Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 20 (21.5.1937)
- Date
- 1937-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 — 21. Mai 1937 Szdlejtfrrf, KikleUv^ -gwi. 3ie^J2/r^,KW4&n< uu.KawdIg/l z^t % FU^lrO-vv (S>U6^Ävu vwi/t J^e-L, S-Ti^e/t, klfcte<&enfee/i$ uWi.,?>ö ts eq,. 3 Awtuw tfcftiiitelers jüdis&es (Bekenntnis. 9egen den iüdistÄiiöfioiiafeii Zionismus? Anläßlich des 75. Geburtstags von Artur Schnitzler gibt in der „Stimme" vom 14. Mai Frau Dr. Martha Hof mann ein Interview wieder, in dem sie vor zehn Jahren den Unsterblichen über dessen Stellung zu Judentum und Zionismus befragte. Wir zitieren daraus folgendes, für den Wiener Dichter höchst charakteristisches weltanschauliches Bekenntnis: „Ich habe mich niemals einer Partei anzuschließen vermocht Das ist bei mir ganz echt und ehrlich — das habe ich schon mit siebzehn Jahren in mein Tagebuch geschrieben. Und als Herzl, von Paris zurückgekehrt, mich nach seiner Art großartig ansah (Schnitzler imitiert ein wenig die bedeutende Gebärde des zionistischen Führers), großartig und imponierend in seiner stolzen Schönheit, und zu mir sagte: „Ich habe die Judenfrage gelöst" — da schien mir das etwas viel gesagt und ich antwortete ihm nach meiner Art ein wenig ironisch. — „Sie werden bald davon hören", sagte Herzl — und einige Zeit später lag sein kleines Büchlein (die ganze Verachtung eines vielbändigen Autors für solch dünnes, kleines Büchlein liegt in Schnitzlers Tonfatt) „Der Judenstaat" auf meinem fftT DIE WAHRHEIT JCucact Sauedkunti stammte. Ich bin ein deutscher Dichter jüdischer Rasse." „Und Sie halten das jüdische Element nicht für wesentlich in Ihrer Substanz?" „Aber für sehr wesentlich. Nur aus meinem jüdischen Blute bin ich ganz zu verstehen, das hat niemand weniger verhehlt als ich. Man kann ja auch gar nichts verhehlen, niemand kann wirklich lügen, es gibt nur dumme Menschen, die sich beschwindeln lassen. Schriebe ich in jiddischer oder hebräischer Sprache, so wäre ich ganz und gar jüdischer Dichter und gehörte zur jüdischen Literatur. Wenn man mich heute dazu zählen will, so ist das eine Lüge." „Man nennt Sie den Wiener Dichter par excellence, das ist Ihre eigenste Marke." Cafe Pension Eckstein Semmering ■HOTEL ■ ELISABETHHOF 1 Zeitgemäße Preise. I Kein Mahlzeitenzwang Schreibtisch. Mir schien, als ob Herzl sich die Sache zu einfach dachte — und das scheint sich ja auch zu bewahrheiten. So schnell und einfach geht das nicht Und nun müssen Sie auch wissen, daß ich kein Zionist war und bin. Wie ich mich zum Judentum stelle, ist bekannt {„Professor Bernhardi" und „Der Weg ins Freie" fällt mir ein). Doch sehen Sie, ich bin auch hierin ganz ehrlich. Ich mache mir nichts vor, das liegt mir nicht loh bin ein Jude und stolz darauf: icn glaube sogar, in hundert Jahren — vielleicht dauert es auch länger — wird die Welt überall dort, wo besonders subtiler Geist sich zeigt, sagen: „Gewiß ist jüdisches Blut in seinen Adern", man wird darauf kommen, auf diese Feinheit des jüdischen Geistes. (Obgleich es auch beleidigend blöde Juden gibt) Dennoch — ich bin ein deutscher Dichter, so gut wie Theodor Fontane ein deutscher Dichter war, obgleich er von französischem Blute „Ich bin deutscher Dichter und gehöre Europa", antwortete Schnitzler entschieden. Natürlich wurzle ich in Wien, wie Thomas Mann in Lübeck und Wassermann in Franken. Gewiß ist eine bestimmte lokale Färbung bei mir vorhanden — aber darüber hinaus bin ich einfach einer in der Reihe der deutschen Literatur. Wie Fontane. Oder gehört der etwa zur französischen Literatur?" „Und würde das jüdische Neuland, würde Palästina Sie nicht heute doch locken oder zumindest interessierend' „Nur wenig", sagt Schnitzler. „Ja, wäre es irgendwo ganz in der Nähe, ich führe natürlich hin, um es anzusehen. Aber" fährt er zögernd fort — „auch dessen bin ich nicht ganz sicher. Die Landschaft stört mich, diese südländische, farbenstarke, orientalische Landschaft. Ich hänge nun einmal am Wienerwald. — Außerdem", fährt er rasch überleitend fort, „ist mir nichts widerlicher als national-chauvinistischer Ton, wie man ihm auch im politischen Zionismus einer bestimmten Richtung begegnet" Mit diesen Erklärungen hat sich einer der überragendsten Geister der Wiener Judenheit?u jenen Ansichten bekannt, die in der „Union österreichischer Juden" ihre repräsentative Organisation gefunden haben und deren Träger sonst in der „Stimme" ials „Mauschel" verhöhnt zu werden pflegen. Nach den rumänischen Konimunalwahlen. Das Ergebnis <ter Kommunal wählen in Rumänien hat deutlich gelehrt, daß den antisemitischen Parolen dar shrisflichnationalen Partei Professor Cuzas Grenzen gesetzt sind. Trotz der Aufwendung erheblicher Geld- und Propagandamiüel hat die Gruppe «des achtzigjährigen Professors in Bukarest Teein Mandat erringen können. Dagegen gelang es äer liberalen Regierungspartei des Ministerpräsidenten Tatarescu, ihren beherrschenden Einfluß weiter zu festigen. Aber die Entwicklung der letzten Zeit — his zu den Wahlen am 16. April — hat in unmißverständlicher Weise klargemacht, daß die Regierung einen Kurs steuert der in der Judenfrage den antisemitischen Forderungen der Rechtsparteien praktisch sehr entgegenTcommt. Die Regierung huldigt nicht direkt antisemitischen Parolen, aber sie ergreift Maßnahmen, die das Leben Äer Juden mit schwerster Sorge erfüllen. Sie identifizierte sich nicht mit der Forderung der Ausschaltung der Juden, aber sie verfaßte doch letzthin Gesetzentwürfe, die diesem Ziel der Rechtsparteien sehr nahe gerückt sind. In Erinnerung dürften noch die Debatten um das neue Arbeitsgesetz sein, das für das wirtschaftliche Leben der Juden in Rumänien von einschneidender Bedeutung ist. Dieses Gesetz, das vorsieht, daß 75 Prozent aller in Handels- und Industrieunternehmungen beschäftigten Angestellten „ethnisch-rumänischer Abstammung" sein müssen, während nur 25 Prozent den nationalen Minderheiten zu entnehmen sind, würde hauptsächlich gegen die Juden wirksam werden. In manchen Kreisen wird der liberalen Regierung vorgeworfen, daß ihre innerpolitische Tätigkeit vor allen Dingen tiarin besteht, sich von dem Wind treiben zu lassen, den die Rechtsgruppen zu entfachen verstanden haben. Ministerpräsident Tatarescu ist nun etwa drei Jahre am Ruder. In der ersten Zeit seiner Regierung schien es, als ob die Judenpolitik eine Modifikation erfahren solle. Aber diese Meinung hat sich durch die Vorgänge der letzten Monate als revisionsbedürftig erwiesen. Tatarescu und seine Regierung haben sich allerdings oft gegen Ausschreitungen gegen die Juden Aasflugsort u. Sommerfrische, Kohlensaurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigenpreisen. Auskünfte orteilt die Kurkommission Sauerbrunn, die herbestelle des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wie* I., Nlbolungoagasso 1 in der schärfsten Form gewendet, die Regierung hat ferner keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie die Zwischenfälle an den Universitäten beendet sehen möchte, und sie hat auch entsprechende Maßnahmen durchgeführt Aber andererseits glaubte die Regierung, dem Unwillen, den sie dadurch bei den Rechtsparteien erregte, am besten zu begegnen, wenn sie Konzessionen an diese Parteien und Gruppen macht Rumänien hat in der Frage des Antisemitismus eine alte Tradition. Neben Rußland war es der Staat, der in der Vorkriegszeit sich am längsten und am nachdrücklichsten gegen die Emanzipationsbestrebungen, die die westeuropäischen Staaten erfaßt hatten, sträubte. Noch im Jahre 1865 wurde in einem Gesetz ausdrücklich unterstrichen, daß den Juden der Ankauf von Besitz in Stadt- und Landgemeinden verboten sei. Aus diesem Gesetz geht der Geist hervor, der im allgemeinen die Auffassung über die Judenfrage beherrschte. Man betrachtete die Juden nicht als eine Religionsgemeinschaft, sondern als eine besondere Nationalität die außerdem noch den Interessen des Rumänentums entgegengesetzt, im günstigen Falle als „fremd" erschien. So bestand eine Scheidewand zwischen dem rumänischen Volk und den Juden, aufgerichtet durch die behördlichen Maßnahmen, gehegt durch die Publikationen und bewiesen durch die handgreifliche „Andersartigkeit" der Juden, die teils aus Zwang, teils aus religiöser Ueberzeugung ein Eigenleben führten, Diese Auffassungen, nach denen die Juden in Rumänien „Fremde" und — bei irgendwelchen staatspolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Komplikationen — Schädlinge am Volke sind, haben sich bis auf den heutigen Tag bei den Rechtsgruppen erhalten. Die Juden stehen im Mittelpunkt der innerpolitischen Auseinandersetzungen, und in den nationalen rumänischen Kreisen wird nur vereinzelt für sie Stellung genommen. Zwar erhebt sich dann und wann eine Stimme im öffentlichen Chor, die daran erinnert daß die Juden sich um Rumänien wohl verdient gemacht hätten, zwar hat der greise Heerführer der rumänischen. Truppen vor ein paar Monaten darauf hingewiesen, daß die Juden sich im Kriege die Berechtigung für die bürgerliche Gleichstellung sehr teuer erkauft hätten, aber diese Stimmen sind nicht so laut wie' diejenigen, die die Juden als zerstörende Elemente des Staates hinstellen. Nun nach der schweren Niederlage einer repräsentativen antisemitischen Partei bei den Kommunalwahlen kann es so scheinen, als ob die Regierung, die für die politischen Windrichtungen und Windstärken sehr empfindlich ist, eine etwas konziliantere Haltung den Juden gegenüber einnehmen wird. Ueber eine Million rumänischer Juden bangen um ihr Schicksal. Von der Regierung wird es nun abhängen, ob sie das Votum des rumänischen Volkes so deutet, daß der Situation der Juden mehr Verständnis .und mehr Gerechtigkeit entgegengebracht werden soll. Der Unterstaatssekretär im rumänischen Justizministerium, Bentoiu, erklärte Vertretern der Presse im Hinblick auf die Beschlüsse des rumänischen Advokaten-Kongresses betreffend Einführung eines Numerus clausus für Rechtsanwälte: Das Justizministerium findet keinen Anlaß, zu den Beschlüssen des Advokaten-Kongresses Stellung zu nehmen oder irgendwie gegen die Union der Advokatenkammern einzuschreiten, weil beim Kongreß nur Forderungen vorgebracht wurden, die noch nicht jn 4ie Tat umgesetzt worden sind. Die Gesetze sind bisher nicht verletzt worden. Das Justizministerium sah sich daher noch nicht veranlaßt irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Die Erklärung des Justizministeriums wird dahin gedeutet, daß sowohl der Numerus-clausus- BeschluB, als auch der Beschluß, die Anwälte der Minderhetfen aus den Kammern auszuschließen, ungesetzlich seien. . . ..