Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 19 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 19 — 14. Mai 1937 DIE WAHRHEIT Orthodox nro Kfndercrholniigslieiiit LCYOCfl sioraKd__ ige Zimmer, erstklassige Verpflegung Ärztliche und pädagogische Aufsicht, Bade-, Sport- und Spielgelegenheit 9 Prospekte und Auskünfte durch die Schule, des Israelitisch-Theologischen Seminars, dessen Hörer in allen Weitteilen ihrer erhabenen Mission obliegen, als Gast in unserer Versammlung erschienen ist. Mit großer Warme wendete sich der Vorsitzende nun der Abordnung unserer Schwestergemeinde, der israelitischen R e 1 i 2 i o 11 s g e;n e i 11 d e und der israelitischen Landeskaiizlei in Budapest, welche durch die Herren Kultusvorsteher N a g y und ihren Generalsekretär Eppler vertreten war, zu. Er erinnerte an die imposante Feier des 125jähr,gen Gründungsiubiläums dieser Gemeinde im Jahre 1925, welche mit dem 30jährigen. Jubiläum der Rezeption der israelitischen Konfession :n Ungarn verbunden war, zu welcher Feier die ..Union"' den derzeitigen Vizepräsidenten der Kultusgemeinde und der ..Union", Herrrn Dr. Josef Ticho. und den Vorsitzenden selbst entsendet hatte. Aber neben der Erinnerung an die herrlichen Festtage, erfüllt von bezaubernder magyarischjüdischer Gastfreundschaft, hattet in ihrem Gedächtnisse unauslöschlich die Erinnerung an die begeisterte und begeisternde Rede des großen Juden Vaszony V.ilmos. weicher als Justizminister des letzten ungarischen Königs Karl IV. den Ministereid auf die Thora ablegte. Seine Rede fand um so willkommeneren Widerhall in unseren Herzen, wa'l sie uns den Beweis der völligen Uebereinstimmiing zwischen der Auffassung dieses so bedeutenden Mannes über die Aufgaben des Judentums in seinem Lande mit den Zielen und Idealen der „Union" in unserem Vaterlande brachte. Wehmutsvoll teilte der Vorsitzende der sich erhebenden Versammlung mit. daß der Präsident der Budapester Gemeinde, welcher deren Geschicke seit mehr als zehn Jahren mit glaubensbrüderlicher Liebe, mit tiefem Verständnis und mit ruhiger Hand leitet, durch das plötzliche Abieben seiner Gattin an der Reise zu uns verhindert wurde und daß wir ihm durch die erschienenen Vertreter den Ausdruck des herzlichen Beileides und der tiefgefühlten Anteilnahme entbieten wollen. Bei dem Feste hatte sich auch eine Vertretung des „Bundes jüdischer Frontsoldaten", geführt von dem Bundesführer, Herrn Hauptmann Edlen von Friedmans und des „Reichsverbandes jüdischer Legitimisten", unter Führung des HeTrn Kaiserl. Rat Löwin, eingefunden. Der Präsident, Herr Dr. Orn stein, begrüßte sie als lebende Widerlegung antisemitischer Bosheit und Niedertracht, welche unserer Glaubensgenossenschaft die Vaterlandsliebe bestreiben wollen, sie seien vielmehr die lebendigen Zeugen jüdischen glühenden Patriotismus, der das teuerste Gut, das Leben, einsetzt für das Vaterland. In der gebotenen Kürze begrüßte er auch die Vertreter zahlreicher Vereine. Wir würden jedem von ihnen gerne die Hand drücken, um ihnen unseren Dank zu sagen für die Sympathien, die sie unserem Vereine gegenüber, seiner Arbeit und seinen Zwecken durch ihr Erscheinen bekunden. Insbesondere dankte Dr. Ornstein Herrn Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Pick, Herrn Prof. H. Glücksmann und dem Vertreter der Türk.- Israel. Gemeinde Dr. H a im für iihr Erscheinen. Endlich wendete sich der Ehrenpräsident den Mitgliedern der „Union" selbst zu. Er wolle aus ihnen nur eine Gruppe besonders hervorheben, das sind unsere Alten, unsere Senioren, und zwar insbesondere jene, die schon im ersten Vierteljahrhundert als Vorstandsmitglieder oder als Mitarbeiter ohne Mandat in vorderster Reihe gestanden sind. Ihre Namen sind im 7. Kapitel der Festschrift verzeichnet, und zwar die Herren: Stadtbaumeister Edmund M e 1 c h e r und Univ.-Proi. Dr. Marcusz Hajek, der ehemalige Stadtrat Doktor Oskar Hein und Rechtsanwalt Dr. Alexander Mintz, der Pensionierte Rabbinatsselfretär Fuchs, Dr. Schreiber, Dr. Paul-Schdfi und schließlich der Präsident der heutigen Versammlung Dr. Ornstein. Und endlich nannte er auch eine Frau, die Witwe eines unserer hochverdienten Präsidenten, welcher ihr schon im Jahre 1910 im Tode vorangegangen war, und welche durch .ihr Wirken als die Lehrerin aller charitativ tätigen Frauen im Judentume der „Union", von welcher die Anregung zur Gründung des „Ferienheimes" ausgegangen war, zur großen Ehre gereicht Der jahrzehntelangen Mitgliedschaft dieser Frau Sofie Grünfeld müssen wir an dem heutigen Tage freudigst gedenken. Der Präsident glaube im Namen aller dieser Alten zu handeln, wenn er an dieser Stelle voll Dankes für unseren güt.gen Schöpfer den Vers variiert, den wir an unseren Feiertagen sprechen, daß Gott uns erleben und erreichen hat lassen diesen Freudentag der „Union", der für uns ein doppelter rreudentag geworden ist. An diese Begrüßung schloß sich die pietätvolle Erinnerung an die Toten des letzten Vierteljahrhunderts. Der Verein verzeichnet in seiner Festschrift (Anhang 2) eine große Zahl von verstorbenen Mitgliedern, die sich um die „Union" sehr verdient gemacht haben. Aber wir wollen auch jener ..unbekannten Soldaten" gedenken, die schon durch ihre Mitgliedschaft allein dem Vereine ihre Uebereinsthnnumg mit unserer Arbeit bekanntgegeben und so den Verein gefördert und gestützt haben. In jeder jüdischen Versammlung müssen wir auch unserer im Weltkriege Gefallenen, die zumeist in fremder Erde die ewige Ruhe gefunden haben, gedenken. Sie sind voll Begeisterung dem Rufe des greisen Kaisers gefolgt und haben die ruhmvollen Fahnen der österreichischen Armee getragen, um die Heimat zu verteidigen. Und vielleicht wird manchem von ihnen, bevor er die Augen zum ewigen Schlafe schloß, der Spruch Byrons auf den Lippen geschwebt haben: „Es ist nur ein Vaterland und du bist mein." Und für dieses „mein" haben sie ihr Leben als treue Söhne ihres Vaterlandes dahingegeben. Der Vorsitzende gedachte auch unserer deutschen Brüder, die ihr unglückliches Schicksal vorzeitig gefällt hat und deren viele im fremden Lande, das sie flüchtend betraten, in Not und Elend den Tod gefunden haben. JCucact Sauec&cimtt Ausflugsort u. Sommerfrische, Kohlensäurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigen Preisen. Auskünfte erteilt diefCurfcomm/jifon Sauerbrunn, die erbeseile des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wien I., Nlbclungengasse 1 Und endlich wollen wir unseren Blick auch nach, dem Lande unserer Väter richten, in welchem wir wieder neue Opfer fanatischen Hasses und aufgestachelter Volksleidenschaften zu verzeichnen haben. Sie sind wieder Blutzeugen, für die wir das Owinu Malkenu-Qebet sprechen können, daß sie getötet wurden um seines heiligen Namens willen, dahingeschiachtet um seiner Einheit willen. Der Gruß an unsere Toten wurde von der Versammlung stehend angehört. Und an die letzten Sätze dieses Grußes schloß sich das Schiwisi in meisterhaftem Orgelharmonium-Vortrage unseres gleich als Mann der Wissenschaft, wie auch als ausübender Musikus so überaus bedeutenden Mitgliedes, des Herrn Univ.-Proi. Dr. Hugo Stern. Hierauf hielt, mit stürmischem Jubel begrüßt, der Präsident der „Union", Herr Reg.-Rat Doktor Hermann 0 p p e n h e i m. folgende eindrucksvolle Festrede: Festrede Reg.'Rat Dr. Hermann Oppenheim. •Die Zeit, in der wir Juden jetzt leben, ist nicht dazu berufen, Feste zu feiern. Wir trauern ob der Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935 und allenthalben in Europa, in Palästina und auch anderwärts, erhebt die Frucht der Drachensaat des Nationalismus ihr giftiges Haupt. Wenn wir uns doch entschlossen haben, den fünfzigjährigen Bestand der „Union" feierlich zu begehen, so waren dafür drei Gründe bestimmend. Wir halten uns für verpflichtet, den Männern, die seit fünfzig Jahren für die erhabenen Grundsätze der „Union" unter dem Einsatz ihrer Persönlichkeit kämpften, den unauslöschlichen Dank der Nachfahren öffentlich zu bekunden, dann Rückschau zu halten nach dem zurückgelegten Weg und endlich zu prüfen, ob die Straße, die wir schreiten, die richtige ist und ob sie nicht in die Irre führt. Vor mehr als fünfzig Jahren wurde ein Wesen geboren, dem die Optimisten kein langes Leben vorhersagten: die „Oesterreichisch-Israelitische Union", die jetzt „Union österreichischer Juden" heißt. Wozu ein Schutzverein? Die Gleichberechtigung war erreicht, was konnte da noch viel geschehen? Caf€ Pension Echstein Semmering Die Zeiten der Blüten träume, die sich an die neue Verfassung vom Jahre 1867 reihten, welche die Gleichberechtigung der Juden wieder einführte, waren noch nicht ganz vorüber. Aber unverkennbare Zeichen des erwachenden Judenhasses und der Reaktion kündeten dem Sehenden das Ende des Völkerfrühlings. Das Wiederaufleben der Rituahuordlüge, in Ungarn der Tisza-Eszlaer Fall, in Oesterreich der Prozeß Rohling kontra Bloch, die aber beide noch mit einer schmählichen Niederlage der Ankläger endeten. In Deutschland die Wendung Bismarcks zum Antisemitismus, den er in seinem Kampfe gegen den Nationalliberalismus unter Lasker nicht entbehren zu können glaubte, Stocket, der Hofprediger, machte den Antisemitismus hoffähig, Treitschke öffnete ihm die Tore der Wissenschaft und Ahlwardt verführte mit ihm als Demagog das Volk, Georg Schönerer, der geistige Ahnherr Adolf Hitlers, machte schon den Unterschied zwischen Gastvolk und Wirtsvolk, zwischen Staatsbürgern erster und zweiter Klasse, zwischen Ariern und Semiten. In den „unverfälschten deutschen Worten" Georg v. Schönerers wurde mit den niedrigsten Beschimpfungen der Rassenhaß gepredigt. „Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse steckt die Schweinerei". Glauben wir nicht, die Stimme Streicher's. des Gauleiters von Franken, zu hören? Vernehmbar waren auch schon die Hep-Hep- Rufe des sogenannten „kleinen Mannes", dessen judenfeindliche Instinkte der Antipode Georg v. Schönsrer's. der ehrgeizige große Volksredner Dr. Karl Lueger zu seinem erfolgreichen Aufstieg zu benützen verstand. Die große liberale Partei wollte den „Deutsch- Nationalen" und Christlich-Sozialen, die ursprünglich unter Luegers und Gessmann's Führung sich „Vereinigte Christen" nannten und mit den Klerikalen sich verbanden, „den Wind aus den Segeln nehmen" — oh, Rabbi Akiba, wie hast Du recht, Alles ist schon dagewesen — und die Umbildung zur „nationalen" Partei vollziehen. Dadurch ist sie, wie das ein hervorragender Präsident der „Union", Sigmund Mayer, ausdrückte, ■ „insolvent" geworden. Die Ursache ist leicht zu erklären. Was ist der innerste Kern allen und jeden Liberalismus? Nichts weiter als die Gerechtigkeit für jeden und gegen jeden. Keine „spezifisch .nationale' Partei kann gerecht sein oder bleiben". So haben wir immer den Liberalismus aufgefaßt und so fassen wir ihn noch heute auf. Und deshalb haben wir die liberale Partei verlassen, als sie sich wandelte und den Kampf für Freiheit und Recht aufgab, „um nicht in den Verdacht einer Judenschutztruppe zu kommen". So waren, wie die Festschrift vom 10. April 1910 anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums sagt: „Sämtliche politischen Parteien Oesterreichs mehr oder weniger vom Antisemitismus durchseucht. Die Judenfrage und der Rassenhaß hatten alle politischen Gegensätze verschoben und die unnatürlichsten Bundesgenossenschaften zusrandegebracht. Uns war nichts geblieben als der Boden des Gesetzes und die Voraussetzung, daß sich die Behörden an das Gesetz gebunden fühlen". , Und geflissentlich schlössen unsere Glaubensgenossen die Augen vor der traurigen Wahrheit, daß die faktische Gleichberechtigung nur in ihrer Einbildung bestand und daß ihre Sonderstellung gegen ihren Willen bereits zur Tatsache geworden war." Und so mußten die österreichischen Juden die Verteidigung ihrer Rechte selbst in die Hand nehmen und es kam zur Gründung der „Union". Der Rabbiner Dr. Josef Bloch — Ehre seinem Andenken — hat zur Gründung einer österreichisch-jüdischen Bürgervereinigung am 15. Oktober 1884 in der Oesterreichischen Wochenschrift in flammenden Worten aufgerufen: „Die Antisemiten wollen uns unserer Rechte berauben, uns expatriieren, uns vom Erwerb ausschließen und mit dem Makel des Helotentums behaften ..." Mit stolzem Haupte, mit dem Bewußtsein, daß wir auf unserem Rechte bestehen, wollen wir uns sammeln und mit den geistigen Waffen, die uns zu