Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 24 (18.6.1937)
- Date
- 1937-06-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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die wahrhe:t SeoLu^erut Kh^id^ % küSMUYV wwc &e<u S .ft^en, &. Wcö&e*i?£A# w^./&e& e<*. 3 v. Leers die deuischen Juden die Nachkommen ,.zum Teil berittener Räuberbanden" sind, „die ins Deutsche Reich über den Rhein kamen und ihre kriminelle Veranlagung vererbt haben und noch heute als Wucherer, Ausbeuter. Schränker, als würdige Abkömmlinge ihrer Vorfahren das rassenreine deutsche Volk ausplündern". Der Präsident der Judenstaatspartei sagt, daß die nationalsozialistischen Agitatoren und ihre wissenschaftlichen Lakaien nur zu Hause von angeborenem Verbrechertum der Juden sprechen. Er hat es nicht gehört, daß der ,.Führer" auf einem Parteitag verkündete, „daß zwischen höherstehenden und tieferstehenden Rassen ein größerer Unterschied sei als zwischen niedrigstehenden Menschen und Affen". Aber es hört sich wirklich schon alles auf, wenn der österreichische Führer der Juden, die in Palästina einen jüdischnationalen Staat errichten wollen, behauptet, daß die assimilatorisch eingestellten Glaubensgenossen sich von den Antisemiten ihre Beweisführung für den Kampf um die ungeschmälerte Aufrechterhaltung der Gleichberechtigung vorschreiben lassen. Sieht er denn wirklich nicht den Balken im eigenen Auge, weiß er noch immer nicht, daß die nationalen Juden, wie Hitler BÄP6ASTEIN IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang am 15. September 1935 am Nürnberger Parteitag dröhnend verkündet hat, sich mit den Nationalsozialisten „auf einer Ebene befinden" und daß deshalb der „Führer" vermeinte, mit der Rassengesetzgebung nichts anderes auszusprechen als den Wunsch der Jüdischnationalen, der sich in den verschiedenen Kongressen und solennen Enunziationen ausgeprägt hat, nämlich der Wunsch, ein eigenes Volk zu sein und nicht ein Bestandteil des deutschen Volkes? Hat Herr Robert Stricker an seine eigene Geschichte vergessen, daß ihm als Nationalrat unseligen Angedenkens, des österreichischen Parlamentes die Antisemiten jeder Couleur, nationale und christliche, ihr Kompliment gemacht haben, weil er sich von den Antisemiten „die Kampfesweise" vorschreiben ließ, die so viel Unheil angerichtet hat, nämlich seine Zustimmung zur gesetzlichen Scnderbehandlung der Juden als einer nationalen Minorität? Aber der Präsident der Judenstaatspartei ist auch ein rassisch eingestellter Mann, deshalb sieht er noch andere Unterschiede zwischen Juden und Christen als den einzigen der Religion. Kein Wunder, daß es Männer der Wissenschaft gibt, die behaupten, daß die rassische Einstellung überhaupt eine Erfindung der Juden sei. Einer wahrhaft jüdischen oder christlichen Einstellung — vom Gesichtspunkte der Wissen- Cafe Pension Eckstein Semmering schaft wollen wir nicht reden — widerspricht das Rassenprinzip genau so wie der Atheismus. So wie der Atheismus die Hochblüte des Materialismus ist, so ist das Rassenprinzip Atheismus und Materialismus, die Lehre vom erweiterten Egoismus, beschränkte Klüngel-, Clan- und Stammeswirtschaft, —Blubo — Blut und Boden. Und so möchte der Präsident der österreichischen Judenstaatspartei (nur das Papier duldet solche Widersprüche: österreichisch und Judenstaat) die Kluft zwischen Juden und andersgläubigen Mitbürgern aufreißen und unüberbrückbar machen. Er höhnt jlie Assimilation der deutschen Juden, weil Deutschland das Unglück getroffen hat, von Menschen vergewaltigt .zu werden, die nicht mit Wahrheit, Sittlichkeit und Wissenschaft das Volk leiten wollen, sondern mit Lüge, Gewalt und Irrlehren die Menschen verführen. Er höhnt die deutschen Juden, weil sie behauptet haben, „daß zwischen ihnen und den anderen kein anderer Unterschied besteht, als etwa der zwischen katholischen und protestantischen Deutschen". Er höhnt die Generationen deutscher Juden von Moses Mendelssohn bis Walter Rathen au, die ihre Religion mit ihrem Gefühl als Deutsche in harmonischen Einklang bringen konnten. Und wenn Herr Robert Stricker sagt, „daß in deutschjüdischen Schriften und Zeitungen erklärt wurde, daß die im Reiche lebenden Juden ein Stamm des deutschen Volkes sind, wie die Bayern, Franken, Westfalen, Friesen usw.", so hätte er, statt diese Behauptung zu verallgemeinern, besser daran getan, ein einziges Zitat zu bringen. Die einem jüdischen Schriftsteller vorgeworfene Behauptung von der oft festgestellten Aehnlichkeit von Juden und Tirolern beweist nur die ganze Haltlosigkeit der rassischen Theorien, die auch das Gehirn des Führers der Judenstaatspartei verwirrten. Als Schlager benützt Herr Oberbaurat Stricker die Rede des Herrn Abgeordneten Doktor Vazsony im ungarischen Parlament. Er macht sich lustig über die Möglichkeit der Abstammung eines Teiles der ungarischen Juden von den Chabaren; er weiß wohl nicht, daß es eine sehr verbreitete Theorie gibt, die die Abstammung des größten Teiles der polnischen Juden — dieses angeblich nationalen Typus der jüdischsten aller Juden — von dem mongolischen Volksstamm der Chazaren herleitet. Danach wären also die polnischen Juden keine rassischen Juden, sondern zum „mosaischen Glauben" übergetretene Mongolen. Aber dem Herrn Leichenredner der Assimilation möchten wir sagen: Wir kämpfen nicht als Bruderstamm der Friesen und Hessen, als Abart der Tiroler, als Nachkömmlinge mongolischer Steppenreiter für die Aufrechterhaltung unserer Gleichberechtigung, wir kämpfen auch nicht — und das ist das Allerwichtigste, weil es in unseren Augen das Verfehlteste ist — vom Standpunkte einer seit 2000 Jahren nicht existierenden jüdischen Nation, wenn sie überhaupt in modernem Sinne jemals existiert haben sollte, für unser Bürgerrecht. Wir kämpfen nur von einem Standpunkte für das heiligste unserer Güter: vom Standpunkte des Rechtes der Menschen, die seit Jahrhunderten auf diesem Boden leben und diesen Boden als ihr Vaterland lieben und nach der Lehre ihrer Religion „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" mit ihren andersgläubigen Mitbürgern das Schicksal des österreichischen Volkes und des österreichischen Staates teilen wollen. FEUILLETON. Besuch beim Budapester Judentum. Von Hilde Marx. Tempel, Gassen, Lieder. 100.000 Juden leben in Budapest. Sie leben verstreut in allen Teilen der Stadt. Aber es gibt ein paar Gassen, da wohnen sie noch sehr eng zusammen. iDa sfnd kleine* Geschäfte, in denen man Tallesim im Schaufenster sieht und in denen Männer gehen im langen Kafran und mit ernsten, dunklen Bärten. Ich habe in diesen Gassen manches Lied gehört: schwermütige jüdische Wreisen, und dazwischen klangen immer wieder die feurigen, sentimentalen Volkslieder des Landes. Die Juden auch dieser Gassen leben gern und freudig ir ihrer ungarischen Heimat. In dieser Gegend ist der Mittelpunkt des jüdischen Lebens. Ein riesiges Haus ist das Gebäude der Gemeinde, in dem alles zusammen ist: Kultusabteilung und juristische Büros, Steuerkasse und die übrigen Verwaltungsräume. Im obersten Stockwerk des Gebäudes liegen die Zimmer des Präsidenten der Budapester Gemeinde Hofrat Stern und seiner Mitarbeiter. Neben dem Schreibtisch des Präsidenten steht auf einem eigenen Tisch ein Modei! der Neubauten am jüdischen Krankenhaus. Und den Schmuck der Wände bilden Photographien der vielen, meist höchst modernen Einrichtungen der Gemeinde: Knaben- und Mädchengymnasium, Knaben- und Mädchenwaisenhäuser, Taubstummenanstalt und viele andere segensreiche Stätten jüdischen Wirkens. Außerdem sieht man die Tempel der Stadt und des Landes im Bild. Der Heldcntempel steht ajif dem gleichen Baugrund neben dem großen Tempel. Ein schlichter, quadratischer Bau, hell, wie eine Moschee, mit niedriger Kuppel von einfachen Arkaden umzogen, in deren Hof sich nur eine kurzgeschnittene, steingefaßte Rasenfläche breitet. Im Innern des Heldentempels, in dem auch die Wochentagsgottesdienste abgehalten werden, herrliche Schmiedeeisenarbeiten, in denen sich das Motiv des Mögen Dovid in immer neuen, schönen Formen wiederholt; herrlich auch, die durchbrochene Kuppel, durch die hell das Licht in den Raum strömt. Der große Tempel mit seinen fast 4000 Sitzen, der 1859 errichtet wurde, soll das größte Tempelgebäude seit dem Tempel Salomons sein. Sehr würdig ist seine stille Größe und seine dunkelgetönte Ausschmückung, und beim Freitagabend- Gottesdienst ist kaum ein Platz leer. Auf demselben Grund, wo das religiöse und amtliche Leben der Judenheit Ungarns in Tempel und Gemeindehaus zentralisiert ist, sind Schätze seiner Vergangenheit in einem schön angelegten Museum gesammelt. Da findet man Dokumente aus der Literatur der Emanzipationszeit, Schriften für und wider, und dabei etwa eine Karikatur ..Auszug aus dem jetzigen Aegypten", ein Blatt aus dem vorigen Jahrhundert. Unter vielen anderen ist dort auch ein Bild des ersten jüdischen Abgeordneten in Ungarn, Mor Wahrmann, aus dem Jahre 1782, die Dissertation von Joseph Manes, des ersten ungarischen jüdischen Arztes mit Doktortitel, und ein Bild von Dr. Imanuel Low, Mitglied des Oberhauses. Das Bild dieses Mannes verbindet sich in den Gedanken des fremden Besuchers mit dem starken Eindruck, den das Gebäude des Parlaments und seine würdevollen Sitzungssäle auf ihn machten. Man sieht eine jüdische Deputation zu Herde, die huldigend dem Könir Mathias Corvitms entgegenkommt, — eine Hawdolokerze ist aus roten, weißen und grünen Wachsstreifen geflochten — mehrere Modelle für Heldendenkmäler für die Gefallenen des Weltkrieges — Manuskripte von Joseph Kiss, dem großen Dichter — einen Grabstein iaus dem dritten Jahrhundert nach Christi mit jüdischer Inschrift in römischen Buchstaben — Büste und Bild des nichtjüdischen erfolgreichen Verteidigers in einem der größten Ritualmordprozesse, v. Eötvös Karoly. eines Mannes, der einen Ehrenplatz in der dankbaren Erinnerung der ungarischen Judenschaft einnimmt — eine Huldigungsschrift, die die ungarischen Juden im Jahre 1930 an den Reichsverweser Horthy richteten — eine Menora mit der Büste Josefs II. —und daneben herrliche alte Kultgeräte, kunstvoll gebundene und geschriebene Gebetbücher und Megillot, Ringe, Siegel und Thoravorhänge. Im oberen Stock des Museums sind lichte Räume der modernen jüdischen Kunst gewidmet; herrliche Stücke enthält besonders der Raum des berühmten Malers Isak Perlmutter, dessen Interieurs von einer seltenen Farbenpracht sind; aus ihnen sprechen jüdische Empfindungskraft und ungarisches Temperament in gleicher Weise zu dem Beschauer. Tradition und neuer Geist. Alle Tradition der alteingesessenen ungarischen Judenheit verkörpert sich in dem Großrabbiner von Ungarn, Dr. Hevesi, einem stattlichen Mann mit schneeweißem Haar und Bart, in dessen Augen die Ruhe und Weisheit wohnen, die aus einem langen, taterfüllten Leben kommen. Doktor Hevesi ist noch heute angestrengt tätig für seinen Beruf: „Mein Leben und meine Arbeit gelten