Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 11 (19.3.1937)
- Date
- 1937-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 11 — 19. März 1937 DIE WAHRHEIT nach werden den Minderheiten angehörende Staatsbürger in Altrumänien, die schon vor dem Friedensschluß Bürgerrechte besaßen (die Juden Alt-Rumäniens waren bis zu diesem Zeitpunkt bekanntlich nicht gleichberechtigt), zu den „autochthonen Elementen" gezählt werden, während die Minderheiten in den neu erworbenen Gebieten als nicht „autochrhon" gelten. Die „echt deutschosterreichische Geselligkeit" mit „echten Wienern und Wienerinnen" des Dr. Walter Riehl. Wir erhielten durch Zufall Kenntnis von folgendem Zirkular, das Herr Dr. Walter Riehl als Präsident des „Wiener Stadtkäub" aussandte und das für sich und seinen Verfasser spricht: Gnädige Frau! Gn. FrL! Sehr geehrter Herr! Der bisherige verdienstvolle Präsident des Wiener Stadtklubs Erwin Hönigsclunid wurde zum Ehrenpräsidenten unseres Klubs ernannt und ich habe seine Nachfohjeschaft als Obmann übernommen. Unser Klub ist durch seinen Namen, seine vorzüglichen Satzungen und vieijährifien Tradition ein Sammelpunkt echt deutschestem ei chj scher Oe|seVlä2ike5t, also mit Ausschluß jüdischer Elemente. Als Programm für die Zukunft erlaube ich mir Folgendes zu verlautbaren: 1. Wir bleiben bis auf weiteres bei unseren Tanzabenden an jedem Freitag, 21 Uhr, Kaffeehaus Altes Rathaus, Wden I-, Wipplinserstraße 24 (neben der hohen Brücke). Damen kleines Abendkleid, Herren dunkler Anzug. Was die Preise betrifft, so habe ich von nun an folgende Neuerung getroffen: Konsumationspreis mit allen Zulagen S 2—, Studenten bezahlen S 1.50. Gäste werden ersucht, nach zweimaligem Erscheinen dem Verein als Mitglieder beizutreten. Bis zum Ende des Sommersemesters wird als Restmitgliedsbeitrag der Betrag von S 2.— eingehoben. Wir bitten um regste Werbetätigkeit in tanzfreudigen arischen Kreisen! Am 2. April Dirndiabend „Tanz auf der Alm". Mai bis August werden die Tanzabende im Restaurant Türkenschanzpark bei eigenen Tischen fortgesetzt 2. Als Neuerung schwebt mir die Ausgestaltung des Stadt-Klubs ate judenfreier WiHkommklub für ausländische Gäste vor. Wir werden durcji. Vermittlung der österreichischen Konsulate in den europäischen, und amerikanischen Hauptstädten an GeseUschaftsklubs Aufforderungen richten, mit uns in eine Art Tauschverkehr zu treten. Ausländer werden sich sehr freuen, hier mit echten Wienern und Wienerinnen einen Abend zubringen zu können und vieHeächl auch Begleiter und Begleiterinnen durch die Stadt und ihre Umgebung zu finden. Ich bitte jetzt schon unsere bisherigen Mitglieder und neueintretende Damen und Herren, unter Angabe ihrer Sprachenkenntnisse sich schriftlich für diese Zwecke zu Dr. Paul Nathan, Zum 10. Todestage. 3. Weitere beabsichtige ich folgende praktische Neuerung für Mitglieder: es sollen „nächtliche Ausflüge" in verschiedene Lokale unternommen werden. Hauptzweck ist bedeutende Preisermäßigung bei sozusagen garantierter Gesellschaft. Ich habe bereits mit mehreren sonst sehr kostspieligen Lokalen Verhandlungen angeknüpft. Der erste solche Ausflug wird Montag, den 15. März in die „V i e n n a"-Bar, Wien I., Jasomingottstraße 6, nächst Stefansplatz, ab HJO Uhr abends unternommen. Konsumation mit allen Zulagen S 1.50. Für Montag, den 5. April habe ich mit dem „Schlüsselloch" (Publikumstanz und Vorführungen), Wienl-, Rauhensteingasse 8, abgeschlossen. Preis S 2.— für Konsumation mit allen Zulagen und 30 g pro Person Garderobe. Dann werden folgen: Renaissancebar, Flottenbar usw. . Bitte also diesen Zettel aufzuheben. Besichtigungen, verbilligte Theaterbesuche usw. werden einer späteren Verlautbarung vorbehalten. Mit diesem Aufruf wenden wir uns auch an uns nahestehende Kreise, z. B. den ehemaligen Waldmüllerbund, die Landtmannabende usw. und bitten, sich unsere Abende anzusehen. Auf Grund dieser Einladung werden neu erscheinende Damen oder Herren freundlich begrüßt. Wir freuen uns, Neulinge in unsere, den angenehmsten Sport darstellende Tanzkunst einführen zu können. Selbstverständlich giltdiese Einladung auch für Ihre werten Angehörigen. Für neue Anschriften, insbesondere von Tänzern, sind wir sehr dankbar. Dr. Walter Riehl, Präsident des „Wiener Stadtklub". Generalmajor d. R. Egon Orosel, Frau Uly Bohaczek, Tanz^eferent. Vizepräsidentin. In einer Zeit, da die persönliche Sorge und Mitarbeit hervorragender Menschen sich verliert, da alles organisiert, von Büros und Vereinigungen „bearbeitet/' wird, idarf man eines;Mannes bedenken, der Jcurz vor Vollendetem 70. Lebensjahre diese Welt vor zehn Jahren verlassen hat, betrauert nicht von Frau und Kind, aber rvon einer Schar von Menschen, die seine Güte, seine Hilfsbereitschaft, seine Opferkraft und seinen Geist gespürt, erkannt und verehrt haben. Keine Organisation des deutschen Judentums, die sich für die Stellung der deutschen Juden und für die Anerkennung des jüdischen Menschen in der ganzen Welt einsetzte, hat glücklicherweise es versäumt, sich seine Mitarbeit an führender Stelle zu sichern. Ein Mann der allgemeinen deutschen Politik, der nie sein Judentum verleugnet ihat, der in Rußland, in Rumänien, in Palästina für seine jüdischen Brüder und deren Sorgen und Kämpfe eingetreten ist, ein Kämpfer für Recht und Sittlichkeit, mit Wendender Erkenntnis Ider Probleme und der Schwierigkeiten, deren man Herr werden mußte. GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen mr Koscherfleisch unter Aufsieht das ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität .zu den:billigsten Marktpreisen Sein Leben ist rasch erzählt: 1857 wurde er in Berlin geboren. Er studierte Geschichte und Nationalökonomie, daneben Philosophie und Naturkunde, begab sich früh auf Reisen auch in überseeische Länder und wurde politischer Schriftsteller, ja Politiker. Von 1884 bis 1907 war er Mitredakteur der „Nation", einer Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft und Literatur, die von Theodor Barth begründet wurde. Hier schon waren ihm jüdische Dinge und Interessen nicht fremd. 1893, als in Berlin der Verein zur Abwehr des Antisemitismus von nichtjüdischier Seite angeregt und ins Leben gerufen wurde, war Paul Nathan einer der Mithelfer auf jüdischer Seite und hielt ihm bis zu seinem Tode die Treue. Georg Gothein konnte daher in seinem Nachruf in den „Abwehr-Blättern" schreiben: „An diesem geistvollen, klugen Mann von umfassender Bildung, an diesem feinsinnigen Schriftsteller war das Hervorragendste doch die Herzensgüte, das Mitgefühl mit allen, die mühselig und beladen sind, mit allen, denen Unrecht geschah. Er beschränkte sich keineswegs auf seine jüdischen Religionsgenossen, sondern sein Mitgefühl erstreckte sich auf alle Menschen ohne Unterschied des Stammes und der Religion . . . Gerechtigkeit und Menschenliebe und Güte waren bei ihm allein die" treibenden Faktoren. Sein arbeitsvolles Leben vollzog sich im Dienste der Ethik". Er bekennt allein, daß nicht theoretische Erwägungen, sondern „unmittelbar aus den praktischen Erfahrungen des Tages ergab sich für die deutschen Juden die Notwendigkeit, sich auch ihrerseits in einem besonderen Verband zu organisieren". So gründete er und leitete er ehrenhalber den „Hilf sverein" im Jahre 1901 und konnte in der Festschrift zum 25jährigen Bestehen Im Mai 1926 Bericht über die Leistungen des Hilfsvereins, d. h. zugleich über sein Werk erstatten. An führender Stelle stand er auch im. „Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", da er sich als ganzer Deutscher fühlte und seine Glaubensgenossen in aller Weit mit de« Gaben der deutschen Kultur beglücken wollte. So verlief sein Leben in einem ewigen Kampf für das Gute und Beste, das er kannte. Bis der Tod am 15. März 1927 ihm die Feder aus der Hand riß und den Kämpfer zur wohlverdienten Rulle zwang. Das Gros der Veröffentlichungen von Paul Nathan ruht in den Publikationen der schon genannten Zeitschriften, zu ihnen treten steine nicht geringen Aufsätze im „Berliner Tageblatt", in der „Neuen Freien Presse", im Berliner „Vorwärts". Seine selbständigen Schriften dienen der Apologetik, der vom Tage aufgezwungenen Entgegnung. Die Beschuldigung des Ritualmordies ließ ihn zweimal auftreten, 1892 schrieb er über den „Prozeß von Tisza Eszlar, ein antisemitisches Kulturbild", 1913 rief ihn der Beilis-Prozeß in Rußland nochmals auf den Plan, „Der Fall Justschinski, offizielle Dokumente und private Gutachten" ist der Titel dieser Schrift. Den Problemen der bedrängten Brüder im Osten Europas galten zeitig seine Sorgen und seine Worte. Die russische Revolution von 1906 gab ihn zuerst hierzu Veranlassung. Als mit dem Kriege und der Nachkriegszeit der Zustrom aus diesen Gebieten nach Deutschland groß war, schrieb er zuerst 1922 über die „Ostjuden in Deutschland und die antisemitische Reaktion" und diesen Fragen galt auch seine letzte Veröffentlichung „Das Problem der Ostjuden" (Berlin 1926). In dieser Schrift tritt Paul Nathan für Binnenwanderung in Sowjetrußland ein. Der Rezensent dieser Schrift in der „Wahrheit" (L. Bergmann) betont am Schluß mit Recht: „Diei überaus aktuellen und überzeugenden Darlegungen münden in einen praktischen Arbeitsplan auf diesem Gebiete und in einen warmherzigen Appell an das deutsche Judentum, in dieser Aktion die Initiative zu ergreifen". Unter besonderem Aspekte betrachten wir heute das Schulwerk des Hilfsvereines.— und das ist wiederum ein großes Werk -Nathans — im Orient. „Unser weitverbreitetes Schulwerk in Palästina, das Ergebnis einer Arbeit von länger als 10 Jahren, wurde trotz des Krieges mühselig aufrechterhalten. Nach dem Kriege und nachdem Palästina unter die englische Oberherrschaft gelangt war, mußte sich alsdann der Hilfsverein von seiner Tätigkeit im Orient zurückziehen» Andere Mächte waren im Orient zu besonder» einflußreichen Faktoren geworden. Jede Intervention des Hilfsvereins in jenen Gebieten wäre deswegen von stärkster politischer Antipathie und stärkstem Mißtrauen begleitet gewesen. Unter diesen Umständen mußte der Hilfsverein den schweren Entschluß fassen, seine Tätigkeit im Orient zunächst einzustellen. Er zog sich von seinem gesamten Schulwerk zurück, und auch das Technikum in Haifa ging in andere Hände über". Man spürt an diesen Worten, die Nathan selbst 1926 schrieb, den Schmerz um die verlorene Position nach und den Ernst, mit dem er diese Arbeit begonnen und verfolgt hatte. Und hierüber wird man heute mit eigenartigem, aber besonders gearteten Interesse die als Manuskript 1914 (im Januar) herausgekommene Broschüre von Paul Nathan „Palästina und palästinensischer Zionismus" lesen, der letzte Ausläufer des s. Z. berühmten Sprachenkampfes in Palästina. Die Schrift ist die einzige Arbeit gegen eine andere jüdische Organisation und ihr Werk. Paul Nathan hatte ari Ort und Stelle die Situation In Jaffa, Haifa, Jerusalem untersucht. Plötzlich sollte das Hebräische als Unterrichtssprache eingeführt werden, die Lehrer des Hilfsvereins hielten ihm nicht die .Treue, unternahmen nichts gegen die streikenden Schüler. Die türkische Polizei wurde gegen das System des Hilfsvereins zu Hilfe gerufen. Er litt schwer unter diesen Kämpfen undj Anfeindungen, denn bisher hatten die Schulen des Hilfsvereins weder bei den Zionisten, noch bei der Orthodoxie Anstoß erregt. Welches Ansehen er im Lande gerioß, belegt Paul Nathan durch Üebersetzungen aus den Zeitungen des Landes* und durch Zitate aus Briefen, die an den Hilfeverein damals gelangten. Nach fast 25 Jahren wird man milder über den Bruderkrieg und seine Mittel urteilen. Aber festhalten wird man an den edlen Worten des Großen, der mit aller Bitterkeit