Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 8 (25.2.1937)
- Date
- 1937-02-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Di« Wahrheit V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par rediteur" mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden44 Exsdieint jeden Ereitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang Wien, 25. Februar 1937 Nummer 8 Gut und Böse. Eine Betrachtung zum Purimfeste. Von Rabbiner Dr. Qrün, Danzig. Basiere Dtdigol and billig Oeslerreichiscbes Wenn man die Geschichte des Purimfestes zu einem Thema zusammenfassen wollte, man könnte es benennen: Gut und Böse. Gut und Böse, <so ist es zum Gegensatz in der Welt geworden. Wenn wir an den Anfang unserer Geschichte zurückgehen, wenn wir darauf achten, wie unsere Bibel von dem Beginn des Welten- und des Menschendaseins berichtet, das erste, was die Harmonie des .Weltengeschehens durchbrach, was den Unfrieden hineintrug in den Frieden des Menschendaseins, es war die Erkenntnis des Guten und Bösen, es geschah in dem Augenblick, wo der Mensch zwischen beidem zu scheiden und zu wählen begann. , Und so ist es doch in der Welt geblieben. Denn der stärkste Unterschied zwischen Mensch und Mensch besteht doch darin, daß man zwischen dem guten und_bosen Mgnschen unterftdhrairfetDas -BesteT was-vw^nem Mensä&eH gesagt A werden kam», fet. doch, wenn von ihm.die Meinung gilt, daß sein Weg ein gerader und guter ist. Und das Uebekte, das über ihn gesprochen zu werden vermag, es ist, wenn von ihm behauptet wird, daß er zu den Schlechten und Boshaften im Leben gehört. Aber was ist gut, was ist böse? Wenn man die Menschen danach fragen würde, man würde, soviel Menschen es gibt, soviel Antworten auch erhalten. Denn wonach beurteilen wir Gutes und Böses? Gewiß, es gibt den Trieb des Guten und den Trieb des Bösen. Aber wer wird sich bei seinen Taten und seinen Handlungen wirklich dieses seines Triebes bewußt? Welcher Mensch tut Gutes odeT sündigt in dem Bewußtsein seines Triebes? Und m der Tat, würde man den Menschen nur nach seinem Triebe beurteilen, wie könnte man dann eine Verantwortung, eine Rechtfertigung von ihm verlangen. Denn gerechtfertigt und zur Verantwortung gezogen kann doch das nur werden, was dem Wollen entspringt, was nicht ein naturhaft und triebhaft Gegebenes, sondern ein Produkt der Gedanken und des Willens ist. Nicht nach dem Triebe, sondern naoh dem Willen, nach der Gesinnung, welche das Gute zu entfalten und das Schlechte zu vermeiden sucht, danach findet der sittliche Gehalt des Menschendaseins seine Beurteilung und Bewertung. Von dieser Willens- oder Gesinnungsethik spricht Purim zu uns durch zwei Gestalten des Buches Esther: Es sind Haman, „der Frevler", und Mordechai, „der jüdische Mann". Zwei Gestalten, zwei Welten, zwei Prinzipien stehen sich hier einander gegenüber. Haman, das Symbol des Bösen, und Mordechai, das Symbol des Guten. Von Haman wird gesagt: „Er warf das Los, um Israel zu vertilgen und zu vernichten." Und Los, es ist das Zeichen des Zufalls. Ein Mensch des Loses sein, das bedeutet ein Mensch des Zufalls sein, ein Mensch des Wankens und Schwankens, des Wartens und Zögerns. der es schließlich dem Zufall überläßt, ob seine Tat und seine Handlung, ja ob sein ganzes Leben sündlos oder sündhaft sein soll. Aber darin allein liegt doch schon die stärkste Sündhaftigkeit. Denn dort, wo das Gute nicht ein Spontanes ist, wo man um seinetwillen erst überlegen muß, erst fragt und zögert, dort ist jedes Ueberlegen, jedes Zögern, jede Frage ja eine Sünde schon. Wenn von dem „Roscho", dem Frevler, oder von dem „Riscbus", dem Frevel, gesprochen wird, dann pflegt man zumeist damit zu zeigen, was Menschen an Schlechtem " und NiedWgsm,' sei es in Worten, sei es in Taten, von sich geben. Aber das ist ja, so eigenartig und paradox es auch klingen mag, nur eine harmlose Schlechtigkeit. Denn Taten und Worten vermaia Einhalt geboten zu werden. Wenn man dagegen einen wirklichen „Roscho" erkennen will, dann sollte man Hin vor allem danach beurteilen und ihn danach zu beobachten suchen, was er in sich Wägt, um zu erschauen, was in seinen Gedanken, in seiner Gesinnung vor sich seht, wie er sinnt und überlegt, worüber es kein Sinnen und jüebefdegen geben darf, ,«äe;;*i -zweseü- und; zögert, «fort; - w© Klar- - heit nnd Gewißheit herocbW'mußV Nicht dort nur ist die Sünde, wo die ruchlose?. Tat begangen, wo Cafe Buchsbaum 11. Kleine Pfangass« TeL A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdischen Gesellschaft Vollstfndfg neu renoviert . das frevelhafte Wort gesprochen wird. Vielmehr wo das Gute in Frage gestellt werden kann, wo man es noch für wert hält, das Böse überhaupt in den Bereich seines Denkens >- und Ueberlegens zu stellen, dort ist der eigentliche, gefährliche „Rischus", der nur schwer gehemmt werden kann, weil er sich hn Verborgenen, im Innern des Menschen frei entfaltet. Und diesem Haman, diesem Manne des Loses, diesem Menschen des Zufalls, steht Mordechai als Symbol des Guten gegenüber. Er zögert nicht und fragt nicht, was er tun solL Ein Weg der Klarheit und Gewißheit ist es, den er, geht. Das Leben des Königs, des heidnischen Königs Ahasverus, ist in Gefahr. Mörder halben sich gegen ihn verschworen. Ueberau erhältlich Mofdechai hat es erfahren. Ueberlegt er erst, ob er es melden, ob er dem König das Leben retten soll? Nein, er Fettet das Leben des Königs, ein Selbstverständliches ist es ihm, etwas, was keiner Frage erst bedarf. Wie leicht hatte er es dem Zu* fall überlassen können! — Oder Haman will die Juden vernichten. Esther allein vermag zu helfen, wenn sie Fürsprache beim König erhebt Aber verwirkt sie damit nicht vielleicht ihr Leben, wenn sie unerlaubt und nngeruSejtlvoydei König tritt? Mordechai weiß von dem Schicksal, das ihr vielleicht beschieden sein kann. Trotzdem überlegt er nicht Er will sein Judentum retten. Ein Selbstverständliches ist es ihm. Er verfangt, daß Esther zum König geht. Wie leicht hätte er das Schicksal der Juden dem Zufall überlassen können, um das Leben der von ihm geliebten Esther zu sichern! Denken und Handeln, Gesinnung und Tat Wollen und Sollen schließen hier miteinander einen Bund. Alles Leben ist hier nichts anderes als eine selbstverständliche Erfüllung des Gebotes, das den Menschen in seinem Innern ruft, nichts anderes als ein kategorischer Imperativ. Gut und Böse, so lautet das Thema von Purim. Zwei Welten, zwei Prinzipien, stehen einander gegenüber. Haman, die Gestalt des Losens und Ueberlegens, des Fragens und Zweifeiris, des Unklaren und Ungewissen. Er ist der „Roscho'4, der Frevler, dem es schwer wird, zu urteilen zwischen gut und schlecht. Und Mordechai, die Einheit von Sollen und Wollen, von Tat und Gesinnung, von Gebot und Leben. Die Gestalt des Guten, der Sinn des Judentums, spricht aus ihm. Er ist „Isch Jehudi", ein jüdischer Mann. Rückwärts anreihen!" 99 Der ehemalige Unterrichtsminister Dr. C z e rm a k, schon in der alten chrisfKchsoznalen Partei eine Art Spezialist für die „sachverständige" Behandlung „jüdischer Belange", nahm jüngst in einer Versammlung des Christlichen Volksvereins Währing wieder Stellung zur „Judenfrage", indem er „die Ausmerzung gewisser Methoden, die den jüdischen MachÖiabern vielfach eigentümlich waren", verlangte. Denn „das bodenständige Volk ist seiner Aufgabe allein gewachsen und wird sie auch erfüllen". Und er fragte: „Welchen unvoreingenommenen Beurteiler der Lage wird es wundern, wenn im Sinne des neuen Charakters des österreichischen Staates die neuen Berufsstände unter christlicher Führung stehen.''" Wir können Herrn Dr. Czermak beruhigen: Niemand wird sich darüber wundern, am allerwenigsten jene unvoreingenommenen Beurteiler, die es nicht begreifen können, daß früher einmal angeblich jüdische Machthaber einen Mann Unterrichtsminister werden ließen, der sich schon damals durch seine geplante Studentenordnun« als Rassenantisemit deklarierte und seitdem nicht mehr aufgehört hat in Wort und Schrift die „reinliche Scheidung" zwischen Juden und Christen zu fordern. Um so größere Verwunderung wird aber Dr. Czermak unfehlbar mit der Begründung seiner antisemitischen Einstellung und seiner aus dieser resultierenden Forderung hervorrufen, die Juden mögen sich, statt „dem christlichen Oesterreich Ratschläge zu geben oder gar zu seinen Führern zu avancieren, höchstens bescheiden rückwärts anreihen"! Diese klassische Begründung lautet nämHch, daß „der übermächtige Einfluß der Juden in allen möglichen Belangen dem christlichen Volk bisher keineswegs zum Nutzen gereicht hat" und daß „das christliche Volk übet die bisherige jüdische Führung schwer enttäuscht ist". Mit Verlaub: Woher weiß der Herr Doktor Czermak das so genau? Der Augenschein hat uns am