Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 10 (12.3.1937)
- Date
- 1937-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedle par l'&titear" Jüdische U3ochenschri1T Die Wahrheit mit Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Grosdien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang Wien, 12. März 1937 Nummer 10 Eingefrorene und rollende Mark. Rasiere Didiöol und billig In der „Reichspost" konnte man in der letzten Zeit öfter Klagen lesen, wie unrentabel der Pakt mit Deutschland auf wirtschaftlichem Gebiet für Oesterreich geblieben ist. Der Versand österreichischer Zeitungen nach dem Dritten Reiche ist ein Verlustgeschäft, die österreichische Filmindustrie verfügt zum Lohne für ihre rassische Gleichschaltung über ein Millionenguthaben in „eingefrorenen" Reichsmark, und wie trügerisch sich die Hoffnung auf eine Hebung des Fremdenverkehrs aus dem Reiche erwies, hat jüngst sogar der Oberste Gerichtshof in einer Entscheidung festgehalten: „Wenn auch die Tausend-Mark-Sperre gefallen ist, besteht doch der Hauptgrund, der den reichsdeutschen Kurgästen den Besuch österreichischer Kurorte unmöglich macht, weiter: die strenge Devisengesetzgebung des Deutschen Reiches, und dieser Grund ist nicht weggefallen." Während sich aber Oesterreich resigniert in sein Schicksal findet, seine Freundschaft mit Deutsahland bestenfalls mit „eingefrorenen" Krediten honoriert zu bekommen, sehen wir jetzt andere, gleichfalls die Freundsohaft des Hitler-Reiches genießende Staaten plötzlich zum Löschen politischer Leidenschaften gezwungen, die die rollende Mark zum Weißglühen gebracht 'hat. Es zeigt sich, daß die Strenge von Vorschriften, die friedliche Aspirationen der österreichischen Wirtschaft im Keime ersticken, sich sofort in ihr Gegenteil verwandelt, wenn die Nazi irgendwo die Möglichkeit wittern, mit ihrem Gelde blutige Tumulte zu entfachen. In solchen Fällen braucht die Reichsmark nicht einzufrieren, sondern erweist sich als ein vortrefflicher Zunder. Und am Stelle der modernen Devisenausfuhrverbote tritt automatisch die altmakedonische Regierungsweisheit des Königs Philipp: „Ein mit Gold beladener Esel kommt über die höchsten Mauern." Was den Kauileuten des gesamten Donauraumes und der Balkanländer nicht gelingt: für ehrliche Lieferungen lebenswichtiger Bedarfsartikel nach Deutschland klingende Münze auf die Hand zu bekommen, das ist der selbstverständliche Lohn für Radaubrüder aller Zonen, denen das Geschäft obliegt, überall Volkssympathien für das Hitler-System zu wecken oder wenigstens vorzutäuschen. Die Burschen, die anläßlich des letzten Besuches des reichsdeutschen Außenminister Neurath in Wien eine Nazi-Begeisterung des österreichischen Volkes zu meinen hatten, sollen fünf Mark pro Person bekommen haben. Das ist gewiß nicht viel, entspricht aber dem mäßigen Effekt, der erzielt wurde und das Vaterländische Frontorgan „Wiener Stadtstimmen" zu der aphoristischen Betrachtung anregte: „Mancher Staatsbesuch ist weniger "erfolgreich als folgenreich." Bedeutend höhere Summen wurden im ungarischen Abgeordnetenhause als der reichisde'utsche Umsatz genannt, der jetzt für die Finanzierung eines rechtsradikalen Putsches aufgewendet wurde. Auch in diesem Falle ist nicht die Reichsmark eingefroren, dafür aber der Putsch. Nicht nur die wachsame Regierung, sondern auch die parlamentarischen Parteien einschließlich ziemlich weit rechts stehender zeigten den rebellischen Großgrundbesitzern, die es für patriotischer finden, die Juden zu enteignen, als ihren eigenen Feudalbesitz einer längst fälligen Bodenreform zu opfern, eine derart kalte Schulter, daß die diversen Pfeilkreuzler, Sensenkreuzler und sonstigen magyarischen Ableger des Hakenkreuzes verschnupft zu Hause blieben. Selten hat ein Putsch mit so allgemeiner Zufriedenheit geendet wie dieser. Die Regierung freut sich so über das Fiasko der gefährlichen Bewegung, daß sie von jeder Geste kleinlicher Rachsucht absieht. Wahrscheinlich sind dafür auch wirtschaftliche Gründe maßgebend: Man ist sich darüber im Klaren, daß die rollende Mark viel lustiger weiter rollt, wenn ihre Empfänger in Freiheit leben, als wenn sie auf die schmale Gefängniskost gesetzt sind. Das geschieht denn auch und die um das Vergnügen, Juden zu hängen, gebrachten Grafen und Akademiker trösten sich mit anderen Freuden, die sie isich dank der reichsdeutschen Freigebigkeit leisten können, und sind daher gleichfalls zufrieden. Nur ihre germanischen Gönner sind dies[kaum, und der „Völkische Beobachter" philosophiert melancholüsoh, daß es schwerer ist, neue Freunde zu finden als alte zu verlieren . . . Man begreift diese trübe Stimmung des Hakenkreuzblattes, wenn jetzt als Resultat der reichsdeutschen Geldopfer zwecks Gleichschaltung der ungarischen Innenpolitik an die des Dritten Reiches lediglich eine Verordnung des magyarischen Justizministers an sämtliche Staatsanwaltschaften erzielt wurde, die die Aufreizung gegen bestimmte Volksklassen oder Religionsbekenntnisse mit aller Strenge und Schnelligkeit zu bestrafen befiehlt. So hat man sich den Siegeslauf der rollenden Mark ganz bestimmt nicht vorgestellt ... Dabei blieb dieses Fiasko nicht auf Ungarn beschränkt, sondern auch Rumänien sieht sich veranlaßt, sich gegen das Danaergeschenk der rollenden Mark aufzulehnen und dieser Widerstand mag im Hitler-Reiche noch schmerzlicher empfunden werden. Denn während in Ungarn die breiten Massen des Volkes vom Judenhaß auch zur Zeit des weißen Terrors frei geblieben sind, ist Rumänien eine alte Wiege des Antisemitismus und Prof. Cuza hat wiederholt betont, daß er kein Schüler, sondern ein Lehrer Hitlers sei. Es ist eine Pikanterie der Weltgeschichte, daß der europäische Kongreß, der im Jahre 1878 Rumänien zwang, seine Judenpolitik wenigstens äußerlich in zivilisiertere Formen zu kleiden, in B e r- 1 i n stattgefunden hat, von wo aus jetzt die allerbarbarischeste Judenbehandlung als politisches Allheilmittel für die ganze Welt in so aggressiver Art propagiert wird, daß es sogar Rumänien bereits als des Guten zu viel empfindet und der Fortsetzung dieser Propaganda mit unerwarteter Energie entgegentritt. Den Anlaß hiezu gab ein Attentat auf den Rektor der Universität Jasisy, der wiederholt der „Eisernen Garde" des antisemitischen Hochschulterrors unbequem geworden ist und deshalb als „Judenknecht" bezeichnet wurde. Vor einigen Tagen attackierten drei Rowdys den alten Mann und bereiteten ihm das Schicksal des Malchus, dem nach einem Bericht des Neuen Testaments ein Ohr abgehauen wurde. In Rumänien herrscht der christliche Kurs und es ist daher kein Wunder, daß sich die rumänische Jugend ihre Vorbilder aus den Evangelien holt. Diese enthalten vieles Erbauliche, das der Wiener katholische Geistliche Pater Bartholomäus Fiala jüngst in einer Massenversammlung der Leopold- Oestcrrcichlsclies Qoalltäls raDrlhaf Ueberau erhältlich Städter Bezirksorganisation des „Bundes jüdischer Frontsoldaten" als Ausfluß jüdischen Geistes hinstellte, wie z. B. das Gebot „Du sollst auch deine Feinde lieben!". Pater Fiala zeigte in seiner Rede das Gemeinsame von Judentum und Christentum auf: den Glauben an einen einzigen Gott, das Alte Testament, die gemeinsamen Gebete, insbesondere die Psalmen, den Idealismus der Juden und Christen und die Grundsätze der Nächstenliebe, die die Angehörigen beider Religionen vereinen. Schließlich richtete Pater Fiala einen Appell an die Völker Europas, den Haß abzubauen und gemeinsam für Frieden und Wohlfahrt der Menschheit zu kämpfen. Er erklärte, daß der Antisemitismus an allem Unglück schuld ist, von dem jetzt die Welt heimgesucht wird. Das ist ohne Zweifel eine sehr geläuterte Auffassung und es wäre höchst erfreulich, wenn sie für das Verhältnis zwischen Juden und Christen im christlichen Ständestaat Oesterreich richtunggebend würde. Aber im Dritten Reiche läßt man das Christentum nur noch soweit gelten, als man es heroisch ausdeuten kann, und das trifft vor allem auf die Tat des Petrus zu, die dem Malchus ein Ohr kostete. Die rumänische Jugend zeigt sich als gelehrige Schülerin der Nazipropaganda und übersteigert noch den von dieser Propaganda ins Christentum hineingedeuteten Heroismus, indem sich gleich drei Mann auf einmal auf den alten Gelehrten warfen, um das Heldenstück zu vollführen. Daraufhin schloß die Regierung die Hochschulen und die Studentenheime, exmatrikuliert die bemoosten Häupter, die nicht der Wissenschaft, sondern der Politik zuliebe den akademischen Boden bevölkern, und droht sogar der orthodoxen Geistlichkeit, sie wegen politischen Mißbrauchs ihres Einflusses auf die studierende Jugend zur Verantwortung zu ziehen — gewiß ein Beweis, wie ernst die Entpolitisierung des rumänischen Hochschullebens jetzt ins Werk gesetzt wird. Die rollende Mark ist da wieder einmal gründlich daneben gerollt . . . Kein Wunder, daß diese Mißerfolge ihrer kostspieligen Propaganda den reichsdeutschen Nazi gewaltig in die Glieder gefahren sind und sie ihren Grimm in grotesken Tobsuchtsanfällen anschaulich werden lassen. Sie können sich gerade noch so weit beherrschen, um nicht offen gegen ihre guten Freunde Ungarn und Rumänien, die sie über kurz oder lang doch noch an die Leine zu kriegen hoffen, die Schale ihres Zornes auszugießen. Aber ein Objekt, an dem sie ihre Wut hemmungslos auslassen konnten, mußten sie unbedingt finden, um nicht heillos zu ersticken. Und siehe! Wotan zeigte sich ihnen gnädig und lenkte .ihre Aufmerksamkeit auf den Bürgermeister von New York, den schwarzhaarigen Vollblutitaliener La