Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 17-18 (30.4.1937)
- Date
- 1937-04-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 17 — 30. April 1937 DIE WAHRHEIT SecLu^e*^ Ki^ldw^- -gwu dtsüvart^}YWiJbvri l-u.K^vcIe^u iaa. % RhX^Xvv vvwt ik/L S-B^ov kl&/ctt&enfee/i$ uWi.,-R>ö>tf eq>-3 JCutaU Sauez&cww Die Vernunftf marsdiieri? Im Jahre 1936 wanderten, wie wir in einer unserer letzten Nummern berichteten, auf Grund der Statistik der Jewish Agency rund 30.000 Juden in Palästina ein. Gegenüber 1934 ergibt dies eine Verminderung um etwa 30 Prozent, gegenüber 1935 um ungefähr 50 Prozent Das sind einwandfrei festgestellte Zahlen und jeder unvoreingenommene Beobachter oiuß sich sagen, daü diese Zahl von 30.000 Einwanderern nicht einmal einen Tropfen auf einen heißen Stein bedeutet, daß sie verschwindend klein ist gegenüber der gewaltigen Menge von Juden, die gezwungen sind, ein neues Heim in der Fremde zu suchen. Für diese Bedauernswerten handelt es sich nicht allein darum, auf Schiffen und in Eisenbahnen verfrachtet zu werden, sondern die Möglichkeit zu haben, wenigstens eine primitive Existenz auf landwirtschaftlicher oder handwerklicher Basis in dem neuen Lande, zu erringen. Eine richtige jüdische Auswanderungspolitik muß, wie Hans G o s 1 a r im „R u f" schreibt, nicht allein die Menschen schematisch aus Ländern sozialen und politischen Drucks herausführen, sondern sich auch für die Zukunft der transplantierten Gruppen verantwortlich fühlen. Goslar fordert eine auf breitester demokratischer Form angelegte und in ihrer Arbeit vom Judentum kontrollierbare zweite Jewish Agency, die die unbestreitbare Legitimation besitzt, um mit allen in Frage kommenden Regierungen unterhandeln zu können, die aber ebenso auch ein so weitgehendes Vertrauen und eine so starke moralische Autorität besitzt, wie sie erforderlich ist, um über den Rahmen der bisherigen Sammlungen hinaus die großen Geldbeträge aufzubringen, die nötig sind. Ueber die Voraussetzungen jüdischer Wanderungspolitik äußert sich der mehr den Jüdischnationalen nahestehende Rabbiner Dr. Arthur Prinz im Berliner „Morgen" folgendermaßen: „Die ungeheure Erschütterung der jüdischen Position nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen, Rumänien und anderen Ländern, ja mehr oder minder in dem ganzen von etwa 6 Millionen Juden bewohnten Raum zwischen der Ostsee und dem Aegäischen Meere, der russischen Westgrenze und dem Rhein, hat eine solche Not und einen solchen Auswanderungsdrang gezeitigt, daß auf die Dauer selbst die stärksten Scheuklappen der Parteidoktrin nicht mehr die doppelte Erkenntnis von der Unzulänglichkeit Palästinas als Einwanderungsgebiet wie von der kaum zu überschätzenden Bedeutung einer richtig geleiteten Auswanderung werden verhindern können. Das durchaus abnormale Bild der letzten Jahre, in denen die weite Welt dem jüdischen Einwanderer fast verschlossen war, Palästina aber weit offenstand, v/ird in den nächsten Jahren zweifellos eine starke Korrektur erfahren, wenn wir auch schwerlich iemuls wieder die schrankenlose Freizügigkeit der Vorkriegszeit erleben werden. Die fortschreitende Erholung der überseeischen.Länder von der Krise muß zur Steigerung ihrer wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit und über kurz oder lang auch zur Lcclerung der Einwanderungsbeschränkungen führen. Dazu kommt, daß die fortschreitende Industrialisierung vieler überseeischer Staaten sie auch für die Aufnahme städtischer Elemente, wie die jüdische Auswanderung sie in so großer Anzahl enthält, geeigneter machen muß. Noch eine ganze Reihe änderer Faktoren, deren Aufzählung zu weit führen würde, macht es wahrscheinlich, daß sich die Chancen der jüdischen Ueberseewanderung in den nächsten Jahren erheblich bessern werden. Ohne allen Zweifel aber würden sich diese Möglichkeiten um ein Vielfaches erhöhen, wenn auf die Umschichtung, planmäßige Lenkung und Unterbringung der jüdischen Ueberseewanderer auch nur ein Bruchteil der poetischen Energie und der wirtschaftlichen Mittel verwendet würde, die für die Palästinawanderung fortlaufend aufgewendet werden. Trotz der unzweifelhaften Steigerung des Nationalismus in fast allen Einwanderungsländern ist es sehr wahrscheinlich, daß der Anlegung großer, geschlossener gemischt-wirtschaftlicher jüdischer Siedlungen in klimatisch und wirtschaftlich ausgezeichnet geeigneten Gebieten keine allzu großen Hindernisse entgegenstehen würden, — sofern freilich von vornherein die Gewähr dafür gegeben schiene, daß politischer Ehrgeiz bei derartigen Gründungen nicht im Spiele wäre, sondern daß sich die Einwanderer mit der Erhaltung und Pflege ihrer religiösen und kulturellen Eigenart begnügen würden." In einem Brief an die „T i m e s" vom 16. März schreibt Lord Lamington, daß es notwendig wäre, für die überschüssigen jüdischen Massen Osteuropas Länder zur Ansiedlung zu finden, da Palästina mit der Gefahr der immer wiederholten Aufstände eine Gefahrenquelle für das Empire werde. Das Land könne selbst nach blutigen Kämpfen nicht alle Einwanderer aufnehmen, und selbst wenn die Kgl. Kommission eine Lösung für die Gegensätze in Palästina finden sollte, würde das Problem der unzureichenden Größe des Landes bestehen bleiben. Auch sei es falsch, Juden und Zionisten gleichzusetzen. Viele Juden würden glücklich sein, in einem anderen Teil der Welt in Frieden wohnen und die jüdische Religion beobachten zu können. Zionisten und Nichtzionisten suchten deshalb jetzt gemeinsam nach Ansiedlungsmöglichkeiten, vor allem in britischen Gebieten. Die Freilandbewegung sei in ständigem Wachstum. In diesem Zusammen- Uli Pension Echstein Semmering hang weist der Schreiber auch auf das Buch von Leftwich „What Will Happen to the Jews?" hin, in dem bekanntlich ebenfalls eine territoriale Lösung außerhalb Palästinas verlangt wird. Der Brief schließt: „Sollte es nicht möglich sein, einen Platz für diese unglücklichen Juden zu finden, wo es kein hinderndes arabisches Problem gibt und wo es ihnen mit Hilfe der Fonds der jüdischen Organisationen und Persönlichkeiten in Europa und Amerika möglich wäre, zur Entwicklung der Industrie beizutragen, da es zur Zeit ge- Ausflugsort u. Sommerfrisdie.Kohlensäurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigenPreisen. Auskünfte erteilt dieKurkommlssloa Sauerbrunn, die herbestelle des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wien I., N/be/unsancrasse 1 fährlich unterbevölkerte Gebiete des Empires gibt — ohne England oder die Dominion-Regierungen in finanzielle Kosten oder Risiken zu stürzen? Es läge im Interesse der jüdischen Organisationen, nur die fähigsten Siedler hierfür auszuwählen." Die Zeitschrift „Great Britain and the E a s t", bekanntlich das Organ des Kolonialamtes, weist darauf hin, daß der Welt die Not tausender Juden in den osteuropäischen Ländern immer mehr bewußt wird. Das britische Volk habe volle Sympathie mit diesen notleidenden Juden. Die Pläne für jüdische Kolonisation in Ländern außerhalb Palästinas würden bei ihm voraussichtlich Interesse finden. Fest steht bei jedem nüchternen Beobachter der tatsächlichen Verhältnisse — und solche muß es doch auch bei den Jüdischnationalen geben —, daß der leider so große Strom der eine neue Heimat suchenden Juden in noch aufnahmsfähige Länder gelenkt werden muß, wo sie sich eine neue Existenz schaffen und bei aller Anpassung an ihre Umgebung ihrer Religion treu bleiben können. Großsiedlungen von Juden in fast oder gar nicht bevölkerten Gebieten anzustreben und zu errichten, das ist die große Aufgabe der Gegenwart, für die der in Holland erscheinende „Jüdische Volksdienst" wirbt. Es ist dies das Ziel des Territorialismus, der „F r e i l a n d" - Bewegung, die, so sollte man meinen, von jedem, der es ehrlich mit seinen bedrängten, entwurzelten Glaubensgenossen meint, als richtig anerkannt und auch vom Zionismus, wenn schon nicht gefördert, so doch wenigstens nicht in gehässiger Weise bekämpft werden sollte. Aber es scheint, daß der Zionismus sich bei allem zunächst die Frage stellt: „Inwiefern nützt oder schadet es der Bewegung?" Steht ein Nutzen in Aussicht, dann wird in der gleichgeschalteten Presse und den ihr nahestehenden Organen die Reklametrommel gerührt. Droht ein Schaden, dann wird die „Konkurrenz" totgeschwiegen oder ein wahres Kesseltreiben gegen sie eröffnet, wobei es mit der Logik nicht sehr genau genommen wird und die Schärfe des Ausdruckes über die Angst um die heiligsten Güter (lies: Einnahmen) hinwegtäuschen soll. Die Steuerpolitik der Jüdischnationalen. Die jüdischen Steuerträger Wiens haben mit Bestürzung Kenntnis genommen von dem Anschlag der derzeitigen Machthaber der Kultusgemeinde auf die Taschen der um ihre Existenz schwer ringenden Juden. Trotz der Warnungen der Vertreter der „Union", welche die Tragfähigkeit der jüdischen Steuerträger kennen, haben die Herren Jüdischnationalen im Vereine mit den Pseudodemokraten den Juden Wiens eine Zwangssteuer aufgebürdet, die Zwecken zugeführt werden soll, die nicht in den Pflichtkreis der Kultusgemeinde fallen. Unabsehbar werden die Folgen dieser Maßnahmen sein. Rekurse aller von dieser Maßnahme Betroffenen werden auf der Tagesordnung sein. Verbitterung gegen die Kultusgemeinde wird jene Juden erfüllen, die nur noch mit einem dünnen Faden am Judentum hängen. Der bedrohliche natürliche Rückgang der Wiener Juden wird durch diese engherzige und einsichtslose Behandlung der jüdischen Steuerträger nur noch vergrößert. Die vielen humanitären Vereine, die auf die Wohltätigkeit der Steuerzahler angewiesen sind, werden ihre, dem Wohle der Armen und Hilfesuchenden gewidmete Tätigkeit einschränken, in vielen Fällen gänzlich einstellen müssen. Die Fürsorgeanstalt der Kultusgemeinde wird ein Vielfaches dessen aufwenden müssen, was durch den Steuexekuto r an Steuergeldern hereingebracht werden wird. Was von den Beteuerungen der Majorität zu halten ist, kann man daran erkennen, daß viele Angestellte eine bis 60 Prozent erhöhte Steuervorschreibung erhielten. Das Gerücht geht um, daß diel Jüdischnationalen schon vor den Wahlen die Erhöhung der Steuern um 50 Prozent beschlossen hätten und daß sie nur aus wahltaktischen Gründen die Ausführung ihres Anschlags verzögerten. Noch vorige Woche hat die „Stimme" ihren Lesern mitgeteilt, daß von der Erhöhung nur die Höchstbesteuerten betroffen werden. Auch die Eile, mit welcher die erhöhte Steuervorschreibung erfolgt, macht verdächtig. Am Ende braucht vielleicht die Gemeinde Geld für notleidende iüdischnationale Parteiinstitutionen oder für ihre Protekrionskinder? Wir könnten eigentlich mit den Gawaltstraichen der Jüdischnationalen sehr zufrieden sein. Sie werden auch den Lauen und Indifferenten die Augen öffnen. Sie werden ihre Bedrücker wegschicken. ] ödischesHulturtheatBP L, Franz Josefskai 3 Tägli* 8 Uhr abends in deutsdier Spradie Uffl CHCC" Lion FBuchtwangers „Juli UlluU