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Die Wahrheit · 1937-05-14 · Heft 19 (14.5.1937) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 19 (14.5.1937)
Date
1937-05-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nf, \y — 14. Mai 1937 DIE WAHRHEIT' Gegen die Auführungen des Graien Karolyi trat der demokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Johann Vaszonyi, ein Sohn des berühmten Justizministers Dr. Wilhelm Vazsonyi, des einzigen jüdischen Ministers in Ungarn, auf. Er betonte, daß er sich als jüdischer Abgeordneter :<m Gefühle voller Gleichberechtigung mit dem Judenproblem befassen wolle, und führte u. a. aus: Das Judentum kann in keinem einzigen Lande als homogene Einheit auigefaßt werden; es bestehen politische, wirtschaftliche und soziale Unterschiede zwischen den einzelnen Juden. Der Gegensatz zwischen dem jüdischen Generaldirektor und den abgebauten kleinen jüdischen Angestellten besteht ebenso, wie der zwischen dem römisch-katholischen Grundbesitzer und dem Erdarbeiter oder zwischen dem protestantischen Bankdirektor und dem protestantischen kleinen Mann. Es gibt arme und reiche Ungarn. Es bedarf sozialer Maßnahmen zum Schutze der kleinen Leute, und dies ist das Programm der nationalen Demokratie. Eine Judenfrage gibt es nur dort, wo -eine Diktatur besteht Was die Frage „Rasse oder Konfession" betrifft, so wurde diese bereits durch das Emanzipations- und Rezeptionsges-etz sowie durch die Entscheedung der königlichen Kurie gelöst, die das Judentum als Konfession deklariert hat Neue Nationalitäten schaffen, hieße der ungarnfeindlichen Propaganda Dienste leisten. Man sagt, es gebe ein patriotisches und ein unpatriotisches Judentum; wer könnte dies entscheiden? Alle Parteien des Parlaments, sogar die international orientierte Sozialdemokratie, haben wiederholt erklärt, auf nationaler Basis zu stehen. Sind nicht die vielen jüdischen toten Helden des Weltkrieges, die Witwen, Waisen und Invaliden ein Beweis des jüdischen Patriotismus? Pietät. Als die österreichische Regierung einen Staatsbeamten maßregelte, weil er in unverkennbar demonstrativer Absicht seine Sympathie für die Nazi durch eine Kranzniederlegung am Grabe der Eltern Hitlers öffentlich zum Ausdruck gebracht hatte, erhielt die gleichgeschaltete Presse des Dritten Reiches von Herrn Goebbels den Befehl „Antreten zum Entrüstungssturm!" und alsbald ging über Oesterreich "ein Unwetter nieder, dessen grobkörniger Hagel sich als Niederschlag jener Brutalität und Gemeinheit entpuppte, die für alle Erzeugnisse hakenkreuzlerischen Geistes charakteristisch ist, auch wenn es gerade nicht gegen Juden geht. Der christliche Ständestaat erhielt eine recht derbe Lektion über die Heiligkeit der Pietät vor dem Tode. Da .aber die Hakenkreuzler als Feinde des Intellektualismus die Praxis höher werten als theoretische Erläuterungen, erhielt die österreichische Oeffentlichkeit auch gleich einen effektvollen Anschauungsunterricht, wie furchtbar ernst es die Nazi mit der Pietät vor dem Tode nehmen: Auf dem jüdischen Friedhof in Schleimin g (Burgenland) wurden 14 Grabsteine umgeworfen und zerstört. Es ist dies durchaus kein Einzelfall. In der sogenannten Kampfzeit des reichsdeutschen Nationalsozialismus, als die N. S. D. A. P. bei Wahikämpfen und in den parlamentarischen Körperschaften noch eine ganz untergeordnete Rolle spielte, war ihr wichtigstes Mittel, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, die Schändung jüdischer Friedhöfe. Bis zu Hitlers Machtübernahme hatten diese nationalsozialistischen'Pietätsakte die stattliche Anzahl von ungefähr 200 erreicht. Keine Gegend Deutschlands war von diesem Treiben verschont geblieben und jetzt hat es auch nach Oesterreich übergegriffen, ein würdige Pronunziation jenes Geistes, der Goebbels Befehl inspiriert hat, die Namen der jüdischen Kriegsgefallenen aus den Heldengedenktafeln auszumerzen. So tritt das nationalsozialistische Totalitätsprinzip auf dem Gebiet der Pietät besonders eindrucksvoll in Erscheinung. Während sonst häufig Interessengegensätze deutlich werden zwischen den Führern einerseits und den Geführten anderseits, sind sie in der Totenehrung vollkommen einig. Der einzige Unterschied ist, daß in der Kampfzeit, als es noch gefährlich war, nur die Geführten sich hervortaten, während seit der Machtergreifung Hitlers mehr die Führer in Aktion treten. So kommt es, daß die nationalsozialistischen Pietätsakte jetzt Im weiteren Verlauf wies Dr. Vazsonyi darauf hin, daß von einer Einwanderung galizianischer Juden nach Ungarn überhaupt nicht gesprochen werden könne. Dagegen seien vor einem Jahrtausend zusammen mit den landerobernden Ungarn die Chabaren, die ein Zweig des jüdischen Stammes der Chasaren waren, ins Land gekommen. Dies beweise die jahrtausendalte Verbundenheit der Juden mit dem Boden Ungarns. Man wirft den Juden vor, daß sie die Führer des internationalen Bolschewismus seien. Tatsache ist, daß unter den Volkskommissaren der ungarischen Räteregierung fast durchwegs Nichtjudeii waren. Aber auch diejenigen Juden, die sich zum Bolschewismus bekennen, hören ebenso auf, Juden zu sein, wie die Christen durch ihre Zugehörigkeit zum Kommunismus ihr Bekenntnis zum Christentum ablegen, weil der Bolschewismus jede Religion leugnet Schließlich wandte sich Abg. Vazsonyi gegen den Führer der rechtsextremen Turulisten, Abg. Vegväry, der verlangt hatte, daß 450.000 ungarische Juden unter der Führung eines jüdischen Abgeordneten aus Ungarn auswandern sollen. Die Aufforderung zur Auswanderung sei strafbar. Man dürfe ebensowenig verlangen, daß die Juden aus Ungarn auswandern, wie er nicht verlange, daß die Schwaben oder die Slawen, die ebenfalls ins Land eingewandert seien, es verlassen. Er stehe auf der Grundlage der Lehren des ersten Ungarkönigs Stefan. Er wisse niieht, ob jene, die die Juden aus dem Lande verdrängen möchten, auf zweihundert Jahre alte Ahnengräber hinweisen können wie die Familie Vazsony. Er wollte nur erwähnen, daß, ebenso wie sein Vater anläßlich der Wehrmachtsdebatte dem Komitee des nationalen Widerstandes angehört habe, er, der Sohn, 1918 als Student zum erstenmal der Universitätsjugend eine Resolution unterbreitete, in der von der „ungarischen Irredenta" die Rede war. Schließlich betonte Vazsonyi, die ungarische Judenhait werde nicht auswandern, sondern nach wie vor für das ungarische Vaterland kämpfen und arbeiten. nicht mehr mit dem Stemmeisen primitiver Friedhofsschänder vollbracht werden, sondern mit der Feder geistiger Leuchten, die Verfügungen erlassen, wie z. B. die Ausbürgerung der Gattin Einsteins nach ihrem kurz vorher erfolgten Ableben. Eine echt nationalsozialistische Totengabe auf dem frischen Grabe einer Frau, die man es entgelten ließ, daß ihr Gatte es gewagt hatte, durch seine Relativitätstheorie Unordnung in die Sternenwelt zu bringen. In Oesterreich ist das Hakenkreuz über die Kampfzeit noch immer nicht hinausgekommen. Hier überlassen daher die Führer das Sich-Exponieren wohlweislich den Geführten. Die sind es denn auch, die die Schärfe des Gesetzes zu fühlen bekommen, wenn sie die nationalsozialistische Abart der Pietät vor dem Tode dokumentieren. Eine Ortsgruppe des deutschen Schulvereins „Südmark" mit dem vielsagenden Namen „Biedersinn" veranstaltete vor kurzem in einem Hernalser Vergnügungslokal eine Unterhaltung, in deren Rahmen höchst bezeichnender Weise ein — Leichenbegängnisparodiert wurde. Ein akademisch gebildeter Privatbeamter mimte dabei einen evangelischen Pastor. Er wurde wegen Vergehens der Verspottung einer Kirche zu 14 Tagen Arrest bedingt verurteilt. Der Vorsitzende des Schöffensenats meinte in der Urteilsbegründung, es sei traurig, daß ein akademisch Gebildeter sich so benehme. Der veranstaltende Verein aber hatte die Sache für sehr lustig gehalten. Denn es mußte erst ein Polizeikommissär einschreiten, um dem Unfug ein Ende zu machen. Vor Gericht gab dieses Sicherheitsorgan als Zeuge an, eine Aeußerung des Mißfallens seitens des Publikums sei nicht zu erwarten gewesen, denn es wären viele Nationalsozialisten darunter gewesen. So seihen die Leute aus, deren Biedersinn der österreichischen Regierung Anstandsunterricht auf dem Gebiete der Pietät vor dem Tode erteilen zu wollen wagte ... Sie sind mit geistiger Blindheit geschlagen und selbst diejenigen unter ihnen; die ein grausames Geschick mit psychischer Blindheit geschlagen hat, macht der Haß noch blinder. In der Generalversammlung der Interessengemeinschaft blinder Musiker, Klavierstimmer und Musiklehrer stellte ein Mann namens Otto Binder den Antrag auf Einführung des Arierparagraphen. Er begründete ihn damit, daß die „nationalen" Zeir tungen die Blinden eifriger unterstützen würden, wenn sie wüßten, daß ihre Unterstützung nur „Ariern" zugutekommen werde. Der Antrag wurde angenommen und die jüdischen Bünde n wurden auch sofort-aus der Vereinigung ausgeschlossen. Dieser Beschluß ist wohl hoch nicht rechtskräftig, denn es wird sich noch der Verband der Blindenvereine Oesterreichs, der diese Woche zusammentritt, mit der Angelegenheit zu befassen haben. Wir hören, daß im Vorstand des Verbandes keine Mehrheit für die Bestätigung einer solchen Brutalität zu haben sein werde. Die wirtschaftliche Vernichtung, die den blinden jüdischen Musikern von den blinden „arischen" Musikern zugedacht worden'ist (die Interessengemeinschaft ist die einzige Arbeitsvermittlung für diese Menschen), wird also vermieden werden. Aber der Beschluß der Interessengemeinschaft bleibt doch ein tieftrauriges Symptom unserer Zeit, dieser Zeit, die keine Pietät kennt, weder vor der Gemeinsamkeit des Leidens noch vor der Heiligkeit des Todes. JUGEND-UNION. Mitteilungen der Jugend-Union-Zentrale. Mittwoch, den 5. d. M. erwies uns unser hochverehrter Herr Präsident, Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim die Ehre, über das Thema ,.D e r Nationalismus" zu sprechen. In bekannt klarer, übersichtlicher und überzeugender Weise schilderte Herr Reg.-Rat Oppenheini der zahlreich versammelten Jugend und den zahlreichen Gästen aus den Reihen des Zentralvorstandes und der Frauen-Union die mannigfachen und schwerwiegenden Fehler des Nationalismus für Staat, Volk und Wirtschaft. Insbesonders aber zeigte der Redner die ungeheure Gefahr, die der jüdische Nationalismus für-unser Judentum in sich birgt, das wir als unser höchstes Gut bewahren und verteidigen müssen. Die Leitung der Jugend-Union erlaubt sich,, auf diesem Wege nochmals Herrn Reg.-Rat Oppenheim ihren innigsten Dank auszusprechen, mit der Versicherung, daß die Jugend-Union geschlossen den Kampf gegen den Nationalismus im unionistischen Sinne weiterführen wird. Mittwoch, den 28. April fand im Festsaal der „Union" ein Vortrag des Herrn Oberbaurat Fischer über das Thema „Die Umschichtung in den jüdischen Lehrwerkstätten" im Rahmen des alhvöchentliichen Vortragszyklus der „Jugend-Union" statt. Die in jedem Belange hervorragenden Ausführungen des Vortragenden erweckten das größte Interesse aller Anwesenden und gaben den Anlaß zu einer intensiven Diskussion, auswelcher die sachkundigen Ausführungen des Herrn Komm.-Rat Alexius S a 1 z e r ganz besonders hervorgehoben werden müssen. Bezirksgruppe II/XX. Dienstag, den 18. Mai, findet im großen Saal des Cafö Freiwirth, II., Praterstraße 11, die 3. große Komiteesitzung des Jungdamen- und Jungherrenkomitee statt. Anläßlich dieser Sitzung, die im geselligen Rahmen, stattfindet (Tanz, Ping-Pong etc.), werden die Vorbereitungen für das große Gartenfest, welches Samstag,, den 12. Juni, abends, in der Liliput-Stadt im Prater von, der Bezirksgruppe II der „Union österreichischer Juden" gemeinsam mit der Meimgruppe II/XX der „Jugend- Union" veranstaltet wird, getroffen. Der Besuch dieses geselligen Komtteeabends ist mit keinerlei Kosten verbunden und wird sich das Veranstaltungkomitee besonders freuen, die Töchter und Söhne der Mitglieder der „Union" recht zahlreich begrüßen zu können. Heimgruppe IV. u. V. Die Bezirksgruppe IV.-V. der Jugend-Union veranstaltet am Montag, den 24. d. M. in ihrem Heime, V., Hauslabgasse 2, einen Vortragsabend, an welchem Herr Reg.-Rat Dr. Max Lenk über „Die jüdische Jugend im christlich-deutschen Ständestaat" sprechen wird. Um zahlreiches und" pünktliches Erscheinen ersucht die Leitung. Beginn: halb 9 Uhr. Samstag, den 22. d. M. findet in allen Sälen des Heimes, V., Hauslabgasse 2, ein Unterhaltungsabend mit Tanz und Heurigem statt, dessen Reinerträgnis der Jugend-Gruppe IV.-V. zufließt, weshalb um Zuspruch gebeten, wird. Montag, den 3. d. M., fand wie allwöchentlich der überaus gut besuchte Heimabend im Heime in der Hauslabgasse statt, bei welchem der Obmann der >Be~ zirksgruppe Dr. Julius Klügler über Wunsch der Zuhörer einen Experimentalvorrragr über „Das Hellsehen"' hielt, der als sehr gelungen bezeichnet, werden muß.

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