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Die Wahrheit · 1937-02-25 · Heft 8 (25.2.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 8 (25.2.1937)
Date
1937-02-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 8 — 25. Februar 1937 DIE WAHRHEIT SecU>e^e^ KhlcLwvfy fyüv dt&Vixrf^,)CAdbvri a.KÄwk taa, % WWitvv (TAÄAft&n, rvwt ikÄ, S-1i^e>0^cX^cn?^^u3^i ,^eq,.3 letzten Sonntag das polare Gegenteil bewiesen. An diesem Tage wurde der österreichische Fußballkapitän Hugo Meisl zu Grabe getragen und die Beerdigungsfeierlichkeit gestaltete sich zu einer sehr eindrucksvollen und beredten Kundgebung des österreichischen Volkes ohne Unterschied der Konfession. Die Christen waren sichtlich in der überwiegenden Mehrheit, trotzdem war die tiefste Trauer das einheitliche Gefühl der freiwillig von Nah und Fern herbeigeströmten Massen — Trauer darüber, daß dieser Jude dem österreichischen Volke auf dem Gebiet, auf dem er zum unbestrittenen Führer avanciert war, in Hinkunft keine Ratschläge mehr erteilen wird . . . Und auch aus den Nachrufen der leitenden Sportsachverständigen klang alles andere eher als schwere Enttäuschung über die bisherige jüdische Führung des repräsentativsten Teils des österreichischen Sportes. Und so wie auf diesem Gebiet haben Juden auch in anderen, für die Menschheit noch, viel wichtigeren, wenn auch den breiten Massen nicht so verständlichen Belangen VerdienstJiches geleistet, und auf Grund dieser Leistungen, nicht xlurch eitle Herrschsucht oder gar durch ganz unjüdische Unduldsamkeit gegen andere Anschauungen Autorität und Führung erlangt. Es gereicht diesen Juden nur zur Ehre, wenn die geistige Impotenz in der beschämenden Erkenntnis, der jüdischen Ueberlegenheit sachlich nicht den Rang ablaufen zu können, zu unsachlichen Mitteln greifen .muß, um die Juden doch noch, aus dem Felde zu schlagen. In Deutschland ist dies mittels der Ra9sengesetzgebung, der Dr. Czermaks Studentenordnung auch auf den österreichischen Hochschulen den Weg hatte ebnen wollen, gelungen. Wie Arier von Kultur, die zu ihrer eigenen Leistungsfähigkeit Vertrauen haben und den freien Wettbewerb der Kräfte nicht zu scheuen brauchen, über die Nazi-Methoden urteilen, hat der Wiener Advokat Dr. Viktor Tschad esch, der sich schon durch seinen Namen zum Vorkämpfer reinrassigen Germanentums bestimmt fühlt, zu seinem Leidwesen erfahren. Wir berichteten vor längerer Zeit über die saftige Abfuhr, die er sich bei dem Versuche, die holländischen Anwälte als Kundenschlepper für die arischen Wiener Kollegen zu mißbrauchen, geholt hat Dr. Tschadesch besaß nicht die Klugheit, die moralische Ohrfeige, die ihm der Amsterdamer Anwalt Dr. Ph. J a n s m a verabfolgt hatte, stillschweigend einzustecken. Er stänkerte den Holländer, der die Wiener Kollegen nur nach ihrer Tüchtigkeit und nicht nach ihrer Rasse zu Vertretungen heranziehen will, an und drohte ihm mit einem Entrüstungssturm des österreichischen „Staatsvolks", das er mit seiner Erklärung brüskiert habe. Darauf antwortete ihm unlängst der so Belästigte im Amsterdamer „Advo- Coi€ Pension Echsiein Semmering catenblad" mit einer Erklärung, in der es u. a. heißt: „Abgesehen von einer anonymen (!) Postkarte habe ich wegen meiner Abweisung der arischen Avancen des Herrn Tschadesch ausschließlich Beifalls beweise empfangen. Ich bin auch noch immer überzeugt; daß kein anständiger (holländischer Advokat darauf ausgehen wird, seine Praxis durch Spekulation auf Rassenhaß auszubreiten." Angesichts einer-so beachtenswerten und keineswegs vereinzelten Geste des Ekels der europäischen Kulturwelt gegenüber dem Nazismus erscheint uns die Auffassung Dr. Czermaks einigermaßen übertrieben und lächerlich: „Die Zeichen der Zeit sprechen dafür, daß die Juden an einem bedeutenden Wendepunkt ihrer Entwicklung stehen . . . Das Judentum wird sich entschließen müssen, sich in die heue Ordnung einzufügen und auf den Traum der völligen Eingliederung fn die EmolaSdioholaden — nos - Speise-Schokoladen, Haselnuß; u. Bitter- Schokoladen Mokka-Bohnen, Kakao-Pulver in anerkannt bester Qualität, erzeugt unter Aufsicht Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner H. Schenk in der Fabrik CHOKOLATER1E GOURMET EDGCN MOLNER, Wien II., Gr. raohrena.19 Völker zu verzichten." Jetzt braucht uns Doktor Czermak nur noch zu verraten, wie man das macht: sich in die Ordnung einzufügen und gleichzeitig auf völlige Eingliederung zu verzichten, dann ist uns geholfen. Es ist dies vermutlich eine neue Variante des altbewährten Rezepts: „Wasch mir den Pelz und mach ihn nicht naß!" Es zeigt sich da eben wieder, was Reg.-Rat Dr. Oppenheim in seiner bei der Generalversammlung der „Union" vorgenommenen Besprechung des Czermak-Geleitwortes zu dem Nazi- Buche „Die jüdische Weltherrschaft" festgestellt hat: daß der ehemalige Unterrichtsminister von Oesterreich und jetzige Vorsitzende des niederösterreichischen Landesschulrats Schwierigkeiten hat, sich in deutscher Sprache verständlich zu machen. Zum Glück hat sich der Mann, dem die Zukunft des Judentums solches Kopfzerbrechen verursacht, an einer anderen, oben bereits zitierten Stelle seiner Rede deutlicher ausgedrückt. Er verlangt von uns, daß wir uns „als ordentliche Staatsbürger bescheiden rückwärts anreihen". Es freut uns, daß er uns trotz der Verwirrung, den seine Beschäftigung mit jüdischnationalen Axiomen in seiner Vorstellung vom Judentum angerichtet hat und aus der wohl sein Wunsch, uns „rückwärts anzureihen", resultiert, als ordentliche Staatsbürger einschätzt. Das ist jedenfalls richtiger, als wenn er der Gesamtheit der österreichischen Juden, also auch den Nichtzioni- &euitfetom. Don Isak Abravanel. (Zum 500. Geburtstage.) Vor zwei Jahren hat die jüdische Welt den 800. Geburtstag des bedeutenden Philosophen und Geistesheroen Moses Maimonides festlich begangen und in diesem Jahre erinnert sich das Judentum in dankbarer Verehrung des hervorragenden Staatsmannes und ausgezeichneten Bibelerklärers Isak Abravanel aus Anlaß seines 500. Geburtstages. Isak Abravanel, der die stattliche Reihe jüdischer Staatsmänner auf der pyrenäischen Halbinsel in würdiger Weise abschließt, wurde 1437 zu Lissabon von vornehmen Eltern geboren, die Familie leitete ihren Stammbaum voin König David ab und war sehr stolz auf ihren alten Adel. Sein Vater Don Jehuda war Schatzmeister des Infanten Don Fernando. Der junge Isak hatte eine trefiliche Erziehung genossen, waT im jüdischen Schrifttum und in der arabisch-jüdischen Philosophie wohl bewandert und zeichnete sich durch Bescheidenheit, Liebenswürdigkeit und staatsmännische Begabung aus. Schon in jungen Jahren verfaßte er mehrere Schritten theologischen und philosophischen Inhaltes. Vom König Alfonso V. von Portugal zum Schatzmeister berufen, verwaltete er sein Amt im Interesse seines Landes, wie seiner Glaubensgenossen in vorbildlicher .Weise.. Aber nicht lange sollte Abravanel sein glückliches Los genießen, denn wie er sich selbst im biblischen Stile ausdrückt: „Der Tod stieg durch seine (Alfonsos) Fenster und Untergang in seinen Palast" Alfonso starb und dessen Sohn, der finstere und argwöhnische Juan II., wurde sein Nachfolger. Dieser ließ seinen eigenen Verwandten, den Herzog von Braganza, hinrichten, und das gleiche Schicksal drohte auch Abravanel, der zu der Familie Braganza in freundschaftlichen Beziehungen stand. Rechtzeitig gewarnt, floh er nach Spanien und ließ sich, aller Mittel entblößt — sein zurückgelassenes Vermögen hatte der portugiesische König für den Staatsschatz eingezogen — in Toledo nieder. Umringt von Gelehrten und Jüngern, die den verdienten Mann verehrten, vertauschte er die Staatsgeschäfte mit dem Studium der herligen Lehre *und.-schrieb einen Kommentar zu den Büchern Josua, Richter und Samuel. Als er den Kommentar zu den Büchern der Könige beginnen wollte, überraschte ihn mitten in der Vorbereitung zur Fortsetzung seiner literarischen.. Tätigkeit die Einladung des spanischen Königs Ferdinand V., der von Abravanels Staatsweisheit Kunde erhalten hatte und ihm das Finanzfaöh anbot, das der jüdische Gelehrte acht Jahre (1484—1492) unter Anerkennung seines Fürsten sowie des spanischen Volkes verwaltete. Er gewann Einfluß und Beliebtheit am Hofe, konnte aber trotz eifriger Bemühungen und Opferbereitschaft die Zurücknahme des Ausweisungsediktes für die Juden Spaniens nicht erwirken. Er warf sich dem Königspaar zu Füßen, bot alle seine Beredsamkeit auf, machte alle erdenklichen Vorschläge und wollte für die Zurücknahme des Ausweisungsbefehles eine hohe Geldsumme anbieten. Schon schwankte der König und fühlte sich geneigt, dem Drängen und Bitten Abravanels nachzugeben, da erschien der Großinquisator Torquemads und rief: „Juda Ischariot hat seinen Herrn um 30 Silberlinge verkauft. Eure Majestät wollen 'ihm für 30.000 Dukaten verkaufen? Da ist er, nehmet und verkaufet ihn!" Diese.Worte entschieden und.Abravanels Bitte wurde abgewiesen. Das Gesetz trat in Wirksamkeit und es zogen nach Abravanels Angabe 300.000 Juden aus ihrer Heimat — es war wieder der tränenreiche 9. Ab (2. August 1492) — einer ungewissen Zukunft entgegen. Ein Teil der Auswanderer wandte sich 'zunächst nach dem benachbarten Portugal und Navarra, wo ihnen aber vier Jahre später das gleiche Schicksal widerfuhr. Die anderen Verbannten suchten un Nordafrika, Italien und in der Türkei eine neue Heimat. Doch nur wenige erreichten diese Zufluchtsstätten; die meisten gingen auf der Wanderung durch Hunger und Krankheit, in Seestürmen oder durch das Schwert feindlicher Volksstämme zugrunde. Unter den wenigen, welche sich auf gut Glück einschifften, war auch Abravanel. Der Zufall brachte ihn nach Neapel. Hier konnte der Gelehrte wieder seinen Studien obliegen und den Kommentar zu den Büchern der Könige beenden. Bald nahm er auch wieder am königlichen Hofe in Neapel eine einflußreiche Stellung ein, bis der Herrscher von Neapel, Alfonso- II., im Jahre 1495 vor Karl VIII., den König Frankreichs, der Neapel eroberte, fliehen mußte. Treu begleitete Abravanel den flüchtenden König nach-Sizilien und reiste dann nach Corfu, wo er zu seiner größten Freude seinen in Lissabon begonnenen Kommentar zum 5. Buche Moses, den er für verloren gehalten, wieder fand. Er beendete diesen in Monopoli, wohin er sich mit semer Familie begeben hatte. Daselbst blieb er, zumeist mit literarischen Arbeiten beschäftigt, bis zum Jahre 1503 und ließ sich dann bei seinem als Arzt und Gelehrten hochangesehenen Sohne Josef in Venedig nieder. Hier entfaltete er bis zu seinem Tode 1508 eine rühmenswerte Tätigkeit als Kommentator der Bibel. Er schrieb einen Kommentar zu den „ersten Propheten" und zu Maimonides „More Newuchim" und schilderte in den Einleitungen zu den einzelnen Büchern seiner Kommentare Abschnitte seines wechselvollen Lebens. Auch in Venedig sollte er noch einmal seine staatsmännische Klugheit unter Beweis stellen, indem die Republik sich seiner zum Abschluß des Handelsvertrages mit Portugal bediente. In Padua wurde er bestattet. Abravanel, der willig Hab und Gut, Schätze und Ehren hingab, um seinem Glauben treu zu bleiben, ist durch seine Werke, zu denen auch ein Kommentar „zu den Sprüchen der Väter" Nachchalath Aboth und ein Kommentar zu PessachJIagada „Sewach Pessach" zählen, zu einem der volkstümlichsten Sohriftgelehrten in der jüdischen Geschichte und Literatur geworden. Besonderer Wertschätzung erfreute sich sein Bibelkommentar, in dem er auch christliche Bibelerklärer anführt, in jüdischen und außerjüdischen Kreisen; nicht weniger als 30 christliche Gelehrte haben sich , mit der Uebersetzung seiner Kommentare befaßt. Im ganzen hat er 15 Werke hinterlassen und sich durch seine hohe Gelehrsamkeit und aufrichtige Frömmigkeit einen unsterblichen Ruf erworben. Das Judentum der Gegenwart hat allen Grund, Don Isak Abravanels, dieses ausgezeichneten Staatsmannes und dieses durch sein vielseitiges Wissen und edle Charaktervorzüge hervorragenden Schriftgelehrten aus Anlaß seines 500. Geburtstages in liebevoller Pietät zu gedenken im Sinne des talmudischen Aus-, Spruches: „Große Menschen leben auch in ihrem Tode fort, ihrer ist die Unsterblichkeit." Rabb. Dr. Alfred Will mann, Nikolsburg.

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