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Die Wahrheit · 1937-06-18 · Heft 24 (18.6.1937) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 24 (18.6.1937)
Date
1937-06-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. Zeitung vom Verieger versendet „Journal exp&iie par l'Mteur" Jüdische U)ochenschrifr |j[ IJU| 1 „L i| mit den Veröffentlichungen der Irllft 111bII „Union österreichischer Juden- Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen a^nrcinnimnM^^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 44-1-40 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 53. Jahrgang Wien, 18. Juni 1937 __Nummer 24 Jüdisches Bekenntnis 1937 Von Herbert H. Lehman, Gouverneur des Siaales New York Vierzig Jahrhunderte, aufgebaut aus Tradition und einer von Ethik und Religion durchtränkten Geschichte, haben den modernen Juden geschaffen. Die Kenntnis der jüdischen Vergangenheit ist somit eine der wichtigsten Notwendigkeiten für alle Juden. Erziehung in diesem Sinn, spezifisch jüdische Erziehung, ist keine abstrakte akademische Forderung. Nur durch eine methodische Forschung können wir unsere Vergangenheit wirklich kennen lernen und ihre wissenschaftliche Erfassung ist ein wichtiger Faktor zum Begreifen der Gegenwartsprobleme. Ich bin daher der Meinung, daß die Kenntnis der jüdischen Traditionen auch den Juden von heute ein gesundes Selbstbewußtsein und eine noch stärkere geistige Denk- und Arbeitskraft zu geben imstande ist. Sie werden begreifen, daß die Prophetie, die da lautet, daß der Samen Abrahams „einst gepriesen würde von allen Völkern der Erde", sich dann erfüllen wird, wenn das geistige Ideal und die moralischen Kräfte in unseren Gesetzen, in den Propheten und der jüdischen Ueberlieferung verkörpert, auch wirklich die Gedanken und Handlungen der Juden von heute leiten werden. Die Welt steht heute Gefahren gegenüber, die jede Zivilisation bedrohen. In einigen Ländern hat die rohe Kraft sich an die Stelle der Vernunft gesetzt, triumphiert brutale Gewalt über das Recht. Menschen sollen blindlings gehorchen, auch wenn sie es mit ihrem Gewissen für nicht vereinbar halten. Moralische Werte werden allein durch den Staat verkörpert. Das erlösende Licht der Religionen brennt tief und ist dabei, auszulöschen. Aber die Menschheit hat, um die ihr gestellten Aufgaben zu lösen, die Freiheit des Denkens, des Glaubens und des Gewissens nötig. Die industrielle Epoche, in der wir uns befinden, hat das Auftreten solcher diktatorischen Ansprüche gefördert. Denn eine Versklavung und Verfechtung der Menschen ist nur bei einer Weltanschauung möglich, die sich an das Materielle klammert, für das Flüchtige einer persönlichen oder staatlichen Erscheinungsform Ewigkeitswert beansprucht und Mensch und Maschine gleichsetzt. So ist es gekommen, daß zwanzig Jahre nach jenem Krieg, von dem wir hofften, daß er den Krieg töten würde, die Nationen der alten Welt sich auf ein neues Schlachten vorbereiten. An die Stelle des menschlichen Egoisten sind Staaten als Egoisten getreten, jene Diktaturstaaten, die „nur für sich und gegen alle anderen" sind. Der Wahlspruch „Macht ist Recht" flattert als Fahne über den Zitadellen der Gewalt. Und Macht bedeutet nicht nur töten können, sondern auch sittliches Empfinden, natürliche Einsicht, klaren Verstand unter würgendem Druck zu halten. In dieser Zeit 'Stehen die Juden zwischen allen Feuern des Bösen. Sie haben nur zwei Möglichkeiten, sich zu bewahren und nicht in furchtbarem Chaos unterzugehen: sie müssen fest bleiben in dem Glauben an den Wert und die Bestimmung ihres Volkes. Gleichzeitig dürfen sie nicht vergessen, was ihnen bisher dazu verholfen hat, die Jahrhunderte unendlichen Jammers und furchtbarer Oualen zu überstehen, was noch den furchtbarsten Tod ihrer bekannten und unbekannten Soldaten, Helden und Märtyrer mit einem weithin leuchtenden Glänzen umstrahlte: die Juden haben alle anderen überlebt, weil sie innerlich lest verhaftet waren jener Tradition, die vor tausenden von Jahren auf dem Sinai ihren Vätern offenbart wurde, als diese den Bund mit Gott schlössen. Heute mag man die wortwörtliche Wahrheit dieser Tradition annehmen oder ablehnen — sicher ist, daß jeder Jude, der die Geschichte der jüdischen Treue zu Gott kennt, sich unwürdig der Nachkommenschaft der großen jüdischen Stammeseinheit fühlen muß, wenn er nicht seinem geistigen Ideal, welches es auch immer sei, treu bleibt. Die Es ist wirklich eine hohe Auszeichnung für die Assimilation, daß der Präsident der jüdiischnationalen Judenstaatspartei Oesterreichs, Herr Oberbaurat Ing. Robert Stricker, sich höchst persönlich auf die Rednertribüne bemüht, um der Assimilation unter dem Titel „Ein verlorener Prozeß. Der jüdisch-assimilatorische Kampf um die Gleichberechtigung." die Grabrede zu halten. Nach Jflv. Richtige SenkfuBeinlagen ■ »■^V^v Fachfirma 5 \ <im^ BANDAGEN-HKOLASCH, Taborstr. 22 dem seit Mark Anton berühmt gewordenen Beispiel beginnt er seine Rede mit dem Gedanken: „Die Assimilanten, sie sind ehrenwerte Männer." „Es ist nicht zu leugnen, daß die Assimilanten den Prozeß gegen die Antisemiten um die Gleichberechtigung sehr eifrig führen. Aber sie führen diesen Prozeß so, daß er von vornherein als verloren anzusehen ist." Ja, Oberbaurat Stricker verschweigt natürlich, daß die Jüdischnationalen den Prozeß gegen den Antisemitismus programmgemäß überhaupt nicht führen. Sie geben den Prozeß gegen den Antisemitismus von vornherein verloren. Sie submittieren. Sie halten sich an das falsche Wort Theodor Herzls: „Sieg den Christen, Friede den Juden." Wie unüberlegt dieser Ausspruch ist, beweist unsere Zeit, die den christlichen Antisemitismus ganz in den Hintergrund gedrängt hat, um dem nationalen und rassischen Antisemitismus das Feld zu räumen, der — in Deutschland zumindest — die Totalität für sich in Anspruch nimmt. Den Christen nach Herzls Idee den Sieg einzuräumen, bedeutet die Massentaufe, in der auch ursprünglich der Heros des politischen Zionismus die Lösung der Judenfrage erblickte, und zwar noch neun Monate vor Verfassung des „Judenstaates" (nach der Biographie des Lobredners Theodor Herzls, Alexander Bein). Der Leichenredner der Assimilation akzeptiert scheinbar die Erklärung der Antisemiten: „Die Juden sind überall anders geartet als ihre Umge- Basiere Dich gut and billig Oeslerreichischcs Qiiäütms rabrf hat Ueberau erhältlich jüdische Geschichte lehrt, daß geistige Ideale eine Kraft und Stärke geben, die alles Materielle überdauern. Die jüdische Religion aber ist die Wurzel aller moralischen, ethischen, politischen, aller .bewußten und unbewußten Ansichten, Lebensäußerungen und Ziele jedes jüdischen Menschen. Sie verbürgt dem Juden und der Jude ihr die Ewigkeit bung. Sie unterscheiden sich in Temperament und Denkart und auch in gewissen körperlichen Eigenschaften von uns. Sie sind anders als wir, daher gebühren ihnen nicht die gleichen Rechte!" Und wenn dem schon so wäre, — posito sed non concesso, — wenn unsere Glaubensgenossen anders geartet wären als unsere Umgebung, wenn wir uns schon in Temperament und Denkart unterschieden, wäre das ein Grund, um uns die gleichen Rechte zu verweigern? Stricker stellt die unrichtige Behauptung auf, daß die Antisemiten aus dem angeblichen Anderssein der Juden und nicht aus dem Schlechter« Sein das Recht ableiten, die Juden der Gleichberechtigung zu berauben. Herr Stricker scheint die ganze nationalsozialistische Doktrin verschlafen zu haben, die doch darin gipfelt, daß die Juden minderwertig, also schlechter sind, daß ihre Kriminalität eine größere ist, daß nach Johann Damenhonfehtions=_ TTtodeHbaus | „Zut feschen Wienerin" Hlepus Salbei & Co. Wien IX 2., Währingersfr. 63 Telephon A 23-249 Griindungsjahr 1897 Dornehmes ttlodellbaus für Damenbekleidung wie Mäntel, Kleider, Kostüme, Blusen THafcHtelier: im fiaufe Trauerwaren stets lagernd oder Anfertigung binnen 2 t Stunden Herr Oberbaurat Stricker hält der Assimilation die Grabrede.

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