Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 23 (11.6.1937)
- Date
- 1937-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 23—11. Juni 1937 DIE WAHRHEIT In allen Versicherungsangelegenheiten — Z U e r S der „Union", I., Schottenring 25, Telephon A 19-2-77, jeden Montag und Freitag von 10 bis 18 Uhr vormittags. / Leiter: Komm.-Rat Alexius Salzer. Für Lebensversicherungsberatung haben wir einen Spezialfachmann bestellt, welche unsere Mitglieder beonders günstig beraten wird. Reisegepäcksversicherung Herzd. franenheilDad Tatzmannsdorf & Minerat-, Moorun i natürliche Kohlensäure-Sprudelbäder I Eleklro-KardiO' graphisches Institut I Röntgen-Institut Tief reduzierte Pensionspreise einschließlich aller Heilbäder S 11 «5 h fl n f t e und Prospekte: Kurbad A. G. nuaHuui ie ßad Tatzmannsdorf und M. U. Dr. I. H. Körner — Reisebüro „CITY", Wien I., Kohlmarkt 8 / Telephon U 26-4-29 Friedensliebe im Zeichen der Blutrache. In einer reichsdeutschen Zeitschrift wurde jüngst als die sittliche Grundlage des Nationalsozialismus die — Blutrache gepriesen. In bitteren Worten wurde die Ausschaltung dieses edlen, in der Erkenntnis der Heiligkeit des Blutes wurzelnden Triebes durch zwei Jahrtausende währende jüdisch-christliche Verfälschung des nordischen Wesens beklagt und das Verdienst des neudeutschen Heroentums hervorgehoben, die Regelung der menschlichen Beziehungen wieder dem gesunden Naturinstinkt zu überlassen. Bedauernswerte Skeptiker, denen die konsequente viele Generationen lange Verjudung der abendländischen Kultur leider die Fähigkeit, die natürliche Sprache ihres Blutes zu verstehen und zu befolgen, geraubt hat, erdreisten sich, zwischen diesem ideologischen Hakenkreuz-Bekenntnis und den fortwährenden Friedensbeteuerungen der führenden Apostel des Dritten Reiches, die gerade jetzt eifrig in allen europäischen Hauptstädten die Botschaft des Weltfriedens verkünden, einen unerklärlichen Widerspruch zu entdecken: Blutrache und Friedenspolitik — wie reimt sich das zusammen? Die Antwort auf diese Frage gibt die Tagesgeschichte. Was für die geistige Unzulänglichkeit des jüdisch-christlichen Untermenschentums ein unlösbares Problem darstellt, das ist für die aufgenordeten Edelmenschen, die sich um das Hakenkreuz scharen, ein Kinderspiel — das reinste Ei des Kolumbus. Sie zeigen der staunenden Welt, wie leicht man die Befriedigung natürlicher Blutinstinkte mit der Erhaltung des Weltfriedens vereinbart: Man schießt einfach bloß auf solche, die nicht zurückschießen können . . . Dieses System, das sich am 30. Juni 1934 zum ersten Male in größerem Maßstab bewährt hat, schien allerdings in der Folge nicht allen Belastungsproben gewachsen. So z. B. als sich in der Person des David Frankfurter scheinbar das Judentum zum Zurückschießen entschlossen hatte. Damals drohte die Gefahr, daß ' dem Hakenkreuz seine wichtigste Waffe, sein Siegfriedschwert Notung, entwunden werden sollte: die ungeahndete Judenhetze. Zum Glück war das nur Schein: das Judentum verharrte treu und standhaft auf dem Boden seines religiösen Sitten- Gesetzes: „Du sollst nicht töten!" So stand dem neudeutschen Herrentum auch in diesem Falle der Weg zur Blutrache frei. Es hat sie jetzt vollzogen: Da es des David Frankfurters, der in einem Schweizer Gefängnis seine Schuld büßt, nicht habhaft werden konnte, lockte es mit nordischer List einen anderen Ausländer jüdischen Glaubens ins „schöne deutsche Reiseland": den amerikanischen Staatsbürger Helmut Hirsch. Mit Entsetzen vernahm dieser Tage die gesamte Kulturwelt die Vollziehung des Todesurteils an diesem jungen Menschen, der niemals politische, sondern stets nur wissenschaftliche und künstlerische Interessen an den Tag gelegt hatte und den nach Deutschland bloß die Aussicht auf eine schöne Skitour gelockt hatte. Nicht einmal der sonst, besonders wenn es Anklagen gegen das Judentum gilt, so beredte Herr Goebbels, wußte etwas von einer Schuld des Helmut Hirsch mitzuteilen, der einzig und allein den Bruch des jüdischen Boykotts gegen das Dritte Reich so schwer büßen mußte. Aber trotz diesem bezeichnenden Stillschweigen der amtlichen deutschen Stellen kennt die Welt die Gründe dieser Hinrichtung. Sie liegen in dem eingangs zitierten publizistischen Bekenntnis zur Blutrache . . . Dieser Naturtrieb regelt auch die Beziehungen des Dritten Reiches gegen andere Länder, die nicht ans Zurückschießen denken können, wie z. B. Oesterreich, das sich durch den Pakt vom 11. Juli 1936 außenpolitisch gebunden fühlt, aber seinen Widerstand gegen die innenpolitische Gleichschaltung durch einen einseitigen Krieg büßen muß, der von Bombenattentätern geführt wird. Beweise hiefür gaben in den letzten Tagen die Untersuchungsergebnisse gegen Fritz Woits c h e, der einen Anschlag auf den das Grab seiner Gattin besuchenden Bundeskanzler Dr. Schuschnigg geplant hatte, und der gegen Heinz Adolf Schnepp geführte Hochverratsprozeß. Der letztgenannte Nazi begann seine Auflehnung gegen die Verjudung durch einen beharrlichen Krieg gegen das mosaische Gesetz: „Du sollst nicht stehlen!" und ist daher schon mehrfach straf gerichtlich bestraft worden. Als es sich aber um eine seiner vielen Existenzgründungs versuche handelte, trat er bedenkenlos auch mit dem jüdischen Herausgeber einer Zeitungskorrespondenz in Fühlung, der allerdings mit ihm nichts zu tun haben wollte. Der Staatsanwalt bezeichnete dieses Verhalten des Angeklagten als Beweis der niedrigsten Gesinnung . . . Die deutschen Hakenkreuzler sind sich darüber klar, daß die risikoloseste Befriedigung ihrer heroischen Instinkte der Kampf gegen das Juden- Die besten Elsen Werst- HBi SeMwarea 3 mal täglich frisch bei ■AEEk Hl« IU Piateisfnle 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. tum gewährleiste. Und auch dieses Minimum an Gefahr läßt sich noch ausschalten, wenn man den Judenkrieg gegen — tote Juden führt. Niemand ist so tot, daß man ihn nicht auch noch totschweigen könnte. Dieser Taktik hat Goebbels durch die Ausmerzung der jüdischen Namen von den Kriegsgefallenendenkmälern das Signum seines Genius aufgedrückt. Auf derselben moralischen Höhe steht die Unterdrückung des Namens Albert Ballin in den Festartikeln der deutschen Zeitungen anläßlich des 90. Bestandjubiläums der Hamburg-Amerika-Linie. Die Zeitschrift „Der deutsche Seemann" vom 5. Mai würdigte wohl seine Verdienste um die von ihm 30 Jahre lang geleitete Gesellschaft: „Erst von der Mitte der achtziger Jahre an beginnt ihr Aufstieg. Dieser bis an die Schwelle des Weltkrieges dauernde Aufschwung war so groß, wie er nur selten einem wirtschaftlichen Unternehmen beschieden ist. Die nahezu drei Jahrzehnte umfassende Periode läßt sich kennzeichnen als eine Zeit fast ununterbrochener Betriebsausdehiiung bei gleichzeitiger vorsichtigster Sicherung innerer Solidität und fortschreitender Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Unternehmens gegen Krisen und Konkurrenz." Nur der Name des Mannes, der dies alles bewirkt hat, darf nicht genannt werden. Ebensowenig durfte das Bild Ballins in den Zeitungen erscheinen. Der Dampfer, der seinen Namen trug, wurde auf „Hansa" umgetauft. Das Andenken dieses Juden, der zur Größe Deutschlands mächtig beigetragen hat und die Niederläge Deutschlands im Weltkrieg nicht überleben wollte, ist den Herren, die den Weltkrieg gesund überlebt haben und die Niederlage Deutschlands politisch zu ihren eigenen Gunsten weidlich ausge-* schrotet haben, peinlich. Aber den noch immer nicht ganz ausgestorbenen Deutschen, die sich edlere Gefühle im Herzen bewahrt haben, dürfte diese Selbstdeklarierung der deutschen Führer von heute noch peinlicher aufs Gemüt fallen. Brief aus Rumänien. Von unserem Korrespondenten. In unserem Heimatlande macht sich ein frischer Zug geltend. Während es noch vor wenigen Monaten den Anschein hatte, als ob Eigenmächtigkeit und Willkür die Oberhand gewinnen würden, und ein unbestimmtes Gefühl die politische Atmosphäre bedrückte, hat die Regierung nunmehr die Zügel straffer gespannt und jene Elemente, welche für alle Terrorakte den Deckmantel des Nationalismus vorschützten, müssen nun für ihren übertriebenen Eifer vor den Schranken der Justiz Rede und Antwort stehen. Insbesondere ist dies bei einigen jugendlichen Hitzköpfen der Fall, bei jenen verhetzten Jünglingen, die in dem Index der Universität ein Freibillett für zügellose Willkür erblickten. Insolange sie sich auf politische Agitation gegen die Juden beschränkten, mochte ihr Mutwille hemmungslos toben; da sie sich aber an eigenen Konnationalen, ja sogar an prominenten Persönlichkeiten vergriffen, und sich auch in öffentliche Angelegenheiten einzumischen erdreisteten, haben sich auch die Lenker des Staates eines Besseren besonnen. Zunächst wurde die Politik aus den Hochschulen ausgeschaltet und der studierenden Jugend das Politisieren nur insoweit gestattet, als dies vom Rektorat zugelassen wird. Ebenso wurde die Anzahl der auf Staatskosten in Studentenheimen und Kantinen unterhaltenen Studenten wesentlich verringert, aber auch die Aufnahme in diese Anstalten an gewisse Bedingungen geknüpft. Mit einem Worte: Im ganzen Lande herrscht momentan vollkommene Sicherheit, Ruhe und Ordnung. Für die Juden ist aber die Lage um nichts günstiger. Im Gegenteil: Durch das Projekt zum Dekret-Gesetze, betreffend die Förderung der rumänischen Arbeit, welcher Entwurf bei den Minoritäten eine leidenschaftliche Diskussion hervorgerufen hat, bereits wiederholt einer Abänderung unterzogen werden mußte und in den nächsten Tagen veröffentlicht werden soll, ferner durch den Beschluß des Advokaten-Kongresses, welcher die Restaurant u. Pension Stocket Quinfaen, Hauptstrage 37 Schöne Zimmer, grofcer Garten Pension von S 6.— aufwärts Romanisierung des Barreaus festgelegt, sowie endlich durch die Bestrebungen der Organisationen der freien Berufe, die ebenfalls ein Romanisierung der intellektuellen Berufe zum Ziele haben, infolge all dieser Umstände sind nun massenhaft jüdische intellektuelle und manuelle Arbeiter in ihrer Erwerbsmöglichkeit arg gefährdet und blicken voll Sorge in die nächste Zukunft. Man spricht zwar von einem Wechsel der Regierung nach Ablauf der vierjährigen Legislaturperiode, welche Aenderung sich in diesem Sommer vollziehen und auch einige Reformen herbeiführen