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Die Wahrheit · 1937-04-23 · Heft 16 (23.4.1937) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 16 (23.4.1937)
Date
1937-04-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 16 - 23. April 1937 DIE WAHRHEIT GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRIHGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant ffir Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen sowie vieler anderer mit den Logen nicht direkt verbundener Institutionen wurden zu einem großen Teil aus den Mitteln der Logen bestritten. Die Logen leisteten auch eine große rein philanthropische Arbeit wie z. B. direkte Unterstützung an Verarmte und Arbeitsunfähige. Durch den Fortfall aller dieser Einrichtungen gelangt das ohnehin schon durch den öffentlich geleiteten Boykott, den Geschäftsverkaufs-, bzw. Verschleuderungszwang, durch Ausschaltung der jüdischen Angestellten usw. stark verarmte deutsche Judentum in eine noch weit drückendere Lage als bisher. Die Logen bildeten auch das letzte Zentrum gesellschaftlichen Verkehrs unter den Juden; durch ihre Auflösung ist den deutschen Juden, die Theater und Kinos, sowie alle nichtjüdischen öffentlichen Veranstaltungen meiden müssen, die letzte Möglichkeit, einen erweiterten gesellschaftlichen Verkehr zu pflegen, genommen worden. Die Geheime Staatspolizei hat neben dem vor kurzem ergangenen Verbot der Tätigkeit jüdischer Sportvereine jetzt auch ein Verbot der Veranstaltung hebräischer Sprachkurse, wie sie die jüdische Gemeinde Berlin und andere Gemeinden und Organisationen veranstalten, erlassen. Ebenso wurde auch der Unterricht in Fremdsprachen an auswanderungslustige Juden verboten. Der Mitteilung des Deutschen Nachrichten- Büros an die ausländischen Presse-Agenturen über die Auflösung der Bne Brith-Logen ist zu entnehmen, daß 80 Funktionäre der Logen, darunter der Großpräsident Rabbiner Dr. Leo Baeck, verhaftet wurden, daß jedoch eine bestimmte Anzahl wieder in Freiheit gesetzt wurde. Dr. Leo" Baeck war bekanntlich am Jörn Kippur des Jahres 1935 wegen seiner Botschaft an die Juden von Gestapo-Agenten verhaftet worden, aber nach eintägiger Haft im Columbia- Haus wieder in Freiheit gesetzt worden. Oberkantor Kusewicki in Wien. Der weltberühmte Oberkantor K u s e w i c k i aus Warschau hat am Donnerstag, den 15. April, abends, im großen Leopoldstädter Tempel liturgische Gesänge vorgetragen und außerdem Freitag, den 16. April, abends, und Samstag, den 17. April, vormittags, einen Festgortesdienst im Josefstädter Tempel abgehalten. Ueber diese grandiosen Darbietungen, die die Zuhörer zur Begeisterung hinrissen, und über synagogalen Gesang im allgemeinen schreibt uns Herr Komm.-Rat Theodor Ehrenstein auf unser besonderes Verlangen: Meine Eindrücke von diesen Darbietungen dürften im großen ganzen die gleichen sein, wie die der zahllosen Bewunderer des geschätzten Gastes. Oberkantor K u s e w i c k i ist ein gottbegnadeter Sänger und zugleich ein phänomenaler Gesangskünstler, der alle Lagen vom Bariton bis hinauf zu den höchsten Tenorhöhen spielend leicht meistert, als ob er eine Zauberflöte in der Kehle hätte. Es ist meine vollste Ueberzeugung, daß er bei seinen reichen Stimmitteln und seinem mächtigen, prachtvoll tönenden Organ mit der gleichen Meisterschaft wie einst Demuth die Ba ri t o n partie des „Hans Sachs" zu singen vermöchte, anderseits aber ebenso meisterhaft auch die Tenorpartie des „Rhadames", ohne von einem Gigli übertroffen zu werden. Und als Konzertsänger könnte er es wohl auch mit unserem berühmten Josef Schmidt aufnehmen. Es ist sehr bedauerlich, daß Herr Oberkantor Kusewicki seiner Stellung wegen in der Weltmusikstadt Wien nicht vor einem breiteren, großen Publikum singen durfte; sicher hätte er auch nichtjüdische Kreise entzückt und für sich eingenommen. Was seine Produktion als Chasen anbelangt, so möchte ich diesbezüglich ganz allgemein folgendes sagen: Die Intelligenzler, Aerzte, Advokaten, Ingenieure, Großkaufleute, dem Glauben gegenüber schon ziemlich indifferent, wissen, namentlich im Westen, zwischen einem Kantor und einem Chasen nicht zu unterscheiden und es wäre sehr wünschenswert, wenn sich hierüber einmal gewiegte Fachleute äußern wollten. Viele Glaubensgenossen meinen, der Kantor sei für das sogenannte fortschrittliche Publikum da, der Chasen aber für die Frommen, die Orthodoxen. Das ist indes unzutreffend, weil bei jedem Gottesdiensteinzelne Stellen nicht nach Kompositionen aus alter oder neuerer Zeit, sondern chasanal, d. h. extemporiert, in einem ganz eigenartigen Tonfall (Niggun genannt) vorgetragen werden — allerdings bei den Orthodoxen in viel stärkerem Ausmaße als bei den Fortschrittlichen. Wie bei dem normalen Gesang, so gibt es auch beim chasanalen Meister und Stümper; zwischen diesen zwei Extremen gibt es graduelle Unterschiede. Wenn es einer zuwege bringt, mit seinen chasanalen Gesängen und Rezitativen die Anwesenden zu ergreifen und aufs tiefste zu erschüttern, ja sogar den einen oder den andern zu Tränen zu rühren, sei es weil er daraus das Entsetzliche und Jammervolle des judenschicksals heraushört, sei es, weil er dabei in seiner Verzückung gleichsam einem Zwiegespräch mit Gott zu lauschen wähnt — wer das zuwege bringt, der ist ein Meister, ein wahrer, ein echter großer Chasen. Dazu gehört allerdings nicht wenig, allem voran eine prächtige, in den tiefen wie in den hohen Lagen gleich wohlklingende Stimme, volles Verständnis des Vorgetragenen, demnach zureichende Vertrautheit mit Bibel und Talmud, aber auch ein tiefes Gemüt, aus dem jene seelischen Ergüsse hervorquellen, die in dem hiefür besonders empfänglichen Gefühlsleben der Frommen Widerhall finden. (All dies besitzt Kusewicki in hervorragendem Maße, das hat er unserer Stadt, die gewiß nicht arm ist an unübertrefflichen Chasonim glänzend bewiesen). Das ist dann ihre „Appassionata", die sie seelisch in vielleicht noch höhere Regionen emporträgt, als die Beethovensche die Musikfreunde. Wenn dann der Vortrag voll Inbrunst war. schlicht und einfach, ohne' Verstiegenheiten, ohne extravagante Koloraturen, kurz: vornehm, vom Herzen kommend, zum Herzen gehend, dann kann man am Schlüsse des Gottesdienstes da und dort etwas ergreifend Schönes beobachten, wie die Andächtigen, einer nach dem andern hingehen, um ihrem geliebten Chasen für das gebotene Herrliche mit einem innigen Händedruck, stumm aber verzückt zu danken. Beeindruckt von dem chasanalen Vortrag können ausschließlich nur Juden werden, niemals . Nichtjuden. Ein Schubert konnte sich für die prächtigen hebräischen Lieder unseres großen Sulzers erwärmen, für die chasanalen Gesänge — für ihn, wie wohl für alle Nichtjuden, ein undisziplinierter Singsang — hätte er nichts übrig gehabt, weil diese Gesänge bei .ihnen nicht die spezifisch jüdische Saite zum Erklingen bringen können, die Saite des Judenleids. Vermutlich chassidischen Ursprungs sind die chasanalen Gesänge nur bei den Aschkenasim;m Schwange, nicht einmal bei den Sephardim. Zum Schlüsse noch eine erfreuliche Feststellung, daß nämlich — im Gegensatz zu Deutschland — in Polen, und insbesondere in Warschau, die Wiener Liturgie in Geltung zu sein scheint, da Oberkantor Kusewicki dem Gottesdienst in der Neudeggergasse ohne jedwede Umstellung vorstehen konnte. Nachwort der Redaktion: Die Darbietungen des illustren Gastes haben bei allen drei Gelegenheiten, wo er zu hören und zu bewundern war, ein zahlreiches begeistertes Publikum angelockt. Selbst der große Leopoidstädter Tempel war am vergangenen Donnerstag überfüllt und es spricht für die chasonischen Qualitäten des beliebten Wiener Oberkantors Leo Funke, daß auch seine Mitwirkung starken Eindruck machte und großes Gefallen fand. flfotfcftaftBcfte ffieratungsfteKe in der „Union" unter Leitung des Obmannes des Organisations - Komitees der „Union österreichischer Juden". Herrn Kommerzialrat ALEXIUS SALZER; jeden Montag und Freitag von 10—12 Uhr vormittags im Sekretariat der „Union" /., Schottenring 25, Mezzanin, Tel. A 19-2-77. JedesMitglied der „Union" erhält in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen u. kaufmännischen Angelegenheiten, Steuerberatung DOllhommen unentgdtücbe Austan/f. Derfidperungsberatung in allen Zweigen der Elementarversicherung wie Feuer, Einbruch, Glas, Haftpflicht Unfall, Transport, Polizzenprüfung etc Die Mitglieder der „Union" erhalten eine aamhmfte BegünMilguna der Ptämlensätzt). Jüdische Unternehme*! Denkt an die Jüdischen und fordert anläßlich der Frühjahrssaison denBedarf an An- _ M M m h. gestellten und Arbeitern aller Kategorien beim jüdischen m^Wm WH0 WWSloSefl Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien /., Kohlmessergasse 4 / Fernruf U27-0-65 an Arbeit Die Gottesdienste im Neudeggertempel am Freitag abends und Samstag vormittags werden den zahlreichen Andächtigen unvergeßlich bleiben. Allgemein war das Lob, das dem Initiator des sensationellen Auftretens des Herrn Oberkantor Kusewicki in Wien, dem verdienstvollen Präsidenten des Josefstädter Tempelvereines, Herrn Komm.-Rat S. Feldmann gespendet wurde. Wieder verdankt ihm das jüdische Wien die Bekanntschaft mit einem hervorragenden Kantor und ist ihm Dank schuldig für die herrliche Gelegenheit, die da geboten wurde, einen Sänger und Chasen kennenzulernen, den man gerne öfters in Wien hören möchte. Gegen Numerus nullus in Rumänien Der Präsident des Zentralrates der Juden Rumäniens und der Union rumänischer Juden Dr. Wilhelm Fild ermann besuchte die Minister für Arbeit und für Kultus und überreichte ihnen ein Memorandum, in welchem gegen die Bestrebungen des rumänischen Advokatenverbandes und des Verbandes rumänischer Berufsvereine auf Einführung des Numerus nullus für Juden protestiert wird. Dr, Fildermann wies darauf hin, daß durch solche Forderungen die rumänische Verfas-« sung und 'die Gesetze des Landes desavouiert werden. Er teilte den Ministern mit, daß in den Anwaltsräuinen der Gerichte in Bukarest und in Jassy Kundgebungen angebracht sind, in denen jüdische Anwälte gewarnt werden, die Räume zu betreten. In Jasisy .werden die jüdischen Anwälte durch Plakate davor gewarnt, reinbiütige Rumänen vor Gericht zu vertreten. Von den jüdischen Anwälten werden seitens der Advokatenkammern Gebühren gefordert, die um 300 bis 500 Prozent die den rumänischen Kollegen vorgeschriebenen Gebühren übersteigen. Es verlautet, daß die Minister den Standpunkt Dr. Fildermanns gebilligt und eine sorgfältige Prüfung is ein es Memorandums zugesagt haben. Zwangsbesteuerung der Angestellten der Kultusgemeinde für den Jüdischen Nationalfonds. Anläßlich der Sammlung für den „K e r e n K a j e m e t h" (Jüdischen Nationalfonds) hat die Leitung desselben an alle Angestellten der Kultusgemeinde folgendes Rundschreiben gerichtet, in welchem .sie aufgefordert werden, einen Prozentsatz ihres Gehaltes im Abzugswege durch die Kassa der Kultusgemeinde an den Nationalfonds abzuführen: Es ist Ihnen sicherlich bekannt, daß der Keren Kajemeth unter der Devise „Erlösung des Galil" eine vom Magistrat bewilligte Sammlung bei der jüdischen Bevölkerung Wiens durchführt. Die Angestelltensohaft der Kultusgemeinde sowie die der Institutionen, wie Rothschild-Spital, Altersheim etc. hat bis jetzt einen sehr namhaften Betrag für diesen Zweck eingezahlt. Ganz besonders wendet sich der Keren Kajemeth an die Lehrer unserer. Jugend, und ist überzeugt, daß sie sicherlich hinten den Verwältungsbeamten nioht zurückbleiben wird-

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