Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1937-04-16 · Heft 15 (16.4.1937) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 15 (16.4.1937)
Date
1937-04-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064663-3064678--21108-3086428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 2 Nr. 15 - 16. Aprü 1937 DIE WAHRHEIT Stdüju^y^ KJ^cUvv^- ßwt 3teruLÄ^,l<W&ßrb ^.KUbttest % Rftu^u-vv (Ta^äw vwvc S-Ti^e/O fetete^enC^A^ toi^i ./rV^ eq,.3 übersetzt haben, und freut sich mit ihm über die auf den Judenboykott aufgebaute völlige Veränderung <ler literarischen Lage durch die Machtergreifung des Nationalsozialismus. In Oesterreich erlitt die Judenboykottpropaganda jüngst eine beachtenswerte Niederlage. In der Wiener „S chl a raf f ia" wurde die Einführung des Arierparagraphen in geheimer Abstimmung mit 240 gegen 54 Stimmen abgelehnt. Daß es in diesem vornehmen, harmloser Geselligkeit dienenden Verein überhaupt zu einer solchen Abstimmung kam, ist nur eine Folge pervertierter Nazipolitik. Da es den HakenlcreuzTern nicht gelingt, das HitlerrReich in ein Schlaraffenland umzugestalten, wollten sie wenigstens die „Schlaraffia" in ein Hitler-Reich verwandeln. Aber der faule Zauber versagte. Die seelische Untermauerung, die mehrere Generationen von Künstlern, Schriftstellern und sonstigen geistig schöpferischen Männern dem fröhlichen „Reyche" der Wiener Schlaraffen verliehen, hat dem Ansturm der Barbarei standgehalten. Man möchte im Sinne des Staatssekretärs Dr. Skubl nur wünschen, daß nicht nur in den Burgen des Humors, sondern auch auf der Walstatt ernster Entscheidungen die seelische Widerstandskraft gegen den böswilligen Zersetzungseifer des Nazibazillus isioh bewährt. Ueber den Verlauf des grandiosen Massen- Meetings, das am 15. März im New Yorker Madison Square Garden stattfand und in dem vor 25.000 Zuhörern Oberbürgermeister La Guard'ia, General Johnson und der Gewerkschaftsführer John L. Lewis das Wort ergriffen und zahlreiche Zustimmungskundgebungen führender Persönlichkeiten des europäischen Geisteslebens verlesen wurden, Hegt uns jetzt ein ganz ausführlicher Bericht vor, der auch heute, mehrere Wochen nach der Kundgebung, seinen dokumentarischen Wert behält und weitestes Interesse aller Leser beanspruchen darf. 25.000 New Yorker füllten am Abend des 15. März den mächtigen Bau des Madison Square Garden, um die Herausforderung der Zivilisation durch den Hitlerismus, die Drohungen Nazi- Deutschlands gegen die Demokratie und den Weltfrieden in einer Weise zu beantworten, die vom Dritten Reich verstanden werden wird. Diese Antwort ist der Beschluß der Versammlung, mit verstärkter Kraft und aller Energie den Boykott von Waren aus Nazi-Deutschland durchzuführen, wobei der individuelle Boykott des einzelnen Warenkonsumenten durch den kollektiven Massen-Boykott zur Verhinderung von Kreditgewährung an Nazi-Deutschland wirksam ergänzt werden soll. Die Massenkundgebung war vom American Jewish Congress und vom J ewish Labour Committee einberufen worden. Die 25.000 anwesenden Zuhörer repräsentierten alle Glaubensbekenntnisse und alle politischen Richtungen. Sie verpflichteten sich am Schluß der Massenkundgebung in einer Resolution, unerbittlich den Kampf gegen die Pest des Hitlerismus zu führen und dafür zu arbeiten, daß die Boykottbewegung sich noch erheblich erweitert. Angesichts der politischen Tragweite des Massenmeetings war in weitestem Umfange dafür Sorge getragen worden, daß die Reden und Erklärungen durch ganz Amerika raschestens verbreitet wurden. Rundfunkübertragungen und die ersten Seiten der führenden Zeitungen der Vereinigten Staaten gaben auch denen, die der Kundgebung nicht hatten beiwohnen können, schnellstens Gelegenheit sich eingehend über den Verlauf dieser denkwürdigen Kampfversammlung gegen den Nazismus zu orientieren. Es darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, daß trotz peitschenden Regens die Massen schon lange vor Beginn der Versammlung geduldig auf den Straßen ausharrten, bis sie Einlaß fanden, und daß Tausende und In dieser Beziehung hat die katastrophale Wahlniederlage Degrelles in Brüssel eine freudige Ueberraschung gebracht. Zum erstenmal hat die suggestive Kraft des Hitler-Systems entscheidend versagt. Der Nimbus der Unbesiegtoarkeit eines politischen Kraftmeiertums, das sich über alle Schranken der Moral ebenso hinwegsetzte wie über sämtliche Grenzen der Länder und Erdteile, hat mitten in Europa ein Debakel erlitten. Dais belgische Volk fand, nicht zuletzt beeinflußt durch die Mahnworte seines geistlichen Oberhauptes, eine würdigere Aufgabe als die des willenlosen Calt Pension Echslein Semmering Sklaven, dem man statt Brot bloß Steine gibt, damit er sie den Juden nachwerfe. Mitten im Dritten Reiche applaudiert das deutsche Volk der Forderung des Marquis Posa „Geben Sie Gedankenfreiheit!". Und jenseits der Reichsgrenzen macht sich ein Volk selbst frei. Abertausende draußen bleiben mußten, weil der Madisonl Square Garden im Nu bis zum Dach überfüllt war. Lautsprecher übertrugen die Reden für die in den umliegenden Straßen zuhörenden Tausende von Menschen. Als der Vorsitzende des Joint Boykott Council, Dr. Joseph Tenenbaum, sich erhob, um die Versammlung zu eröffnen, vernahm man Hörnerklang und die Musik der Trommeln und Pfeifen des Verbandes der deutschen Arbeiter-Clubs. Die deutsch-amerikanischen Arbeiter mit ihrer Musik an der Spitze zogen, stürmisch umjubeJt von den Zuhörern, in den mächtigen Bau ein. Sie trugen ein riesiges Schild" mit der Aufschrift „Hitler ist nicht Deutschland". Das Auditorium erhob sich wie ein Mann und verharrte dann stehend und schweigend, bis der Einmarsch beendet war. Die Redner, die man für die Kundgebung gewonnen hatte, waren durchweg Persönlichkeiten, die auf die Bildung der amerikanischen öffentlichen Meinung einen tiefgehenden Einfluß ausüben. Im Brennpunkt des Interesses standen die Ausführungen des Gewerkschaftsführers John L. Lewis und des Generals Hugh S. Johnson, des früheren Leiters der Nira. Beide charakterisierten den Hitlerismus als die fürchterlichste Bedrohung des Weltfriedens und forderten als eiserne Notwendigkeit die hermetische Isolierung des Nationalsozialismus von der Welt. Mit ebenso leidenschaftlichen Worten forderte auch der bekannte deutsch-amerikanische Volkswirtschaftler Dr. Frank B o h n, der Schwiegersohn des amerikanischen Handelsministers R o p e r, Amerika auf, die Welt vor der Kriegsdrohung durch das Dritte Reich zu schützen. B. Charney V1 a d e c k, der Vorsitzende des Jewish Labour Committee* legte ausführlich die gegenwärtige furchtbare Lage der deutschen Arbeiterschaft dar und endete ebenfalls mit einer flammenden; Aufforderung zur Verstärkung des Boykotts. Dr. Tenenbaum schilderte die Anstrengungen, die gemacht wurden, um Amerika zur Hergabe weiterer Kredite an Nazi-Deutschland zu zwingen, Kredite, die nur die Kriegsrüstungen finanzieren und sich so eines Tages gegen das amerikanische Volk selber wenden würden. Dr. Stephen S. Wise machte den Zuhörern klar, daß der Boykott nicht den Krieg gegen das deutsche Volk bedeute. Es sei ein Krieg, der vielmehr die Deutschen von der Nazi-Sklaverei befreien solle. Alle diese Darlegungen der genannten Redner wurden von donnerndem Applaus begrüßt, sobald nur das Wort „Boykott" fiel, und der JCutact Sauec&wu*. Säurebäder u. fein schmeckender Säuerling. Gesunde u. preiswerte Sommerwohnungen. Rituelle Speisehäuser zu billigenPreisen. Auskünfte erteilt dieKurkommlaslon Sauerbrunn, die Werbestelle des Landesverbandes für Fremdenverkehr im Burgenland und der Heil- und Kurorteverband, beide Wien I., Nlbelungenaasse 1 Raum zitterte förmlich unter den Entrüstungsschreien der Massen, als die Untaten des Hitler- Systems von den Rednern aufgezählt wurden. Ergänzt wurden die Hauptreden des Abends durch eine Reihe überaus wirkungsvoller und in ihrer entschiedene« Sprache tiefen Eindruck hinterlassender Zustimmungserklärungen zahlreicher bedeutender Persönlichkeiten. Senator Henri Berenger, ehemaliger französischer Botschafter und jetziger Vorsitzender der Kommission des französischen Senats für Auswärtige Angelegenheiten, schickte eine Erklärung, in der die folgenden charakteristischen Sätze stehen: „Frankreich, stets der Vortrupp der Verteidiger des Rechts und der Toleranz, hat sich eine Ehre daraus gemacht, bei sich hochherzig mehr als 35.000 deutsche Juden aufgenommen und ihnen Gastfreundschaft und Asylrecht angeboten zu haben. Vielleicht wird eines Tages der Rassenwahn Hitlers es . zu bedauern haben, daß er die wesentlichen Prinzipien! des Christentums und des modernen Geistes in bezug. auf die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz' mißachtet hat." Sir Norman Angell, Träger des Friedensnobelpreises von 1933, forderte eine Weltmobilisation gegen den Nationalsozialismus. Ferner lagen; von 9 amerikanischen Staatsgouverneuren, von 13 amerikanischen Senatoren und von 40 Abgeordneten des Repräsentantenhauses aus 27 verschiedenen Unions-Staaten Zustimmungserklärungen vor. Zahllose jüdische Organisationen in England, Frankreich, Bulgarien, der Tschechoslowakei und Aegypten hatten sich durch Begrüßungszuschriften der Demonstration von Madison Square Garden angeschlossen. Einer der unvergeßlichen Höhepunkte dieser denkwürdigen Massenversammlung war jedoch der Augenblick, als die aus dem Dritten Reich verbannten deutschen Schriftsteller, die besten Geister des wahren Deutschlands, mit ihren Zustimmungsbotschaften zu Worte kamen. Erika Mann, die Tochter des Dichters und Nobelpreisträgers Thomas Mann, verlas persönlich die Botschaft ihres Vaters, die folgendermaßen lautet: „Anläßlich Deines Auftretens im Madison Square Garden beglückwünsche ich Dich auf das herzlichste. Du sprichst dort als unabhängige Persönlichkeit. Aber in einem gewissen Sinne handelst Du dort auch an meiner Stelle als meine Tochter und meine geistige Schülerin. Es ist eine schöne Gelegenheit, Zeugnis abzulegen für das Gute, für das Recht der Wahrheit und menschlicher Würde gegen Gewalt und Falschheit, die in diesen Zeiten so oft zu siegen und so viele zu' verführen scheinen. Du sprichst zu Amerikanern. So magst Du ihnen denn sagen, daß die ganze Welt auf das große Amerika blickt, das Land Lincolns, Whitmans und Franklin D. Roosevelts, daß sie an Amerikas Mission glaubt, der Menschheit voranzugehen auf dem Pfade des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit und sie einer Zukunft entgegenzuführen, deren sich die Menschheit nicht zu schämen haben wird." Erika' Mann, die begabte und mutige Künstlerin, nahm auch in eigenem Namen das Wort und sprach über das Schandmal der Nürnberger Gesetze und über die entwürdigende Lage der deutschen Frau. Auch von Thomas Manns nicht minder großem Bruder Heinrich Mann und von Lion Feuchtwanger lagen Zustimmungserklärungen vor, deren Wortlaut wir in Nr. 11 vom 19. März veröffentlicht, haben. Nicht vergessen sei eine Kundgebung aus Frankreich, unterzeichnet von dem früheren Abgeordneten Jean L o n g u e t, Prof Victor Bäsch, dem Präsidenten der Liga für Menschenrechte, dem bedeutenden Gelehrten Prof. Paul Lange- Anti-Hitler-Demonstration in New-York.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.