Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 9 (5.3.1937)
- Date
- 1937-03-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 9 — 5. März 1937 DIE WAHRHEIT Klinikvorstand berufen wurde, die Nachfolge MoJls anzutreten. Sektionschef Dr. Kretschmer enthüllte.sodann das von Prof. Heu geschaffene Denkmal. Purim-Botschaft des Präsidenten Roosevelt. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin D. Roosevelt, der aus Anlaß jedes jüdischen Neujahrsfestes eine Glückwunschbotsohaft an die Juden der Vereinigten Staaten ergehen läßt, hat in diesem Jähre auch das P u r i m - F e s t zum Anlaß genommen, um die Juden A m e r ikas zu begrüßen. Er ließ durch das Radio die folgende Botschaft verbreiten: Das Gedenken an die wunderbare Erlösung des jüdischen Volkes aus der Gefahr der Vernichtung, mit der es vor so vielen Jahrhunderten ein Haman bedroht hatte, sollte in den Juden von heute den Glauben an die Zukunft stärken; das Bewußtsein des strahlenden Erbes, das ihnen zuteil wurde, möge ihr Selbstbewußtsein erhöhen. (Warum öffnet Präsident Roosevelt nicht die Tore Amerikas den heimatlosen Juden? Das wäre die schönste Purim-Botschaft. (Anm. d. Red.) Für jadisch-christliche Zusammen^ arbeit. Der -ehemalige Völkerbundshochkommissar für die deutschen Flüchtlinge, James G. MacDonald, hielt im amerikanischen Rundfunk eine Ansprache, in der er zu jüdischchristlicher Zusammenarbeit aufforderte. Er erklärte, die JudenfTage könne heute nicht mehr als ein Problem angesehen werden, das ausschließlich die Juden angeht und von ihnen gelöst werden soll. Dies wäre ebenso ungerecht, als es offensichtlich unmöglich sei. Völlige Gleichberechtigung der türkischen Juden. In die türkische Verfassung sind neue abändernde Bestimmungen eingeführt worden, durch die festgestellt wird, daß alle türkischen Staatsbürger ohne Unterschied Religionsfreiheit genießen. Juden, Griechen, Armenier und Angehörige anderer Bekenntnisse werden in Zukunft in allen staatlichen Angelegenheiten den Türken gleichgestellt sein. Nichtmohammedaner werden künftighin nicht mehr in besonderen Formationen als Nichtkombattanten Dienst tun, sondern in die türkische Armee mit gleichen Beförderungsaussichten wie die übrigen Soldaten eingereiht werden. Sie können auch zum Dienst in Ministerien und anderen Regierungsämtern herangezogen werden. Unverminderter Terror in Palastina. Bombenanschlag auf die Synagoge in Haifa. Auf die Synagogein Haifa ist ein Bombenanschlag verübt worden.. Die Eingangstür und die Fenster wurden zertrümmert. Opfer an Menschenleben sind nicht zu beklagen. In der Nähe von Jerusalem ist die Wasserleitung durch Terroristen beschädigt worden. Hinterlistige Mordanschläge. Der von arabischen Terroristen ermordete, aus Deutschland stammende jüdische Arzt Dr. Josef Lehr, war 43 Jahre alt. Er war der einzige Jude in der arabischen Stadt Beisan. Er kam auf Bitten von Arabern indie Stadt, um den Kranken, ausschließlich Arabern, medizinische Hilfe zu bringen. Seine Frau wohnte in Haifa. Der tückische Mord an dem jüdischen Menschenfreund hat weit und breit Empörung hervorgerufen. Wie jetzt bekannt wird, kamen die drei Terroristen nach zwei Uhr nachts in die Wohnung von Doktor Lehr mit der Ausrede, daß sie ihn zu einem Krankenbesuch abholen wollten. Als er ihnen in der Tür entgegenkam, streckten sie ihn durch drei Revolverschüsse nieder. Die Polizei setzte eine Belohnung von 500 Pfund für jede Mitteilung, die zur Entdeckung der Mörder führen könnte, aus. Weitere 500 Pfund setzte die Polizei als Belohnung für die Eruierung der Mörder des deutschen Chaluz Chaim Bruk aus. Wer den Staat will. . . Staatsrat Prof. Dr. Kerschagl hat seinerzeit in einem eindrucksvollen „Nachwort zur Budgetdebatte" einen Satz geprägt, der zum Leitmotiv jeder wirtschaftlichen und politischen Handlung erhoben werden muß: „Wer den Staat will, muß die Mittel wollen, diesen Staat zu erhalten . . . „Es ist gewiß angebracht, Organisationen anzugehören, es ist gewiß notwendig, an Kundgebungen teilzunehmen, es ist gewiß zweckmäßig, in jeder Weise seine Gesinnung zu bekunden, aber es ist eine der wichtigsten staatsbürgerlichen Aufgaben, dem Staat auch beim Steuerzahlen die Mittel zur Verfügung zu stellen, deren er bedarf." Wenngleich mit diesen Worten an die Pflicht des Steuerzahlers erinnert werden sollte, müssen sie auch lausdehnend interpretiert werden. Sie gelten gerade jetzt ganz besonders, wo es sich darum handelt, die staatsbürgerliche Treue zu dokumentieren, einen Akt zu setzen, der dem Staatsfiskus -am 'allerwenigsten, sondern der arbeitenden Bevölkerung zugute kommt: Die Regierung hat am 1. d. M. die Oesterreichische Investitionsanlei he 1937 aufgelegt, deren Zeichnungsfrist bloß mit vierzehn Tagen befristet ist Wenn in Hinblick auf diese Anleihe an die staatsbürgerliche Pflicht gemahnt wird, so ist hier unter dem Begriff „Staat" jeder einzelne gemeint. Der Reinerlös der Anleihe dient der Bedeckung der Kosten öffentlicher Arbeiten, der Ausgestaltung des Verkehrs auf den Bahnen und den Straßen und der Förderung der Bautätigkeit. Der durch die Anleihe verfolgte Zweck der Arbeitsbeschaffung und der Entlastung des Arbeitsmarktes bedient sich hier e)nes Mittels, dessen Früchte jedem selbst wieder zufallen. Damit ist nicht allein darauf hingewiesen, daß der Zinsfuß dieser Anleihe 4K- Prozent beträgt, vielmehr muß betont werden, daß das }Geld, das jeder Staatsbürger widmet, umj die von der Regierung geplante Arbeitsbeschaffung zu finanzieren, eine nicht hoch genug zu beziffernde ideelle Verzinsung einträgt. Wenn es mit dem Erlös der Anleihe gelingt, das Heer der Arbeitsjosen abzubauen, die Wirtschaft im Lande zti fördern und Investitionen zu schaffen, die tf&n dauerndem Werte sind und eine dauernde Bereicherung bilden, dann ist damit jedem selbst, der heranwachsenden Generation und der kommenden eine wirtschaftliche Erfolgsgarantie gegeben. Eine Besserung der Verhältnisse kann nur mit eigener Kraft errungen werden, und es bedarf, aller Kräfte, das von der Regierung begonnene Aufbauwerk zu vollenden. Eine nicht maßgebliche Statistik. „Die Neue Welt" publiziert unter dem Schlagwort „Eine interessante Statistik" ein im Präsidialbericht des Wiener Kultusvorstandes bekanntgegebenes Ergebnis einer durch das „Steueramt" der Kultusgemeinde geführten Erhebung. Danach soll die Staatsangehörigkeit von 31.760 Kultuswählern überprüft worden sein, welche bei den Wahlen 1936 zur Wahl gegangen sind. Es haben — wie diese Erhebung ergeben haben soll — 83 Prozent Inländer und 17 Prozent Ausländer das Stimmrecht ausgeübt. Wir haben schon in der Plenarsitzung des Kultusvorstandes gefragt, wieso das Steueramt dazu kommt, eine solche Erhebung kontrollos durchzuführen und wozu der Kultusvorstand eine statistische Kommission besitzt. Die Herren Jüdischnationalen haben das auch eingesehen und haben einstimmig auf Antrag der „Union" be- UNION ÖSTERR. JUDEN BEZIRKSÖRUPPE IV. V. FESTAKADEMIE MIT TANZ Samstag, den 13. März, s Uhr abends im Festsaale des H-otels Münchnerhof, VI.. Mariahilferstraße 81 Karten im Vorverkauf in der „Union öster. Juden" (Zentrale). I., Schattenring 25. Tel. A 19-2-77, und bei sämtlichen Komiteemdtgliedern. GROSSFLEISCHHAUEREf HEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE: XVIII., WÄHRINGERSTBASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Hellanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen schlössen, die Statistik durch die hiezu berufene statistische Kommission durchführen 'zu lassen. Das hindert aber „Die Neue Welt" nicht, vorschnell aus dieser einstimmig als nicht maßgeblich erkannten „Statistik" verschiedene Schlüsse zu ziehen. Daraus soll sich ergeben, daß die Wiener österreichischen Juden nicht geschlossen hinter der „Union" stehen, und daß nicht die Ausländer, die das Wahlrecht im Kultus-vorstand besitzen, den- Jüdischnationalen zum Siege verhelfen haben. Aber schon diese nicht überprüfte Statistik ergibt, daß zirka 6000 Ausländer gewählt haben und daß zirka 14.000 Wähler ihr Stimmrecht nicht ausgeübt haben. Die sogenannte „Zionistische Liste" hat zirka 17.000 Stimmen erhalten, die „Unionistische Liste" zirka 12.000; 6000 Ausländer haben gewählt, zirka 14.000 Wähler sind zu Hause geblieben. Auch ohne höhere Mathematik kann jeder Kenner der Sachlage aus diesen wenigen Ziffern die richtigen Schlüsse ziehen. Wo sind die reservierten Stellen? Dr. Emerich Czermak diskutiert eifrig weiter die Judenfrage. Nach einem Bericht der „Wiener Neuesten Nachrichten" hat er jüngst in' einer Versammlungsrede die Frage aufgeworfen: „Ist Oesterreich verpflichtet, die höheren Berufsschichten im, eigenen Lande für die Juden zu reservieren? Bisher hat man von einer solchen Verpflichtung weder in der Theorie noch in der Praxis auch nur das Geringste bemerkt. Als die höchsten Berufsschichten darf man wohl die Regierungsämter werten. Wären diese jemals, etwa in der demokratischen Aera, in Oesterreich den Juden reserviert gewesen, dann hätte Dr. Czermak nicht gerade damals Unterrichtsminister werden können. Oder kann er vielleicht-den Landesschulrat von Niederösterreich, dessen Vorsitzender er jetzt ist, als jüdische Domäne betrachten? Wer derzeit wirklich in den Regierungsämtern von Oesterreich sich breitmacht, das hat jüngst jemand, der es wissen muß, im „Sturm über Oesterreich" anschaulich gemacht, indem er die Beteiligung von Frauen an der letzten Nazidemonstration in Wien damit erklärte, daß sich die Männer dieser Frauen in den Büros der staatlichen Aemter aufhalten mußten. Hält Dr. Czermak diese Beamten, die sich bei Nazidemonstrationen von ihren Frauen vertreten lassen, für Juden? Mitteilungen der Union. »Haman einst und jetzt." Der Ehrenpräsident der „Union", Herr Doktor Jakob O r n s t e i n, hielt am Montag, den 22. Februar, in einer glänzend besuchten Versammlung der Bezirksgruppe IV—V der „Union österreichischer Juden" (Obmann Desider W o 11 n e r) einen ausgezeichneten Vortrag über die Leiden unseres Volkes, angefangen von der biblischen Zeit, bis zur heutigen Gegenwart. Ausgehend vom Sabbat *ror dem Purim-Feste, welcher Parsches Sochaur, Sabbat des Gedenkens, bezeichnet wird, an welchem laut Vorschrift der Thoraaus dem V. Buche, Kapitel 25, der letzte Abschnitt alljährlich zur Verlesung gelangt, welcher lautet: „Sochaur es ascher osso lecho Amolek baderech bezes-chem^ mimäzroim" — gedenke was Amalek dir getan, auf dem Wege als ihr auszogt aus Mizrajim — schildert Herr Doktor Ornstein, wie in der biblischen Zeit bereits der heimtückische und grausame Amalek das Volk Israel auf seinem Zuge aus Mizrajim in der Wüste überfiel und die schwachen und wehrlosen Menschen vernichtete. Daß gerade der Sabbat vor dem