Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 19 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite_4 Nr. 19 — 14. Mai 1937 DIEWAHRHEIT In allen Versicherungsangelegenheiten — zuerst der „Union", I., Schottenring 25, Telephon A 19-2-77, jeden Montag und Freitag v 10 bis 12 Uhr vormittags. / Leiter: Komm.-Rat Alexius Salzer. Für Lebensversichernngsberatniig haben wir einen Spezialfachmann bestellt, welche u sere Mitglieder beonders gunstig beraten wird. nerzu. rranenheiiDad Tatzmannsdorf Was die „Union" in den letzten fünfundzwanzig Jahren geleistet hat, davon hat ein lebensvolles, geschichtlich treues Bild unser geliebter und verehrter Ehrenpräsident, Herr Dr. Jakob O r ns tei n, in seiner historischen Festschrift gegeben. Er führte auch den Vorsitz in der vor 26 Jahren stattgehabten Festversammlung und schon daran mögen Sie erkennen, wie eng verknüpft das Wirken der „Union" mit der Person unseres Ehrenpräsidenten war und ist. Seine seltene Bescheidenheit verbietet mir, viel über ihn zu sagen. Er wird mir aber am heutigen Tag, der auch sein Ehrentag ist, es nicht verübeln, wenn ich ihm aus vollem Herzen danke für all das, was er für die „Union österreichischer Juden" und damit für das österreichische Judentum geleistet hat. Seit 1907, seit dreißig Jahren, gehört Dr. Jakob Ornstein dem Vorstand der „Union" an. Im Kriege war er geschäftsführender Vizepräsident. In den schwierigsten Zeiten ist er für die unschuldigen Kriegsopfer aus dem Osten mit dem ganzen Einsatz seiner Persönlichkeit eingetreten. Nie hat er für sich etwas in Anspruch genommen, alles und sich selbst hat er der österreichischjüdischen Gesamtheit geopfert. Seine Verstandesschärfe, seine ans Wunderbare grenzende Gedächtniskraft, sein profundes Wissen, seine seltene Rednergabe, sein Fleiß und sein Pflichtgefühl eigneten ihn zum Führer. Und so wurde er im Jahre 1919 Präsident der „Union". Klar und deutlich war ihm stets der Weg, den die österreichische Judenschaft zu gehen hatte, vor Augen: Er war ihr stets zuverlässiger und unbeirrbarer Führer. Er war immer und durch und durch jüdischer Oesterreicher. Sein Charakter ist von kristallklarer Reinheit und Lauterkeit. Wir wollen ihm aus warmen Herzen die Versicherung geben, daß wir von Liebe und Verehrung und unauslöschlicher Dankbarkeit1 für ihn erfüllt sein und bleiben werden. Wir haben vor wenigen Tagen den vierten Jahrestag der Gewährung der neuen österreichischen Verfassung vom 1. Mai 1934 feierlich und dankbaren Herzens und in wehmütiger Erinnerung an ihren Schöpfer, den Märtyrerkanzler Engelbert Dollfuß begangen, der unter Mörderhänden verblutete. Die Verfassung, die im Namen Gottes spricht, von dem alles Recht ausgeht, ist unser teures Palladium; sie hat alle unsere Rechte bekräftigt, die wir im Jahre 1867 erhalten hatten (Art. 16, 27 und 29). Wir vertrauen auf sie und auf die Worte Engelbert Dollfuß': „Bürger dieses Staates, die vaterlandstreu und gutgesinnt sind, dürfen des Schutzes der Staatsgewalt sicher sein", und unseres verehrten Bundeskanzlers Kurt von Schuschnigg: „In Wirklichkeit existiert in Oesterreich keine Judenfrage." Ich bin am Schlüsse. Ohne Ueberhebung dürfen wir sagen, daß wir ein halbes Jahrhundert keinen Tag, keine Stunde in unserer Arbeit gerastet haben, die wir bei Gründung der „Union" für die Ehre und das Recht der österreichischen Juden zu leisten versprachen. Und immer wieder rufen wir es hinaus in alle Lande, daß nur derjenige eines Rechtes wert ist, der den Mut besitzt, es kämpfend zu behaupten. Und deshalb geloben wir heute am Tage der Feier unseres fünfzigjährigen Jubiläums, auch weiterhin für die Rechte unserer Glaubensgenossen einzustehen, als furchtlose Kämpfer gegen alle Unbill und Ungerechtigkeit, alle Lüge und Verleumdung, alle Willkür und Niedertracht. Wir wollen nicht für ein spezifisches Judenrecht kämpfen, sondern für die Menschenrechte, nicht nur für die höchsten Güter des Judentums, sondern der Menschheit überhaupt, für Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit. Und damit wirken wir auch für das <üück und die Wohlfahrt unseres Vaterlandes und aller seiner Bewohner, für die Menschlichkeit, Kultur und für den Frieden. Wir gehen unseren Weg weiter. Die alten Grundsätze der „Union", sie bleiben unerschütterlich aufrecht; sie kreisen um die zwei Sonnen unserer Existenz: unsere heilige Religion und unser heißgeliebtes Vaterland Oesterreich. Stürmischer Beifall beendete die auch sonst wiederholt durch lebhafte Zustimmung unterbrochene Rede des Präsidenten. Nun kamen folgende Gratulationsredner zu Wort: Kultusvorsteher Nagy, Budapest Sehr geehrte Festversammlung! Empfangen Sie vor allem unseren aufrichtigen Dank für den freundlichen Empfang und die warme Begrüßung, mit denen Sie uns hier zu beehren die Güte hatten. An unserer Spitze hätte unser Präsident, Herr Hofrat Samuel Stern, hier erscheinen sollen, um — durchdrungen von der Wichtigkeit dieses denkwürdigen Festes t— unsere Gefühle würdig zu verdolmetschen. Leider durch das Ableben seiner Gemahlin in schmerzlichste Trauer versetzt, kann nur seine Botschaft zu Ihnen sprechen, die ich in seinem Namen hier vorzutragen die Ehre habe. Wir sind hier im Namen der Pester Israelitischen Kultusgemeinde, aber gleichzeitig auch in Vertretung der ungarischen Kongreßjuden heit erschienen, um dem Die besten Eisen Worstooö Selfiwarea 3 mal täglich frisch bei IUEL, Hiu U., Pnterslrale ü Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. brüderlichen Gefühle unmitte!'., mCi Ausdruck zu geben, das uns mit Oesterreichs Judenheit verbindet, eine Verbundenheit, die wir in Zukunft noch sorgfältiger als bisher pflegen möchten. Wir stehen noch unter dem Eindruck der großen Tage, die Oesterreichs Bundespräsident und Bundeskanzler in der vergangenen Woche in Budapest verbracht und der Vertiefung der Freundschaft zwischen Oesterreich und Ungarn gewidmet haben. Ich möchte dem Wunsche Ausdruck geben, daß diese nützliche und heilsame Verbrüderung — wenn in noch so bescheidener Weise — eine Fortsetzung finde durch diesen unseren Besuch in Wien, welcher bestätigen soll, daß gleichwie die ungarische und die österreichische Nation, vom Gefühl ihrer Schicksalsgemeinschaft durchdrungen, einander suchen, so auch wir, Staatsbürger jüdischen Glaubens beider Nationen, alles tun wollen, um die Bande dieser heilsamen Zusammenarbeit enger zu knüpfen. Dieser unser Besuch will nicht einfach nur eine Erwiderung ihres Besuches von 1925 sein, da wir Sie bei Gelegenheit der 125-Jahr-Feier unserer Pester Kultusgemeinde, sowie des 30jährigen Jubiläums der gesetzlichen Rezeption des ungarischen Judentums in Budapest zu begrüßen die Ehre hatten und Ihren heutigen Ehrenpräsidenten Herrn Jakob Ornstein und mehrere Mitglieder der Leitung der „Union" empfangen durften. Durch unser Erscheinen wollten wir mehr und anderes dokumentieren als einen einfachen Akt der Höflichkeit. Wir wollten die Gemeinsamkeit einer Auffassung dokumentieren, von der die österreichische „Union" ebenso tief durchdrungen ist, wie die amtliche Vertretung des ungarischen Judentums, jener Auffassung nämlich, daß wir, ebenso wie wir in Glauben und Gefühl treue Söhne der Religion sind und bleiben -wollen, in der wir geboren wurden, & Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäure-Sprudelbäder / Elektro-Kardiographisches Institut / Röntgeninstitut Tief reduzierte Pensionspreise einschließlich aller Heilbäder Auskünfte and Prospekte: Kurbad A. GctusRunite ßad T^tzmannsdorf und M. U. Dr. I. H. Körner — Reisebüro „CITY", Wien L, Kohlmarkt 8 / Telephon U 26-4-29 ganz ebenso auch unerschütterlich treue Bürger der Nation sind und bleiben müssen, in deren Land wir geboren sind, in deren Boden unsere Wurzeln reichen, in deren Erde auf Jahrhunderte zurückgehend die Gebeine unserer Väter und der Väter unserer Väter ruhen und der wir uns unlösbar verbunden und verpflichtet fühlen. Mit der Arbeit von Jahrhunderten erwarben Sich unsere Vorfahren das volle Maß der staatsbürgerlichen Rechte und es sei mir gestattet, an diesem heutigen Festtage eines hervorragenden österreichischen Juden zu gedenken, eines von den Vielen, die mlit ihrer Arbeit dem Judentum Würdigung verschafften, eines Juden, der vor rund 250 Jahren seinem kaiserlichen Herrn dienend, unserem Vaterland Ungarn unschätzbare Dienste geleistet hat. Ich möchte des Mannes gedenken, der einst Kaiser Leopold I. die Führung seiner großen Kriege gegen die Türken als Hoffaktor möglich machte, des Mannes, dem es unter anderem zu verdanken ist, daß Eugen von Savoyen die feste Stadt Buda vom türkischen Joch befreien konnte. Samuel Oppenheimer hieß dieser treffliche österreichische Jude. Doch so groß auch seine Verdienste waren, entging auch er nicht der Tragik, welche die wertvollsten Söhne unseres Glaubens so oft begleitet auf ihren Weg. List und Argwohn stießen auch diesen hochverdienten Samuel Oppenheimer, während er fürs Vaterland arbeitete, zweimal in den Kerker, allein alle Anwürfe stellten sich immer wieder als unbegründet heraus, so daß Kaiser Leopold selbst den Ausspruch tat, „mit diesem Juden wolle er stehen und fallen". Nun, dieser Oppenheimer war auch der Begründer der Wiener Jüdischen Gemeinde und als er den Tod nahen fühlte, legte er in seinem letzten Willen seinen Söhnen ans Herz, daß sie dem Kaiser immer treu dienen und ihren Einfluß für den, dessen Sache gerecht ist, ob arm oder reich, ob Christ oder Jude, stets einsetzen und der jüdischen Gemeinschaft ihr Leben lang treu bleiben mögen. In dankbarer Pietät widme ich an diesem Festtag ein Wort der Erinnerung diesem österreichischen Juden, Samuel Oppenheimer, weil diese Erinnerung nicht nur von dem Verdienste spricht, das einem österreichischen Juden an der Befreiung Ungarns vom Türkenjoch zukommt, sondern weil sie uns auch daran denken heißt, daß Verdienst an s!:ch uns Juden Prüfungen nicht ersparen kann. Doch bekundet diese Erinnerung letzten Endes auch das, daß die Wahrheit immer siegen muß, wie denn auch Samuel Oppenheimer allen Verfolgungen zum Trotz schließlich in der ihm wieder zulächelnden kaiserlichen Gunst die Würdigung seiner Verdienste erleben durfte. So eisig also die Winde sind, die heute über einzelne Länder Europas wehen, so wild die Stürme sind, die in gewissen Ländern den alten Baum der Judenheit samt seinen Wurzeln aus jenem Boden reißen, dem er Schatten gegeben und Früchte getragen hat, wir müssen den Glauben und die Zuversicht in uns tragen, daß auch diese Sturmzeiten einmal vorübergehen und jene Sonne wieder beglückend an Gottes Himmel erscheinen wird, die uns allen gleichmäßig Licht und Wärme spendet. Glauben müssen wir und müssen darauf vertrauen, daß die heiligen Ideale der Menschheit nicht für alle Zeiten untergehen können, daß das dunkle' Vorurteil gegen das Judentum nicht, einer neuen Sintflut gleich, alles wird überfluten können. Gebe Gott, daß unser schwaches Wort Flügel bekomme und, der Taube aus der Arche Noahs gleich, den grünen Oelzweig der Hoffnung über die unendlich steigenden Wasser tragen .könnte, zum Zeichen dessen, daß es noch Erde gibt über den Wassern, ein Stück Erde, wo Bäume Blätter treiben und neues Leben aus den Ruinen; blüht! Diese trosterfüllte Stimme des Glaubens und der Hoffnung möchte ich in dieser Festyersammlung erheben und /.'.. als Glaubenssatz will ich verkünden , unsere geraeinsame große Ueberzeugung, daß ..wir. allen Stürmen der Zeit zum Trotz unerschütterlich