Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 19 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 19 — 14. Mai 1937 Seite 11 Wiederaufflackern des arabischen Terrors in Palästina. In der Jerusalem er Altstadt wurde der 15jährige Josua Chaimson von einem Araber überfallen und verletzt. Der Araber konnte f 1 ü c li't e n. Man vermutet, daß es sich um einen Racheakt eines Mitgliedes einer arabischen Terroristenbande handelt. Chaimson war bei der polizeilichen Untersuchung im Zusammenhang mit dem seinerzeitigen arabischen Ueberfall auf Jehuda Schnur söhn, der bekanntlich auf dem Weg zur Klagemauer von arabischen Terroristen überfallen und schwer verletzt worden war, als Hauptbelastung sz e u g e aufgetreten. Ein Araber, der damals unter dem Verdacht der Täterschaft verhaftet worden war, mußte mangels genügender Beweise später wieder freigelassen werden. Nach einem Besuch des neuen Chefsekretärs Battershill in S a f e d wurde ein aus jüdischen und englischen Polizisten bestellender Polizeitrupp von Arabern angeschossen. Ein jüdischer Polizeiinspektor und ein e n g i ischer Polizist erlitten Schußverletz ung e n. Die Angreifer flüchteten. Ueber S a f e d wurde der Ausnahmezustand verhängt. Der verwundete englische Polizist hatte im Vorjahre in der Nähe von Tulkarem einen Eisenbahnzug vor einem Bombenanschlag durch rechtzeitiges Eingreifen gerettet. In dem Gebiet von Tulkarem herrscht unter der Einwohnerschaft Erregung. Die Bevölkerung eines arabischen Dorfes protestiert insbesondere gegen eine Geldstrafe von 150 Pfund Sterling, die ihr die Regierung im Zusammenhang mit der Beschießung jüdischer Autos auferlegt hatte. Jüdische Autos, welche die Gegend passieren, werden gruppenweise von einer Polizeieskorte begleitet. In Tulkarem selbst führen die Araber einen Generalstreik durch. Größere Menschenmengen, die Kundgebungen zu veranstalten versuchten, wurden von britischer Polizei zerstreut. Starke Polizeiabteilungen, die mit Maschinengewehren ausgerüstet sind, haben den Verkehr in die Seitenstraßen abgelenkt. Zu Ruhestörungen in den Straßen ist es nicht gekommen. Montag früh wurde ein schwerer Feuerüberfall auf die erst vor drei Wochen im Distrikt Beisam gegründete Siedlung B e t h Joseph vollführt. Mehrere junge jüdische Siedler waren mit Pflügen auf den Feldern beschäftigt, als eine Bande von Arabern sie überfiel und beschoß. Die bewaffneten Wachtposten, die in der Nähe der Pflüger aufgestellt waren, erwiderten das Feuer. Ein Araber wurde getötet. Sein- Leichnam wurde am Tatort belassen, bis die inzwischen herbeigerufene Polizei erschien. Diese stellte fest, daß der getötete Araber mit einem deutschen Gewehr und deutscher Munition ausgerüstet war. Von den Cluluzim wurde niemand verletzt. Bericht der Kgl. Kommission Ende Mai. Seitens des Londoner Foreign Oftice wird mitgeteilt, daß die Kgl. Kommission für Palästina ihre Arbeiten abgeschlossen hat und mit der Fertigstellung des Berichtes beschäftigt ist. Dieser dürfte Ende Mai der Mandatskommission des Völkerbundes übermittelt und sodann veröffentlicht werden. Die neue Einwanderungs-Schedule. 770 Arbeiter-Zertiiikate bis Ende Juli. Offiziell wird mitgeteilt: Die Palästina-Regierung hat für Rechnung der Einwanderungs-Schedule für das lautende Halbjahr (April bis September 1937) vorläufig für die Zeit vom 1. April bis 31. Juli eine Einwanderungsquote von 770 Arbeiter-Zertifikaten bewilligt. Von diesen behält die Regierung 150 zur nachträglichen Legalisierung von Touristen- Einwanderern, die sich später dauernd im Lande niedergelassen haben, zurück. In jüdischen Kreisen hat diese kleine S c Ii e d i! 1 e Enttäuschung hervorgerufen, da sie in keinem Verhältnis zu der von der Jewish Agency geforderten Zahl steht und auch viel kleiner ist. als selbst die von der Regierungskommission auf Grund der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes empfohlene Zahl. In den arabischen Kreisen, die mit der Bewilligung einer neuen Schedule vor Veröffentlichung des Berichtes der Kgl. Kommission nicht mehr gerechnet hatten, hat dieser neue Akt der Palästina-Regierung Proteste hervorgerufen. A u f f ä r b e r als vom Leben gereifte Geheimratstochter und Erika Fische r-We i th als Schauspielerin. Max G o f f i n intriguiert ganz blendend raffiniert als Geheimrat Weißensee, Joachim La atz wirkt als General Renischingen etwas schwächer, während Marcel Barth als Rabbiner Jakob Emden die jüdische Ethik fein verkörpert. „Die Sendung Semaels" in den Jüdischen Künstlerspielen. Ks [st -!! einem tieferen Sinne verständlich, daß sieh gerade jüdische Dramatiker unserer Taxe immer wieder zur Neubelebung der mittelalterlichen Mystenenbühne vom religiösen Blickwinkel des Judentums aus ir.spi.-i-rt fühlen. Ks ist edelstes alljüdisches Erbgut, das in nnen i:.«ch Gestaltung rang. als Beer-Hofmanti ...h:;k'iiu Traum". Anoid Zweig ..Die Sendung SemaeU" und Franz Werfe! .Der Weg der Verheißungschuf. In Beer-Hrjfrnaims Traumspiel ist der Zusammenhang zwischen irdischem und überirdischem Geschehen seilen rein sf.ffüch gegeben. Franz Werrel hat in sein**. jüngsten, in Amerika von Max Reinhardt zu triumphuier Wirkung .geführten Werke schon im Titel des Erdenwailen des jüdischen Volkes mit seiner höheren JÜDISCHES THEATER. Das Jüdische Kulturtheater spielt ,Jud Süß" Als Lessing seinen Prinzen (in „Emilia Galotti") die Bemerkung, daß die Kunst nach. Brot geht, mit der Erklärung quittieren ließ: „Das soll sie nicht — in m ei n e m Lande nicht!", ahnte er wohl kaum, an welch groteskem Sinne ein künftiges Staatsoberhaupt — nicht auf der Bühne, sondern im realen Dritten Reiche — diese Parole verwirklichen würde. Im Hitler-Lande darf die Kunst, soweit sie von Juden ausgeübt wird, nicht mehr nach Brot gehen. Die jüdischen Künstler Deutsch- .lands haben die Wahl, entweder in ihrer Heimat zu verhungern, oder nach Brot — ins Exil zu gehen. Das Jüdische Kulturtheater auf dem Franz Josefskai hat aus künstlerisch hochqualifizierten Emigranten ein Ensemble geschaffen, das dem Wiener jüdischen Publikum die Erfüllung seiner materiellen Pflichten gegenüber unverschuldet aus Jiöchst glanzvollen Positionen ins Elend gejagten Glaubensgenossen sehr leicht macht. Denn das Jüdische Kulturtheater bietet für wenig Geld vollendete Kunst, die kräftigste Förderung verdient. Das beweist auch seine letzte Darbietung: Eine von dem Engländer Ashley Dukes vollbrachte Dramatisierung des bekannten Feuchtwanger- Romans „J u d S ü ß", von L. Lammert ins Deutsche übertragen und von Rudolf Weiß virtuos inszeniert. Das Ensemble ist prächtig bei der Sache, spielt es doch sein eigenes Schicksal, symbolisiert durch das des württembergischen Hofjuden Süß Oppenheimer, der sein Finanzgenie im Dienste seines Landesherrn in Höchstleistungen erprobt und zum Dank dafür schimpflich am Galgen endet. Wohl: Seine Finanzpolitik brachte dem Lande keinen Segen, weil der Fürst die Steuergelder des ausgepreßten Volkes für seine eigenen selbstsüchtigen Zwecke vergeudet. Und wenn der Herrscher ein gewissenloser Egoist ist muß der Minister büßen, besonders, wenn er ein Jud' ist. Es ist erstaunlich, wie aktuell diese Tragödie aus einem längst vergangenen Jahrhundert heute wirkt, — oder eigentlich gar nicht erstaunlich: fast jedes Mitglied dieses Ensembles weiß ein Lied von dem jüdischen Schicksal, den Sündenbock für die politische Unzulänglichkeit der Landesherren abgeben zu müssen, zu singen. Und es besorgt dies mit zu Herzen gehenden Tönen. Friedrich Links in der Titelrolle und Martin Miller als sein fürstlicher Widerpart verkörpern mit tragischer Eindringlichkeit den Kontrast zwischen Geist und Ungeist, während Rudolf Weiß ausgezeichnet als Rabbi Gabriel Oppenheimer den beiden Weltmännern gegenüber das fromme jüdische Gemüt personifiziert. Lisi Einberger macht als die, junge Tochter des Süß die Leidenschaft des Herzogs, die ihm zum Verhängnis wird, durch die rührende Schönheit ihrer Erscheinung begreiflich. Aus ganz anderem Holze geschnitzt sind die Damen des Hofes: Alice Koch als Herzogin, Martha Bezie f der sichtbawerden sollte. Dagegen hat Arnold Zweig, als er den in Zeitungsberichten und trockenen Genchtsakten vorliegenden Ritualmordprozeü von Tisza-Esziar dramatisierte. e:gen:Vch keinen Anlaß gehabt. Himmel und Hülle für 'den heutigen Zuschauer sinnfällig in Bewegung zu setzen. Schon die Bibel enthält im Buch Esther ein Werk, das auch eine Judenverfolgung großen Stiis schildert und die effektvollsten poetischen und \ .:• :oiem religiösen Wirkungen erzielt, ohne Gott und Schar Hei Fall! Auch iritt e::s ganz besonder A.nold Zweg laßt solche höhere Mittel reiner Kunst nicht vermissen. Kr zeigt sie bei der realistischen Gestaltung des Prozesse., seiner irdischen Vorgeschichte und seiner Polgen in packender und h'nreiP.cnder Weise. Den himmlischen Propheten Elijahu und den irdischen Rabbis gibt Herr B. Sega 11: den Propheten in ■ farbenprächtiger Gewandung, aber von des Gedankens Blasse angekränkelt, den Rabbi im schlechten Kaft.m. doch mit lebendigster Menschlichkeit. Wie er im ■verser seine Leidensgenossen mit den Tröstungen des jüdischen Glaubens aufrichtet, so daß sie seelisch ihr Unglück nicht nur überwinden, sondern geradezu in ekstatischen Freudentaumel geraten, wobei der alte Scharf (Herr Tunis», der durch den Verrat seines Sohnes Moriz am tiefsten niedergebeugt gewesen, mit J-;n Tanzen anhebt, das läßt auf der Bühne diie geistige Gewalt der Religion erschütternd und erhebend Leben gewinnen. Herr L e w i n bewährt seine große deklamatorische Kunst an dem bösen Geist Semael, während Herr Leo Reuß als Untersuchungsrichter Bary durch sein Spiel ein ganzes Heer von Dämonen in seinem Inneren entfesselt. Während der böse Geist Semael mir die Dummheit in allegorischer Verkörperung zur Entfesselung der Ritualmordhetze nach Tisza-Eszlär schickt, stellt dieser Bary den gesamten Komplex menschlicher Charaktereigenschaften, die für den Antisemiten mitteleuropäischer Prägung wesentlich sind, vom brutalsten Sadismus bis zur jovialen Bonhomie,;;n den Dienst der Judenverleumdung. Wie er den unglücklichen Knaben Moriz Scharf bald mit Schlägen traktiert und als „Judenjunge" anbrüllt, bald mit Leckerbissen füttert und nobel ausstaffiert, nur um ihn zum Verrat an seinem Glauben und seinen Glaubensgenossen zu verführen, damit symbolisiert er unsere Tagesgeschichte. Frau Jenny Lovic gestaltet dieses tragische Knabenschicksal, das unglücklicherweise zum strategischen Schlüsselpunkt einer Anti-Judenkampagne wurde, mit ergreifender Kunst. Auch die kleineren Rollen sind hervorragend besetzt, so der lüsterne und feige Gutsbesitzer, der seine Schuld auf die Juden abwälzen will, mit Herrn Klüger, der Gendarm Schlosser, der günstig tür die Juden aussagt und deshalb als „Verräter, der sich aus öffentlichen Mitteln erhalten läßt", erledigt wird, mit Herrn A. Bell, die Esther Solymosi mit Frau Silvia Grohs, und die Mutter der Esther mit Frau Glücks mann, der Staatsanwalt, der die Anklage des antisemitischen Untersuchungsrichters entkräftet, mit Herrn L. 3 c h o r r. Unter der verdienstvollen Reglie des Herrn Erich Hirschfeld vollbringt dieses ausgezeichnete Ensemble eine künstlerische Leistung, die sich sehen läßt und vom kunstsinnigen jüdischen Publikum auch wirklich gesehen werden sollte. Dr. Hugo Spie gl er. IESET DIE WAHRHEIT!