Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 15 (16.4.1937)
- Date
- 1937-04-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 15 — 16. April 1937 Seite 5 handelt werden. Und wenn das Verhalten: des Herrn Dr. S t i g 1 i t z dem Präsidenten gegenüber kritisiert wird, so rechnet die. „Stimme", mit Recht darauf, daß wir über die Vorgänge in vertraulichen Sitzungen — im Sinne der Geschäftsordnung — nicht sprechen werden, auch nicht von der eines objektiven Präsidenten nicht würdigen Behandlung, 'die Herrn Dr. Stiglitz widerfahren ist. Was aber in öffentlicher Sitzung sich einzelne Herren, zum Beispiel „die zweitmarkanteste Persönlichkeit" mach Theodor Herzl, Herr Dr. Ehrlich, geleistet haben, darüber sollen die jüdischnationalen Zuhörer der öffentlichen Sitzung ihr Urteil abgeben. Nicht eine „Stimme" fand sich, nicht einmal eine jüdischnationale, die sein vom objektiven Präsidenten selbstverständlich ungetilgtes Benehmen nicht verurteilt hätte. Die Kritik der „Stämme" über die Reden der Unionisten in ihren Versammlungen läßt uns ganz kalt. Wir gehen auf den Fahnen- und Farbenstreit nicht ein. Unsere Parole ist und bleibt: Für unser Judentum und Oesterreich! Die Genauigkeit des Herrn Vizepräsidenten Stricker. AucH das Blatt des Herrn Oberbaurat Ing. Robert Stricker fühlt sich bemüßigt, in dasselbe Horn wie die „Stimme" zu stoßen. Aber es gibt ja doch nur Disharmonien, die Hörner sind nicht aufeinander abgestimmt. So erzählt die „Neue Welt", das Steuermaximum vor dem Krieg habe 12.000 Goldkronen betragen. Die „Stimme", die sich auf die Information des Herrn Dr. Ehrlich verläßt, spricht von 20.000 Goldkronen. Was ist also richtig? In Berlin gibt es nach der „Neuen Welt" Juden, die bia 300.000 Schilling Kultussteuern zu zahlen haben. Nach Herrn Dr. Ehrlich und der „Stimme" sind es 350.000 Mark, also mehr als 700.000 Schilling, die nicht nur bezahlt werden sollen, sondern bezahlt worden sind. Nach dem Blatte des Herrn Oberbaurat Stricker haben die Vertreter der „Union" in vorbereitenden Sitzungen der Finanzkommission und des Vertreterkollegiums sogar für die Erhöhung des Maximums gestimmt. Nach der „Stimme" haben sie nur „nicht opponiert". Nach Herrn Oberbaurat Stricker wird bei neuerlicher, wiederholter Vorlage des Antrages auf Erhöhung des Steuermaximums die Anwesenheit von sechzehn Mitgliedern genügen. Nach der „Stimme" sind es achtzehn usw. usw. Was ist also wahr und richtig, die; Genauigkeit des Herrn) Stricker und der „Neuen Welt" oder die Ungenauigkeit der „Stimme"? Mit solcher Präzision wird, wie der Oberbautat Stricker sagt eine „unpolitische, rein sachliche Angelegenheit" behandelt. Ist die Bezeichnung oberflächlich und leichtsinnig unangebracht? Schach der wVermeyerung"! Von H. Kraf t. Sind die Nazi befähigt und berechtigt, eine Enzyklopädie für Nichtnazi herauszugeben? Diese Frage muß aus folgenden Gründen verneint werden. Diel Leipziger „Meyeriade" weist die typische, den Juden gegenüber oft angewendete Methode auf, die Dinge ins gerade Gegenteil zu verzerren. Wir Juden haben ja dieses Nazisystem oft verspürt: Von Zion ging jene Lehre aus, die dem ganzen Abendland ein Wegweiser aus der Wirrnis des Heidentums wurde; und trotzdem werden uns die «Weisen von Zion" heimtückisch angelastet. Der Jude Haber hat, wie erst vor kurzem ein Is'aziführer, sich verplapperndj zugeben mußte, für Deutschland das Pulver neuerfunden. Wäre ihm dieser grandiose Wurf nicht gelungen, so hätte der „Stahlbademeister" Ludendorff die Kapitulation der Deutschen vor dem Zusammenbruch der Zarenhorden nicht verhüten können, wodurch heute die russische Grenze nicht weit von Berlin verliefe: und trotzdem wird uns die Dolchstoßlegende angedichtet; sie wird uns in die Schuhe geschoben, obwohl Rathenau durch seine Rohstoffversorgung es verhindert hat, daß Deutschland nicht kurz nach Kriegsausbruch überwältigt wurde. Der erwähnte Naziführer hat auch zugegeben, daß Hunderttausende von Deutschen aus Habers Erfindung noch jetzt ihr Einkommen beziehen; Millionen Deutsche leben von zahllosen, darunter weltumspannenden Unternehmungen, die jüdischer Geist imi Deutschen Reiche geschaffen und die Deutschlands Nationalvermögen fortwährend erhöhen, und trotzdem werden die Juden als Ausbeuter, des deutschen Volkes hingestellt! Versleicht man die Maßnahmen, die die Nazi zuerst gegen die Juden, dann aber gegen die eigenen Verbündeten, mit deren Hilfe sie das Judentum bekämpft hatten, angewendet, so hat man eine Parallele zu der Richtung* die sie in den braunen Enzyklopädien gegen alle Andersdenkenden einschlagen werden. Wohl haben sie, von der Pressestaatsanwaltschaft gepackt, zum Rückzug geblasen; ist aber anzunehmen, daß sie die schon in der ganzen Welt verbreiteten Exemplare zurückziehen, die Schandstellen herausschneiden und durch andere Texte ersetzen werden? Ist anzunehmen, daß sie in •Deutschland aus den zahlreichen Staats- und Parteiämtern das „A11 b u c h" (nicht zu verwechseln mit dem „Allbuch" Brockhaus', dem schon vor dem „Umbruch" antisemitelnde Tendenzen nachgewiesen wurdeni) zurückgezogen und durch «in anderes ersetzt haben? Alle ihre Versicherungen hinsichtlich einer Besserung sind unglaubwürdig. Sie halten ja keine Abmachungen. Haben sie nicht vor der Olympiade die Gleichberechtigung deti „Nichtarier" feierlich verkündet? Als aber die verachteten Juden, die viele Jahrhunderte hindurch eine Waffe nur in der Hand anderer zu sehen gewöhnt waren, sich im Fechtsport als Meister erwiesen, hat man die ungarisch-jüdischen Olympiasieger totgeschwiegen. Die Mentalität der Nazi kann man ja täglich aus ihren! Blättern, die sämtlich dressiert sind, entnehmen: sie schwärmen; für das Recht der gepanzerten Faust, für die Religion der Gewalt für die Philosophie der Lüge und für die Wissenschaft der Fälschung und Verleumdung: kann man annehmen, daß sie das, was sie in ihrer Presse und in ihrer „Literatur" begeifern, in ihren Enzyklopädien verherrlichen werden? Sie müßten ja ihre eigene (schielende) „Weltanschauung14 Lügen strafen! Muß man nicht befürchten, daß sie nach 9 eximaustausch Iii Telephon AM Eltern eines Mädchens, 21J. alt aus gut bürgerlichem rituellen Hause, Ungarn, Szatmarer Komitat, das sich in Wien zwei bis drei Monate in der deutschen Sprache vervollkommnen will, suchen im Austausch ein Mädchen aus gut jüdischer Familie gegen freie Station. Verbreitung einiger Bände, in denen sie sich Zurückhaltung auferlegen, ihre Taktik in den anderen Bänden hervorkehren werden? Denn bei der Eigenart der Lexika kann man ja über ein und denselben Gegenstand unter verschiedenen Stichworten ein Werturteil „einschieben". Muß man nicht befürchten, daß sie in einem Supplement ihr ganzes widerwärtiges Gift verspritzen werden? Oder daß sie nach Fertigstellung des Werkes, zu dem das Ausland reichlich durch Abonnement beisteuern wird, die Enzyklopädie in Deutschland gegen eine „verbesserte Inlandsausgabe" eintauschen? Wer kann sie hindern, Sachen, die in jede Enzyklopädie gehören, die aber den Nazi nicht zu Gesicht stehen, ganz zu verschweigen? Ist von ihnen eine richtige Würdigung des Kulturfortschrittes, der den Nazi nicht paßt, und zahlloser Kulturträger, mit denen sie auf Kriegsfuß stehen, zu erwarten? Die Nazi sind überhaupt zur Verwaltung des deutschen Kulturerbgutes, das sie beschmutzen und mißbrauchen, unfähig! Ein Land, in dem sein Dichterkönig (Goethe), der Stolz des wirklich kulturellen Deutschlands und eine Zierde der Weltliteratur, grundlos und ungestraft des Meuchelmordes an seinem geistigen Zwilltngsbruder bezichtigt werden kann, hat kein Recht, über Literatur mitzureden! Ihre „kulturelle Reife" haben die Nazi auch im Falle Mendelssohn- Bartholdy dokumentiert: Ein Komponist, der Unsterbliches hervorgebracht, Generationen begeistert und, wie jedes Genie, schaffende Elemente anderer Kunstrichtungen indirekt inspirierte, der also unauslöschliche Spuren im deutschen Geistesleben zurückgelassen, wird in der Weise geschändet daß in der. Stadt die von seinem Ruhm widerhallte, sein Denkmal durch die städtische Müllabfuhr weggeschafft wird! Können sie dann die Vertonung des „Sommernachtstraumes" richtig würdigen? Die Nazi haben den Wertmesser der Forschung und des Schrifttums (Nobel-Preis) „außer Kurs" gesetzt; dafür haben sie braune Preise bestimmt und werden die „Bescherten" (als Literatur-Preisträger schlage ich vor: Streicher, Rosenberg und die Bademeisterin „an der Quelle deutscher Kraft": Frau Ludendorff) als geistige Heroen ausposaunen. Sollen sich Deutschsprechende die Schaumlehren der Nazi wie deutschen Schaumwein aufschwatzen lassen? In ihrer Propaganda für das „Allbuch" nützen sie ja natürlich die Wertschätzung, der sich die alten Auflagen erfreuen. Weidlich aus und bezeichnen jede Neuerscheinung als „verbessert". Soll das Ausland für Abhandlungen, die die Vergottung des „Führers" bezwecken, noch bezahlen? Die Nazi fälschen nicht nur bewußt, sondern es fehlt ihnen auch jeder Bekennermut wie er sich z. B. im Falle der Königinhofer KURZWELLEN KURANSTALT „HELIA", I.. das modernste Heilverfahren 7 Handschrift so einprägsam manifestierte. Selbstverständlich machen sich die deutschen Gelehrten, die am „Werke" mitarbeiten, mitschuldig. Ein Lexikon, das Jahre und in Einzelfällen Jahrzehnte hindurch als Nachschlagewerk verwendet wird, ist nicht mit einer Eintagsfliege, die eine Zeitung bildet, zu| vergleichen, der man, ohne mit ihrer Tendenz übereinzustimmen, Beiträge gibt; jeder wirkliche Gelehrte, der von dem Machwerk nicht abrückt, trägt die Mitverantwortung. Sogar die Brotgelehrten sollten sich genieren, denn ohne ihre Mithilfe ginge es ja nicht; die „zur Not Gelehrten", die von den Nazi als neuer Typ geschaffen wurden, brächten es ja nicht fertig. Gewiß wäre ein Widerstand für die Gelehrten mit Gefahren verbunden: aber sie mögen sich an Kardinal Faulhaber ein Beispiel nehmen, was Mut bedieuet! Selbstverständich wäre es töricht, in Deutschland aus eigenem' eine Besserung zu schaffen, aber es gibt doch ein Abwehrmittel: Es ist schon von verschiedenen Seiten dem Gedanken Ausdruck gegeben worden, es möge ein Lexikon außerhalb Deutschlands verlegt werden; aber diese Stimmen erachteten es wegen der Kostenfrage als unmöglich. Der Zweck dieses Artikels ist es, darauf zu verweisen, daß eine1 Enzyklopädie außerhalb Deutschlands verlegt werden könnte. Voraussetzung wäre natürlich ein Zusammenarbeiten verschiedener Kreise. Es müßte eine Kulturgemeinschaft nichtbrauner Deutscher außerhalb des Dritten Reiches geschaffen werden, die im Wege der Subskription die Aktion zu1 unterstützen hätte. Auch das nichtdeutsche Ausland müßte zu Hilfe gerufen werden; wenn Amerika hungernden deutschen Kindern geholfen hat, so möge es der verschmachtenden deutschen Wissenschaft zu Hilfe eilen. Hat es ja auch schon enorme Gelder für deutsche Institute beigesteuert, so daß den Nazi die eventuelle Belen ▼ermteherungBangelegenhelteii m mm m w * „Union", I., Sehottenrfag 25, Telephon A 19-2-77, jede» Montag und Freitag von 10 bis 12 Uhr vormittag». / Leiter: Komm,-Rat Alexias Salier.