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Die Wahrheit · 1937-05-21 · Heft 20 (21.5.1937) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 20 (21.5.1937)
Date
1937-05-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 20 — 21. Mai 1937 Seite 3 JÜndaetend in Jerusalem. Mocae-Schabbath (Samstag-Nachtsl) gegen 9 Uhr: die King George-Straße, eine der verkehrsreichsten Straßen der Jerusalemer City ist erfüllt von trubelndem Leben. Man geht oder kommt in oder von den Cafes, Kinos, Tanzlokalen oder promeniert, um den lauen Abend zu genießen und die sabbathlich gekleideten Menschen an sich vorbeitreiben zu lassen. Niemand bemerkt den kleinen Jungen, der zusammengekauert vor dem erleuchteten Schaufenster einer Konditorei eingeschlafen ist. Ich mache einen Police-Mann auf den armen Jungen aufmerksam. Mit einem unwirschen Stoß wird der kleine Schläfer geweckt und . . . weitergejagt, statt daß man sich seiner annähme und ihn, den Obdachlosen, in ein Asyl oder Kinderheim einlieferte. Die Not mancher Kinder in Jerusalem (und wohl auch im übrigen Lande) ist himmelschreiend. Vor wenigen Tagen sah ich z. B. auf der Ben- Yehuda-Straße einen etwa zehnjährigen Knaben Wir empfahlen die guten, modernen ■ Äutou. Hotorradschulei Wi?o 8. Heudeg gergas sei HEUDEGGER vor Entkräftung zusammenbrechen. Der Beklagenswerte lag fast reglos mitten auf der Straße und die Passanten . . . gingen an ihm vorüber. Einer meiner ersten Eindrücke in Jerusalem war dieses Bild: ein etwa sechsjähriger, entsetzlich verwahrloster Knabe kauerte nachts, 11 Uhr, in einem Torbogen an der Jaffastraße. Als ich den Kleinen (auf hebräisch) ansprach, rannte er, statt Antwort zu geben (vielleicht verstand er nur arabisch oder eine andere Sprache), geängstigt davon. Diese unglücklichen Kinder erwarten von einem Erwachsenen nur davongejagt zu werden, auf Hilfe rechnen sie nicht mehr. Diese frühzeitig Resignierten aber stellen eine ungeheure Gefahr dar. Die kindlichen Bettler von heute sind die Verbrecher von morgen. Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit ihrer Umwelt treibt sie in die Arme des Verbrechens. Diese Kinder sind wohl zum größeren Teil Araber, aber es befinden sich auch Juden (vor allem orientalische) unter ihnen. Aber gleichviel: unsere Pflicht ist es, hier zu helfen, ohne die Abstammungsfrage zu stellen. Das Kinderelend in Jerusalem ist so über die Maßen furchtbar, daß wir keinen Tag länger zögern dürfen, ihm energischest entgegen zu treten. Aber nicht nur diesen Allerärmsten muß geholfen werden. Auch die Hunderte, ja Tausende arbeitender, schwer arbeitender Kinder, die weder Zeit zum Lernen noch zum Spielen haben, müssen befreit werden. Die Kinderarbeit, vor allem die ungemein verbreitete jüdische Kinderarbeit, ist ein Schandfleck unseres Aufbauwerkes, den es raschestens zu tilgen gilt. Es ist eine Sünde, kleine schmächtige Mädchen als Dienstboten zu schwerster Hausarbeit anzuhalten, Knaben unter zehn Jahren (!) zu lächerlichen Hungerlöhnen als Fahrstuhlführer zu beschäftigen oder mit Zeitungen auf die Straße zu schicken. Es ist eben so dumm wie unverantwortlich, derartige Mißstände damit abtun zu wollen, daß man auf den orientalischen Charakter Palästinas verweist. Nun wohl, wir sind nach Palästina gegangen, aber nicht um dort alles „orientalische" Uebel zu tolerieren, sondern ein neues Land mit besseren Lebensverhältnissen (für Alle!) aufzubauen. („Die Nation"). HOFGASTEIN KURHAUS WESTEND / STRENG Aufsicht der Adas lisroel Schiffscbnl, Wien. Thermalbader im Haue WIENER KÜCHE // MKSSIGE PREISE Der Widerhall des Union-Jubiläums in Budapest. Die Pester Israelitische Religionsgemeinde schrieb an das Präsidium der „U n i on ö s te r r e i c h i sc h e r J u d e n": Sehr geehrte Herren! Wir haben es für unsere erste Pflicht gehalten, nach der Rückkehr unserer Delegierten von Ihrem Jubiläumsfeste, unseren innigsten Dank für Ihre freundliche Einladung und für den herzlichen Empfang, den Sie uns zu bereiten die Güte hatten, Ausdruck zu geben. Inzwischen haben wir auch schon Ihr wertes Schreiben vom 14. d. M. erhalten, in welchem Sie unseren Vertretern Dank sagen für ihr Erscheinen und auch unseres Herrn Präsidenten, Hofrat Samuel Stern, mit tieferfüllten Worten gedenken. Wir haben auch den Bericht über Ihre Jubiläumsfeier in der dieswöchentlichen Nummer der „Wahrheit" erhalten und können nur aus tiefstem Herzen Ihnen versichern, daß die Feier der „Union österreichischer Juden", welcher wir beizuwohnen die Ehre hatten, einen tiefen Eindruck auf uns machte und in uns die Ueberzeugung nur in erhebender Weise befestigte: in welch treuer Harmonie sich unsere gemeinsamen Ideale: Glaubenstiefe und Vaterlandsliebe miteinander vereinigen. In der Hoffnung, daß wir Ihre Herren Delegierten ehestens auch bei uns begrüßen können, empfangen Sie, sehr geehrte Herren, den Ausdruck unserer vorzüglichsten Hochachtung mit den besten glaubensbrüderlichen Grüßen. Budapest, 18. Mai 1937. Für den Vorstand der Pester Isr. Religionsgemeinde: Eppler, Hofrat Samuel Stern, Generalsekretär. Präsident Überweisen Sie noch heute Ihr Abonnement 1 Das Organ des ungarischen Judentums über die Jubiläumsfeierlichkeiten der „Union". Die maßgebende Zeitschrift des ungarischen Judentums „Egyenlöseg" veröffentlicht in ihrer letzten Nummer auf Grund der Eindrücke der ungarischen Abgesandten Kultusvorsteher Nagy und Generalsekretär Epler einen großen begeisterten Bericht über die .Feiern anläßlich des fünfzigjährigen Jubiläums der „Union". Besonders ausführlich werden die Reden der Herren Ehrenpräsident Dr. J. O r n s t e i n und Präsident Reg.- Rat Dr. H. Oppenheim, behandelt. Sehr interessant sind die Mitteilungen, die Generalsekretär Epler dem Blatte über seine persönlichen Eindrücke machte. Generalsekretär Epler äußerte sich wie folgt: „Mit großer Freude kann ich feststellen, daß ich von der Jubiläumsfeier der „Union österreichischer Juden" mit den erhebendsten Eindrücken zurückgekehrt bin. Der einzigartige, herzliche Empfang, den man uns bereitete, und die schöne Festversammlung am Vormittag, an welcher die Elite des Wiener Judentums teilnahm, waren ein wirkliches Erlebnis für uns. Die Eröffnungsrede des betagten Ehrenpräsidenten der „Union", Herrn Dr. J. Ornstein, hat mich tief ergriffen, sie war geradezu meisterhaft. Die Versammlung hat mit Verehrung der Trauer unseres Präsidenten Hofrat S. Stern gedacht und dieser Verehrung durch Erheben von den Sitzen Ausdruck verliehen. Der Präsident der „Union", Herr Reg.-Rat Dr. H. Oppenheim, hat eine großangelegte Ansprache gehalten, die sehr eindrucksvoll war. Unseren Festgruß überbrachte Vorsteher A. Nagy, er übermittelte der jubilierenden „Union" die Grüße unseres Präsidenten Hofrat S. Stern und zeigte in seiner Ansprache die Gleichheit des grundsätzlichen Standpunktes auf, der die ungarischen und die österreichischen Juden in ihrer Treue zur Religion und Liebe zur Heimat trotz der Schwere der Zeiten verbindet. Aus der Begeisterung der Zuhörer und ihrem starken Applaus konnten wir konstatieren, daß wir eine völlige Uebereinstimmung unserer Ideale und Ueberzeugungen bei den (DD | fahnreinigend j yaknerkaltendi Die Zahnpasta? in der „Union" vereinigten österreichischen Juden angetroffen haben. Auch aus allen Ansprachen unserer Gastgeber durften wir feststellen, daß wir mit der „Union" für die gleichen Ziele kämpfen und daß unsere Bestrebungen and Ideen vollkommen harmonieren. Nachmittags hat man uns zu Ehren im Klub* heim eine gemütliche Zusammenkunft veranstaltet und wir blieben bis zu unserer Abfahrt in froher Stimmung mit unseren Wiener Freunden beisammen. Bei dieser Gelegenheit haben wir die uns hocherfreuende Mitteilung erhalten, daß der Vorstand der „Union" in Kürze unseren Besuch erwidern will." Judenattacke in Brest-Litowsk. Die Reihe der fast täglichen Ausschreitungen in Polen wurde am Donnerstag, den 13. Mai, durch einen Vorfall in Brest-Litowsk vermehrt, der schwerwiegende Folgen gehabt hat. In einem Handgemenge stieß der 17jährige Sohn eines jüdischen Fleischers einem Polizeipostenführer ein Fleischermesser in den Nacken. Der Schwerverletzte gab einige Revolverschüsse ab, durch weiche der Besitzer des Fleischerladens verletzt wurde. Nach Einlieferung ins Krankenhaus starb der Postenführer an den erlittenen Verletzungen. Der Täter konnte flüchten. Die Nachricht von dem Tode des Polizeibeamten verbreitete sich rasch in der Stadt und rief unter der Bevölkerung Empörung hervor. Noch in den Vormittagsstunden setzte ein Judenpogrom ein. Die Ortsbevölkerung sammelte sich in den meist von Juden bewohnten Straßen der Stadt, demolierte alle jüdischen Geschäftsläden und Wohnungen. Am Ringplatz wurden alle jüdischen Verkaufsstände demoliert, die Waren vernichtet und Fleisch und Brot umsonst an die arme Ortsbevölkerung verteilt. Die jüdischen Straßenpassanten wurden überfallen und verletzt. In einer hauptsächlich von Juden bewohnten Straße wurde ein Brand gelegt, der sich rasch ausbreitete. Der Juden bemächtigte sich eine Panik. Sie flüchteten auf den Bahnhof, um die Stadt zu verlassen, wurden jedoch daran gehindert und zahlreiche von ihnen blutig geschlagen. Zwei Hauptstraßen der Stadt bieten ein Bild der Verwüstung. Die Ausschreitungen dauerten bis in die späten Abendstunden an, ebenso die Demolierung jüdischer Geschäftsläden und Wohnungen. Die zahlenmäßig schwache Polizei des Ortes war außerstande, die Ruhe herzustellen. Erst gegen Abend trafen größere Militär- und Polizeiabteilungen ein. Nach den bisherigen Meldungen sind bereits zwei Tote und 60 Verletzte zu verzeichnen. Sämtliche jüdische Geschäfte sind geschlossen, nachdem sie restlos geplündert wurden. Die 25.000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung zittert vor der Möglichkeit des Ausbruches neuer Unruhen, ähnlich denen des 13. Mai. Wer nur kann, verläßt die Stadt. Freitag sah es in Brest-Litowsk bereits ruhiger aus, obzwar es noch in verschiedenen Teilen der Stadt zu vereinzelten Ausschreitungen kam. Die Besitzer von nichtjüdischen Geschäften und Häusern haben aus Furcht vor den Pogromisten an ihren Türen religiöse christliche Embleme angebracht. Starke Polizeiabteilungen, die aus Warschau eingetroffen sind, patrouillieren durch die Straßen der Stadt. Der Schaden, den die jüdischen Geschäftsleute durch die Plünderungen erleiden, wird auf zwei Millionen Zloty geschätzt Der Verein „Oesterr. Seehospiz in Orado" (Präsidentin Sofie Grünfeld) sendet Anfang Juli» zarte, anämische, zu Katarrhen neigende jüdische Kinder im Alter von 7 bis 13 Jahren unter ärztlicher und pädagogischer Aufsicht in sein eigenes Heim nach Grado (Italien). Ein 30rägiger Aufenthalt am Meer, bei 5 Mahlzeiten (rituelle Küche) kostet S 5.— täglich. Reisebeitrag für Kinder unter 10 Jahren S 35—, über 10 Jahren S 50.— tour-retour. Anmeldungen im Vereinsbüro, IX., Türkenstraße 17, von 10—13 Uhr, Telephon R 51-5-63.

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