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Die Wahrheit · 1937-03-26 · Heft 12 (26.3.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 12 (26.3.1937)
Date
1937-03-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite. 2 Nr. 12 — 26. März 1937 DIE WAHRHEIT KUNDMACHUNG Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Pessach-KoschermilCh io allen ihren Filialen zum Verkauf. Die PeSSach - KOSChermilCh wird in ihren Meiereien in Niederösterreich unter streng ritueller Aufsicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. M. Rosenmann bestellten religiös verläßlichen Organe dyhipd erzeugt. Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe» respektive mit einer Schleife versehen mit dem Aufdruck: hdb bv itw shrt Vom 26. März bis 3. April in .»■- _ _ . aüen Verkaufsstellen erhältÜch. Wiener MOlkereia : Wir empfehlen die guten, modernen Wimm fluto-u.Hotorrndschulßn Wien ß. HeudeggecgasselB Pessach-Gedanken. Von Rabbiner Dr. L. Lipschütz, Lundenbürg. und Söhne, Enkel und Ahnen biden einen unze rt rennliche Einheit. Wir gehören alle zusammen, und Jeder Bruder, der sich nicht selbst aus der Gesamtheit ausschließt, gehört zu uns. Es gibt am Seder-Abend keinen einsamen, keinen verlassenen Juden. Aul dem Höhepunkt der Feier aber, wo wir uns von der Vergangenheit zur Zukunft erheben, da zieht unsere Hoffnung hinaus in die Zeit, da einst nicht , nur für unser schwer geprüftes Volk, sondern für die ganze Menschheit die Stunde der Erlösung aus Leid und Not gekommen sein wird duiroh das von unseren Propheten verheißene Reich der Wahrheit, des Friedens und der Gerechtigkeit. -Co# Wenn der Winter hinter uns liegt r.i::l .-:!'> tur zu neuem Leben erwacht, feiern wir Juden das Pessach-Fest, die Befreiung Israels aus dem Diensthause Aegypten durch die allmächtige Hand Gottes. Dieses wunderbare Ereignis am Anfange unserer Geschichte hat sich unauslöschlich ins Gedächtnis des jüdischen Volkes eingegraben. Jahr um Jahr — seit Jahrtausenden — wird in diesen Tagen über den Auszug aus Aegypten erzählt. In jedem Geschlecht, zu allen Zeiten sofflen und können wir es fühlen, als hätten wir selbst unter harter Knechtschaft gelebt, als habe Gottes starke Hand uns mitten in dunkler Nacht hinausgeführt in die Freiheit. Das jüdische Volk hat damals bei seiner Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft ein seelisches Erlebnis gewaltigsten Ausmaßes gehabt. Hier begreift es sich zum erstenmal als das Volk Gottes. „Euch aber nahm iBr und führte euch aus dem Eisenschmelzofen aus Aegypten, ihm zu einem Eigentumsvolk zu werden." Das ist seither der Kern und die Seele unseres Daseins: Wir sind Gottes ^Volk! — So fällt mit der wunderbaren Errettung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft die Offenbarung am Sinai sinngeeint zusammen. Eines ist ohne das Andere nicht zu denken. Beide zusammen erst haben Inhait und Richtung des jüdischen Weges für alle Zeiten bestimmt Auf Grund dieser engen Verknüpfung von Auszug und Offenbarung wächst im jüdischen Volke immer stärker und stärker das Bewußtsein der Auserwahltheit durch Gott hervor. Aber dieses Bewußtsein ist uns keinesfaäls nur ein Ruhmestitel, sondern es bedeutet uns vielmehr eine Verpflichtung, daß wir ein -heiliges Volk sein soHen, daß wir dazu da sind, in dieser Welt Zeugen Gottes zu sein gemäß dem Worte der Bibel: „Werdet heilig, denn heilig bin Jen, euer Gott." Und das ist das Allwunderbarste in der an Wundern so reichen Geschichte Israels: Sobald schwere Schickungen über unser Volk kommen, da schlagt es an seine Brust und bekennt seine Sünden und seine Untreue gegen Gott. So wird im Judentum aus Leid und Schmerz durch Selbstbesinnung stets neue Kraft, neue Hoffnung geboren. Und je schwerer das Unglück, je dunkler und iänger die Nacht, um so heller leuchtet in uns das Licht der Hoffnung auf und die frohe Zuversicht, daß Gott der Ewige und Allmächtige sein Volk nicht verlassen und daß er es erretten wird aus dem Trübsal, wie er es einst errettet hat aus dem Diensthaus der Aegypten In diesem Sinne deuten wir auch das Wort Pessach „Er geht vorüber", und wir denken dabei an jenen Tödesengeä, der die Erstgeburt in Aegypten schlug, aber an den Häusern der Israeliten schonend vorüberging; so wird er auch jetzt wiederum an unseren Häusern vorübergehen und sie schonen. Und es ist keine bloße Form, wenn wir am Seder-Abend feierlich erklären: „Denn nicht einer allein ist gegen uns aufgestanden, um uns zu vertilgen, sondern im jeden Geschlecht und Zeitalter erheben sie sich gegen uns, um uns zu vernichten, doch der Heilige, — gelobt sei er — errettet uns aus ihrer Hand." Wir vertrauen auf unseren Gott, den Ewigen und Heiligen, wir Mammern uns in unserer oft grenzenlosen Not an die den Vätern gegebenen Verheißungen. Dieses Vertrauen wird zur heiligen Gewißheit, wenn der Jude am Seder-Abehd mit seinem ganzen Denken und Empfinden in seine Vergangenheit sich versenkt und sich als Glied in der Kette der Generationen Israels fühlt Wir blicken am Pessach-Fest durch das Fenster unserer Geschichte und sehen die vergangenen Geschlechter unserer Ahnen, wie sie Befreiung und Erlösung fanden. Wir fühlen uns im Geiste aufs engste mit ihnen verbunden. Väter J*Mchs&autH. 11., Kleine Pfarrgasse 21 Tel. A 43 5-19 Erstklassiger Kaffee Allerbeste Getränke rras bw ta'd Modernst renoviertes Lokal Angenehmer Aufenthalt. In- und ausländische Zeltungen, aufmerksamste Bedienung, zivile. Preise. Treffpunkt der jüd. Gesellschaft Separierter Raum für Klub» und Vereine. Politik mii dem Dieiridi. Der Reichspressechef der N. S. D. A P. Dr. Otto! Dietrich ist Gegenstand einer unliebsamen Verwechslung geworden. Sein Kollege Dr. H a n fstaengl, bisher Leiter des ausländischen Pressedienstes der N. S. D. A. P., der Hitler nach dessen mißglücktem Putsch im November 1923 das Leben gerettet hat, ist jetzt trotz seiner großen Ver-r dienst© um die Partei in Ungnade gefallen, weil er zur Mäßigung riet. Daraufhin meldete ein Wiener Blatt, das sich offenbar unter den nationalsozialistischen Presse-Funktionären nicht genug Restaurant Stefanie Hugo u. Julie Herlinger, geb. Zöllner II., TaborstraBa 12 Tel. II 4S-8-46 Tu^mZ feierliche Sederabende Für bekannt erstklassige Speisen und Getränke bei zeitgemäßen Preisen ist gesorgt. Anmeldungen rechtzeitig erbeten. nbs Sty iBO _ auskennt, die Verhaftung des Dr. Dietrich. Das war sehr bedauerlich: Täglich werden Nazi-Bonzen, die noch kurz rvorher die größte Machtfülle besaßen, abgesetzt, außer Landes gejagt oder im Konzentrationslager kujoniert; hat nun einer von ihnen das ganz exzeptionelle Glüek, all diesen Gefahren bisher entronnen zu sein, so muß er es natürlich als eine ganz besondere Bosheit empfinden, daß ausgerechnet seine Verhaftung berichtet wird. Die hohe Obrigkeit machte seine Sache sofort verständnisvoll zu der ihrigen: Welch willkommene Gelegenheit, den anhaltenden Beschuldigungen tyrannischer Willkürherrschaft einmal mit Entschiedenheit entgegentreten zu können, da ausnahmsweise ein Alibibeweis möglich ist, weil zufällig einer der wenigen, die im Dritten Reich noch unangefochten in Amt und Würden sitzen, im Ausland auch schon als erledigt bezeichnet wurde! Also gab es einen höchst offiziösen Entrüstungsrummel in der gleichgeschalteten Presse und im Rundfunk des Dritten Reiches — nicht etwa nur gegen das Wiener Blatt, das die Falschmeldung publiziert hatte, sondern gegen die Wiener „jüdische Presse", wie auch gegen die österreichische Bundesregierung, der ein Bruch des am 11. Juli vereinbarten Pressefriedens vorgeworfen wurde. In allen Tonarten wurde die Backfischfrage: „Mama, was ist ein Leutenant?" politisch variiert: „Wie kann man bloß von Verhaftungen im Dritten Reich faseln, wo doch der Dietrich — Wotan erhalte ihn gesund bis 120 Jahre! — Tinberufen noch nicht einmal abgesetzt ist'." Zum Glück ließ sich die österreichische Regierung nicht ins Bockshorn jagen, sondern ergriff die Gelegenheit, den Spieß umzudrehen, und entlarvte die künstliche Nazi-Entrüstung als den alten Trick, „Haltet den Dieb!" zu rufen, um dert Arm der Gerechtigkeit, von dem wirklich Schuldigen abzulenken. Man soll eben, wenn man mit dem Dietrich arbeitet, Aufsehen lieber vermeiden, an^ statt selbst solches hervorzurufen. Das deutsche Nazi-Regime mußte das Abgehen von dieser Vorsichtsmaßregel mit sehr eindringlichen Zurechtweisungen seitens der österreichischen Regierung büßen, die um so wirkungsvoller waren, als sie der unbegründeten Aufgeregtheit der Hakenkreuzler höchst sachlich fundierte Darlegungen, wer in Wirklichkeit den Pressefrieden störe, entgegenhielten. Besonders eindrucksvoll war der Hinweis auf die Tatsache, daß Oesterreich solche ihm zugemutete Störungsversuche schon deshalb nicht mit gleichen Waffen wie die Gegenseite inszenieren könnte, weil es unter der gleichgeschalteten Presse des Dritten Reiches keine betont österreichfreundlichen' Blätter gäbe, die die Sache unseres Staates ebenso unentwegt verfechten dürften, wie die betont nationalen Blätter in Oesterreich das Interesse der Nazi vertreten. Leider war das eher noch zu wenig als zu viel gesagt. Denn längst sieht mian, daß die Tendenzen, die früher ein Monopol der national betonten Presse gewesen sind, auch schon tri betont katholische und vaterländische Organe eingeschmuggelt wurden und sich dort breit machen. Nicht umsonst steht die Fehde der reichsdeutschen gegen die österreichische Presse im Zeichen des Dietrichs. Der Name ist geradezu ein Symbol für die Taktik der Nazi geworden, ihre ideelle Konterbande in Oesterreich abzulagern. Am auffallendsten ist die Wandlung in der Provinz-Pr'esse. Da in den Bundesländern aus Mangel von Juden die Judenfrage niemals so sehr in den Vordergrund gerückt werden konnte, um die Aufmerksamkeit des Volkes von den wahren Schädlingen des Staates! und der Gesellschaft abzulenken, hörte man gerade von dort manch vernünftige Kritik des Nazismus und richtige Einschätzung des diesem immanenten Gefahrenmoments für die sittlichreligiöse Grundlage des Oesterreichertums. Diese beachtenswerten Aeußerungen des gesunden Menschenverstands machen in der letzten Zeit in stets zunehmendem Ausmaß kritiklos übernommenen Nazi-Argumenten Platz. Der Landeslehrerverband von Salzburg hat eine Sondernummer seiner „Mitteilungen" herausgegeben, die den Titel trägt: „Judentum und Schule". Wir wollen nichfl leugnen, daß zwischen Judentum und Schule seit jeher enge Beziehungen bestanden. Das geht schon aus vielen Talmudsprüchen her-

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