Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 10 (12.3.1937)
- Date
- 1937-03-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 10 — 12. März 1937 DIE WAHRHEIT Vortrefflich - Mazzoth werden unter Aufsicht des ehrw. orth. Rabbinates der Israel. Kultusgemeinde, Wien, Oberrabbiner Babad, erzeugt t'jmö *p k^pts kw Dnm brauchen keine Reklamemärchen, um populär zu werden. Durch ihre QH 81 i 11 i allein führend vor allem andern, weil sie aus feinstem Ogr. Weizenmehl, auf echten SpezSal-Lehmöfen gebacken sind. Billigkeit trotz prima Qualität, weil keine großen Ausgaben für Reklame und Aufmachung; das Prinzip ist: täglich frische OOFtNflUA* Mazzoth, Grieß, Mehl, Farwel und Patent (Reibach). Verkaufsstellen in allen Bezirken Wiens. In der Fabrik kein Detail-Verkauf. Kosten Sie und Sie sagen: QOrtftHIMl nur Oortrtfflieh*nazzotbprodokte zu Pcsiacb! Guardia. Dieser hat jüngst seine Mißachtung vor der nationalsozialistischen Weltanschauung schon dadurch kundgetan, daß er in einer jüdischen Frauenversammlung das Wort ergriff. Dabei kam er auch auf die Nazi zu sprechen und hat sie — nicht gelobt. Was er eigentlich gesagt hat, ist nicht ganz klargestellt, deckte sich aber jedenfalls mit der Meinung, die jeder kultivierte Mensch vom deutschen Nazismujs hat Da hatte dieser das passende Objekt zum Abreagieren seiner angehäuften Wut gefunden. Vergebens hat Staatssekretär fiull im Namen der Regierang der Vereinigten Staaten dem Rat der deutschen Rotsohaft Doktor Hans Thomsen mitgeteilt, daß die Regierung der Vereinigten Staaten es bedauere, daß die deutsche Regierung die Aeußerungen eines amerikanischen Staatsbürgers feemeint ist die Rede des New Yorker Bürgermeisters La Ouardia auf der Tagung der Frauensektion des American Jewish Congresis) als für sich beleidigend aufgefaßt hatte. Da der Staatssekretär bei dieser Gelegenheit nicht umhin konnte, zu betonen, daß das Recht der Wortfreiheit in den Vereinigten Staaten allen Staatsbürgern verfassungsmäßig verbürgt und ihnen als Teil des nationalen Erbes teuer ist, hat er den Zorn der Nazi gegen La Guardia nicht nur nicht beschwichtigt, sondern auch noch auf die amerikanische Regierung ausgedehnt. So tobt der „Angriff" des Herrn Goebbels: „Man sollte doch meinen, daß das Weiße Haus in Washington so viel Macht besitzt, um hochgeturnten Zuhältern zu verbieten, ihre Gemeinheiten statt einer gleich tausenden Frauen zu erzählen. Wenn ,Der Angriff' über die Rassenvermanschung im freimaurerisch verseuchten Amerika schreibt, dann protestiert Washington eifrig und eilig. Im eigenen Land aber haben die Regierungsmänner offenbar Angst vor den Revolvern der New Yorker Unterwelt, die dem Obergangstermeister der Stadt auf den Pfiff gehorcht, und lassen den Judenlümmel schimpfen, wie es ihm seine dreckige Phantasie souffliert." Wie man sieht, ergoß sich über die unglücklichen Amerikaner das ganze Füllhorn der lieblichen Nazi-Terminologie. Daß La Guardia als ein „Judenlümmel" bezeichnet wird, war vorauszusehen, da dies jedem passiert, der Sich den Cafe Pension Echsfein Semmerins Unwillen der Nazi zugezogen hat. Daß er aber noch obendrein zu einem Berufskollegen des Naziherren Horst Wessel, der bekanntlich ein berüchtigter Zuhälter gewesen und als solcher ermordet worden ist, gestempelt und daß das S.tadtregime von New York mit dem jetzt in Nürnberg heimischen böswillig verwechselt wird, ist eine pathologische Entartung der Zeitungspolemik, der man in Amerika wahrscheinlich überrascht, aber hoffentlich nicht wehrlos gegenüberstehen wird. In einem lichten Moment hat ja das Nazi- Organ die Folgen seiner Haßorgien selbst vorausgesagt. Es prophezeite eine neue Verschärfung des „jüdischen" Boykotts in Amerika gegen deutsche Waren. Die ergötzliche Nazi-Wut über die daneben gerollte Mark soll auf diese Weise in berechtigten Aerger über die ausgebliebenen Dollars umgedeutet werden. Das ist ein von Haus aus aussichtsloses Beginnen. Die deutschen Juden — auch Kinder und Kranke — bekommen im -Dritten Reiche in vielen Orten nicht einmal die nötigsten Emola Schokoladen — hob bü — Speise-Schokoladen, Haselnuß: u. Bitter- Schokoladen Mokka-Bohnen, Kakao-Pulver Rabbiner H. Schenk in der Fabrik CHOKOLATERIE GOURMET EiiGCN MOLNER, Wien Ii., Gr. Hohrein!. 19 Lebensmittel zu kaufen. Wie inkonsequent ist es von den Inspiratoren dieser perversen Politik, den ausländischen Juden — nicht nur jenseits des großen Wassers — die Weigerung, Nazi-Erzeugnisse zu konsumieren, übel zu nehmen! Wir müssen im Gegenteil wünschen, daß sich die Juden überall der Würdelosigkeit bewußt bleiben, die es für sie bedeuten würde, jenen, die den deutschen Juden jede Lebensmöglichkeit nehmen, durch Abnahme ihrer Produktion einen neuen Wirtschaftsaufschwung zu verschaffen. Der Zeichner der 4 7* % igen österr. Investitionsanleihe bezahlt für S lOO.- Nennwert nur S 90.- und verzinst daher sein Geld mit, Die Anleihe ist tnOndelsicher. "5Z Seuiffetoii. Der Dichter der „Dorfgesdiiditen". Zum 125. Geburtstag Berthold Auerbachs. Berthold Auerbach hat vor hundert Jahren die bisher verachteten Bauern für die Literatur entdeckt, für Novelle und Roman, die bisher nur für Adel und Bürger Sinn und Platz hatten. Und seither strömt die Fülle bäuerlicher Gestalten en masse in die zeitgenössische Dichtung (und Malerei) und hilft die quälende Kluft des Nichtverstehens zwischen Stadt- und Landbewohnern zu schließen. Was Auerbach im Vormärz des 19. Jahrhunderts, halb unbewußt, aber unter unendlichem Jubel seiner Zeit begonnen hat, endigt erst in unseren Tagen mit Schönherr, Egger-Lienz und Hodler und wird noch lange nicht endigen. Seltsam, daß gerade dieser junge Rabbinatskandidat aus dem wiirttembergischen Dörfchen Nordstetten vom Schicksal mit dieser literarischen Mission der Bauernentdeckung für Literatur und Kunst betraut wurde. Im Februar 1812 erblickte er zwischen milden Schwarzwaldhängen und Hügeln das idyllische Licht der Welt. Diese Schwarzwaldatmosphäre war es, die sein Dasein stärker bestimmte als die Abstammung vom Vater Chasen Edel Auerbach, dem Hausierer, und die lange Lehre in der Talmudschule von Hechingen. Zwanzigjährig treibt ihn Emanzipation, Neigung und ein Vorfrühlingshauch des Jahres 1848 nach Tübingen, wo er Jus studieren will. Bald kommt er mit den reaktionären Behörden in Konflikt — noch herrscht die Heilige Allianz in Deutschland — und für seine Sympathien mit der freiheitlichen Burschenschaft muß er mehrere Monate Haft auf der „Demagogenherberge" Hohenasperg absitzen. Dann geht er nach Heidelberg, um bei Schlosser Geschichte, bei Schelling Philosophie zu hören. Der Kampf ums tägliche Brot nimmt seinen Anfang. Viel Gelegenheitsarbeit wird notwendig, um sich über Wasser zu halten. Aber mitten in dieser Gelegenheitsarbeit entschließt sich der alte Talmudschüler von Hechingen, die französisch geschriebenen Werke Friedrichs des Großen wenigstens teilweise für das deutsche Volk zu übersetzen. 1836:schleudert er eine Kampfschrift in die kaum noch recht emanzipierte jüdische Schriftstellerwelt — die allerdings in Heine und Börne bereits zwei ragende Gipfel aufwies — mit der Forderung, stärker denn bisher die wertvollen Bestandteile der deutschen Kultur in das eigene Schaffen aufzunehmen. Ein paar Jahre intensivster literarischer Produktion folgen. Einem Spinoza-Roman folgt „Dichter und Kaufmann", ein Lebensbild aus dem jüdischen Kaufmannsleben, ein Lustspiel „Ultimo", ein Trauerspiel „Oskar", das in Stuttgart über die Bretter geht. Die Figur des holländisch-jüdischen Denkers läßt ihn dann lange nicht los: einer Biographie Spinozas folgt eine Uebertragung seiner lateinischen Werke in sein geliebtes Deutsch. Auerbach stieg rasch in die Reihe der anerkannten Schriftsteller auf und nicht wenige waren es, die die Freundschaft des jungen Schwarzwaldgenies suchten. Bald finden wir ihn im Kreise der Freiligrath, Heß und Marx, der damals noch ein hegelianischer Humanitätsphilosoph war. Auch mit Jakob Grimm und Bettina von Arnim verband ihn dnnige Freundschaft. Aber erst die „Dorfgeschichten", mit denen er am Beginn der Vierzigerjahre heraustrat, machten ihn wirklich berühmt. Auerbach war kurz vorher in die freie Reichsstadt Frankfurt am Main übersiedelt, aber die Sehnsucht nach der aufgegebenen schwäbischen Dorfheimat gewann Gewalt über ihn und Gestalt in ihm. Eine große Reihe von Dorfgeschichten begann, teils als Einzelschriften und Zeitschriftenbeiträge veröffentlicht, teils in Kalenderform herausgegeben. Zum volkstümlichen Thema suchte er auch die volkstümliche Form. „Der Tolpatsch", die „Kriegspfeile", „Ivo der Hajrle" waren bald in aller Munde. PubKkum und Dichter - staunten, als hätte man eine völlig neue Welt entdeckt: die Welt des Bauern und des Landes. Natürlich gab's bereits einige Vorläufer auf diesem Gebiete, aber Auerbach — sichtlich vom Geiste Rousseaus beeinflußt — entdeckte nun systematisch den deutschen Bauern als vorbildlichen Menschen, durch Arbeit, Charakter und Gemütsart in gesünderer Weise dem deutschen Boden verbunden als die entwurzelten Städter. Jede dieser Dorfgeschichten wurde ein hohes Lied auf die Geschlossenheit, Bodenverwurzeltheit und Naturstärke des Bauern, den Auerbach vielleicht ein wenig überidealisierte, nicht ohne aber seinen Geist, seine Schlauheit, seinen Starrsinn zu übersehen. Die Dorfgeschichten setzten sich in wenigen Jahren durch. Noch Mitte der Achtzigerjahre nannte sie Gustav Freytag ein „Isterarisches Ereignis". Hunderte von Nachahmern fanden sich bald. Tolstoi hat diese schwäbischen Bauernnovellen zeitlebens zum kostbarsten Gut der deutschen Dichtkunst gerechnet. Auerbach schritt auf der einmal betretenen Bahn unbeirrten Sinnes weiter. Vierzig Jahre lang. Das Leserpublikum wuchs gewaltig und jubelte. So hatte ihm noch keiner die dörfischen Menschen und Sitten und Unsitten, in Arbeit und täglichem Leben, im Haus und auf der Scholle vor Augen geführt. Noch keiner so den ewigen Kampf zwischen Stadt und Land. Schon als Berühmter kommt er 1848 nach Wien, wo er die Revolution mitmacht und ein „Tagebuch aus Wien", ein Büchlein „Von Latour bis Windischgrätz" festhält. Dann geht er nach Deutschland zurück, heiratet in zweiter Ehe Hieronymus Lorms Schwester. Zehn Jahre bleibt er dann in Dresden, 1860 übersiedelt er nach Berlin. Neue Dorfgeschichten und Dorfromane gewinnen Gestalt und von Jahr zu Jahr wächst seine unheimliche Leserschar. Jedermann, soweit er überhaupt liest, redet vom „Barfüßele", von „Brosi und Moni", von „Diethelm von Buchenberg", vom „Edelweiß" und anderen Geschichten. Die Romane wachsen in die Breite und zu den bäuerlichen Gestalten tritt das soziale Problem hinzu. * Im „Landhaus am Rhein" wagt er das große Problem aufzuwerten, wie die Dämonie des Geldes die Charaktere und die Humanität zerstört. Sein Roman „Auf der Höhe", der heute noch als der schönste gilt, wird Bestseller durch viele Jahre und die Kaiserin Auguste beruft schließlich den Dichter als Vorleser zu ihren Teeabe'nden. Das Kriegsjahr 1871 nimmt ihn ganz in seinen Bann. Einst hatte er geschrieben: „Ich bin ein Deutscher