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Die Wahrheit · 1937-04-16 · Heft 15 (16.4.1937) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 15 (16.4.1937)
Date
1937-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedle par l'editenr" Jüdische tDochenschriff Die U)anrheif mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" Ersdieint jeden Ereitag Preis 40 Grosdien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang Wien, 16. April 1937 Nummer 15 Seelische Untermauerung. Rasiere Didi öal nnd billig Der frühere Polizeidirektor von Wien und jetzige Staatssekretär Dr. Skubl hat anläßlich seines Dienstantritts in seinem neuen Amte an die zu seiner Begrüßung erschienenen Beamten . eine Ansprache gehalten, die u. a. die beachtenswerte Aeußerung enthielt, der innere Friede bedürfe auch einer sedischen Untermauerung. An diese Bemerkung zu erinnern, ist gerade in dieser Woche besonders aktuell, die als „Woche des Buc he s" der Propaganda für die geistige Nahrung dient, diel Oesterreichs traditionelle Kulturverbundenheit festigen und jedem einzelnen Staatsbürger Veredlung seines Denkens und Fuhlens und in solch höherem Sinne nationale und soziale Verwurzelung in seinem Vaterlande sichern soll. „Daß soviel unreife Männer unser öffentliches Leben beunruhigen, daß soviel Einbildung statt Bildung7 herrscht, daran erkennt man unter anderen wenig erfreulichen Erscheinungen die ersten Früchte -unserer -^vernachlässigten Kultur", schrielr jüngst Oesterreichs Bundeskommissär für Kulturpropaganda Hammer'stein-E quord im „Neuen Wiener Tagblatt" im Rahmen eines Feuilletons, in dem der Autor" mit schöner Entschiedenheit für das 'humanistische Gymnasium und die intensivere Versenkung in die antike Literatur eintritt. Wir Juden teilen traditionsgemäß diese Wertschätzung der antiken Literatur, sind aber dabei so unbescheiden, neben dien von Herrn Hammerstein-Equord als Grundlage der abendländischen Kultur gepriesenen Werken der hellenischen Dichter, und Philosophen zumindest mit gleicher Rangiwertang das literarische Vermächtnis Unsen e r Väter zu der heutigen Generation zu Hebevollem Studium zu empfehlen, das von der gesamten Kultuirmensohheit als . das Buch der Bücher, das Buch (griechisch „biblos") schlechthin anerkannt wird und daher in einer „Woche des Buches" gewiß auch erwähnt zu werden verdient. Wir Juden 'Stehen mit dieser Ansicht nicht allein da. Wir konnten unsere Leser erst vor kurzem mit der schönen Würdigung der unvergänglichen und unversiegbaren Nähr quellen des viel verlästerten jüdischen Geistes in der gegen den Nazismus gerichteten päpstlichen Enzyklika als „heilserzieherische Schätze", als ..sittiichkeitsbfldende Kräfte", deren Ausschaltung eine „religiöse Unterernährung der Volksigemeinschaft" bewirke, erfreuen. Diesem bedeutsamen Urteil der höchsten Autorität des Katholizismus geseien sich nicht minder eindrucksvolle Bekenntnisse zur Bibel seitens illustrer Anhänger anderer christlicher Kirchen. So wurde jüngst die Tatsache publik, daß Hindenburg stete ein Bibelexempiar bei sich trug, in dem man nach seinem Tode die Worte vermerkt fand: „In schwerer und großer Zelt dankbar benutzt." Der greise Feldherr hatte auch die Stellen angestrichen, die er besonders liebte, und das waren hauptsächlich Psalmen, also Teile des Alten Testaments. Der tiefrehgiöse Russe Dostoj e >w s k i' zählt* In einem Kapitel seines Romans „Die .-Brüder: Karämasoff" ethische und, ästhetische Vorzüge fast aller Bucher des Alten Testaments auf und empfiehlt, diese Bücher dem einfachen Ghrtsteiiiniensahen vorzulesen. Der protestantische Schweizer Dichter Gottfried Keller stellt sogar das Alte Testament über das Neue. Er legt dem Helden seines autobiographischen Romans „Der grüne Heinrich" (1. Buch, 6. Kap.) die Worte in den Mund: „Wenn meine Mutter von Gott und den heiligen Dingen sprach, so fuhr sie fort, vorzüglich im Alten Testament zu verweilen, bei der Geschichte der Kinder Israel in der Wüste, bei den KormhändJern Josefs und seiner Brüder, bei der Witwe Oelkrug und dergleichen. Alle diese Ereignisse gefielen ihr ausnehmend wohl und sie trug mir dieselben mit warmer Beredsamkeit vor, während letztere mehr einem pflichtgemäß frommen Erzählen Raum gab, wenn das bewegte und blutige Drama von. Christi Lebensgeschichte entwickelt wurde."? Angesichts solcher Urteile; wirklich repräsentativer Geister der abendländischen Kultur stimmt uns der Bibelsturm, den wir «ben jetzt mit besonderer Vehemenz im Nazi-Deutschland erleben, höchstens heiter. Welcher Jfcde kaiÄjenist bleiben angesichts der.; Forderraog eineVrrjpäik^B Ginipp<t der „Deutschen Christen*, die Bibel zu verwerfen und an ihre Stelle Hitlers Wort zu setzen? In MOOIRNI BMJ CHBANSAGEN abiolut beschwerdafrail Fachfirma 7 BMDA6EH-MIK0UISCM, Tabsrrtraße 22 B> der sensationellen Begründung dieser grotesken Forderung heißt es: „Hitlers Wort ist Gottes Gesetz und hat als solches in Gestalt .der Verordnungen und Gesetze göttliche Autorität. Da jedoch der Führer der einzige hundertprozentige Nationalsozialist ist, erfüllt er allein das Gesetz." Das ist wahrhaftig eine bequeme Religion, deren Ausübung man dem Verkünder allein überläßt! Wenn aber Hitler der einzige hundertprozentige Nazi ist, dann ist Ludendorff der einzige zweihundertprozentige. Und so stellt auch er sich bei seinem „deutschgläubigen" Anhang mit elf „Mahnworten41 ein, die er an Stelle der zehn Gebote gesetzt wissen will: 1. Sei wahr (indem du; z. B. das Debakel deiner eigenen Unfähigkeit als Folge eines „jüdischen Dolchstoßes von hinten" interpretierst), 2. Sei zuverlässig (indem du, sobald es schief geht, nach ScHweden durchbrennst), 3. Sei stolz (schimpfe auf die minderwertigen Juden!), 5. Sei furchtlos! Grat der blauen Brille erkennt dich niemand), 6. Sei beherrscht (von deiner Gattin!), 7. Sei bewußt deines Blutes! (das deiner Soldaten kannst du hemmungslos opfern), 8. Sei Hilfe dem Edlen (d. h; Hilf dir selbst!), 9. Sei Vernichtung dem Bösen! („Juda verrecke!"), 10. Sei herzeigen deinem Volke, das für deine Sünden blechen muß), 11. Sei Feind seinen Feinden (bis zum Waffenstillstand um jeden Preis!) .. . Wie man sieht, fehlt es im Dritten Reich nicht an neuen Göttern, die im Gegensatz zum J-udengotte mit einer arischen Großmutter aufwarten können. Ludendorif will wohl nicht selbst als Gott gelten, dafür hat er aber an der reinen Stirn, seiner Gattin Mathilde, den .Buddha-Knorpd als untrügliches Merkmal der Göttlichkeit entdeckt . . . Es ist begreiflich, daß die dem christlichen Glauben treu gebliebenen Katholiken und Protestanten, für den Humor der , Sache wenig empfänglich sind, sondern die religiöse Entwicklung in Deutschland mit banger Sorge beobachten. Auch die Wiener „Reichspost" registriert kritisch Oeslerrelclilsclics Quiffltöts-ralirttat Ueberau erhältlich die täglichen Symptome der „religiösen Unterernährung" des deutschen Volkes, die die päpstliche Enzyklika, gegen die jetzt Hitler-Deutschland so scharf beim Vatikan protestiert hat, als Folgeerschemung der Aussperrung der sittlichkeitsbildenden Kräfte des Judentums aus den Bezirken der Volkserziehung diagnostiziert Um so erstaunlicher ist es, daß dieselbe „Reichspost" just in der Woche des Buches eine demonstrativ wohlwollende, Buchbesprechantg eines in einem Stuttgarter Verlag erschienenen Nazi-Machwerks „Die literarische Vorherrschaft der Juden in Deutsch- Tand von 1918—1933", von Dr. Wilhelm Stapel, veröffentlicht Die literaturkritische Weisheit die da vom Stapel gelassen wird, schwingt sich natürlich nicht zu der Erkenntnis auf, daß das, was der Autor „literarische Vorherrschaft der Juden" nennt, etwa darauf beruhte, daß die jüdischen Autoren ihren Lesern etwas zu sagen hatten, sondern diese Vorherrschaft entpuppt sich lediglich als Ergebnis eines geschäftlichen Kartells: „Die starken Beziehungen des Weltjudentums untereinander (das Deutsch nationalsozialistischer Literatursachverständiger!) erleichterten die Herausgabe der Uebersetzurtg jüdischer Werke in verschiedenen Sprachen. So wurden die jüdischen Autoren Repräsentanten deutscher Dichtung." Dieser aufgestapelte Unsinn will also der Welt weismachen, daß jüdische Uebersetzer ohne Rücksicht auf die Nachfrage ausschließüah Werke ihrer Glaubensgenossen in fremde Sprachen zu übertragen pflegen. Ein Blick in die Tagespresse genügt, um die Unhaltbarkeit dieser These zu beweisen. Soeben wird gemeldet daß ein Budapester Theater in Hamburg gastieren und dort Madachs „Tragödie des Menschen" spielen wird. Die deutsche Uebersetzung dieses ungarischen Nationaldramas lieferte der Jude Jenö Mohäcsi. Sein Name darf natürlich auf dem Hamburger Theaterzettel nicht genannt werden. Er fand sich damit ab, in dem stolzen Bewußtsein, dadurch die Aufführung des repräsentativsten Werkes der ungarischen Literatur im Dritten Reiche zu ermöglichen. Herr Stricker nimmt dies zum Anlaß, den jüdischen Uebersetzer anzuflegeln, weil er nicht auch noch auf die Tantiemen aus dem Nazireiche verzichtet bat. So sieht die angeblich auf der jüdischen Solidaratät begründete Vorherrschaft der Juden in der Literatur in Wirklichkeit aus! Das weiß natürlich auch die „Reichspost", der es ja als einem Wiener Blatt auch nicht ganz unbekannt sein kann, daß die Eindeutschung der beiden bedeutendsten Dichter der englischen Gegenwart das Verdienst zweier Wiener Juden ist: Siegfried Tirebitscli ijät der Uebersetzefr von Shaw, Leon Schalit der von Galsworthy. Trotzdem akzeptiert die „Reichspost" widerspruchslos die Lüge des Dr. Stapel, daß die Juden nur Juden

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