Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 13 (2.4.1937)
- Date
- 1937-04-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite b Nr. 13 — 2. April 1937 DIE WAHRHEIT Große Kundgebung der „Union". Zu einer imposanten Kundgebung für die „Union" gestaltete sich die am 17. März 1937, im Festsaal des „Hotel Continental" abgehaltene Versammlung der Bezirksorganisation Leopoldstadt Bezirksobmann Dir. Gustav Kolmin begrüßt die zahlreich Erschienenen, insbesondere die Referenten des Abends, den Präsidenten der „Union", Herrn Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, und den Vizepräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Dr. Josef Ticho. Als erster Redner betritt Herr Dr. J. Ticho das Podinm, von reichem Beifall begrüßt Mit angespanntester Aufmerksamkeit lauschten die Versammelten seinen Ausführungen. „Wenn ich über aktuelle Fragen referieren soll", führt Herr Dr. Ticho aus, „dann bauche ich nur über den Judenhaß zu sprechen, der leider täglich aktuell ist. Die Leiden, die die Juden Deutschlands, Polens und Ungarns in neuester Zeit zu erdulden haben, mahnen mich an den Psalmvers ,Wie zahlreich sind meine Bedränger' und an die Stelle in der Hagadah ,Zu allen Zeiten standen sie wider uns auf, uns zu vernichten'. Wie ist es möglich, diese Leiden auszuhalten, all diesen Anfeindungen zu widerstehen, so fragen wir uns täglich. Wieder finde ich die Antwort in der Hagadah: ,Der Allmächtige hat uns aus ihrer Gewalt gerettet' Der Auszug aus Aegypten war reich an Wundern. Auch heute geschehen solche Wunder. Es ist ein Wunder, daß wir leben und bestehen. Wir Juden brauchen daher keine Weltkonferenz, die immer einen Torso bilden muß, weil die Interessen der Juden eines Staates mit den Interessen anderer Staaten keine wie immer geartete Verbindung aufweisen. Es gibt kein internationales Judentum und keine gemeinsamen Interessen. Viel zu stark sind die Juden mit dem Boden ihres Landes verwurzelt in welchem sie ihre Heimat gefunden haben. Solche Konferenzen können un9 Juden nur schaden und nicht nützen. Ein sehr aktuelles, ia geradezu brennendes Problem ist für jeden verantwortungsvollen Politiker die Jugenderziehung. Mit Sorge muß es uns erfüllen, wenn von gewisser Seite unsere Jugend mit Wunschträumen beseelt und von einer Fata Morgana betört wird, aus welcher sie dann allzubald zur realen Wirklichkeit erwacht und bitter enttäuscht wird. Es muß der Jugend gesagt werden, daß sie in erster Linie mit dem Heimatlande fest verankert ist und hier ihre Existenz zu suchen hat Wenn dieser Existenzkampf für jeden Bürger schwer ist, dann ist er für den Juden noch schwerer und der jüdische junge' Mensch muß viel mehr leisten als jeder andere. Auf diesen Existenzkampf muß sich die Jugend vorbereiten. Aufgabe der Kultusgemeinde muß es sein, für Berufswahl, für Berufsumschichtung und für Einrichtung geeigneter Lehrstätten zu sorgen. Die Jugend muß es wissen, daß wir Juden mit dem Heimatboden verwurzelt sind, daß wir für unser geliebtes Vaterland zu jeder Zeit Gut und Blut geopfert haben und daß uns, was Vaterlandsliebe und Staatstreue anbelangt, keiner unserer Feinde übertroffen hat Noch ein zweites muß die Jugend wissen: Ihre Verbundenheit mit der Religion. Wir müssen unsere Kinder mit den erhabenen Lehren unserer Religion vertraut machen, mit jenen Lehren, die vom Geiste des Rechtes und der Gerechtigkeit, von der Nächsten- und Menschenliebe ohne Unterschied von der Achtung gegenüber dem Einheimischen und dem Fremdling erfüllt sind. Diese Lehren sind geeignet, den Glaubenshaß der Menschen abzubauen. Wir müssen ferner unserer Jugend jene Glaubenshelden vorführen, die den Heldentod als Märtyrer gefunden haben. Nicht für nationale Belange haben sie ihr Leben geopfert sondern für ihren Glauben. Diese Religionshelden mögen unserer Jugend vorschweben, dann wird der Name Jude wieder ein Ehrenname sei n." (Stürmischer Beifall.) Als der nächste Redner, Herr Präsident Reg.-Rat Dr. Oppenheim sich auf die Rednertribüne begab, bereitet ihm die Versammlung eine spontane Kundgebung. Alle Anwesenden erheben sich und begrüßen den erprobten Führer und entschlossenen Vorkämpfer der „Union" mit stürmischem Händeklatschen. Herr Präsident Reg.-Rat Dr. Oppenheim dankt zunächst für diese Kundgebung treuer Anhänglichkeit und führt unter anderem aus: „Anknüpfend an die glänzenden Ausführungen meines Vorredners, möchte ich auf das gemeinsame Schlagwort aller Judenfeinde verweisen. Es ist ein Wort „Der Jud". An allem in der Welt ist der Jude schuld. Nach Adolf Hitlers machiavellistischen Lehren muß man alle Gegner von einer Plattform aus bekämpfen, den Kapitalismus, den Sozialismus, die Religion, den Legitimismus usw. Dieses Schlagwort hat zu Luegers Zeiten nicht anders gelautet als in unseren Tagen. Diesem gefährlichen Schlagwort hat die „Union" ein anderes Wahrwort entgegengestellt. Diese Äbwehrformel lautet: „Schuld an allem Unheil ist der National ismu s". Der Nationalismus ist der Todfeind aller Kultur und aller Menschlichkeit, ganz gleichgültig, ob es sich um den Nationalismus in fremdem oder im eigenen Lager handelt. Besondere Aktualität besitzen die Vorgänge in der Kultusgemeinde, die ein grelles Licht auf die Eigenart unserer jüdischnationalen Gegner werfen. Unsere Tätigkeit in der Kultusgemeinde war gleich im Anfang sehr verheißungsvoll. Es ist uns in jener denkwürdigen Sitzung vom 28. Dezember 1936 gelungen, das Attentat auf die Steuerträger durch Einhebung des 20prozentigen Zuschlages für das verflossene Jahr zu verhindern. Wir haben diesen Anschlag abgewehrt, weil wir der Meinung waren, daß in einer für jeden Steuerträger so schwierigen Zeit von den verantwortlichen Faktoren verlangt werden muß, eine triftige Begründung für die Notwendigkeit dieser Maßnahme zu geben. Auch noch andere Anschläge der Jüdischnationalen haben wir abgewehrt, welche die Fortsetzung der Politisierungs- und Nationalisierungstendenzen bedeuten." Der Redner befaßte sich nun eingehend mit dem sattsam bekannten „Fall Löwenherz" und führte u. a. aus: Die Jüdischnationalen haben diese Stelle, die nach dem Tode des verdienstvollen Beamten Reg.-Rat F u cJi s g e 1 b frei geworden ist nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, mit dem Amtsvorstand Engel, der diese Agenden zur vollsten Zufriedenheit und mit erprobten Fähigkeiten geführt hat, besetzt sondern sie haben ihrem Parteigänger, dem. ehemaligen ehrenamtlich bestellten Vizepräsidenten Dr. Löwen herz für Parteidienste, die er geleistet hat diesen Posten zugeschanzt Vergeblich waren unsere Warnungen, die lüdischnationalcn erklärten diesen Fall als ein Politiken Eine reine Verwaltungssache wurde zur Parteiangelegenheit. Es kam zum Wahlkampf, aus welchem die „Union" als größte einheitliche Partei hervorging. 12.000 Wähler haben sich gegen Löwenherz ausgesprochen. Mit welchen Mitteln die Jüdischnationalen arbeiten, erkennt man daran, daß sie nicht davor zurückschrecken, die Hilfe des Auslandes und der Weltorganisation des Zionismus anzurufen, um die Vertreter des „Arbeitenden Palästina" und die Gruppe des Doktor Plaschkes für die Person des Dr. Löwenherz zu gewinnen. Brodetzky, Grünbaum, Goldmann, die Apostel Herzls wurden ausgeschickt um den Zionismus, statt in Palästina, in Wien . zu verwirklichen. Auch die „Weltorganisation" der „Wizo" wurde in Bewegung gesetzt um Herrn Dr. Löwenherz auf den Stuhl des Amtsdirektors zu setzen. Bei diesen Interventionen wurde sogar auf die „Gefahr für das österreichische Judentum" hingewiesen, die im Falle der Nichtbestellung Dr. Löwenherz sich ergeben würde. Wir lassen uns in der ganzen Angelegenheit nur von sachlichen und ethischen Gründen leiten. Unser Standpunkt ist unverrückbar. Es geht um die Würde der Kultusgemeinde, um die Reinheit der Verwaltung. Es ist ein Novum in der Geschichte der Kultusgemeinde, daß ein ehrenamtlich gewählter Präsident besoldeter Amtsdirektor werden muß, weil er selbst und seine Parteigenossen es wünschen. Einen umgekehrten Fall hat es in der Wiener Kultusgemeinde gegeben, daß ein im Range eines Amtsdirektors ehrenamtlich tätiger Sekretär (Josef Wertheimer) zum ehrenamtlichen Präsidenten gewählt wurde. Das war ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Gemeinde; das Blatt wjirde gewendet. Nicht um die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Wiener Juden handelt es sich den Jüdischnationalen. Auch ihr Kampf gegen Assimilation ist nur Augenauswischerei. Sind etwa.-.deutschnationale Studentensitten, Bierkomment und ' Mensuren biblisches Produkt? Auch 'der'Begriff „Nation" ist unjüdisch, jüdisch sind nur die Lehren des Judentums, seine Ethik, die dje ganze Welt erfüllt Die ganze jüdischnationale Tätigkeit in der Wiener Gemeinde bezweckt die. Bildung von jüdischnationalen Zellen in allen Zweigen der Verwaltung, die auf die Umbildung der Kultusgemeinde in eine Volksgemeinde hinausläuft! Kein Wunder, wenn solcherart der politischen Korruption Tür und Tor geöffnet sind. In der nationalen 'Volksgemeinde ist ein friedliches Zusammenarbeiten' mit anderen Gruppen ausgeschlossen. Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns. Der Nationalismus muß die Totalität anstreben. Präsident Reg.-Rat Dr. Oppenheim führt einige Beispiele der politischen Korruption der letzten Zeit an, die im Falle Löwenherz ihren Höhepunkt erreicht hat und befaßt sich dann mit der Fürsorge der Gemeinde, die absolut unzureichend sei. Mit erhobener Stimme ruft Präsident Reg.-Rat Dr. Oppenheim in den dichtgefüllten Saal. „Hinaus mit der Politik aus der Kultusgemeinde, für die armen und bedrückten Glaubensgenossen, für die Alten, Kranken und Siechen wollen wir arbeiten!" Lange dauerte der anhaltende Beifall, mit welchem die Zuhörer dem Referenten für seine Ausführungen dankten. Auf vielseitiges Verlangen wird Herr Kultusvorsteher Dr. Feldsberg vom Vorsitzenden eingeladen, einige Worte an die Versammlung zu richten. In gewohnt meisterhafter Art wendet sich Dr. Feldsberg sehr temperamentvoll gegen die Täligkeit der Jüdischnationalen in der Kultusgemeinde. Er hält scharfe Abrechnung mit all jenen, die an den heutigen Zuständen in der Kultusgemeinde schuldtragend sind. Er verurteilt die Politisierung der Beamten, Lehrer und Rabbiner. Er verweist auf den Fall, wo ein Religionsprofessor es wagte, jeden Nichtzionisten als Nichtjuden zu bezeichnen. Diese Sendlinge der Jüdischnationalen verhetzen unsere Jugend und vergiften ihren gesunden Sinn mit geistlosen und leeren Ideen. Vom Standpunkte der Thora müssen wir den Nationalismus verwerfen, weil er die Menschen von einander trennt. Die Verkündigung am Sinai will die Versöhnung der Menschen; die Ideen des Nationalismus erzeugen Haß, Unrecht und Unduldsamkeit. Die Lehren unserer Religion sind für die ganze Menschheit und nicht für eine Gruppe, die noch dazu diese Lehren für politische Zwecke mißbraucht. Der jüdische Nationalismus gefährdet das Erziehungswerk unserer Gemeinde. Der Nationalismus dient der Verhetzung unserer Jugend. „Warum", fragt Dr. Feldsberg, „gehen die Zionslieblinge nicht nach Palästina? Warum schicken sie immer die anderen GROSSFLEISCHHAUERE* IIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRIHGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungetifürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen hinunter? Warum gehen sie nicht als Kämpfer an die gefährdete Front? Wir werden uns dem Terror stellen. Wir werden den Kampf gegen das Armeeoberkommando der Jüdischnationalen solange führen, bis wir die blau-weiße Fahne von den Zinnen der Seitenstettengasse heruntergeholt haben. Unsere Fahne ist die rot-weiß-rote Fahne als Symbol der Vaterlandsliebe und die Fahne der jüdischen Religion, die als Farbe und Inschrift die erhabenen Sittenlehren edelster Menschlichkeit enthält" Auch die Ausführungen Dr. Feldsbergs wurden mit starkem Beifall aufgenommen. Hierauf wird vom Schriftführer eine Resolution verlesen, in welcher die Unionisten der Leopoldstadt der Führung der „Union" Dank und Anerkennung für ihre entschlossene Haltung aussprechen und sie der treuen Gefolgschaft der Bezirksorganisation versichern. mp. Ruhe in Palästina. Erklärungen des Kolonienministers im Unterhaus. In der Unterhaussitzung vom 24. März hat Kolonienministeir Ormsby-Gore in Beantwortung einer Anfrage des Abgeordneten Lieut- Commander Fletcher eine Erklärung über die gegenwärtige Lage in Palästina abgegeben. Die allgemeine Lage, sagte der Minister, sei seit seiner Erklärung vom 17. März (in der er über die jüngsten Mordfälle gesprochen und mitgeteilt hatte, daß die Verkündung des Kriegsrechts nicht beabsichtigt sei) unverändert geblieben. Ueber die S i ch e r h e i t's v e r h ä 11nisse im Süddistrikt werde jetzt berichtet, daß sie nicht abnormal (!) seien. In den nördlichenDistrikten seien zahlreiche Verhaftungen vorgenommen worden, einige Personen wurden ferner in Jerusalem in Präventivhaft genommen. Der Oberste Anabische Ausschuß hat eine Erklärung veröffentlicht, die den Aufruf enthält, Gewalttaten zu vermeiden. Der Abgeordnete Williams fragte weiter, ob seit der Veröffentlichung dieses Aufrufs weitere Morde und Gewalttaten vorgefallen seien. Der Minister: Ich fürchte, ja. Abg. Crossley: Hat der Minister Grund zu der Annahme, daß der Oberste Arabische Ausschuß diesei Gewalttaten nicht völlig mißbilligt? Der Minister: Das gesamte mir vorliegende Material deutet darauf hin, daß der Ausschuß dies mißbilligt. (?) Vor den Pessachfeiertagen hatte die Polizei zur Sicherung der Ruhe während der Feiertage verschiedene Maßnahmen ergriffen, die jedoch nicht verhinderten, daß einigekleinere Terrorakte vorkamen. Während der Pessachtage haben etwa 10.000 Juden die Klagemauer besucht Es kam zu keinem Zwischenfall; überhaupt herrscht derzeit im Lande Ruhe. Ergebenheitsadresse der Juden Englands an Konig Georg VI. Die Juden Englands haben am 25. März Seiner Majestät König Georg VI. anläßlich der Thronbesteigung eine Ergebenheitsadress e überreicht. Die Ueberreichung erfolgte durch eine von Oberrabiner Dr. Hertz geführte Deputation von Vertretern des Board of Deputies of British Jews und der Anglo-Jewish Association, die. zu jenen Körperschaften gehören, welche das Vorrecht genießen, vor dem König zu erscheinen. Dieser gab die Versicherung, daß die Freiheit der Religion und das Leben der Juden, im Rahmen der aligemein geltenden Gesetze in England immer gewahrt werden würden.