Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 17-18 (30.4.1937)
- Date
- 1937-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. D. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedle par redtteur" Jüdische IDochenschrift Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 53. Jahrgang Wien, 30. April 1937 Nummer 17 Die Erklärung des Bundeskanzlers. Rasiere Dldi gut und billig Das „Kärntner Tagblatt" schrieb jüngst: „Dje Nazisten haben seit Jahr und Tag hinreichend Beweise erbracht, daß sie über dia Brücke, die politische Konstrukteure zu bauen sich verpflichtet fühlen, nicht herüber wollen; es wird nicht viele Patrioten geben, die vereinzelten Zusicherungen überhaupt je getraut haben.". Dieses in der vaterländisch e/mpfindenden österreichischen Bevölkerung zuriefst eingewurzelte Mißtrauen gegen die Hakenkreuzler ist denn auch jüngst zu gewaltiger Niedergeschlagenheit gesteigert worden, als leichtfertige Hände von Italien her das Gerücht verbreiteten, der österreichische Bundeskanzler habe sich in Venedig dem Duce gegenüber verpflichtet, in die Regierung einen Nazivertreter aufzunehmen. Nur durch das sofortige und entschiedene Dementi dieser Ausstreuung wurde einer drohenden Panik gesteuert. Dr. Schuschnigg hat durcbl die Raschheit und Energie, mit der er der Auffassung entgegentrat, daß der außenpolitische Palet mit Deutschland die innerpolitische Gleichschaltung Oesterreichs mit dem Naziregime im Dritten Reiche zur Folge haben müsse, wieder einmal bewiesen, daß er die höchste Fähigkeit des berufenen Staaisführers und die größte Tugend eines solchen besitzt: das Talent, in der Seele des Volkes zu lesen, und den Mut, sich an deren edlere Regungen zu halten, wie sie z. B. in jener Mahnung zum Ausdruck kommen, die vor kurzem ein Leser des katholischen Wiener „Neuigkeitsweltblatts" in der Rubrik „Der Leser hat das, Wort" veröffentlichte: „Als schwarzgelber Katholik empfinde ich es als Kultur schände, Rassenhaß zu propagieren, noch dazu in einem katholischen Blatte; dazu eignen sich die betont nationalen Blätter viel besser. Mit dem Antisemitismus fängt es an und mit dem Kampf gegen die Kirche hört es auf! Traurig, daß es noch Christen gibt, die diese Zusammenhänge noch nicht begriffen haben!" Diese Kritik des einfachen Mannes aus dem Volke, der seinen politischen Lehrmeistern ihre geistige Unzulänglichkeit zu diesem angemaßten Berufe bezeugt, ist ein erfreulicher Beweis für die gesunde Urteilskraft des österreichischen Zeirungslesers, der sich auch von Druckerschwärze nicht imponieren und sich von solchen Schriftleitern nicht dumm machen läßt, die geistig bankerott sind, wenn sie nicht auf die Juden schimpfen können, und daher in dieser Tätigkeit unbeirrbar fortfahren, obwohl die Entwicklung im Dritten Reiche zeigt, daß der konsequent fortschreitende Antisemitismus dem Christentum noch viel gefährlicher wird als dem Judentum. Denn dieses gewinnt durch den Judenhaß, mag er die einzelnen Juden auch zu bedauernswerten Glaubensmärtyrern machen, im selben Maße, in dem es die trostbedürftigen Seelen stählt und kräftigt, an eigener Lebenskraft und Unverwüsthchkeit Auf christlicher Seite aber verhält es sich gerade umgekehrt: Einzelne Katholiken sind durch die Judenhetze zu stolzer Höhe emporgetragen worden — Hitler-ist das erste katholische Staatsoberhaupt Deutschlands seit dem Ende des Heiligen'Römischen Reiches —, aber die katholische Kirche ist," seit sie" Vom Nationalsozialismus als „Judenmache" entlarvt wurde, in ihren Grundfesten erschüttert. Schon wird in Deutschland öffentlich erörtert, was mit den christlichen Gotteshäusern geschehen soll, sobald die kirchengläubige Generation von heute ausgestorben sein wird. Sie sollen, soweit sie aus architektonischen Gründen überhaupt der Erhaltung würdig befunden werden, von den religiösen Symbolen gereinigt und weltlichen Zwecken zugeführt werden. Es gibt aber Ungeduldige, die nicht so lange warten wollen, sondern schon jetzt mit diesem Säuberungswerk beginnen. So wurden in Balwa (Westfalen) Kruzifixe zerstört und mit Zetteln beklebt, auf denen zu lesen war: „Nieder mit dem Judentum und dem Christentum!" Diese Inschrift, die in konzentriertester Form die weltanschaulichen Ziele des Nationalsozialismus zusammenfaßt, müßte selbst den kurzsichtigsten Fanatikern auf katholischer Seite klar machen, daß sie mit der Schürung.des--Judenhasses der Vernichtung ihres eigenen 'Heiligtums Vorschub leisten. Wenn sie schon nicht den Mut aufbringen, den Antisemitismus als den gemeinsamen Feind von Judentum und Christentum zu agnoszieren und ihn mit uns zusammen zu bekämpfen, dann sollten sie wenigstens der staunenden Umwelt die groteske Fratze ersparen, die sie zeigen, wenn sie mit einem nassen Auge das Unheil beklagen, das der Nazismus ihrer eigenen Kirche bereitet, und gleichzeitig mit einem heiteren das Unrecht bejubeln, das er den Juden zufügt. Diesen weder ästhetisch noch moralisch erfreulichen Anblick bietet z. B. die „Reichspost", wenn sie in ihrer täglichen Ausgabe die Nazibeschuldigung gegen katholische Klöster in Deutschland, sie hätten die Devisengesetze verletzt, alsplumpeVerle u*ndüngen hinstellt, ersonnen zu dem durchsichtigen Zwecke, das Klostervermögen beschlagnahmen zu können, aber in ihrer Montag-Frühausgabe, dem „Wiener Montagblatt", die Lauge ihres Spottes über die Bnei-Brith-Logen ergießt, denen jetzt im Dritten Reiche dasselbe widerfahren ist. 103 Logen wurden unter dem Vorwand, daß sie die Devisenbestimmungen umgangen hätten, ihres Vermögens beraubt, das aus Asylen für Greise, Waisenkinder und Kranke bestand, deren Insassen jetzt dem fürchterlichen Lose der Obdachlosigkeit verfallen sind, da es den jüdischen Gemeinden in Deutschland verboten ist, Ersatzgebäude auch nur zu mieten. Ist das nicht eine lustige Geschichte? Das „Wiener Montagblatt" bejaht diese Frage aus vollem Herzen und benützt den Umstand, daß die „Neue Freie Presse" durch einen Druckfehler anstatt der Auflösung die „Aufösung" der Bnei-Brith- Logen gemeldet hatte, zu dem „neckischen" Scherze: „Die biederen Hebräer hofften, durch eine Oase des Gesetzes durchschlüpfen zu können, als ihnen doch noch die Auflösung dazwischenkam." Da können wir Juden mit dem bekannt „unsittlichen Zynismus" unseres Witzes nicht mit . . . Aber erfreulicherweise verweigert, wie wir oben gesehen haben, auch der katholische Zeitungsleser solchen Gemeinheiten seine Gefolgschaft- Anstatt die, antisemitische Schadenfreude der Brückenschläger vom Katholizismus zum Nazismus auf Kosten der Juden heiter zu teilen, findet er die Borniertheit christlicher Journalisten, die sich von den Nazi nur durch die geringere Ocsferreichisclics QoalHäfs Fabrikat Ueberau erhältlich intellektuelle Urteilsfähigkeit über die Zusammenhänge von Antisemitismus und Kirchensturm unterscheiden, traurig. Diese Borniertheit, die schon fast an Gemeinheit streift, finden wir namentlich in der österreichischen Provinzpresse, die sich in der letzten Zeit nicht zu überbietende Gehässigkeiten gegen die Juden leistet, sie hat ihren Platz in den ungehindert stattfindenden Versammlungen des „Antisemitenbundes", ja sie zeigt sich sogar in manchen verletzenden Aeußerungen maßgeblicher Politiker. Alle diese Journalisten und „Politiker" bekunden eine merkwürdige Auffassung ihrer Aufgabe, dem Nazismus die Stirne zu bieten. Auch auf diese Gemüter wird hoffentlich die Aufklärung des Bundeskanzlers, daß Oesterreichs Außenpolitik keine innerpolitische Gleichschaltung mit dem Nazismus bezwecke, entwirrend und beruhigend wirken. Konig Carol versichert, es werde in Rumänien keine Pogrome geben. Einem Sonderkorrespondenten des Pariser „S o i r", Organs der Volksfront, der ihm erzählte, es herrsche bei der jüdischen und demokratischen Bevölkerung Rumäniens die Besorgnis, es könnte infolge der antisemitischen Agitation zu Pogromen kommen, versicherte König Carol, diese Besorgnis sei völlig unbegründet. Wir werden, fuhr der König fort, keine Pogrome und keinen Bürgerkrieg haben. Meine Regierung hat alle Maßnahmen getroffen, um Ruhe und Ordnung im Lande zu sichern. DamenftonfehtionsmodeHhou5 I ,jZue iesdien Wietueu*" aiegius Saber & Co. Wien K/2., WUurinfcrrfr. & Telephon A 23-249 Gründungsjahr 1897 Dornebmes ITIodeUbaus für. Damenbekleidung wie Mittel, Kleider, Kostüme, Blusen Tnafcfltelier. im f>aufe Trauerwaren stets lagernd oder Anfertigung binnen 24 Stunden Mitglieder der „Union" erhalten bei Verweb dieser Annen« oder Mitgliedskarte elnea Sonder-Rabatt von i'lu