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Die Wahrheit · 1937-05-14 · Heft 19 (14.5.1937) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 19 (14.5.1937)
Date
1937-05-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 19 — 14. Mai J937 Seite_9 Krieg gegen die Begabung. Als wir in einer literarischen Neuerscheinung des Dritten Reiches, der in einem Münchner Verlag 1936 erschienenen „Menschlichen Erblehre", verfaßt von dem Berliner Universitätsprofessor Dr. Lenz, die Worte lasen: „Daß die Juden in Deutschland im Durchschnitt intellektuell begabter sind als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung, läßt sich meines Erachtens nicht bestreiten; sind sie doch seit Jahrtausenden gerade darauf gezüchtet", da sahen wir gleich mit Bangen den Maßregeln entgegen, mit denen das nationalsozialistische Regime auf diese Feststellung reagieren würde. Eines war uns jedenfalls sofort klar: Etwas Gutes konnte dabei nicht herauskommen, war auch wahrscheinlich von dem Verfasser, der ja kaum die Absicht hatte, sein Geistesprodukt auf den Scheiterhaufen des Herrn Goebbels ruhmlos untergehen zu lassen, gar nicht geplant. Nur naive Weltfremdheit vermöchte in •der Anerkennung der jüdischen Begabung auf intellektuellem Gebiete durch einen Wissenschaftler des Dritten Reiches ein gutgemeintes Kompliment erblicken, so wie es ohne Zweifel der englische Staatsmann Winston Churchill aufgefaßt wissen wollte, als er vor kurzem sagte: „Wir Menschen der zivilisierten Länder verdanken dem jüdischen fortschrittlichen Denken sehr viel." Zwischen dem Dritten Reiche und den zivilisierten Ländern klafft eben ein unüberbrückbarer Absrund: Was lüer als höchstes Lob gewertet wird, •das ist dort ein diffamierendes Brandmal. Das gilt besonders vom Intellektualismus, den verächtlich zu machen die deutschen Nationalsozialisten von allem Anfang an nicht müde wurden. Die wissenschaftliche Diagnose, daß die Juden mit diesem Uebel besonders behaftet sind, konnte von Haus aus nur den Zweck haben, eine neue Entrechtung der Juden herbeizuführen. Diese Wirkung ist denn auch pünktlich eingetroffen: Fortan können reichsdeutsche Juden in ihrem Vaterland nicht mehr den Doktortitel erwerben. Gegen die Promovierung ausländischer Juden an reichsdeutschen Universitäten haben die Führer nichts einzuwenden. Zwar pflegten sie, als sie noch um die Gunst des deutschen Volkes buhlen mußten, vor allem gegen die zugereisten Juden zu wettern. Jetzt geben sie diesen Juden, die ja den Schutz ihrer Heimiatstaaten genießen, ein Vorrecht vor den einheimischen Juden, hinter denen niemand steht Auch ein Beitrag zur Psychologie von Versprechen und Halten! Als jüngst die Tochter von Hitlers politischem Vertrauensmann Ribbentrop in Berlin an Gehirnhautentzündung erkrankte und von den arischen Aerzten aufgegeben war, da mußte es sich ■der nationalsozialistische Würdenträger natürlich versagen, einen deutschen Juden als Arzt an das Krankenlager seiner Tochter zu rufen. Er war gezwungen, mit ihr nach Amsterdam zu reisen, wo ihr der polnische Jude 0 1 j e n i c die Gesundheit wiedergab und das Augenlicht rettete. Die Naziführer wissen also, warum sie den ausländischen Juden die wissenschaftliche Ausbildung erlauben, die sie den inländischen unmöglich machen. Im Inland verwehrt ihnen die Parteidisziplin die Inanspruchnahme jüdischer Wissenschaftler, daher sind sie bestrebt, für die Existenz solcher ihnen unentbehrlicher Ratgeber wenigstens im Ausland nach Kräften zu sorgen. Die große Masse der deutschen Volksgenossen hat allerdings nichts davon, da ihr die strenge Devisensperre die Konsultation ausländischer Aerzte illusorisch macht. Dafür wird ihr die Parteidoktrin eingetrichtert, daß Krankenpflege ein überlebtes Axiom jüdischer Humanitätsduselei sei. Ein Recht auf Erhaltung habe nur der Gesunde und Starke. Der Kranke und Schwache aber habe die patriotische und rassenbiologische Pflicht, so rasch wie möglich zugrunde zu gehen. Und dabei erweist sich die Hilfe von Aerzten, die ihr Doktorat nicht jüdischer Begabung, sondern dem Besitz arischer Großmütter verdanken, als vollkommen zweckentsprechend. Wir wollen nicht mißverstanden werden. Nichts liegt uns ferner als der Unsinn, den arischen Wissenschaftlern a priori die berufliche Fähigkeit abzusprechen. Wir kennen und schätzen die großen Leistungen arischer Gelehrter auf allen wissenschaftlichen Gebieten, wir wissen aber auch, daß ^die' währen Leuchten des arischen Geistes sich auch ohne den Arierparagraphen durchzusetzen vermochten und daß ihnen nichts ferner lag, als durch künstliche Unterbindung der jüdischen Konkurrenz ihr Bexufsinteresse schützen zu wollen. Wirkliche Koryphäen haben niemals und nirgends den freien Wettbewerb der Kräfte gescheut. Das haben nur geistige Schwachmatici nötig und solche, die ihre Hochschulzeit statt ernstem Studium lieber feuchtfröhlichem Studentenulk widmen und dann mit Recht befürchten müssen, von den jüdischen Kommilitonen überflügelt zu werden, die infolge erbbiologischer Hochzüchtung ihres Intellekts stets mehr auf geistige Nahrung als auf geistige Getränke erpicht sind. Der Antisemitismus nimmt überall gerade solche Opfer ihres mangelnden wissenschaftlichen Ehrgeizes liebevoll unter seine Fittiche und speziell der deutsche Nationalsozialismus entfaltet dabei einen derartigen Uebereifer, daß er auf geistigem Gebiete seinen eigenen Grundsätzen, nur der Starke sei erhaltungswürdig, der Schwache aber dem Untergang preiszugeben, zuwider handelt. Statt der Parole seines philosophischen Schutzpatrons Nietzsche entsprechend, das, was fällt, auch noch zu stoßen, hat er durchgesetzt, daß sogar solche Abiturienten die Hochschule besuchen In der am 11. d. M. stattgehabten Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses hielt der frühere ungarische Ministerpräsident Graf Stephan Bethlen eine groß angelegte Rede über die Probleme der Wirtschaft, der Weltanschauung, die Beziehungen zu Deutschland und die J u d e n f r a g e. Hinsichtlich der letzteren führte er u. a. aus: „Ministerpräsident Dr. Daränyi hat in Szeged erklärt, es gebe eine Judenfrage. Ich teile diese Auffassung, es gibt eine Judenfrage. Denn die Tatsache der Gleichheit vor dem Gesetz ist nicht entscheidend. Wir sind alle überzeugt, daß die Gleichheit vor dem Gesetz nicht aufgehoben werden dürfe; trotzdem gibt es eine Unzufriedenheit. Käme es nur auf die Gleichheit vor dem Gesetze an, dann gäbe es auch keine soziale Frage, denn die soziale Gleichheit vor derr. Gesetz würde auch wirtschaftliche Gleichheit bedeuten. Es gibt also eine Judenfragc. Das Uebel liegt nur dort, daß, wenn wir davon sprechen, gleichzeitig von allen Uebeln des ungarischen Lebens, von der Bankokratie, vom Kapitalismus, von Kartellen, von Liberalismus usw. gesprochen wird, was eigentlich mit der Judenfrage nicht zusammenhängt. Mit diesen Schlagworten werden verschiedene unerfüllbare Wünsche entfacht, verschiedene soziale, wirtschaftliche und politische Forderungen gestellt, mit denen aber dieses Problem nie gelöst werden kann. Haß kann nur zerstören, aber nie aufbauen. (Zustimmung links.) Es gibt also eine Judenfrage, und die Regierung hat die Pflicht, in dieser Hinsicht unter Aufrechter haltung des Prinzips der Rechtsgleichheit ein nüchternes, kluges, in keiner Weise verletzendes Programm aufzustellen. In den letzten 60 bis 70 Jahren hat eine große Einwanderung jüdischer Elemente aus Gaiizien und dem Osten stattgefunden. Diese Leute haben mit ihrer Findigkeit, Geschicklichkeit und Intelligenz in Ungarn eine neue Industrie, einen neuen Handel, neue Unternehmungen ins Leben gerufen und auf wirtschaftlichem Gebiete Dinge geschaffen, die diesem Lande zum großen Vorteil gereicht haben. (Zustimmung und Widerspruch rechts.) Weder die Schürung des Hasses noch die Hitlersche Methode kann bei uns zum Ziele führen. Abgesehen vom Rechtsgefühl, das sich dagegen sträubt, kann sich ein kleines 9 Millionenvolk nicht solche Methoden erlauben, die sich nicht einmal ein 70 Millionenvolk ohne Folgen leisten kann. Die erste Folge wäre, daß wir die Weltsympathien verlieren würden, in erster Reihe die Sympathien der angelsächsischen Länder. Wir würden uns einem Weltboykott aussetzen und infolgedessen müßte das Land in kürzester Zeit zusammenbrechen. Wir müssen uns darüber klar sein, daß an demselben Tage, an dürfen, die bei der Matura mit Bomben und Granaten durchgefallen sind, sofern sie nur auch sonst mit Bomben und Granaten umzugehen wissen. Er hat vor kurzem durch den Studentenführer Düring verkünden lassen, daß die deutschen Hochschulen keine Pflegestätten der Wissenschaft mehr sind, sondern nationalsozialistische Kampistätten. Auf der Linie dieser permanenten Zurückdrängung aller geistigen Belange liegt auch das jetzige Promotionsverbot für Juden. Es ist zwecklos, diesem bewußten und planmäßigen Kriegszug wider den Geist und die intellektuelle Begabung durch eine Aufzählung der jüdischen Verdienste um Geist und Wissenschaft begegnen zu wollen. Man muß vielmehr annehmen, daß gerade die wissenschaftliche Regsamkeit jüdischer Emigranten aus Deutschland das Naziverbot gegen die jüdischen Promotionen provoziert hat. Erst jüngst hat in Wien die Entdeckung des reichsdeutschen Juden Sackel, daß der Jugendwahnsinn durch Insulin zu heilen ist, Sensation erregt. Hat der Nationalsozialismus, der seine größten Erfolge den Irrungen und Wirrungen des Pubertätsalters verdankt, ein Interesse an der Heilung des Jugendirrsinns? Kann man von ihm verlangen, daß er in dem Kampfe eines Juden gegen den Wahnsinn ausgerechnet für den Juden Partei ergreift? Seine letzte Verfügung gegen das jüdische Studium beweist, daß er sich mit dem anderen Partner solidarisch fühlt . . . dem wir diese Methoden anwenden würden, unser ganzes inneres wirtschaftliches Leben ins Stocken geraten würde. (Zustimmung und Widerspruch.) Gerade im Interesse der jüdischen Schicht der Bevölkerung bitte ich die Regierung, erstens ein kluges, gerechtes Programm auszuarbeiten, das geeignet ist, allmählich dahin zu führen, daß die christliche ungarische Gesellschaft im Wirtschaftsleben die ihr gebührenden Positionen einnehme (Lebhafte Zustimmung), denn ohne ein solches Programm kann weder der konfessionelle nochdersozialeFrieden aufrechterhalten werden. Zweitens soll die Regierung mit starker Hand unmöglich machen, daß die antisemitische Agitation, die dieses Problem auf ein falsches Geleise gebracht hat, in diesem Lande zu U mwälzungen führe, denn auf diese Weise kann diese Frage nie und nimmer gelöst werden. (Lebhafte Zustimmung.) Die Formel, die Graf Bethlen für die Lösung der Judenfrage vorgeschlagen hat, unterscheidet sich recht wohltuend von den Gemeinplätzen, die in der Szegediner Rede des Ministerpräsidenten Daränyi zu finden waren. Worum handelt es sich eigentlich? Es kommt darauf an, Mittel und Wege zu finden, die friedliche und reibungslose Zusammenarbeit der christlichen und der jüdischen Bevölkerungselemente Ungarns zu ermöglichen und die unchristliche, unmenschliche und die vitalsten Interessen des Landes aufs empfindlichste bedrohende antisemitische Wühlarbeit unmöglich zu machen. Die Gefahren, die von dieser Seite her Ungarns Horizont beschatten, hat Graf Bethlen mit rücksichtsloser Offenheit aufgezählt. Wahrung der Rechtsgleichheit, Ausschaltung aller das Rechtsgefühl verletzenden brutalen Methoden, Vermeidung jeder überflüssigen Verwirrung und Unterbindung des Wirtschaftslebens, Wahrung des guten Rufes des Landes und der Sympathien, der es sich im Ausland erfreut, Unterdrückung der antisemitischen Hetze, die zu argen Umwälzungen führen könnte, das sind Forderungen, die von jenen beherzigt werden müssen, denen das Wohl des ungarischen Staates anvertraut ist. „Die ungarischen Juden werden nicht auswandern." Im Verlauf der Budgetdebatte im ungarischen Abgeordnetenhaus richtete das extrem rechts stehende Mitglied der Nationalen Einheitspartei Graf Viktor K ar o I y i heftige Angriffe gegen die Juden und verlangte die Ausdehnung des Numerus clausus auch auf die Mittelschulen. Der Antisemitismus sei berechtigt: das Judentum sei keine Konfession, sondern eine Rasse und müsse als nationale Münderheit deklariert werden. Graf Bethlen zur Judenfrage.

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