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Die Wahrheit · 1937-05-14 · Heft 19 (14.5.1937) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 19 (14.5.1937)
Date
1937-05-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 19 —_H. Mai 1937 Seite 5 Pension Goldberg Bad Aussee >«mmsu4 Stärkstes Heilbad für Ischias, Rheuma, Herz- ÄSSaiR und Frauenleiden. Pensionspreise: Vorsaison VfB UTage S100.—, Hochsaison, 14 Tage S120.—. IBlfspF Gute Küche, großer Garten. Für Kinder ohne Begleitung wird bestens gesorgt. EM. GOLDBERG gute Juden und treue Söhne jener Nation bleiben müssen, die uns als ihre Kinder aufgenommen und uns die bürgerliche Gleichberechtigung verliehen hat. Im heiligen Opfermut der Liebe zu diesem Vaterland müssen wir auch vorübergehende Befangenheit, vorübergehende Verständnislosigkeit in nie wankender Treue und in unerschütterlichem Glauben erdulden. Denn — wie einst Wilhelm Väzsonyi, der ungarische Justizminister jüdischen Glaubens, gerade bei Gelegenheit jenes Festes sagte, an dem wir 1925 auch Sie bei uns in Budapest begrüßen durften —: „Man hat es leicht, das Vaterland zu lieben, wenn es einem für diese Liebe Ruhm und Glück gibt; aber man soll es auch lieben, wenn es uns nicht mit der Fülle seiner Liebe überschüttet. Wir müssen unseren Gott anbeten, selbst wenn er uns in den Staub wirft. Wir beten ihn an, unseren Einzigen Gott, ob er uns belohnt oder straft. Wir beten ihn an, auch wenn er sich von uns abzuwenden scheint, und wir beten auch unsere irdische Gottheit an: das Vaterland, wie immer sich auch unser Schicksal in diesem Vaterland gestalten möge!" Ich weiß wohl, daß die „Union österreichischer Juden" dieses patriotische Bekenntnis des ungarischen Judentums sich zu eigen macht. Diese heilige Verschmelzung von Glauben und Vaterland will aber nicht besagen, daß wir etwa nicht durchdrungen wären von jenen geheiligten Ueberlieferungen, die uns mit dem heiligen Boden Palästinas verbinden. Heilig ist uns das Land, wo unsere Ahnen einst als selbständige Nation gelebt haben. Und doppelt heilig ist es uns heute, da dort Zehntausende unserer zur Heimatlosigkeit gezwungenen Glaubensbrüder für sich und ihre Nachkommenschaft ein Zufluchtstätte und die Möglichkeit neuen Lebens finden. Niemals werden wir die heilige Solidarität in unserem Gottesglauben verleugnen: Brüder sind wir! Und wir müssen alles daran setzen, unseren Brüdern, die die heimatliche Scholle verloren haben, zu einem neuen Heim zu verhelfen. Deshalb müssen wir mit allen Opfern, deren wir fähig sind, das Palästina-Werk unterstützen, aber freilich fernab von jeder sogenannten jüdischen Nationalpolitik, weil wir ja nur eine einzige Nationalpolitik kennen: die Politik der Nation, in der wir leben und die uns die Möglichkeit des Lebens bietet! In diesem Geiste arbeitet die) „Union" nun bereits seit fünfzig Jahren und ich begrüße Sie aus vollem Herzen zu ihrem fünfzigjährigen Jubiläum! Ehrfurchtsvoll senke ich die Fahne der Anerkennung des ungarischen Judentums vor der „Union", die stets selbstbewußt für die ungeschmälerte Aufrechterhaltung der staatsbürgerlichen Rechte, der Freiheit und Gleichheit des Judentums zu kämpfen wußte und auch* dafür alles tat, daß die Kultusgemeinden, allen voran die Wiener Kultusgemeinde, so segensreich wie möglich ihre religiös-sittlichen, kulturellen und sozialen Pflichten erfüllen können. Wir werden auch in Zukunft alles tun müssen, um unsere Rechte zu wahren und zu schützen und wir müssen Stellung nehmen gegen die Torheit jener Auffassung, die da glaubt, ein völkischesMinderheitsrecht könnte für uns Juden mehr Rechte bedeuten als das Recht der staatsbürgerlichen Gleichheit, das wir uns mit der Arbeit von Jahrhunderten einmal bereits erkämpft haben, dessen man uns für kurze Zwischenzeiten vielleicht auch berauben kann, dem wir aber selbst nie und nimmer entsagen dürfen. Denn weise hat jener ungarische Staatsmann gesprochen, der 1867 zu Nutz und Frommen beider Länder eine glückliche Zusammenarbeit Oesterreichs und Ungarns verwirklicht hat und den wir, deshalb in ■ unserem ungarischen Vaterland auch heute noch, wo . er schon lange im Grabe ruht, als den Weisen der Nation verehren, — weise sprach Franz D e ä k: •.,;Nicht endgültig geht ein Recht verloren, das man uns wegnimmt, verloren ist nur ein Recht, auf das wir in unserer Torheit selbst freiwillig verzichtet haben!" Nun denn, wir Juden Ungarns sind ebensowenig wie Sie, österreichische Juden, gesonnen, dem fragwürdigen jüdisch-nationalen Minderiieitsrecht zuliebe dem Recht auf staatsbürgerliche Gleichheit zu entsagen, das wir uns in unserem Vaterland mit unserem Blut und unserem Schweiß verdient und erkämpft haben. Und ich glaube, daß wir, ungarische Juden, und Sie, österreichische Juden, im heiligen Zeichen unseres Patriotismus uns vereinigen und ein Beispiel geben werden, wie man unerschütterlich am Vaterland festhält auch dann, wenn dieses Vaterland einem vorübergehend vielleicht nicht die Fülle seiner Liebe zeigt. Und wir sind überzeugt, daß dieses unser Beispiel der ganzen Judenheit Mitteleuropas zum Wohle gereichen wird, wie es auch uns und unsere Freunde und Gönner sicher stärken wird in diesem furchtbaren und schmerzensreichen Kampf, den der Humanismus gegen die Barbarei, die Nächstenliebe des Alten und des Neuen Testaments, gegen den Haßkultus des Hakenkreuzes heute ausfechten muß. In diesem Geiste und in dieser Gesinnung überbringe ich den Brudergruß der Judenheit der ungarischen Brudernation der „Union österreichischer Juden", zugleich mit dem heißen Wunsche, es möge aus diesem brüderlichen Zusammenschluß Segen erwachsen für Ihr Vaterland Oesterreich, für unser Vaterland Ungarn und aus unserem gemeinsam gegebenen Beispiel Segen sprießen für die treue, patriotische Judenheit aller Länder der Erde! Nachdem sich der langanhaltende Applaus gelegt hatte, ergriff das Wort Bundesführer Hauptmann Edler v. Friedmann: Im Namen des Bundes jüdischer Frontsoldaten entbiete ich zum Jubiläum der „Union" die herzlichsten Glückwünsche. Die „Union" blickt auf eine fünfzigjährige Tätigkeit zurück, eine Tätigkeit, die immer im Interesse der Allgemeinheit gelegen war, hat doch die „Union österreichischer Juden" die schwere Aufgabe auf sich genommen, für Ehre, Ansehen und Gleichberechtigung der österreichischen Juden einzutreten. Daher ist die Geschichte dieser fünfzig Jahre der „Union" aus der Geschichte der österreichischen Juden nicht wegzudenken, denn ihre Tätigkeit war es, die diese Geschichte maßgebend beeinflußt hat. Hauptmann v. Friedmann sprach sodann von den laufenden Verhandlungen zur Bildung eines Vollzugsausschusses aller Juden Oesterreichs und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch die „Union österreichischer Juden" in diesen Vollzugsausschuß sich eingliedern wird. In diesem Sinne — schloß er seine Ansprache — wird der Bund jüdischer Frontsoldaten jederzeit bereit sein, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, und in diesem Geiste übermittle ich gleichzeitig die herzlichsten Wünsche für die zukünftige Arbeit im Interesse unserer schwer geprüften Gemeinschaft. Hierauf sprach Komm.-Rat Hugo Löwin: In Verhinderung des Herrn Generals Sommer habe ich die ehrenvolle Aufgabe, ihn in seiner Eigenschaft als Bundesführer des Reichsverbandes jüdischer Legitimisten Oesterreichs bei dieser schönen Feier zu vertreten und nicht nur seine Wünsche, sondern auch die des Gesamtverbandes zu überbringen. Wir haben aus den schönen Worten des Ehrenpräsidenten und Präsidenten die Gesinnung Ihrer Mitglieder gehört. Und wenn ich heute die Glückwünsche unseres Verbandes darbringe, betrachte ich es nicht als bloßes Lippenbekenntnis, sondern als eine Herzenssache; verbindet uns doch das offene und freie Bekenntnis zum Glauben wie das offene und freie Bekennen zum Vaterlande Oesterreich. Der Herr Präsident hat ausgeführt, welche Gerechtigkeit, und nicht nur Gerechtigkeit, wir vom Haus Habsburg erfahren haben. Und ich kann Ihnen sagen, daß auch der Sohn des letzten Kaiser s die gleichen Anschauungen hat, indem er mir gelegentlich eines Empfanges auf meine Worte, daß wir Juden Abkömmlinge der Juden sind, die unter Kaiser Franz Josef gewirkt haben, sagte: „Seien Sie versichert, daß das Haus Habsburg immer gerecht war und ich mir dieser Auigabe immer bewußt sein werde." Empfangen Sie die besten Wünsche mit dem Wunsche weiteren Gedeihens, daß Sie das werden mögen, was Sie sind: Eine „Union" aller österreichisch gesinnten Juden! Nun verlas Sekretär Oskar Hirse Ilfeld die wesentlichsten der eingelaufenen Glückwunschtelegramme und Brtiefe. Es folgte der Vortrag des Psalmes „tiatlelujah" durch den Jüdischen Gesangsverein, wobei die Solopartie Oberkantor Postolow mit seiner herrlichen Tenorstimme stimmungsvoll sang. Die Versammlung endigte mit dem Schlußworte des Vorsitzenden Dr. J. 0 r n s t e i n, der erklärte, er wolle gewissermaßen ein Resümee der heutigen Tagung bringen. Von mehreren Jahren habe der Parteirat die positiv-religiiöse und die vaterländische Betätigung als die Grundpfeiler der „Union'- bezeichnet; die positiv-religiöse: In acht Tagen wird in allen Gotteshäusern unserer Glaubensgemeinschaft auf dem ganzen Erdenrunde die Orienbarung auf dem Berge Sinai, die zehn Gebote, die Grundlage aller menschlichen Zivilisation und Kultur bis in die fernsten Jahrtausende, feierlich verkündet werden. Der Vorsitzende erinnere sich an die Erläuterung seines Religionsproiessors aui dem Gymnasium, daß äußerlich das erste Gebot: „Ich bin der Herr, Dein Gott, der Dich herausgeiührt hat aus Aegypten, aus dem Hause der Knechte", kein Gebot enthalte. Aber ein weiser Lehrer habe gesagt, es enthalte sogar zwei, nämlich: Glaube an Gott und liebe die Freiheit! Glaube an Gott: Wir wollen uns von den hohen Geboten, von den unerreichten ethischen Wahrheiten der Bibel durchdringen lassen. Wir wollen diese köstlichen Juwelen allen Völkern vermitteln, aber vorerst uns und unseren Kindern die unerreichte Größe unseres großen Lehrers Moses, der seinerzeit um Jahrtausende vorausgeeilt war, zeigen, dieses großen Sozialpolitikers, der den wöchentlichen Ruhetag angeordnet hat, auch für unseren Knecht und für unsere Magd und für die Tiere des Hauses. Der eine Fremdengesetzgebung schui, zu der die gegenwärtige geradezu eine groteske Karrikatur bildet. Der die Norm verkündete, „ein Gesetz soll Dir sein, dem Einheimischen, und dem Fremdling, der in Deinen Toren wohnt". Er ist der Begründer der jüdischen Fürsorge, dieser großzügigen Wohltätigkeit, die jedem von uns ins Herz geschrieben ist. Wir wollen die Aehren des Feldes nicht abinähen, die Früchte unseres Weinberges nicht zur Gänze einheimsen, wir wollen diese Reste stehen lassen für die Fremden, für die Witwen und die Waisen und sie schützen und stützen nach allen unseren Kräften. Er hat ein unparteiisches Gerichtsverfahren zu unserer Pflicht gemacht: „Du sollst das Recht nicht beugen vor Gericht, nicht für den Raichen, aber auch nicht für den Annen, wenn das Recht nicht auf seiner Seite ist". Und so ließen sich noch zahlreiche Einzelheiten aus der Gesetzgebung unserer Lehrers Moses anführen. Lebe zur Freiheit: Sie kristallisiert sich in unserem Streben nach Gleichberechtigung. Und für diese Gleichberechtigung müssen wir immer kämpien und streiten, in Erinnerung an die Worte unseres dahingeschiedenen Vorstandsmitgliedes, des großen Dermatologen Prof. Dr. E h r m a n n, welcher bei dem ersten Jubiläum in seiner Festrede auch sagte: „Die .Union' war immer zur Stelle, wo in den weiten Gauen unseres Vaterlandes das Gesetz verletzt, das Recht bedroht erschien." Und diese Gleichberechtigung, die wollen wir in unserem teuren Vaterlande, in unserer geliebten Heimat genießen, dieses Vaterland, das zu lieben, uns schon durch unsere heilige Religion seit den ältesten Zeiten zur heiligen Pflicht gemacht wird. Enoch Fr än kl, Sohn des in der Wiener Lokalgeschichte rühmlichst bekannten Kopel Fränkl, welcher im Jahre 1670 vor der allgemeinen Judenaustraibung mit dem judenfeindlichen Magistrate der Stadt Wien einen Vertrag abschloß, nach welchem dieser sich verpflichtete, den Wiener jüdischen Friedhof in der Seegasse und die Umfassungsmauer gegen die Zahlung des damals bedeutenden Betrages von 4700 Gulden Silber für ewige Zeiten zu erhalten, richtet im Jahre 1683 an Christoph Wagen seil unter Bezugnahme auf ein von demselben verfaßtes judenfeindliches Buch ein Schreiben, in welchem er unter anderem auch ihm vorwarf, daß Wagenseil nicht erwähnte, daß schon in der Mischna den Juden zur Pflicht gemacht werde, für ihre Fürsten und die Völker, unter denen sie leben, zu beten und daß dieses Gebet an jedem Sabbate im Tempel (sc. vor geöfineter Bundeslade) verrichtet werde und daß dieses Gebet .in jedem Gebetbuche, und zwar auch für die Jugend, enthalten sei. Das hohe Alter dieses Gebotes ergibt sich aus dem Zeitpunkte der Entstehung der Mischna, dieser Sammlung der mündlichen, mit unserem großen Lehrer Moses beginnenden und sich dann immer wieder fortsetzenden Tradition. Diese Sammlung wurde vollendet durch Rabbi Jehuda Hanasi, geboren 135, gestorben 219. Aber noch ein zwei-

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