Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 19 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT S— Wir empfehlen die guten, modernen!i i 1 1 JiTi * w nt fn w ä;i i * 1 *M ^i. Gebote stehen, den Kampf führen. Die geistigen Waffen, mit denen wir diesen Kampf gegen unsere Feinde führen, sind unsere Grundsätze. Sie sind nicht neu, sie sind viel, viel älter als unsere ersten Satzungen. Das wichtigste und unerschütterlichste Fundament unseres Wirkens ist das unbedingte Treuebekenntnis zu unserem Vaterlande Oesterreich. ' Schon der Prophet Jeremias hat vor mehr als 2500 Jahren für die Juden, die in der babylonischen Gefangenschaft schmachteten, die Worte geprägt: „Mühet Euch um das Wohl der Stadt, in die ich Euch weggeführt habe, und betet für sie zum Ewigen, denn in ihrem Wohl wird Euch wohl sein" und der Vorkämpfer der Emanzipation der Juden und ihrer Assimilation, der Philosoph Moses Mendelssohn, der dritte Moses, Moses Maimonides war der zweite, mahnt in seinem Werke „Jerusalem" seine Glaubensgenossen: „Schicket Euch in die Sitten und in die Verfassung der Länder, in denen Ihr lebet, haltet standhaft fest an dem Glauben Eurer Väter." Und wahrlich, damit erfaßt Moses Mendelssohn die Säulen der „Union", auf denen sie ruht. Und so hat Dr. Z i n s, einer der Gründer der „Union" in ihrer konstituierenden Generalversammlung vom 27. April 1886 einfach und schlicht gesagt: „Wir betonen die Pflicht der österreichischen Juden zu einem aufrichtigen österreichischen Patriotismus." In diesem Geiste sind wir aufgewachsen und erzogen und dieser Grundsatz ist uns nicht nur in Oesterreich, sondern in allen Ländern, in denen Juden leben, in Fleisch und Blut übergegangen. Die Juden, die schon nach Oesterreich mit den römischen Legionen kamen und deren erste Siedlung im Lande vor 1000 Jahren durch die Zollordnung von Raffelstädten urkundlich beglaubigt erscheint, haben es an Betätigung ihrer Liebe zum Vaterlande nie fehlen lassen. In den letzten fünfzig Jahren, während der Regierungszeit des gerechten und edlen Kaisers Franz Josef I. und während des Weltkrieges haben sie ihrer Dankbarkeit und ihrer heißen Liebe zum Vaterlande durch Opfer an Blut und Gut Ausdruck verliehen. Ihrer Trauer um den toten Kaiser, der uns die Gleichberechtigung gegeben hat, entsprachen am besten die Worte, die der ungarische Patriot Graf Apponyi im ungarischen Parlament am 23. November 1916 gesprochen hat: „Erst die Geschichte wird zeigen, was der Kaiser und König uns und seiner ganzen Epoche bedeutet hat. Wir aber sind Zeugen vor dem Richterstuhl der Geschichte . . . Wir fürchten für Franz Josef das Urteil des höchsten Richters nicht." Und im Weltkrieg dienten in der österreichischen Armee einige hunderttausend Juden, viele erhielten Auszeichnungen, und zehntausende . — eine genaue Statistik fehlt — fielen den Tod fürs Vaterland. Von den ungarischen Juden fielen mehr als 10.000. In Deutschland dienten 96.000 Juden, ein Sechstel der jüdischen Bevölkerung; 12.000 sind gefallen, deren Namen jetzt aus den Ehrentafeln ausgetilgt wurden, aber nicht aus dem Gedächtnis der Geschichte aere perennius; 35.000 erhielten militärische Auszeichnungen. Erzherzog Josef würdigte das Verhalten der Juden im Weltkrieg mit den Worten: „Das bewunderungswürdige, heldenhafte Verhalten der jüdischen Soldaten ist über jedes Lob erhaben." Und gestatten Sie mir ein Wort, das vielleicht bitter klingt: „Der Tod auf dem Schlachtfeld und das Siechtum der Verwundeten ist nicht nach dem numerus clausus vorgegangen und hat nicht nach Rasse und Ethnos seine Auswahl getroffen." Und ich sage ein Wort Schiller's aus dem „Wallenstein" variierend: „Wir wollen Bürger bleiben in dem Land, wie's unsere Brüder fallend sich erobert" Nr. 19 — 14. Mai 1937 So ist in den letzten fünfzig Jahren unsere Verbundenheit mit unserem Vaterlande Oesterreich durch das im Klampfe vergossene Blut unserer Glaubensgenossen eine vor Gott und Menschen unlösbare geworden. Der Krieg, die für das Vaterland freudig gebrachten Opfer, die gemeinsamen Kämpfe, die gemeinsame Not, haben unsere Liebe und Treue nur gefestigt. Aber diese restlose Hingabe an unser Vaterland begründet auch unseren Anspruch, den die Festredner der Vierteljahrhundertfeier der Gründung der „Union" in die folgenden Worte kleideten und wofür ich nicht erst neue finden muß. Prof. Salomon Ehrmann sagte: „Die österreichischen Juden verlangen, daß auch ihre Rechte als Staatsbürger auf Gleichheit vor dem Gesetze aufrechterhalten werden, fest und ruhig, nicht flehend, auf ihr Recht pochend." Und Julius Ofner: „Wir wollen keine Sonderrechte, wir wollen aber als Menschen und Staatsbürger anerkannt sein, gleich den anderen allen. Wir wollen vor den anderen nichts voraus haben, aber auch nicht weniger als diese anderen." Seither ist es viel schlimmer geworden. Die Rechtsentwicklung in Deutschland hat sich von der festen Maxime des Kaisers Franz Josef „iustitia regnorum fundamentum" entfernt und ist über den Satz: „Verträge sind Fetzen Papier" auf dem schwanken Boden des Grundsatzes „Recht ist, was Bad Ischl Pension Lehner BrennsrstraBe 19 taM Stier OTofjtgeborcn ljöUid)ft ein, Öftren Sommer» attfenUjatt Darf 311 oerbringen. Streng rituelle äädje mit eigenem SrSätfjter. ©roger (eftattiger Warfen, fcftSue Balltone, erflMaffige Siüdje. Solle qienfion pro Zag aon S 7-10. Slnshmnjt bis 18. Quni oon 1-3 Ul>r «ad)mitlag, _9. Be3„ (BlatergaKc -fci/5, Setepfto» B 19.9.72. dem eigenen Volke nützt" angekommen. Darin glaubte man, eine Begründung für die Entrechtung unserer deutschen Glaubensgenossen gefunden zu haben. Aber auch die deutschen Juden, denen wir in dieser feierlichen Stunde unsere glaubensbrüderlichen Grüße senden, geben ihre Ansprüche nicht auf. Der große ungarische Staatsmann Franz Deak hat gesagt: „Ein Recht, das mir genommen wird, kann ich wieder erobern, ein Recht, das ich selbst aufgebe, habe ich für immer verloren." In diesem Zusammenhang gehört es, wenn ich mich mit der Stellung der „Union" zum Zionismus befasse. Es bleibt bei der Erklärung unserer Delegiertenversammlung vom 17. Mai 1916: „Es muß ein scharfer Trennungsstrich zwischen der Beteiligung am Palästina-Aufbau und der jüdischnationalen Landespolitik gezogen werden." Wir werden eine Identifizierung des Zionismus mit dem jüdischen Nationalismus entschieden ablehnen. Theodor Herzl hat die Aufgabe des Kampfes gegen den Antisemitismus gepredigt, „Sieg der Christen, Friede den Juden". Wobei die Antithese schon daran krankt, daß der wahre Christ keinen Judenhaß kennt. Wir sind aber für den Aufbau Palästinas, und haben durch das jahrzehntelange Opfer tatkräftig bewiesen, aber nur für heimatlose Juden aus religiösen und humanitären Gründen, und ohne jedes politische oder nationale Ziel, keinen Judenstaat, weil dadurch entgegen der Baliour-Deklaration die politischen Rechte der Juden in ihren Heimatländern beeinträchtigt werden. Lloyd George hat im Jahre 1936 im englischen Unterhause die Geschichte des Entstehens dieser Balfour-Deklaration erzählt. Die Lage des Empire erforderte Sympathien und Hilfen auf der ganzen Welt, diese wollte England wenigstens bei den Juden des Erdenrundes sich durch die Balfour-Deklaration erwerben. So wurde den Juden ein national home versprochen. Aber dreizehn Jahre später erkannte man die Fata Morgana! Chaim Weizmann, der Vorsitzende der Exekutive, sagte im Jahre 1930: „Im Nebel des Krieges glaubten Lloyd George, Batfour und ich an einen Judenstaat, die Nebel sind verflogen, der Traum ist ausgeträumt, es wird nie einen Judenstaat geben." Die Balfour- Deklaration spricht nur von einem national home JSeite 3 i n Palästina und nicht von Palästina a 1 s national l'.ome. Die „Union" gibt den Kampf gegen den Antisemitismus nicht aut. Die Bekämpfung des Antisemitismus gehört zu ihrem Programm, aber wir bekämpfen ihn nicht mit dem jüdischen Nationalismus, sondern vom Standpunkte der Menschlichkeit. Und wir sagen mit den Worten, die Shakespeare dem Shylock in den Mund legt: ..Warum hetzt Ihr meine Feinde wider mich? Weil ich ein Jude bin. Hat der Jude keine Augen? Hat er keine Hände, Füße, Herz und Sinne. Leidenschaften. Liebe und Haß? Ist er nicht durch die gleichen Speisen ernährt, durch die gleichen Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, durch dieselbe Medizin geheilt, friert er nicht im Winter, ist ihm nicht warm im Sommer? Wie der Christ. Wenn man den Juden sticht, blutet er nicht und wenn man ihn kitzelt, lacht er nicht? Wenn man ihn vergiftet, stirbt er nicht? Der Jude ist also ein Mensch mit allen seinen Fehlern und Vorzügen." Und was wirft der Antisemitismus dem Juden vor? Klagt die Menschheit sich nicht selber an. wenn man den Materialismus und Mammonismus dem Juden vorhält? Das heilige Land war nicht das Land des Goldes und des Silbers und das Land der Edelsteine. Es war das Land, wo Milch und Honig floß, ein Land der Landwirtsciiaft, des Kornes und des Weines. Die Juden waren kein Stadtvolk, keine Händler, Geldverleiher und Financiers, sondern Bauern. Den Juden wurde der Erwerb ven Grund und Boden verwehrt. Hat man dann das Recht, sich darüber zu beklagen, daß die Juden jetzt Händler sind und auch Geldgeschäfte machen? Ein Edikt des Papstes Pius V. verbietet den Juden, mit den Christen in irgend eine Art geschäftlichen Verkehrs zu treten, mit Ausnahme des Handels mit alten Kleidern. Mande Royden, der berühmte Kanzelredner, sagte in Guildhall im Oktober 1936: „In jeder möglichen Art und Weise haben wir die Juden von uns selbst fernegehalten, und da wollen wir uns darüber beklagen, daß es Juden gibt, die dabei verharren, daß sie ein eigenes Volk sind. Wir ernten nur, was wir gesät haben." Wir stehen aber nicht auf diesem Standpunkte. Wir Juden stellen, um mit Coudenhove-Calergi zu sprechen, „nur durch unsere Religion eine eigene species dar, in allen anderen Beziehungen sind wir gleichberechtigte und gleichverpflichtete Bürger des Staates, in dem wir leben." Man hat zu den verschiedensten Zeiten die größten Anstrengungen gemacht, uns auszurotten. Aegyptische Pharaonen, assyrische Könige, römische Kaiser, Kreuzfahrer aus aller Herren Länder, gotische Fürsten, die Zaren Rußlands, die heilige Inquisition haben alle ihre Energien aufgewendet, um dieses Ziel zu erreichen. Ausbürgerung, Verbannung, Gefängnis, Enteignung, Folter, Massaker, ein seltsames System der Erniedrigung menschlicher Sitten und Gesetze wurde angewendet, vvelches das Herz eines jeden anderen Volkes gebrochen hätte — es wurde vergeblich gegen die Juden angewendet. (Disrae)i) Die Juden dürfen also die Wellen des Hasses, die ihnen heute entgegeniluten, nicht als etwas Dauerndes. Ständiges, Unveränderliches und Unüberwindliches ansehen. Es sind Wellen, die verebben werden, wenn der Sturm der Irregeführten und Verhetzten sich gelegt hat. Nehmen wir uns ein Beispiel an dem heldenhaften jüdischen Franzosen Dreyfus, dessen Drama die „Union" in der Berichtsperiode, von seiner Unschuld überzeugt, miterlebt hat, der in der Zeit, da Frankreich vom Judenhaß überflutet schien, nicht aufhörte zu beteuern: „Das ist nicht Frankreich, das ist das Werk böser Menschen, die in jeder Nation zu finden sind. Frankreich ist edel, hilfreich und gerecht. Es wird mir Gerechtigkeit widerfahren lassen." Und so geschah es auch. Die Allwcttcr-Tcrrasse wieder e GREINER singt, BARTOS spielt im CäfC"ßCSf. FCfZCr an der Schwedenbrücke. », an Wochentagen auch keinerlei Zuschlag, an Sams-