Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1937-03-05 · Heft 9 (5.3.1937) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 9 (5.3.1937)
Date
1937-03-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064663-3064672--21056-3086370
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nr. 9 — 5. März 1937 DIE WAHRHEIT Oesierreicliisclie Juden zeichnet Investiiionsanleihe! Es ist patriotische Pflicht? Zeichnungsformulare in der „Union österreichischer Juden", /., Schottenring 25, Mezzanin, (Telephon A 19-2-77) erhältlich Die furchtbare Lage In den beiden letzten Sitzungen des polnischen Sejm nahmen die jüdischen Deputierten Rabbiner Rubinstein und Dr. Sommerstein zum Staatsbudget Stellung und entrollten ein Bild von der verzweifelten Lage der polnischen Judenheit angesichts der auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens vor sich gehenden unbarmherzigen antijüdischen Verfolgungsaktion. Rabbiner Rubiaste in führte aus: Vor einem Jahre habe ich bei Beratung des Budgets im Namen der polnischen Judenheit den Ruf ausgestoßen: Gebt uns Arbeit und Brot! Der Ruf ist nicht gehört worden und unsere Lage hat sich im Verlauf des Jahres angeahnt verschärft. Warum schließt man die Juden vom sosialen Schutze aus? Wenn polnische Arbeiter arbeitslos sind, so gibt man ihnen wenigstens Brot, uns gibt man weder Arbeit noch Brot. Die jüdische Bevölkerung vegetiert in einer unerhörten und mit Worten gar nicht zu schildernden Not. Die Zahl der Arbeits- und Erwerbslosen unter den Juden wächst von Tag zu Tag. Alles, was von Seiten der Regierung bisher auf wirtschaftlichem Gebiet unternommen wurde, war gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet. Das Industriegesetz nahm dem jüdischen Handwerker die Arbeitsmöglichkeit, der Etatismus (VerstaatUchungswesen) hat viele Tausende jüdische Arbeiter aus ihren traditionellen und seit Generationen innegehabten Arbeitsplätzen verdrängt. Wo der Großvater Arbeit und Brot fand, wird der Enkel auf die Straße geworfen. Die staatlichen, städtischen und sozialamtlichen Arbeitsstätten sind vor den Juden wie mit sieben Schlössern verschlossen. Auch zu den Arbeiten des ,,Arbeitsfonds" werden Juden nicht zugelassen. Gegen die jüdischen Läden und Marktstellen mobilisieren die Pogromhelden eine förmliche Schlacht, die Angreifer sind mit Revolvern, Flinten, Bomben und Handgranaten bewaffnet. Am schlimmsten jedoch wirkt sich die „friedlich e" Hinausstoßung der Juden aus allen Gebieten von Arbeit und Erwerb aus. Der Staat selbst stellt den Juden eine Konkurrenz unter ungleichen Bedingungen entgegen. Während man die Juden aus ihren Arbeitspositionen verdrängt, verschafft man ihren Konkurrenten allerlei Privilegien, wie Steuernachlässe und Kreditgewährung. Gegen die Juden aber wird die Steuerschraube unbarmherzig angesetzt, jüdischen Handwerkern und Unternehmern wird jede Art öffentlichen Kredits verweigert. Dazu tritt ein ungeheuerlicher Boykott-Terror, der nicht nur gegen die jüdischen Geschäftsinhaber, sondern auch gegen die Käufer mit einer ungeheuren Rücksichtslosigkeit wütet. Jetzt tritt etwas Neues hinzu: Man zwingt nicht allein christliche, sondern auch jüdische Unternehmer, jüdische Arbeiter und Angestellte zu entlassen. All das führt zu einer furchtbaren Pauperisieraing der jüdischen Massen, Not und Armut wachsen in einer erschreckenden Weise. Es geht ein Prozeß der jüdischen Deklassierung vor sich, der ohnegleichen in der Geschichte ist. Die Regierung, die diesen grausamen Prozeß nicht hindert, ist für ihn und seine Folgen verantwortlich. Ein Ring in der Kette der Hinausstoßung der Juden aus der Wirtschaft ist die Zwangssonntagsruhe. Der Zwang, zwei Tage in der Woche zu feiern, ruht furchtbar schwer auf der jüdischen Wirklichkeit. Wir Juden haben der Menschheit die Institution des Wochenruhetages gebracht; diese große zivilisatorische und moralider Juden in Polen. sehe Errungenschaft der Menschheit wirkt sich jetzt gegen uns als furchtbare Geißel und als eine Ursache wirtschaftlichen Ruins aus. In das Ressort des Ministeriums für sozialen Schutz fällt auch das Auswanderungsproblem. Dieses Problem wird politisiert und gegen die Juden ausgewertet. Man will die Juden als politische Schachfigur mißbrauchen und redet den landlosen Bauern und den erwerbslosen Arbeitern ein, daß, wenn die Juden aus Polen vertrieben werden, das Land für sie ein Paradies werden wird. Sogar die Führer des Regierungslagers versprechen der leichtgläubigen Menge, daß für sie die Plätze, die jetzt von Juden eingenommen werden, freigemacht werden würden. Indem aber die Phantasie der Masse gegen die Juden in Erregung gesetzt wird, wird ein gefährlicher Zustand auch für den Staat geschaffen. Dagegen protestieren wir Juden und wir werden nicht ruhen, bis wir diese heuchlerischen Methoden demaskiert haben. IDer Obmann des Organisation - Komitees der »Union österreichischer Juden", Herr Komm.-Rat ALEXIUS SALZ ER, hat für die Mitglieder der „Union" eine 13 eratunqsfteile » » ♦ Igeschaffen, bei Reicher jedes Mitglied der. „Union" in allen Angelegenheiten der Wirtschaft, wie in allen gewerberechtlichen Angelegenheiten, kaufmännischen Angelegenheiten, Steuerberatung, Versicherungsangelegenheiten, ebenso Beratung bei Eintrat von Versicherungsschäden DOllkommen unentgeltliche Auskunft erhält. ■Die Beratungen finden jeden Montag und Freitag von 10-12 Uhr vormittags im Heim der „Union" 1., Schottenring 25, Mezz, Tel. A 19-2-77, sta.t. Dr. Sommerstein führte aus, die Juden seien heute ein Objekt der Verfolgung auch durch das polnische Gerichtswesen. Gegenüber der jüdischen Bevölkerung hört die psychische Unabhängigkeit der Richter auf. Die Urteile richten sich nach der Religion des Angeklagten. Dr. Sommerstein zitierte eine große Reihe Urteile, die die Richtigkeit seiner Behauptung erweisen. Der im Prozeß wegen des Pogroms in Przytik freigesprochene Mörder des Ehepaares Minkowski, Fronzkiewicz, sagte zum Juden Bornstein: „Für Tötung eines Hundes wird man zu Gefängnis verurteilt, für Tötung eines Juden wird man f reiges p r o c h e n." Man hört nicht, ob diejenigen, die jüdische Köpfe einschlagen, Türen und Fenster in jüdischen Wohnungen sowie jüdische Läden demolieren, oder gar diejenigen, die täglich über die jüdischen Studenten an den Hochschulen herfallen, vor Gericht gestellt werden. Hingegen häufen sich die Prozesse gegen Juden wegen angeblicher „Beleidigung des polnischen Volkes" in einem ungeahnten Maße. Allen diesen Prozessen liegen Mißverständnisse oder böser Wille oder aufgestachelte Denunziationssucht zugrunde. Der Justizminister darf nicht vergessen, daß Gerechtigkeit das Fundament der Republik ist. Vor Abstimmung über das Budget im polnischen Sejm gab der jüdische Deputierte Dr. So mm er stein im Namen des Jüdischen Klubs die folgende Erklärung ab: Wir stehen auf dem Boden der Verfassung, derzufolge alle Bürger gleichberechtigt sind und deren Artikel 7 ausdrücklich bestimmt, daß Abstammung, Religion oder Nationalität der Bürger nicht eine Ursache zur Beschränkung ihrer Rechte sein dürfe. Die nunmehr auch in der Regierungsfront aufgekommene Tendenz, die Bürger nach ihrer Religion oder Nationalität zu differenzieren und danach ihre Bürgerrechte und ihr Recht auf Arbeit und wirtschaftliche Existenz zu bemessen, steht in eklatantem Widerspruch zur Verfassung des polnischen Staates und ist nicht dazu angetan, alle Kräfte der Gesellschaft um die staatlichen Aufgaben zu konzentrieren. Die dreieinhalb Millionen jüdischen Bürger Polens besitzen ein volles und tiefes bürgerliches Bewußtsein, fühlen sich mitdiesemStaatverbund en, der gemäß der Verfassung das gemeinsame Gut aller Bürger ist, und sind bereit, alle Opfer für den Staat und seine Verteidigung zu bringen. Wir fordern aber Recht auf Arbeit und Schutz unseres Lebens als Bürger. Wir verlangen volle Gleichberechtigung. Einmal werden Gesetz und Billigkeit siegen, auf welchen das neue unabhängige Polen aufgebaut worden ist. Auf dieser Hoffnung beruht unser Glaube und unser Selbstvertrauen, und daraus schöpfen wir die Kraft, diese schreckliche Wirklichkeit, die gegen uns angesetzte moralische und politische Diskrimination und den wirtschaftlichen Ausrottungswillen zu überleben. Um gegen die verfassungswidrige Entrechtung und Unterdrückung der Juden zu protestieren, werden wir gegen das Budget stimmen. Der agudistische Deputierte Minzberg, der dem Jüdischen Klub nicht angehört, erklärte seinerseits, daß er sich der Stimme enthalten werde. Auch er prptestierte^Jn bewegten WörterTgegen* den neüeh^offizleHeri Kurs der Beschränkung der jüdischen Rechte und der wirtschaftlichen Diskriminierung der jüdischen Bürger und rief in den Saal: „Du freiheitliches und demokratisches Polen, falls du in diesem Saal vertreten bist, erhebe deine mächtige Stimme gegen den finsteren, reaktionären Unterdrückungswillen. Die Juden in Polen, die seit vielen Hunderten Jahren in diesem Lande leben und alle Opfer für den Staat bringen, sind gemäß der Verfassung vollberechtigte Bürger. Jede Beschränkung der Rechte der Juden und jede Aktion gegen ihre physische und wirtschaftliche Existenz bricht die Grundlagen der Verfassung dieses Staates!" Das neue Regierungslager des Obersten Koc. Auf Anfrage von Journalisten im Büro des Obersten Koc, der das neue Regierungslager organisiert, ob man bei Aufnahme von Mitgliedern Unterschiede nach der Religion machen werde, wurde die Antwort erteilt: „Prinzipiell nicht, aber was die jüdische Religion anbetrifft, müssen wir Unterschiede machen." Auf die zweite Frage, was geschehen werde, wenn eine Organisation, in der auch Juden tätig sind, kollektiv beitreten wolle, wurde geantwortet: „Auch hier werden Vorbehalte gemacht werden müssen." Erfindung eines Wiener jüdischen Gelehrten. In der Wiener AerztegeSeilschaft machte der bedeutende Gelehrte auf dem Gebiet der Strahlentherapie Prof. Leopold Freund Mitteilungen über eine neue Erfindung. Prof. E i s e 1 sb e r g, der anwesend war, sagte, daß diese E rfindung für die Menschheit ungeheure Bedeutung haben wird. Prof. Freund berichtete, daß es ihm gelungen sei, durch eine neue Strahlenart Fremdkörper im menschlichen Organismus sichtbar zu machen, die bisher durch die Röntgenstrahlen nicht erkennbar waren. Durch diese Strahlen wird es möglich sein, bisher unzugängüche Krankheitsherde, wie Bauchgeschwülste, Tumors etc. zu entdecken. Ebenso werden durch diese neuen Strahlen Fremdkörper, wie Holz, Stoff u. dgl. sichtbar.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.