Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 8 (25.2.1937)
- Date
- 1937-02-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 8 — 25. Februar 1937 Lehrerversammlung der „Union". Montag, den 22. Februar, hat im Heim der „Union" eine Versammlung der israelitischen Religionslehrer stattgefunden, die sehr zahlreich besucht war. Herr Kultusvorsteher Dr. Leonhard Mai er, der den Vorsitz in dieser Versammlung führte, begrüßt die erschienenen Rabbiner und Lehrer und erteilt dem Referenten, Herrn Dr. Josef Ticho, das Wort. Es war ein glücklicher Gedanke des Schulkomitee» der „Union", für seinen ersten Vortrag den Vizepräsidenten der Kulrusgemeinde, Herrn Dr. Josef Ticho, zu gewinnen. Dieser Vortrag war ein rhetorisches Meisterstück, wie wir es von diesem ausgezeichneten Redner stets zu hören gewohnt sind. In atemloser Spannung folgten die Anwesenden den geistreichen Ausführungen des Redners. Ausgehend von dem Dichterwort, daß es „unser Teil ist, zu gründen für die Späteren", verwies Herr Dr. Ticho auf das brennende Erziehungsproblem der jüdischen Jugend. In einer Zeit, in der alle Organisationen, seien sie vaterländischer, konfessioneller, nationaler oder wirtschaftlicher Art, der Erfassung der Jugend ihr Augenmerk zuwenden, dürfen wir Juden nicht zurückstehen. Diese Aufgabe ist in erster Linie Sache der Lehrerschaft. Das Kulturprogramm der „Union" deckt sich voll und ganz mit den Anschauungen der Religionslehrer. Die Grundideen dieses Programmes sind: Liebe zum Vaterlande und zur Religion. AuTgabe der Lehrer ist es, die Kinder zu guten Juden und treuen Oesterreichern zu erziehen. Unsere Jugend muß in Oesterreich, in ihrem Heimatlande, ihre Existenzmöglichkeit suchen und finden. Es ist in jüdischen Lehrerkreisen ganz überflüssig, auf die vaterländische Gesinnung der Lehrer hinzuweisen und sie an diese Pflicht bei der Erziehung der Jugend zu erinnern. Ist doch den Juden die Liebe und Treue zum Vaterlande mehr als eine Selbstverständlichkeit, sie ist religiöse Pflicht. Die Liebe zur Religion muß durch Vermittlung der Kenntnisse der heiligen Schrift, der biblischen und jüdischen Geschichte, der aus ihnen erfließenden Ethik und der Gebete, sowie der überlieferten Sitten und Gebräuche erzielt werden. Der Unterricht in der hebräischen Sprache ist zu intensivieren, soweit sie den Zweck verfolgt, den Geist der heiligen Schrift und der Gebete in der Ursprache zu erfassen. Die Erlernung der hebräischen Sprache darf kein Potitikum sein, sie soll zur heiligen Sprache, nicht aber zur profanen Konversationssprache werden. Die Ethik führt zur Vertiefung der Religion. Ein Beispiel für viele. Das Gesetz der Sonntagsruhe, eine Errungenschaft der neuen Zeit, auf welche die Gesetzgeber aller Staaten mit Recht stolz sind, ist in der sinaitischen Gesetzgebung vor Jahrtausenden im Gebot der Sabbathruhe fest verankert. Die Entfaltung des jüdischen Geistes, der im jüdischen Schrifttum seine Quelle hat, erfüllt uns mit Stolz. Hand in Hand damit soll eine gesunde Entwicklung des Körpers erstrebt werden. Auf die ethische Erziehung, auf die V e rinnerlichung, auf die Herzensbildung muß das Hauptgewicht gelegt werden. Wir dürfen die heranwachsende jüdische Jugend nichS mit W u n s c hträumen erfüllen, die nie zur Wirklichkeit werden können. Durch Festhalten an unrealisierbaren Wünschen werden sie von der realen Welt entfernt, wird ihre Leistungsfähigkeit vermindert. Die Jugendverbände erfüllen nicht ihre Aufgabe. Zweck dieser Vereinigungen müßte die seelische Verankerung mit der Religion, die Pflege des Geistes der Tradition bilden. Mehr Ernst als Soldatenspielerei müßte erstrebt werden. Große Bedeutung mißt der Vortragende der Pflege der Jugendgottesdienstinstitution zu. Der hiezu berufene Exhortant hat vielleicht noch eine wichtigere Funktion als der Rabbiner beim Gottesdienste der Erwachsenen zu erfüllen. Er muß die kurze, ihm zur Verfügung stehende Zeit zu nützen verstehen. Er soll die Saat der heiligen Begeisterung für unsere Religion in die Herzen der Jugend streuen, die für das ganze Leben segensreiche Früchte tragen möge. Die „Union österreichischer Juden" besteht aus Vätern und Müttern, die diese Ideale für richtig halten und in gleichem Geiste ihre Kinder erzogen wissen wollen. Sie ruft die Lehrerschaft auf, an diesen Bestrebungen mitzuarbeiten. Das Band, das alle Juden in diesem Staate umschlingt, ist die Liebe zur Religion und zum Vaterlande. Diese Gedanken wollen wir in unsere Jugend jfrbonnieret die Wahrheit! einpflanzen! Unsere Märtyrer haben ihr Leben geopfert, wenn sie dadurch ihre Treue und Verbundenheit mit der Religion bekunden konnten! Diese Liebe zur Religion, welche bis zur Selbstaufopferung ging, hat uns stark gemacht, hat uns bis heute erhalten. Die Tradition hat diese Liebe geschaffen und gekräftigt. Sie ist es, die das Judentum erhielt und stets erhalten wird. Sie wird auch die Siegerin bleiben! Mit ihr soll unsere Jugend verbunden werden. Das ist die heilige Aufgabe der Lehrerschaft! Mit stürmischem Beifall dankten die zahlreich Erschienenen dem Vortragenden. Herr Dr. Leonhard M a i e r hob in seinen Dankesworten an Herrn Dr. Ticho die ausgezeichnete Wirkung, die in diesem Beifall zum Ausdrucke kam, hervor. Es gibt auch ein Die antisemitische Presse Polens protestiert heftigst gegen die Protestaktion des Amerikanisch- Jüdischen Kongresses und spricht von „einer Offensive des Weltjudentums gegen Polen". Sie glaubt anscheinend, daß die Juden gute Miene zu jedem bösen Spiel machen müssen. In den Vereinigten Staaten wohnen über zwei Millionen Juden, die aus Polen eingewandert sind. In den Städten und Städtchen Polens ließen sie nicht nur ihre Stammbrüder zurück. Zurück blieben Vater und Mutter, Bruder und Schwester. Die Protestwelle in den USA. ist ein Ausdruck der großen Sorge um die greisen Eltern und gehetzten Verwandten in der Kleinstadt, ein Ausdruck der Angst um das Leben der an den Hochschulen verfolgten heranwachsenden Geschwister. Das polnische Judentum versteht wohl, daß nicht das gesamte polnische Volk für die Taten des antisemitischen Dolchhelden die Verantwortung tragen tyann. Das Bulletin des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses betont auch, daß führende Intellektuelle in Polen sich mit allen Kräften der antisemitischen Hetze entgegenstellen. Auch die RegierungShat jetzt offiziell durch die für die „New Yorker /3ämes" abgegebenen Erklärungen des Ministers Beck, welcher hervorhob, daß die Judenfra,ge nur ein Ausschnitt aus den?;es'amt«n ökonomischen Problemen Polens "sei, festgestellt, daß für die polnis c.h e Bevölkerung selbst ein großes Emigrationsproblem bestellt iinddaß.'polen als Staat und Volk nicht antisemitisch ist. Der moderne polnische Antisemitismus stützt sich auf zwei Kampflosungen: a) Polen ist heute übervölkert und hat acht Millionen bodenlose Bauern, welchen in der Stadt Existenzmöglichkeiteh eröffnet werden müssen. Existenzraum kann am leichteisten durch Evakuierung der Juden geschaffen werden, die nur solange in Polen geduldet werden konnten, als es noch genügend Raum gab. UNION ÖSTEßR. JUDEN BEZIRKSGRUPPE IV. V. FESTAKADEMIE MIT TANZ Samstag, den 13. Märi, 8 Uhr abends im Festsaale des Hotels Münchnerhof, VI.. Mariahilferstraße 81 FESTAKADEMIE: Conferencier: Paul Siegner. OTTO WALLBURG Eugen Hoffmann, Humorist, Cilli Wang. „Der liebe Augustin", Charlotte Almert, Jaro Kluger, Grete Weiler, Chansons. Arminio Prendi, Tenor, Paul Siegner (ehemals Deutsche Volksbühne, Berlin), B61a. Musik-Clown. Am Flügel: Kapellmeister Piessner. Jazzkapelle Isy Geiger, unter personlicher Leitung. Karten im Vorverkauf in der „Union öster. Juden" (Zentrale). I., Schottenring 25, Tel. A 19-2-77, und bei sämtlichen Komiteemitgliedern. mEWAHRHEIT GROSSFLEISCHHAUERE? tlEGM, KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHR1NGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant fSr Heilanstalten Abtei 1 ungen für Koscherfleisch unter Aufsieht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-QualitSt zu den billigsten Marktpreisen anderes Polen. b) Polen hat zuviel Kaufleute und Vermittler; dadurch ist die j ü dische B e v ölk e ru ng ohne Existensbasis. Man muß die .luden retten und sie nach Madasgatekar überführen. Im Gegensatz dazu haben drei offizielle Personen, zwei Minister und ein Budgetreferent — unter ihnen der Minister für Handel, Roman — erklärt, daß sich im Handel ein großer Mangel an fachlich geschultenKaufleut-enfühlbar mache, und daß ein Zufluß dringend notwendig ist. Der Agrarminister Poniatowski dementierte offiziell die These, daß der Bauer in die Stadt strebe, und daß es für ihn keine andere Möglichkeit gäbe. Er betonte ausdrücklich, daß die Agrarreform die Frage der bodenlosen Bauern vollkommen lösen werde. Und der Budgetreferent Tomaszkew-icz stellte fest, daß Polen nicht übervölkert sei und daß es bei Intensivierung der Wirtschaft Möglichkeiten für Arbeit und Ernährung der gesamten Bevölkerung des Landes gäbe. Es ist verständlich, daß die heutige a n t isemitische Hetze durch die großen Bodenmagnaten Polens inszeniert wird. Sie halten krampfhaft an ihrem Boden fest und widersetzen sich so der weiteren industriejlen Entwicklung des Landes.'Nach dem FVeiheifeäiSstand der Polen von 1865 wurde nur eine partielle Bodenreform durch die Russen durchgeführt, die nicht die notwendigen Bedingungen für eine notwendige Industrialisierung des Landes erfüllte. Der Großgrundbesitz will aus Furcht vor einer Revolution oder einer neuen Bodenreform den Bauern helfen, allerdings auf Kosten der Juden. Die Juden in Amerika haben nicht gegen Polen, sondern gegen die schändlichen Taten der Naraleute protestiert. Das geht am deutlichsten aus dem Umstände hervor, daß sich diesem Protest auch die polnischen Journalisten in Amerika angeschlossen haben, unter denen es fast überhaupt keine jüdischen Mitglieder gibt. Wir identifizieren nicht die Naraleute mit dem polnischen Volk. Es gibt noch ein anderes Polen: das Polen der Arbeiterschaft, die auf ihrem jüngsten Kongreß ganz unzweideutig Stellung zum Antisemitismus genommen und starken Protest dagegen erhoben bat. Es gibt noch Leute, wie Professor Kotarbinski, einen Gelehrten von Weltruf, die zwei berühmten pollnischen Schriftstelleirinnen, Marja Dabrowska und Wasilewska, und viele andere, und eine demokratische Presse. Es gibt sogar so mächtige Jugendbünde, wie das polnische Pfadfindertum, Harcerstwo Polskie und der Bund der polnischen demokratischen Jugend und viele andere, die einen Kampf gegen den Antisemitismus und Raisisenhaß führen. Mit diesem Polen wird sich das polnische Judentum leicht verständigen, denn das ist das Polen der Gerechtigkeit und des Friedens, welches gute Beziehungen zu allen Mitbürgern und zir allen friedliebenden Nationen erstrebt. E. M. Die neue polnische Staatspolitik gegenüber den Juden. In seiner Rundfunkansprache am Sonntag legte der frühere Präsident der polnischen Nationalbank Oberst Adam Koc, ein Freund des Marschalls Rydz-Smigly, bekanntlich das Programm des neu gebildeten Regie-