Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 23 (11.6.1937)
- Date
- 1937-06-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Die Folge besteht in einem anscheinend unaufhaltsamen Anwachsen der völlig verarmten jüdischen Unterschicht Bedeutsam für die weitere Entwicklung ist, daß die in den Gesetzen und Verwaltungsmaßregeln vorerst verhüllt auftretende antijüdische Richtung neuerdings mehr und mehr in den Aeußerungen verantwortlicher polnischer Staatsmänner ausdrücklich ausgesprochen wird. Zwar hatte noch im Jahre 1934 Außenminister Beck in seiner Minderheitenerklärung vor dem Völkerbund die Juden mit keinem Wort von dem Minoritätenschutz ausge- E ■HOTEL ■ ELISABETHHOF I Zeitgemäße Preise. I Kein Mahlzeitenzwang nommen. Aber einige Zeit später, nach dem Tode des Marschalls Pilsudski, erörterte Beck, nicht zuletzt beeinflußt durch die hirnrissigen Tiraden Jabotinskys, die bekannten „Evakuierungspläne", in denen erstmalig unverhüllt eine aufs tiefste einschneidende Sonderbehandlung der jüdischen Minderheit von einer amtlichen polnischen Seite erwogen wurde. Das „ideelle Programm", das Oberst Koc vor einiger Zeit als Beauftragter des Marschalls Rydz-Smigly verkündet hat, ist ein weiterer Schritt auf diesem Wege. Die Unterschiede zwischen der polnischen Mehrheit und den nationalen Minderheiten, so meinte Koc, seien anzuerkennen, „soweit sie nicht in Widerspruch zu den Interessen des Staates stehen". Was die Judenfrage anlange, so sei „das Bestreben des polnischen Volkes verständlich, sich wirtschaftlich selbständig" zu machen. An dieser Erklärung ist zweierlei bemerkenswert: Einmal der zu Lasten aller nationalen Gruppen Polens gemachte Vorbehalt, daß die Belange der Minderheiten nicht mit den (vom Staat selbst zu beurteilenden) Staatsinteressen kollidieren dürfen — ein Vorbehalt, der in der Erklärung Becks vom Jahre 1934 nicht enthalten war. Die zweite in Kocs Programm liegende Abweichung von der früheren Erklärung Becks besteht in der recht allgemein formulierten Hervorhebung der Judenfrage. Mag hiernach auch vorerst unklar bleiben, wie sich das „Bestreben des polnischen Volkes, sich wirtschaftlich selbständig" zu machen, gegen die Juden im einzelnen auswirken wird, so liegt doch die Annahme nicht fern, daß nach diesem Programm der wirtschaftliche Sektor des „Pilsudskismus" eine offen judenfeindliche Entwicklung nimmt. II. Der nationalitätenrechtliche Status der polnischen Minderheitsangehörigen wird durch völkerrechtliche Verträge und durch die Verfassung von 1935 normiert, die in wörtlicher Uebereinstimmung mit ihrer Vorgängerin vom Jahre 1921 vorschreibt: „Jeder Bürger hat das Recht, seine Nationalität zu bewahren und seine Sprache und nationalen Eigenheiten zu pflegen". Daraus folgt, daß jeder polnische Staatsangehörige befugt ist, sich frei zu der Nationalität zu bekennen, der er sich zugehörig fühlt. Dieser Grundsatz, die nationale Bekenntnisfreiheit, die nicht nur in Polen, sondern auch in anderen osteuropäischen Staaten gilt, besagt negativ, daß die Zugehörigkeit des einzelnen zu einer nationalen Gruppe von keinem anderen Faktor als seiner Nationalitäten erklärung abhängt. Eine technische Frage, die in den einzelnen Staaten verschieden geregelt wird, ist es, in welcher Form die Nationalitätenerklärung abgegeben und fixiert wird. In Polen war bisher die Angabe der Umgangssprache maßgebend, so daß zur polnischen Nationalität jeder polnische Staatsangehörige gerechnet wurde, der polnisch als seine Umgangssprache bezeichnet,, mochte er auch jüdischer Abstammung sein und der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören. Nationalpolitisch war der Regierung die Eingliederung von Minderheitsangehörigen in die Staatsnation durchaus erwünscht, ohne daß hierbei zu Lasten der Juden eine Ausnahme gemacht wurde. Neuerdings scheint sich nun in den amtlichen Kreisen Polens ein Wandel der Anschauungen zu vollziehen, dessen Bedeutung man bei Beurteilung der Weiterentwicklung nicht unterschätzen sollte. Nach dem von Oberst Kowalewski, einem Mitarbeiter des Obersten Koc, kürzlich verkündeten Programm soll nämlich das nationalpolnische Bekenntnis eines Juden zur Aufnahme in das Regierungslager nicht ausreichen. Vielmehr seien hierzu außer der Zugehörigkeitserklärung zum Polentum „Blutopfer und andere Beweise der Vaterlandsliebe" erforderlich. Die nationalpolitische Bedeutung dieses Programms ist klar: Die bis vor kurzem an keine Schranke gebundene Möglichkeit, sich zum Polen- Cai€ Pension Echsfein Semmering tum zu bekennen, wird stark eingeengt. Praktisch wird dadurch vorerst freilich nur die Aufnahme in das Lager der nationalen Einigung betroffen. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß die polnische Nationalitätenpolitik auf. dem einmal eingeschlagenen Wege fortschreiten wird. Ob sich die Einschränkung der nationalen Bekenntnisfreiheit nur auf Juden oder auch auf Angehörige der übrigen Minderheiten bezieht, steht noch nicht eindeutig fest. Ausflugsort u. Sommerfrische.Kohlensäurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigen Preisen. Auskünfte orteilt die Kurkommission Sauerbrunn, die V/erbestelle des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wien /., Nlbelungmngasse 1 IIL Unsicher ist, inwieweit bei der Neugestaltung rassische Gesichtspunkte eine Rolle spielen werden. Bemerkenswerte Strömungen, nach dieser Richtung sind zweifellos vorhanden. Das beweisen namentlich die in einer Reihe von Körperschaften vielfach beantragten und häufig auch angenommenen Arierparagraphen. Freilich darf nicht verkannt werden, daß es sich hierbei regelmäßig um private Standesorganisationen handelt, denen kein obrigkeitlicher Charakter zukommt. Soweit rassische Grundsätze darüber hinaus in kommunale Gremien Eingang, zu finden suchten, hat die Regierung bisher entsprechende Beschlüssefür verfassungswidrig erklärt. Ob sich neuestens in den amtlichen Kreisen ein Umschwung anbahnt, ist schwer zu sagen. Von geringerer Bedeutung als die rassische ist bei der Diskussion die religiöse Seite, der Sache. In dem Programm des Obersten Koc ist gesagt, daß „die polnische Nation in ihrer geistigen Verfassung mit der katholischen Kirche verbunden sei". Aber dieser Satz enthält keinerlei Angriffs-, tendenzen gegenüber nichtkatholischen Glaubensgemeinschaften. Nur von einem Teil der Opposition werden Gedankengänge vertreten, die an die alte „Theorie des christlichen Staates" anklingen. Diese Argumente scheinen jedoch in der gesamten Aussprache die schwächste Zugkraft zu besitzen. IV. Die gesamte Entwicklung ist im Fluß. Die polnische Judenpolitik steht in einem Uebergang, dessen Weiterentwicklung davon mitbestimmt werden wird, wie sich die allgemeinpolitischen Kräfte ausbalancieren werden. Wird beispielsweise die Opposition ohne weitgehende antisemitische Zugeständnisse für das Lager des Obersten Koc gewonnen werden können? Wie wird sich das Verhältnis zwischen Parlament und Regierung gestalten? Im Sejm ist die Opposition zwar ausgeschaltet; aber die Volksvertreter haben der Regierung zur Kenntnis gebracht, daß sie auf gewisse Rechte nicht verzichten wollen, während demgegenüber Ministerpräsident Sladkowski erklärte, er sei als alter Schüler Pilsudskis nicht gewillt, „noch eine neue Tour tanzen zu lernen". So steht der Pilsudskismus vor Fragen von allgemeiner Bedeutung, von deren Lösung auch für die Judenfrage vieles abhängen wird. Die Assimilation ist tot §§ 99 Wir alle kennen das abgegriffene Schlagwort jüdischnationaler Versammlungsredner, die unter brausendem Beifall der „Massen" gar zu gerne den dröhnenden Schlager „Die Assimilation ist tot" in die Menge hineinschleudern. In dieser Feststellung erblicken sie den Triumph ihrer Idee. Die Welt der Wirklichkeit sieht aber anders aus, als sie sich Nationalisten in ihren Gehirnen ausmalen. Der Assimilationsprozeß macht überall gewaltige Fortschritte und zeigt, daß das Judentum sein Verständnis für die Forderungen des Lebens unter dem Gehämmer der nationalen Propaganda noch nicht eingebüßt hat. Während die Jüdischnationalen Assimilation als ein Schimpfwort, ja geradezu als ein moralisches Todesurteil für jeden Juden ansehen, erblicken wir in ihr etwas Gesundes und Positives. Allerdings hat sich der Begriff der Assimilation seit der Vorkriegszeit erheblich gewandelt. Während man früher unter dieser Parole vielfach das völlige Aufgehen des Judentums in den Organismus seiner Umwelt durch Mischehen, Taufen usw. verstand, ist für uns Assimilation Verquickung mit dem Geistesleben sowie den Sitten und Gebräuchen der Umwelt bei voller Wahrung echter jüdischer Werte, in erster Linie unseres religiösen Gutes. Unser Assimilation zielt nicht auf Zerstörung, sondern auf Erhaltung des Judentums ab — eines Judentums allerdings, wie w i r es verstehen, nämlich: Träger einer hohen religiösen und sittlichen Idee. Im Folgenden wollen wir einige Ereignisse aus der letzten Zeit anführen, die deutlich die Aufwärtsentwicklung des gesunden assimilatorischen Gedankens zeigen, der ein erfreuliches Gegenstück zu dem leider stark wuchernden Nationalismus darstellt. Blicken wir zunächst einmal nach der T s c h e c h o- Slowakei. Von dort hören wir, daß zum Präses der israelitischen Kultusgemeinde von Prag ein Tschecho-Jude, Dr. Emil Kafka, einstimmig, also auch mit den Stimmen der dortigen Jüdischnationalen, gewählt wurde. In seiner Programmrede erklärte Dr. Kafka u. a.: Wenn in einer Zeitschrift unlängst zu lesen war, daß die Juden sich allzu sehr am tschechischen Kulturleben beteiligen, obwohl ihre Symbiose mit dem tschechoslowakischen-Volke erst von kurzer Dauer sei, so hat die Partei der Tschechojuden diesen Standpunkt widerlegt und den Beweis geführt, daß hier nicht nur eine Symbiose, sondern ein vollkommenes Verschmelzen (splynuti) mit dem tschechischen Volke vorliege. Darum halten wir es für selbstverständlich, daß unserer tschecho-jüdischen Partei das Recht zustehe, daß