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Die Wahrheit · 1937-03-05 · Heft 9 (5.3.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 9 (5.3.1937)
Date
1937-03-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 9,— 5. März 1937 DIE WAHRHEIT StdJjutf*^ K&üxUm^- -jjwt, 3teÄÄÄ^,KWfejri/ u,>CUi*ten. taa. % PiiU^Uw (TaäaSäm, 'rvwt Äe^ S/B^OV &lftte<fccnfteA$ uWl.,-R>'o>tf e^.S Das deutsche Schulwesen hat jüngst der „Reichsposf bei Besprechung der Aufgaben des neuen Kulturausschusses eine sehr herbe Kritik entlockt. Wenn sich das Blatt dabei zu der Aeußerung verstieg, daß der von den Nazi neugeschaffene Mittelschultyp eine alte Forderung des Liberalismus und Marxismus erfülle, so ist dies nur als ein schmerzliches Eingeständnis des katholischen Organs zu werten, daß angebliche Ideale der sogenannten Judenparteien jetzt von der Partei des radikalsten Antemitismus verwirklicht werden. Solche Kreise, die sich den reibungslosen Austausch kultureller Güter zwischen Deutschland und Oesterreich sehr einfach auf die Weise lösbaT dachten, daß Oesterreich zu allem ja und amen sagen würde, was das Dritte Reich für gut findet, gehen also einer großen Enttäuschung entgegen. Es ist daher im Sinne einer rechtzeitigen Klärung gelegen, daß die befugten Wortführer der österreichischen Kultur ihr zivilisatorisches Programm in eindrucksvoller Weise formulierten. Es geschah dies Montag im Rahmen einer solennen Paneuropa-Kundgebung im Wiener Konzerthaus. Präsident Coudenhove-Kaiergi erklärte, die beiden Todfeinde der abendländischen Kulturgemeinschaft seien der kommunistische Materialismus und der nationale Chauvinismus. Gegen das abendländische Gebot der Liebe erheben sich Klassenhaß und Rassenhaß. Die Halbbildung und Unritterlichkeit zerreißen das Abendland. Der Bundeskbmmissär Hammerstein- Equord führte aus, Religion aus dem Blute sei unerlöstes Heidentum und fordere Blutopfer. Philosophie aus dem Blute gehe irre, sei Rauch umnebelnd die ewägjen Sterne der Wahrheit. Pater Friedrich Muckermann wandte sich in einer mehrmals anderthalbstündigen Rede gegen den terroristischen Kollektivismus, möge er nun in der bolschewistischen Gestalt oder in einer anderen erscheinen.'; Die Entpersönlichung ende zwangsläufig in einem dämonischen Zerstörertrieb, der sich gegen die gesamte Kultur und Gesittung richte. Der Priester, der vor kurzem in einem Urania-Vorträg über „Dantes kulturelle Botschaft" Anlaß genommen hatte, die BedeutungderJudenfürdiegeistigeKultur Europas schon im Mittelalter hoch einzuschätzen, schloß mit der Aeußerung, Deutschland müßte zugrunde gehen, wenn es .seinen alten Glauben, der auf dem Alten Testament beruht, verlieren würde. Weder in der Politik noch in der Wirtschaft könne man ohne Ethik auskommen, wenn man nicht dem Chaos zutreiben wollte. Das sind goldene Worte, die ohne Zweifel durch eine Rede Dr. Schuschniggs eine wirkungsvolle Ergänzung erfahren hätten, wäre der Bundeskanzler nicht durch die späte Stunde von der Wortergreifung; abgehalten worden. Jedenfalls war die Kundgebung deutlich genug, um allzu hoch gespannte Nazi-Hoffnungen diesseits und jenseits der österreichischen Grenze auf das richtige Maß zu reduzieren. Die Gestapo an der antijüdischen Arbeit. Von informierter Seite. ' Immer dann, wenn aus Rücksicht auf landere Faktoren, insbesondere außenpolitischer Art, gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Juden zurückgestellt werden, ist eine verstärkte judenfeindliche Tätigkeit der Gestapo zu beobachten. Dies ist im Augenblick besonders deutlich. Es scheint nach guten Informationen keinem Zweifel zu unterliegen, daß gesetzgeberische Maßnahmen auf wirtschaftlichem Gebiete vorbereitet waren, aber im Augenblick noch zurückgestellt wurden. Es wurde in erster Linie an gesetzliche Verordnungen gedacht, die den jüdischen Grundbesitz, den jüdischen Einzelhandel und die anonymen Gesellschaften mit jüdischem Kapital betreffen. Wenn auch die vorbereiteten Entwürfe zunächst zurückgestellt wurden, kann man doch damit rechnen, daß sie schon in sehr kurzer Zeit wieder hervorgeholt und in Kraft gesetzt werden. Zum Ausgleich trat sofort die Aktivität der Gestapo deutlich zutage. In fast allen Fragen, die sich aus ihrer Arbeit ergeben, ist in den letzten Wochen eine deutlicheVerschärfung festzustellen. Als erstes sei das Problem der sogenannten Rückwanderer genannt Die Bestimmungen über Rückwanderer werden immer schärfer gehandhabt. Wer länger als 3 Monate von Deutschland abwesend ist, gleichgültig ob ausgewandert oder auf Reisen befindlich, gilt als Rückwanderer und darf Deutschland nicht mehr betreten. In den Weihrachtsferien wurden an den deutschen Grenzstationen, insbesondere in Aachen und an der deutschüsterreichischen Grenze, zahlreiche Personen angehalten und nicht über die Grenze gelassen. Kinder die sich zur Ausbildung in England oder Frankreich aufhalten, sind auf diese Weise der letzten Möglichkeit beraubt, ihre Eltern auch nur zum Besuch für wenige Tage aufzusuchen. In einer weiteren Reihe von Fällen wurden in Deutschland ständig wohnhafte Juden vor die Polizei zitiert, wo ihnen mit der oft falschen Behauptung, sie seien länger als drei Monate von Deutschland abwesend gewesen, die Wahl zwischen sofortigem Verlassen des Reichsgebiets oder Internierung im Schulungslager gestellt wurde. Diese Praxis hat neuerdings zu einem förmlichen System der Au s w ei su n g v on R eich sangehörigen geführt. So sind in Berlin wiederholt Personen vor die Staatspolizeistelle geladen worden, wo ihnen eröffnet wurde, daß gegen sie irgendeine Beschuldigung vorliege. Ohne daß ihnen irgendeine Möglichkeit zur Entkräftung dieser Behauptungen kegeben wurde, stellte man sie vor die Wahl zwischen dem Verlassen des Reichsgebietes binnen 3 Tagen oder der Internierung im Konzentrationslagen So wurde eine 65 Jahre alte Frau unter der gänzlich unwahren Behauptung, sie sei monatelang im Ausland gewesen, zum Verlassen Deutschlands gezwungen. Ihr Hinweis, daß sie nur 3 Tage im ganzen Jahr zum Besuch eines Cafe Pension Eckslein Semmering Sohnes abwesend gewesen sei, wurde nicht berücksichtigt. Es gelang ihr schließlich, eine Frist von im ganzen 5 Tagen zu erhalten. Nach Ablauf dieser Zeit mußte sie Deutschland verlassen, ohne ihre Vermögens- und Wohnungsverhältnisse auch nur im geringsten geordnet zu haben. Bisher bestand die Praxis, Rückwanderer, die in ein Schulungslager gingen, um sich hierdurch wieder das Aufenthaltsrecht in Deutschland zu erwerben, nach etwa 6 Monaten zu entlassen. Auch hier ist eine Verschärfung eingetreten. Es sind Fälle bekanntgeworden, daß sogenannte Rückwanderer sich bereits seit 10 Monaten im Schulungslager befinden, ohne daß auch nur eine Auskunft zu erhalten ist, wann mit ihrer Entlassung gerechnet werden kann. Eine besondere Gruppe stellen diejenigen Juden dar, die noch vbr dem Erlaß der Nürnberger Gesetze wegen „Rassenschände" ins Konzentrationslager gebracht wurden, also zu einem Zeitpunkt, als ein solches „Vergehen" überhaupt noch nicht rechtlich bestand. Aus den meisten Konzentrationslagern sind diese Personen in der letzten Zeit entlassen worden. Nur in dem berüchtigten Konzentrationslager in Dachau, aus dem neuerdings wieder Nachrichten von schlimmster Behandlung jüdischer Häftlinge kommen, ist noch heute eine Gruppe von Juden interniert, die vor den Nürnberger Gesetzen, also vor September 1935, dorthin wegen „Rassenschande" gebracht wurden. Jüngst erklärte bekanntlich der Chef der SS, Himmler, in einer Rede über die Konzentrationslager, die Personen, die gegenwärtig festgehalten werden, seien Untermenschen, Rädelsführer jeglichen Verbrechens, meist Juden und Halbjuden. Er schloß mit den Worten: „Für diese Personen werden sich die Tore der Konzentrationslager niemals öffnen. Deutschland muß von ihnen auf immer befreit bleiben." Die jüdischen Organisationen und Vereine sind in ihrer Arbeit durch ständige Schikanen der Gestapo aufs schwerste behindert. Nachdem vor einigen Monaten ein verschärftes System der Anmeldepflicht aller Veranstaltungen eingeführt wurde, ist Anfang Januar von fast allen Staatspolizeiämtern, offenbar auf zentrale Anweisung hin, eine völlige Veranstaltungssperre verfügt worden. In einer Staatspolizeistelle in der Provinz gab der zuständige Beamte die Begründung, die Veranstaltungen seien zur Vergeltung dafür verboten worden, weil die ausländische Presse bevorstehende judenfeindliche Maßnahmen der Gestapo aus Anlaß des Frankfurter- Prozesses angekündigt habe. Dieser Beamte hat offenbar, wie es schon oft geschehen ist, eine interne Dienstanweisung weitergegeben, die nur für den Gebrauch der Dienststellen selbst bestimmt war. In den anderen Polizeistellen ist das Verbot ohne jede Begründung ausgesprochen worden, von einigen mit der Befristung auf den Monat Januar. Diese Versammlungssperre bedeutet praktisch die Lahmlegung jeder organisatorischen und Schulungs-Arbeit. Selbst die Kurse der Jüdischen Lehrhä.user wurden untersagt, darunter auch die Sprachkurse, die der Auswanderungsvorbereitung dienen. Die Sperre bedeutet ferner eine entscheidende Beeinträchtigung der Sammlungen für die jüdischen Fonds, die auf Werbung durch Veranstaltungen angewiesen sind. Sie bedeutet ferner die völlige Lahmlegung der Arbeit der jüdischen Jugendbünde, da selbst der kleinste Heimabend und auch die Turnübungen als anmeldepflichtige Veranstaltungen gelten. Die jüdischen Jugendbünde sind noch durch eine weitere Maßnahme der Gestapo betroffen worden. Vor einigen Wochen wurde einer der größten jüdischen Jugendbünde, der „Ring, Bund jüdischer Jugend", aufgelöst. Die Bedeutung dieser Auflösung liegt in der Tatsache, daß dieser Bund, der rund 5000 Mitglieder umfaßte, die einzige größere nicht-zionistische jüdische Jugendorganisation darstellte. Eine Begründung für diese Auflösung wurde nicht gegeben. Die Auflösung liegt aber ganz in der Linie der Judenpolitik der Gestapo, die planmäßig gegen alle nicht jüdischnationalen Organisationen gerichtet ist. So hat der R e i c h s b u n d Jüdischer Frontsoldaten schon seit mehreren Monaten eine Art Betätigungsverbot, d. h. er ist zwar noch, offiziell erlaubt, darf auch seine Zeitung „Der Schild" weiter herausgeben, darf jedoch keine Veranstaltungen mehr abhalten. Die nazistische Verseuchung Rumäniens. Der weltbekannte rumänische Historiker und frühere Ministerpräsident Professor Nicolae Jorga, wohl der bedeutendste Gelehrte Rumäniens, hat dem Unterrichtsminister Anghelescu in einem Schreiben mitgeteilt, daß er angesichts der Interesselosigkeit der Hörer an wissenschaftlicher Arbeit von der weiteren Ausübung seines Lehramtes Abstand nehmen müsse. Von achthundert inskribierten Hörern der Handelsakademie erscheinen nur 30 bei den Vorlesungen, an der Universität ist das Verhältnis ein noch schlimmeres. Die Studenten, meint Prof. Jorga, betreiben Politik und „diktieren in den höheren Lehranstalten nach den Interessen ihrer Parteien". Gleichzeitig richtete Jorga an die Jugend eine Mahnung, in der er auf die verheerenden Wirkungen des germanischen Nazismus hinweist. Er ermahnt die Jugend, schleunigst Umkehr zu halten und sich von falschen Lehren nicht mehr gefangen nehmen zu lassen. Der rumänische Nationalismus, erklärt Jorga, ist ein seelisches Gut eigener Art und verträgt' nicht fremde Zeichen, Lehren und Ornamente, welcheder nationalen Veranlagung des' rumänischen Volkes widersprechen. "Wir sind

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