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Die Wahrheit · 1937-04-23 · Heft 16 (23.4.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 16 (23.4.1937)
Date
1937-04-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 16 — 23. April 1937 DIE WAHRHEIT StdUtyvrt, KJkicüvw^- ßvuu 3ten^ru,l<Wi*ri/ u^-K^ekn-; . . % Rj^aXt^uv SVi^äw wwt J2^t S .Ü«4S«e>t/ kUte^e*\Ae/i$ u)lÄn.iluöueq).3 Eine Rettungsmöglichkeit? JCucact Sauec&cuatt Sehr! schwierig und bedrohlich ist die wirtschaftliche Lage der Juden in den Ländern von Mittel- bis Osteuropa. Millionen Juden sehen hier einem ungewissen Schicksal entgegen. Noch lindern die reicheren Juden die Not der Aermsten, die Hilfsorganisationen helfen über das Aergste hinweg. Aber wie lange wird es dauern und die heute noch Helfenden werden morgen schon selber hilfsbedürftig, auf die Mildtätigkeit anderer angewiesen sein? Noch helfen die Juden der reichen Weststaaten und der Vereinigten Staaten von Amerika. Daß aber auch die Juden dieser Länder nicht imstande sind, Millionen ihrer Glaubensgenossen dauernd zu erhalten, ist selbstverständlich. Auch der Mildtätigkeit sind durch das Fehlen der nötigen Mittel Grenzen gesetzt. Jeder vernünftig Denkende wird annehmen, daß unter diesen Umständen die verantwortlichen oder sich als verantwortlich ausgebenden Führer ohne Unterschied der Parteirichtungen (schon daß es in solcher verzweifelter Lage überhaupt noch Parteien geben kann, ist eine Schande für das Judentum) nichts anderes täten, als Tag und .Nacht sinnen und sorgen: Was soll mit diesen Millionen Juden Mittel- und Osteuropas, die der Vernichtung preisgegeben sind, geschehen? Wie könnten diese Millionen erhalten werden? Dies müßte man glauben. Was geschieht indessen in Wirklichkeit? Millionen Pfunde werden in der ganzen Welt gesammelt (auch in den polnischen Hungergebieten, wo es doch eigentlich notwendiger wäre, für diese zu sammeln), werden dann nach Abzug der Spesen eines kostspieligen Parteiapparates nach Palästina geschickt, um dort damit unverhältnismäßig teuere und qualitativ schlechte Bodenilächen zu erwerben. Wahrlich ein für die Gesamtheit des Judentums unfruchtbares Beginnen, da die Bodenflächen nie ausreichen werden, im Bedarfsfalle das ganze Judentum oder auch nur Teile desselben aufzunehmen. Oder war Palästina zu Zeiten der Hochkonjunktur in der Lage, alle auswanderungiswilligen Juden Deutschlands aufzunehmen? Auf der ganzen Welt gibt es insgesamt zirka 16 Millionen Juden. In Palästina weTden derzeit 2600 Zertifikate für einwandernde Juden i ä h r- 1 i c h ausgegeben. Wenn in Palästina wirklich Platz iür 16 Millionen wäre (in Wirklichkeit ist nicht einmal mehr für 100.000 Platz), würden 6000 Jahre nötig sein, um alle Juden in ihrer Heimstätte unterzubringen. Aber wenn man nur die mittel- und osteuropäischen 4 Millionen Juden dort ansiedeln wollte, wären hiezu 1500 Jahre nötig. Vermehren dürfte sich wohl in dieser Zeit unsere Generation nicht mehr, sonst würde der doppelte Zeitraum nicht ausreichen. Wir Juden in Europa aber rufen den Verantwortlichen zu: Wir haben keine Zeit, aber auch keine Möglichkeit, 6000 Jahre zu warten, um uns in Erez Israel ansiedeln zu lassen. Wir wollen, aber wir können auch nicht warten. Warten bedeutet für uns Untergang, Vernichtung. Die Arbeit im heiligen Land in Ehren! Aber darf man Millionen wertvoller Glaubensgenossen und Brüder eines Phantoms wegen verkommen lassen, nur um mit den von der Gesamtheit aufgebrachten Mitteln Platz für einige Tausende zu schaffen? Suchen wir doch gemeinsam ein zweites Land, in dem alle Vorbedingungen einer gesunden Kolonisation gegeben sind, insbesondere Klima, leere Raum und billiger Boden, also Raum und Möglichkeit für Ansiedlung von Millionen Juden. Noch sind Territorien frei. Aber bei der derzeitigen Expansion der Völker nicht mehr lange. Dann werden wir Juden wehmütig rufen: Zu spät! Als uns England Uganda anbot, wurde jenes hochherzige Anbot leichtsinnig zurückgewiesen. Heute sind die Hochflächen Ugandas von anderen weißen Kolonisten besiedelt, Land ist keines mehr zu bekommen. Die Kolonisten aber leben in Frieden und Wohlstand. Zu spät! Als Israel Zangwill im Jahre 1908 mit der kanadischen Regierung unterhandelte, bekam er die Antwort: „Sie kommen zu spät. Vor zehn Jahren noch hätten wir mit Freuden Siedler empfangen." Kanada ist heute eine Kornkammer. Aber wir Juden sind nicht drin. Wir haben uns ein Wüstenland ausgesucht, klein, schon heute übervölkert von Eingeborenen, die auch den Boden besitzen. Ein Land, in dem man für ein Joch so viel ausgeben muß, worum man in leeren Ländern ein ganzes Gut mit hochwertigem Boden erstehen kann. „Zu spät", ein hartes Wort in der Geschichte eines Volkes. Für uns Juden ist esi schon sehr spät, aber noch nicht zu spät. Noch gibt es leeren Raum in den englischen Dominions. Da liegt noch abseits vom Weltgeschehen, im Pazifik, ein leere Erdteil, Australien. Ein Erdteil, fast so groß wie Europa ohne Rußland. Leer, der letzte leere Kontinent. Wohl sind in Zentral- Auistralien derzeit unbewohnbare Wüsten. Aber auch in den regenreichen, wasserführenden, klimatisch milden Gebieten des Ost- und Südrandes liegen Territorien in der Größe Deutschlands, die völlig menschenleer sind. Ist das nicht unfaßbar oder gar unmöglich? Nein. Denn ganz Australien hat heute 6 Millionen Einwohner. Von diesen 6 Millionen leben mehr als 3 Millionen in den sechs großen Städten. Bleiben nicht ganz 3 Millionen für den ganzen Kontinent. (Es würde zu weit führen, ganz Australien in diesem Aufsatz zu behandeln.) Caf€ Pension Echsfein Pemmering Ausflugsort u. Sommerfrische,Kohlensäurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigen Preisen. Auskünfte erteilt die Kurkommission Sauerbrunn, die herbestelle des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wien /., Nibelungengasse 1 Noch ist für Australien die Einwanderung gesperrt. Aber auf die Dauer läßt sich ein leerer Raum bei der Uebervölkemng der umliegenden Länder nicht leer halten. Australien hat zu wählen zwischen kriegerischer Besiedlung (Eroberung, Invasion) und friedlicher Kolonisation. Das beginnen bereits auch die führenden Männer Australiens zu erkennen. Die Stimme der notleidenden europäischen Juden allein ist zwar laut, aber sie hat keine Kraft. Die Stimme aber eines ganzen 16 Millionen- Volkes kann man nicht überhören. Darum laßt uns alle gemeinsam in Einigkeit an England und seine Dominions den Appell richten: Oeffnet eure Tore! Oeffnet eure Tore den notleidenden Juden Europas, die hier unweigerlich zugrunde gehen müssen, die ihr aber brauchen könnt. Nicht als die so verhaßten Händler, Krämer, Agenten und Kaufleute wollen wir kommen, euch Konkurrenz zu machen, nein, als Pioniere, als Ackerbauer, Landwirte, Farmer und produktive Arbeiter wollen wir dem Boden, der derzeit unbearbeitet, unausgebeutet, unfruchtbar ist, unseren Lebensunterhalt abgewinnen. Wir haben in Palästina gezeigt, daß wir aus schlechtem Boden unter den ungünstigsten Umständen ein Paradies schaffen konnten. Gebt uns Gelegenheit, dies bei euch in größerem Stil zu wiederholen. Neues Leben wird in den Adern Australiens pulsieren, eine Prosperity könnte sich entwickeln, wie sie vielleicht nur in der Einwanderung nach Amerika ein Gegenstück hätte. Oeffnet eure Tore zu unserem und euerem Nutzen! Dr. Zoltan Schönberger, Dialog in Frctnkreicli. Von Joseph KeiseL Joseph Kessel, der berühmte französische Dichter, Reporter und Journalist, schrieb folgenden Dialog, dessen deutsche Uebersetzung wir auszugsweise der „Jüdischen Revue" (Nekudah- Verlag, Mukacevo, C- S. R.) entnehmen, im „Detnain" als eine Antwort auf einen giftigen Hetzartikel des Pamphletisten Henri Beraud. Beraud hatte nach dessen Erscheinen Kessel in einem Privatbrief um Entschuldigung gebeten; für ihn sei Kessel „gar kein Jude". Ich kenne den jungen Mann schon lange, er zählt zu meinen Freunden. Die Tagesarbeit erdrückt ihn, seine geistige Nahrung bezieht er wohl oder übel aus Zeitungen. Immer, kommt er mit seinen Sorgen und Zweifeln zu mir und geht gewöhnlich gleich auf den Kern der Dinge ein, die ihn bedrücken. Dieser Tage sagte er plötzlich, kaum daß er ins Zimmer getreten war: ..Diei'Judeni beginnen mich wirklich nervös zu machen". Ich sah ihn überrascht an. Er stotterte: ..Entschuldige bitte, ich vergaß, daß du Jude bist". Das Wort, das ihm sonst ganz natürlich und leicht von den Lippen kam, sprach er diesmal mit einer gewissen Gene aus und fuhr fort: „Aber du bist gar kein Jude! Oder wenigstens nicht so einer wie die Mehrzahl von ihnen". „Wieso? Ich bin sogar für Antisemiten der schlimmste Fall. Mein Vater ist in einem Ghetto des Ostens! geboren, von wo, wie sie doch annehmen, alles Leid der Völker kommt". „Dann bist du doch wenigstens ein ganz besonderer Jude". „Mein Vater hat mir aus der Geschichte der polnischen Juden erzählt, daß viele Großgrundbesitzer einen Juden hatten, der ihr Intendant war. Und wenn sie ihn gern mochten, sagten sie: Das ist eben mein Jude. Damit schufen sie den Gegensatz zu den übrigen Juden. Die Zeiten sind vorbei. Ich will nicht der Jude irgendjemandes sein". „Da hast du im Grunde recht. Ich würde an deiner Stelle genau so reagieren. Aber es ändert daran nichts, daß die Juden für den Staat gefährlich sind. Sie beherrschen die Plutokriatie, sie häufen Reichtümer an, sie sind Revolutionäre, Zerstörer der Gesellschaft, sie unterstützen sich gegenseitig. Sie sind Freimaurer". „Findest du nicht, daß deine Argumente sich etwas widersprechen? Es können doch nicht dieselben Juden sein, die Reichtümer aufhäufen und gleichzeitig ihr Leben damit zubringen, die Grundlagen der Gesellschaft zu zerstören. Das müßte doch eine mysteriöse Gleichzeitigkeit sein. Was den jüdischen Reichtum anlangt, so habe ich auf meinen .Weltreisen einige Dutzend sehr reicher Juden gesehen, aber tausende und aber tausende in einem Elend ohne Grenzen und Hoffnung. Kannst du diesen ihre Armut vorwerfen?" „Aber du wirst nicht leugnen, daß die Juden Führer in allen Revolten sind." „Ich weiß nicht, wieviele Juden dabei waren, als die Engländer Karl I. köpften und die Franzosen Ludwig XVI. Hat Disraeli das britische Weltreich! zerstört? Kerenski und Lenin waren russische! Edelleute. Die beiden großen Attentate in Rußland, gegen Uritzki und Lenin, wurden von dem Juden Kannegießer und der Jüdin Kaplan ausgeführt, die dafür mit ihrem Leben büßten". „Die anderen Länder interessieren mich nicht. Ich denke nur an Frankreich! und finde, daß unsere gegenwärtige Regierung eine unheilvolle, und daß ihr Chef ein Jude ist". „Was wirfst du Leon Blum vor: daß er Sozialist ist oder Jude?" „Natürlich, daß er Sozialist ist". „Also warum schimpfst du ihn dann „Jude"? Ich begreife, daß Blum dir verhaßt ist, weil er der Fahnenträger von Ideen und Methoden ist, die du ablehnst. Was hiat das mit seiner Abstammung zu tun? Du bist doch kein Polemiker, der seine Sache auf jeden Fall verteidigen will. Du bist doch guten Glaubens. Cachin erscheint dir

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