Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 17-18 (30.4.1937)
- Date
- 1937-04-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 17 — 30. April 1937 DIE WAHRHEIT Provinz einen Druck auf die Schlächter aus, den Juden keine Felle zu verkaufen. Herabsetzung des Schlachtvieh-Kontingentes ist ein nur zu gutes Mittel hierfür. Die jüdischen Handelsvertreter haben ausschlaggebende Fabrikanten verloren. Ihre Erwerbsmöglichkeit ist dadurch stark gemindert, weiter auch durch die Weigerung „arischer" Detaillisten, bei ihnen zu kaufen. Die Webereien haben auf Druck der Reichszeugmeisterei in München allen jüdischen Vertretern kündigen müssen. II. Die akademischen Berufe. Außer 8 Anwälten üi Stettin praktiziert in ganz Pommern noch je 1 jüdischer Anwalt in Neustettin, Stargard und Lauenburg, ein getaufter Jude in Kolberg. Sie sind fast ausschließlich auf jüdische Mandanten angewiesen. Mitte Januar 1937 wurden ihre arischen Angestellten durch die Arbeitsfront gezwungen, ohne Einhaltung der Kündigungsfrist ihre Stellungen bei den jüdischen Anwälten aufzugeben. Die Provinzanwälte verdienen ihr Existenzminimum nicht, ebensowenig die Hälfte der Stettiner Juristen. Die Praxis der etwa 20 Aerzte und 10 Zahnärzte, je zur Hälfte in Stettin und der Provinz, ist infolge der Boykottpropaganda sehr stark zurückgegangen. Jede kleinste Verfehlung gegen die Verordnungen der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands und ein Verstoß gegen die „Standesehre" kann zum Verhängnis; werden. In einem Falle wurde ein jüdischer Arzt, der bis zum Jahre 1933 eine umfangreiche Wohlfahrtspraxis unterhielt, fait (einjährigem Kassenentzug bestraft, weil er 3 WohJfahrrspatienten, 70 bis 76 Jahre alt, unentgeltlich behandelt hatte. Das „standeswidrige" Verhalten wurde darin gesehen, daß er sich durch die kostenlose Behandlung den Anschein eines besonders sozialen Arztes hätte geben wollen, um dadurch Patienten: anzulocken. Weiter habe er gegen die Interessen der zur Wohlfahrtspraxis zugelassenen „arischen" Aerzte gehandelt, denen er das ihnen für die Behandlung der drei Personen zustehende Honorar entzogen hätte. In einem zweiten Falle wurde ein halbjähriger Kassenentzug verhängt, weil der betreffende jüdische Arzt bei einer kinderreichen Familie nicht nur unentgeltlich behandelt, sondern auch auf eigene, Kosten Medizin mitgebracht harte. Die Existenz dieser beiden Aerzte ist natürlich für die Zukunft so gut wie erledigt.1 — In Stettin wurden vor einigen! Monaten 5 Aerzte, darunter ein Jude, wegen Abtreibung verhaftet. Der Jude mußte nach Wochen entlassen werden. Von den vier „Ariern", denen man nachsagt, ihre Spezialbetätigung sei am laufenden Band vorgenommen, haben zwei in der Haft Selbstmord verübt, uralte Parteigenossen in hohen Stellungen. Der Gauarzt, Blutordenträger, wurde etwa zur gleichen Zeit wegen erheblicher Unterschlagungen festgenommen. ID. Die Lage der Juden im Ganzen. Abgesehen von einigen, allerdings schweren Gewalttätigkeiten, ist es zu offenen Uebergriffen gegen Juden im letzten Jahr nicht gekommen. Vor Gewalttätigkeiten wird nämlich strengstens gewarnt, wobei ausdrücklich auf die schädliche Wirkung im Ausland hingewiesen wird. Die Absonderung von den „Ariern" ist dagegen vollkommen durchgeführt. Arbeitsfront, Frauenschaften, Hitlerjugend und Bund deutscher Mädels haben mit ihrer antisemitischen Erziehungsarbeit restlos Erfolg gehabt. Die Schulungsabende der Parteigliederungen, der SA und SS, sowie die Beamtenschaft beschäftigen sich nach wie vor besonders eingehend mit der Judenfrage. Die jüdischen Schüler, vor allerrti in den kleinen Orten, sind einem seelischen Martyrium unterworfen. Nach der Sommerkampagne 1935, die zur Vorbereitung der Nürnberger Gesetze die „Volksseele zum Kochen bringen" sollte und schwerste Terrorakte zur Folge hatte, trat eine äußerliche Beruhigung ein. Die verhältnismäßig wenigen späteren Uebergriffe standen im Zusammenhang mit wirklichen oder vermuteten Rassenschändungen oder Wirtschaftsschädigungen. Den der Rassenschande Verdächtigten wurde durchwegs übel mitgespielt. Nach wie vor werden Juden wegen irgend welcher erfundenen Delikte in Schutzhaft genommen, in vielen Fällen kommt es ohne Verfahren wieder zur Freilassung, die Existenz ist aber in jedem Fall vernichtet. Eine große1 Rolle spielen Höchstpreisübertretungen, bei der Vielzahl der Verordnungen ein heikles Kapitel. Die Ankündigung eines „Jubiläumsverkaufes" anläßlich des hundertjährigen Bestehens eines Textilgeschäftes wurde zum Anlaß einer Boykottaktion größten Ausmaßes gemacht. Das Weihnachtsgeschäft 1936 brachte verschiedene Zwischenfälle. Am schlimmsten ging es in Lauenburg zu, wo SA und SS die Eingänge der jüdischen Geschäfte blockiert hielten, Käufer mißhandelten und wo sogar Stinkbomben in einen größeren Laden geworfen wurden. Die Ordnung konnte nur sehr schwer wiederhergestellt werden. Die Judenfrage in Polen. Judengegnerische Erklärungen des Obersten Kowalewski. Der Stabschef des Lagers der Nationalen Einigung, Oberst Kawalewski, hat in Ergänzung seiner bei einer Pressekonferenz gemachten programmatischen Ausführungen weitere Aufklärungen über den Standpunkt des Lagers in der Judenfrage erteilt. Kowalewski erklärte, seine Feststellungen bei der Pressekonferenz seien, wie er aus den Veröffentlichungen in den Zeitungen ersehe, von den anweisenden Journalisten teilweise mißverstanden worden. Man habe seine Aeußerungen dahin interpretiert, daß polnische Juden Mitglieder des Lagers werden können, wenn sie sich als Po'leh erklären. Das sei nicht richtig. Es werde nicht genügen, zu sam Die besten Eiset Wirstui Seltvarei 3mal täglich frisch bei Mio. NHL, NM* S Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S "J2.— aufw. Hochzeiten. Diners und' andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. gen: „Ich bin ein Pole", um in das Lager aufgenommen zu werden. Ausnahmen könne es geben, aber im alägemeinen würden nichtkatholische Polen der Gruppe nicht angehören können. Kowalewski gab zu, daß es Juden gibt, die für Polen gearbeitet und für seine Unabhängigkeit gekämpft haben. Aber auch das sei nicht ausreichend, um in das Lager der Nationalen Einigung aufgenommen zu werden. Wir achten die Juden, sagte der Oberst, die als Frontsoldaten gekämpft 'haben; dennoch können sie nicht Mitglieder unseres Lagers werden. Die Judenfrage sei eines der wichtigsten Probleme Polens, hauptsächlich darum, weil die Zahl der Juden in Polen so groß sei. Grundsätzlich könne dies Problem durch Auswanderung gelöst werden. Diese Mitteilungen Kowalewskis stellen eine schwere Enttäuschung für die polnischen Juden dar. Sie sind aber zugleich für die polnischen Juden ein schwerer Schlag, da die Entwicklung deutlich auf eine Diskriminierung hinweist. In offiziellen Kreisen meint man, daß die endgültige Lösung des jüdischen Problems eine Massenauswanderung wäre, daß man aber auf diese. Lösung nicht warten könne. Es müßten alle erdenklichen Schritte getan werden, um das Wirtschaftsleben Polens radikal zu podonisieren. In allC0 Versicherungsangelegenhelten — x u « ■> s 1 ^tsichetungsstdCe ^■^^ der „Union", I., Sehottenrlng 25, Telephon A. 19-2-77, jeden Montag und Freitag von 10 bis 12 Uhr vormittags. / Leiter: Komm-Bat Alexius Salzer; Für Lebensveroichercuigaberatniig haben wir einen Spezlalfachmann bestellt, welche unsere Mitglieder beonder* günstig beraten wird. Erklärungen des neuen Lemberger Wojwoden. Der neue Wojwode des Lemberger Kreises, B i l y k, hat anläßlich seines Amtsantrittes Pressekonferenzen für die Vertreter der in Ostgalizien erscheinenden polnischen, ukrainischen und jüdischen Zeitungen veranstaltet. Der Wojwode erklärte bei dieser Gelegenheit, er würde es für ein Verbrechen halten, judenfeindliche Ausschreitungen zu dulden. Er versprach, energische Maßnahmen zur Unterdrückung antijüdischer Unruhen zu treffen und die Schuldigen streng zu bestrafen. Jüdischer Student bei Lodz ermordet. Harte Strafen für Proteste gegen antisemitische Exzesse. Im Dorfe Korzawa bei Lodz wurde der jüdische Student HerzZwi von Hiu 1 igans so bestialisch mißhandelt, daß er im Hospital, wohin er gebracht wurde, seinen Wunden ■erlag. Das Gericht in Wilna verhandelte gegen sechs junge Juden, die beschuldigt waren, an einer Kundgebung gegen die Wilnaer antijüdischen Exzesse im November 1936 teilgenommen zu haben. Ein Jude wurde zu sechs, ein zweiter zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, die übrigen vier wurden als jugendliche einer Zwangserziehungsanstalt überwiesen. Ausschaltung der Juden aus städtischen Ehrenstellen und Diensten. In Warschau tagt gegenwärtig der Kongreß der polnischen Städte bei Anwesenheit von 500 Delegierten aus 330 Städten. Die vom Advokaten Kowalski geführte Fraktion der Nationaklemokraten brachte gleich bei Aufstellung der Tagesordnung den Antrag ein, daß aus sämtlichen städtischen Instanzen in Polen Juden, einerlei ob sie Ehrenstellen oder bezahlte Dienststellen bekleiden, ausgeschaltet werden. Der anwesende jüdische Stadtrat von Stanislau, Haber, protestierte gegen diesen Antrag, doch wurde er durch Lärmen der Antisemiten am Sprechen verhindert. Obwohl der Direktor des Städteverbandes erklärt hatte, er könne einen Vorschlag, den Arierparagraphen gegen Juden in der Stadtverwaltung einzuführen, als verfassungswidrig nicht zur Abstimmung bringen, wurde in einem Ausschuß, in dein die Nationaldemokraten die Mehrheit haben, dennoch beschlossen, daß weder Juden noch Kommunisten künftighin Zutritt zur Gemeindeverwaltung haben. Staatsbürger, nicht Minderheitsangehörige t Der rumänische Kultusminister I s m a n d i hielt im Zusammenhang mit den bevorstehenden Gemeindewahlen in der Stadt Jassy dort eine Rede, in der er für die liberale Partei warb und diese als die „nationale 'Demokratie" bezeichnete. Zum Schlüsse wandte sich Minister Victor Iamandi an die jüdischen Wähler mit folgenden Worten: „Auf Haß und Mord kann man nichts aufbauen. Ich habe die Juden nie als Minderheitsangehörige betrachtet, sondern als gleichwertige und gleichberechtigte rumänische Staatsburger. Jenen, die versuchen, das, was in Deutschland geschieht, bei uns nachzuäffen, sei die edle Seele -. unserer Bauern gegenübergestellt. Ich bin überzeugt, daß die Juden unsere Politik gutheißen und uns die uns gebührende Genugtuung verscharfen werden."