Medaille heimgebracht und jetzt ein neues Lorbeerblatt seinem Ruhmeskranze eingefügt hat, indem/ er nicht nur nach Punkten, ' sondern auch nach dem von ihm gestemmten Gewicht von 340 kg gegen 317,5 kg des Reichsdeutschen Jansen einen einwandfreien Sieg erzielte. Es ist also in diesem Falle einmal nicht der Jud' schuld, an der Fatalität, daß der Gesamterfolg der Oesterreicher strittig ist. Robert Fein hat vielmehr wesentlich zur Klarstellung einer Frage beigetragen, die noch viel wichtiger ist als die rein sportliche, die, wie man sieht, beiden Parteien die Möglichkeit gibt, sich als Sieger zu betrachten. Denn vollkommen feststeht die eindeutige «Niederlage der nationalsozialistischen These von •der rassischen Minderwertigkeit der Juden. Solange der Nationalsozialismus mit dieser These die ganze Welt zu verseuchen sucht, ist jede augenscheinliche Widerlegung dieser unhaltbaren These, auf welchem Gebiete immer, als eine Kulturtett zu begrüßen. Fein hat seinem Namen in jeder Beziehung Ehre gemacht und auch solche Juden, die für Kraftsport kein spezielles Interesse hegen, müssen seiner jüngsten Leistung zur Ehrenrettung des Judentums die Anerkennung zollen: ,.Das war f e : n!" Aber auch die Antisemiten bestreben sich ausgerechnet in diesem Falle einer ihnen sonst gar nicht liegenden Feinheit. Selbst solche Zeitungen, deren Rasseninstinkte stets unfehlbar erwachen, wenn sie unter den vielen Namen täglicher Gesetzesübertreter -gelegentlich einen jüdischen entdecken, und einen gehässigen Hinweis auf diese Entdeckung niemals unterlassen, haben die gewohnte konfessionelle Informierung ihrer Leser über den österreichischen Stemmer, der sich seinem rassisch gesiebten Partner aus dem Dritten Reiche in allen Disziplinen überlegen zeigte, taktvollst unterlassen. „Nie sollst du mich befragen", wenn durch eine rassenmäßige Enthüllung kein Triumph, sondern eine Blamage zu ernten ist. In solch einem peinlichen Falle entscheiden' sich sowohl Rassenantisemiten als auch konfessionelle Judenhasser für das „liberalistische" Prinzip, sich nur an die Leistung des Mannes zu halten, aber nicht Wissens Sorge zu tragen, „woher er kam der Fahrt, noch wie sein Nam' und Art". Ein sehr gesundes Prinzip, für das wir Juden stets eintreten, leider meist vergeblich. Man möchte sich daher darüber freuen, daß wenigstens auf dem Gebiet des Sportes die Vernunft und die Gerechtigkeit über alle Haßtendenzen, die die moderne Kultur zersetzen, siegreich sich bewähren. Leider trügt dieser Schein. Das beweist die ungleiche Behandlung arischer und jüdischer Sportler durch die oberste österreichische Turn- und Sportbehörde bei der jüngst verlautbarten Amnestierung der 01ympia-„Sünder". Wie die Leser dieses Blattes bereits wissen, waren drei Hakoah- Schwimmerinnen auf 2 Jahre suspendiert worden, weil sie die jüdische Ehre, die ihnen verwehrte, in Nazi-Deutschland zu starten,' höher schätzten als sportliche Lorbeeren, empfangen aus der Hand Hitlers. Aber auch arische Oesterreicher mußten damals von der Sportfront bestraft, werden, weil sie wohl gegen den Empfang solcher Lorbeeren aus solcher Hand nichts einzuwenden gehabt Hätten, es jedoch nicht über sich brachten, zum Ruhme ihrer österreichischen Heimat, die sie bloß als Gau 8 des Dritten Reiches betrachten, beizutragen. Sie fuhren zwar, im Gegensatz zu den Hakoahnerinnen, nach Berlin mit, ließen sich aber dort, wenn sie starten sollten, entweder gar nicht oder in — betrunkenem Zustand blicken. Es ist Geschmacksache, welche Sünde wider den Geist des Sportes man als die verwerflichere wertet. Die oberste Turn- und Sportiront hat nunmehr die Arier, die sich auf der Olympiade auf moralische und materielle Kosten Oesterreichs einen Jux machten, mit sofortiger Wirkung amnestiert, während die jüdischen Schwimmerinnen, die aus menschlich achtbaren Motiven daheimgeblieben sind und niemanden geschädigt haben, erst zu Beginn des Jahres 1938 in den Genuß der Begnadigung treten, d. i. im Ganzen drei Monate bevor ihre Disziplinierung ohnehin abgelaufen wäre. Bedenkt man noch, daß in diesen drei Monaten außer den winterlichen Badeübungen des Vereins „Verkühle dich täglich!" keine wassersportlichen Veranstaltungen stattfinden, dann fragt man sich vergeblich nach dem praktischen Wert dieser „Gnade". Umso eindeutiger beantwortet sich die Frage nach ihrem moralischen Werte. Von einem solchen hätte man allenfalls sprechen können, wenn die Amnestie alle von ihr erfaßten Sportler in gleicher Weise «rfaßt hätte. So aber handelt es sich um eine demonstrative Brüskierung der jüdischen Sportler, die in aller Form gegen die arischen um ein halbes Jahr benachteiligt werden. Durch diese Amnestie ist dem immer wieder vom Bundeskanzler Dr. Schuschnigg aufgestellten Grundsatz, daß im öffentlichen Leben Oesterreichs für politische Gegensätze kein Platz sei. ins Gesicht geschlagen worden, noch dazu auf einem Gebiete, das mehr als jedes andere der friedlichen Annäherung des Verschiedenartigen, der Versöhnung des Gegensätzlichen und dem fair play dienen soll. Das polnische Judentum von heute. (Fortsetzung!) IV. Das Genossenschaftswesen. Die gesetzgebenden Körperschaften Polens (Seim und Senat) haben der Regierung freie Hand in der Führung der Wirtschaftspolitik gelassen, indem sie sich mit der allgemeinen Kontrolle der Regierung begnügten, die meistens nur in der Annahme eines Vertrauens-, resp. Mißtrauensvotums Ihren Ausdruck iand. Die Verhältniszahl der im Handel tätigen Juden ist 23mal so groß wie bei den Nichtjuden. Die direkten Steuern, die vom Handel erhoben werden, machen 33,6 Prozent aus, somit mehr als doppelt soviel wie sein Anteil am Volkseinkommen (15,9 Prozent). Die staatliche Kreditgewährung an jüdische Handelsunternehmungen läßt viel zu wünschen übrig, auch die Kroßen Staatsbank-Institute, die „Polnische Bank iür Volkswirtschaft", die- „Staatliche Agrarbank" und „Bank Polski" lassen sich bei' der Kreditgewährung "on der Nationalität der Firma leiten. Bewundernswert ist daher die jüdische Selbsthilfe. Die jüdischen Genossenschaften gruppieren sich im Revisionsverbaml der jüdischen Genossenschaftsvereine in Warschau und im Allgemeinen Verband der auf Selbsthilfe beruhenden Erwerbs- und Wirtschaftsvereine in Lwow. In ganz Polen funktionierten am 1. April 1932 661 zinsfreie Kassen, Kreditgenossenschaften „Gemilath Chesed", die vom Joint subventioniert wurden. Heute bestehen 715 „Gemilath Chesed- Kassen" mit einem Kapital von 10,000.000 Zloty, von denen die Hälfte seit dem Jahre 1926 durch den Joint investiert worden ist. Diese Kassen haben zehntausenden jüdischen Familien in Polen zum Autbau neuer Existenzen verholten und stellen jetzt die wichtigsten ökonomischen Positionen im jüdischen Leben in Polen vor. Die Tausende jüdischer Handwerker, die eine Gebühr von 30 Zloty pro Kopf für die Registrierung einzahlen mußten, konnten im Wege dieser Kassen die Legalisierung bewerkstelligen. Viele Juden, die durch die letzten Pogrome geschädigt waren, konnten mit Hilfe dieser Kassen wieder ihre Existenzen aufbauen. In der letzten Zeit hat der Joint seine Tätigkeit durch Assignierung neuer Summen für Kinderhilfe, medizinische Hilfe, im Wege der Gemilath Chesed-Kassen erweitert. Fast vier Fünf- Jüdische Männer und Frauen! Gedenket bei Antritt Eurer Sommer-Erholung der armen Jüdischen Kinder und spendet reichlich für die Ferienaktion der Kultusgemeinde „KINDER AUFS LAND" Spenden erbeten an: Fürsorgezentrale der Kultusgemeinde Wien /., Seitenstettengasse Postsparkassen Konto: B 29-6ä9.